Kannibalismus im Kongo: Das Martyrium von Zainabo Alfani

Von Mathy Mupapa und Christelle Nyakura/MONUC, übersetzt von Deep Roots. Das Original Cannibalism in DR Congo: Zainabo’s agony erschien am 19. März 2005 auf reliefweb.

 

Wenn Leute in allgemeinen Begriffen über die Greueltaten und Mißhandlungen sprechen, die gegen die kongolesische Bevölkerung begangen werden, ist es nicht leicht, mitzufühlen oder das Ausmaß der Angelegenheit zu erfassen. Wenn wir jedoch von den Besonderheiten individueller Fälle hören, klingt der Horror plötzlich deutlich. So ist es auch bei der Geschichte von Zainabo Alfani.

Es ist der 5. Juni 2003. Zainabo Alfani, eine Witwe und Händlerin, die in Kisangani lebt, beschließt, nach Bunia zu fahren, um 5 Karat an Diamanten, Ohrringe, ein Halsband und drei Ringe, alle aus Gold, zu verkaufen. Sie trägt 480 Dollar bei sich. Zainabo besteigt mit drei ihrer Kinder, zwei Mädchen und einem sechsmonatigen Baby, einen Bus. Ihre fünf ältesten Kinder sollen in Kisangani bleiben.

14 andere Frauen reisen auf derselben Straße, im selben Bus. Zwischen Mambassa (135 km westlich von Bunia) und Irumu (56 km südwestlich von Bunia) ertönen Serien von Schüssen. Die Passagiere ersuchen den Busfahrer umzukehren und nach Kisangani zurückzufahren. Er schlägt statt dessen vor, daß sie aus dem Bus aussteigen und sich im Dschungel von Muvuta Bangi verstecken, bis die Kämpfe vor ihnen aufhören. Danach, schlägt er vor, können die Passagiere ihren Weg fortsetzen, um ihre Waren wie geplant in Bunia zu verkaufen. Davon überzeugt, akzeptieren die Frauen, aus dem Bus zu steigen. Der Fahrer macht jedoch eine Kehrtwendung und fährt nach Kisangani zurück, die Frauen, jungen Mädchen und das Baby im Stich lassend, die allein zurückbleiben, um Zuflucht im Dschungel zu suchen.

Annähernd eine halbe Stunde später erscheinen mitten im Busch von Muvuta Bangi bewaffnete Männer in Armeekleidung. Sie sind etwa 18 an der Zahl. Nur einer redet die Frauen in ihrer Muttersprache Suaheli an; die anderen bleiben stumm. Der Sprecher sagt den Frauen, sie sollen all ihre Kleider ablegen, wonach die bewaffneten Männer die Genitalien jeder Frau aufmerksam untersuchen. Wonach suchen sie? Nach ihrem Kriegsfetisch: langen [= unbeschnittenen] Schamlippen. Zainabo ist die einzige, die diesem Kriterium entspricht. Ihr Leben wird verschont, die anderen werden rücksichtslos massakriert. Zainabo ist am Leben, aber sie wird verstümmelt, die Männer schneiden ihr die geschätzten Schamlippen ab. Als ob das noch nicht genug Leiden wäre, wird sie dann vom sogenannten Sprecher der Gruppe vergewaltigt. Die anderen folgen seinem Beispiel. Zainabo, die unerträgliche Schmerzen leidet, glaubt, daß sie dort auf dem Feld sterben wird. Stattdessen wird sie ohnmächtig.

Als sie das Bewußtsein wiedererlangt, sieht sie, wie ihre Angreifer das Stück Fleisch miteinander teilen, das sie von ihren Lenden geschnitten haben. Sie schneiden in ihren rechten Fuß, ihren linken Unterarm und unterhalb ihrer rechten Brust, um ihr Blut abzuzapfen. Fünf ihrer Angreifer, ohne Zweifel die Führer der Gruppe, schlucken eine Mischung ihres Blutes mit Wasser und Stücken ihres Fleisches. Nach diesem Ritual bringen sie sie und ihre drei Kinder weiter in den Busch, etwa 2 Kilometer entfernt. Zainabo ist völlig verloren. Sie kommen an einen Ort, der als eine Art Küche zu dienen scheint, wo sie menschliche Knochen sieht. Ein „Koch“ brät Stücke eines menschlichen Körpers am Spieß über einer offenen Flamme. Währenddessen heizen weitere Köche Öl und Wasser auf.

Die Männer in Uniform ergreifen Zainabos zwei Mädchen, die 10jährige Alima und die 8jährige Mulassi, und tauchen sie eine nach der anderen in die Fässer. Sie rühren sie mit einer großen Eisenstange um, die sie als Löffel verwenden, und durchbohren ihre Bäuche, um ein richtiges „Kochen“ sicherzustellen. Sie essen eine der Leichen mit Foufou (einer kongolesischen Spezialität, einem aus Maniok hergestelltem Teig) und heben sich die andere Leiche für später in der Nacht auf.

Der „Sprecher“ erklärt Zainabo, daß das Ritual mit ihrem Körper weitergehen soll, indem man ihr in den Bauch schneiden und ein Stück in weißes Papier gewickelten Holzes darin plazieren wird. Zainabos Baby, verspricht er, wird verschont werden. Zainabo bringt den Mut auf, ihn um einen Gefallen zu ersuchen: daß ihre Leiche und die Überreste ihres Babys an der Hauptstraße zurückgelassen würden, damit irgend jemand guten Willens sie finden und ihnen ein ordentliches Begräbnis geben könnte. Der Mann fährt einfach fort, indem er ihr den Bauch aufschneidet. Sie fällt in Ohnmacht.

Zainabo erwacht in Bujumburas Nouvelle Espérance (Neue Hoffnung) Hospital. Das Personal erklärt ihr, daß Vorbeikommende sie und ihr Baby an der Hauptstraße gefunden hätten, nicht weit von der Stelle entfernt, wo sie aus dem Bus ausgestiegen war. Sie war nach Bunia gebracht worden, bevor sie in die burundische Hauptstadt überführt worden war, um angemessene medizinische Behandlung zu erhalten.

Zainabo, die nun HIV/AIDS-positiv ist, verläßt das Spital zwei Jahre später. Zu dieser Zeit sieht eine NGO namens „Héritiers de la Justice“ (Erben der Gerechtigkeit) in Bukavu einen Monat lang nach ihren Fortschritten. Sie reist dann in die kongolesische Hauptstadt Kinshasa, wo andere HIV/AIDS-Organisationen sich ihrer annehmen. Ihr Sohn Yacine ist nun 3 Jahre alt.

Am 17. Februar 2005 präsentiert sie ihren Fall vor der Menschenrechtssektion von MONUC in Kinshasa. Sie schluchzt, während sie ihre qualvolle Geschichte wieder durchlebt, während sie zahlreiche Narben an ihrem Körper enthüllt. Zainabo stirbt am 11. März im Alter von 42 in Kinshasas Allgemeinen Krankenhaus.

Über Cernunnos

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