Was befindet sich in einem Waffenschrank der Taliban?

Ausrüstung der Taliban, aus Verstecken beschlagnahmt oder nach Feuergefechten eingesammelt.

Ausrüstung der Taliban, aus Verstecken beschlagnahmt oder nach Feuergefechten eingesammelt.

Von C.J. CHIVERS, übersetzt von Deep Roots. Das Original What’s inside a Taliban Gun Locker? erschien am 15. September 2010 im Blog At War – Notes From the Front Lines.

Seit letztem Jahr hat die New York Times und „At War“ mehrere verschiedene Blicke auf Waffen und Munition von Aufständischen in Afghanistan geworfen, die Informationen darüber geben können, wie Aufständische sich ausrüsten und kämpfen, und wie die Taliban dazu in der Lage gewesen sind, sich mehr als 15 Jahre lang als lebensfähige Streitmacht zu erhalten.

Afghanistan Helmand-Provinz

Heute wird der Blog sich wieder damit befassen, und zwar mit einer weiteren Probenentnahme von Daten aus Marja, dem Gebiet in der Provinz Helmand, das einige der anhaltendsten Kämpfe mit Aufständischen im Jahr 2010 erlebt hat. In diesem Fall hatte die zivile Polizeikontaktgruppe, die mit den Marines des Dritten Bataillons der Sixth Marines zusammenarbeitet, zusammen mit dem Waffenmeister des Bataillons 26 Feuerwaffen und einen RPG-7-Raketenwerfer in ihrem Gewahrsam, die von Taliban-Kämpfern erbeutet oder aus Verstecken eingesammelt worden waren.

Von diesen Waffen waren 12 Varianten des Kalaschnikow-Sturmgewehrs, 8 waren Zylinderverschluß-Repetiergewehre aus dem Zweiten Weltkrieg oder früherer Zeit, 4 waren Varianten des PK-Maschinengewehrs [Anm. d. Ü.: „Pulemjot Kalaschnikowa“, ein gurtgeladenes Maschinengewehr für die russische Infanteriepatrone Patrone 7,62 x 54R], und 2 waren kleine halbautomatische Pistolen. Dies war in mancher Weise eine für Afghanistan typische Mischung, obwohl der Anteil der Repetiergewehre höher war als das, war viele Einheiten außerhalb der Provinz Helmand gesehen haben.

Der Anteil ist interessant und deckt sich mit der Erfahrung beim Patrouillieren in und nahe Marja und anderen umkämpften Gebieten in der Nähe. Aufständische in der Provinz Helmand scheinen Zylinderverschluß-Repetiergewehre mehr als in vielen Gebieten von Afghanistan verwendet zu haben. Ob dies auf einen Druck auf den Nachschub von Sturmgewehren und deren Munition hindeutet oder auf eine Bevorzugung der größeren wirksamen Reichweite von Lee-Enfield- und Mosin-Nagant-Gewehren, ist nicht klar. Aber die größere Reichweite von Repetiergewehren verglichen mit Sturmgewehren und ihre relative Häufigkeit in der Provinz Helmand sind ein Grund dafür, daß diese bestimmte Fläche von Afghanistan einen Ruf hat, von einer gefährlicheren Anzahl afghanischer Präzisionsschützen und sogar ein paar Scharfschützen verseucht zu sein, wie in diesem Video zu sehen ist. Für diejenigen, die in Helmand unter Beschuß geraten sind, ist es nicht überraschend herauszufinden, daß ein großer Anteil erbeuteter Gewehre Lee-Enfields oder Mosin-Nagants sind. Die Schlachtfeldsammlungen dieses Bataillons passen zu den Erfahrungen der Marines auf Patrouille.

Abgesehen von diesen Zahlenverhältnissen lieferten auch die Eigenschaften einzelner Waffen Hinweise auf das Verhalten der Taliban und den Zustand ihrer Ausrüstung und Versorgung und auf die Natur der Infanteriewaffen, die im afghanischen ländlichen Raum unterwegs sind. Beachten Sie den Kolben des unten abgebildeten Maschinengewehrs:

Ein Maschinengewehr mit gebrochenem und notdürftig repariertem Kolben.

Ein Maschinengewehr mit gebrochenem und notdürftig repariertem Kolben.

Wie es für viele ältere Maschinengewehre der PK-Varianten typisch ist, wurde der Kolben aus Schichtholz – im Grunde Sperrholz – gemacht. Und vor einer Weile war er gebrochen. Aber wer immer dafür verantwortlich war, hatte ihn mit Hilfe zweier Blechstreifen und einer Handvoll leichter Nägel wieder zusammengeschustert. Der Kolben hatte immer noch Spiel, und dies würde seine Präzision untergraben. Aber die Waffe konnte verwendet werden.

Sagt dies etwas über die Findigkeit der Aufständischen aus? Oder über ihre begrenzten Mittel? Vielleicht beides.

Nun sehen Sie sich dieses Sturmgewehr unten an, eine ursprüngliche AK-47 mit einem soliden Stahlgehäuse. Sein Herstellungsdatum und Fabrikstempel enthüllen, daß es 1954 in der hauptsächlichen Kalaschnikow-Fabrik der Sowjetunion, in den Mammut-Waffenwerken in Ishewsk, hergestellt worden war.

Ein Sturmgewehr AK-47 Kalaschnikow; rostnarbig, verwittert, Kolben entfernt, aber immer noch funktionsfähig.

Ein Sturmgewehr AK-47 Kalaschnikow; rostnarbig, verwittert, Kolben entfernt, aber immer noch funktionsfähig.

Sehen Sie es sich genau an. Sein Äußeres ist stark rostnarbig und korrodiert. Ich zerlegte dieses Gewehr, und innen, wo es am meisten zählt, war sein Funktionssystem – die integrierte Gaskolben-Verschlußträger-Einheit, die Abzugsbaugruppe etc. – geölt worden und nur leicht rostnarbig. Jemand hatte sich um seine Innereien gekümmert, wenn schon nicht um seine Haut.

In Marja, das ein bevölkerter Fleck Steppe auf riesigen Bewässerungsanlagen ist, die vor Jahrzehnten von den Vereinigten Staaten gebaut wurden, finden die Marines manchmal in Kanälen versteckte Waffen. Diese Waffe könnte einige Zeitlang untergetaucht gewesen sein, bevor sie zum Gebrauch wieder hervorgeholt wurde, und wenn man bedenkt, was sie durchgemacht hatte, beeindruckt dieser Herstellungsstempel von 1954. Die Waffe, die in Jahr nach Stalins Tod von den Fließbändern lief, war im Alter von 56 Jahren voll funktionsfähig und war dieses Jahr immer noch im Dienst im Krieg gegen den Westen.

Erscheint das alt? Nun sehen Sie sich die Datumsstempel unten auf einem der Enfield-Repetiergewehre an:

Die Fabrikstempel auf einem Lee-Enfield-Repetiergewehr. Von der Krone hergestellt, jetzt im Dienst der Taliban.

Die Fabrikstempel auf einem Lee-Enfield-Repetiergewehr. Von der Krone hergestellt, jetzt im Dienst der Taliban.

Sie haben richtig gelesen: 1915.

Dieses Gewehr wurde erzeugt, während Kitcheners New Army gedrillt und an die Westfront geschickt wurde. Es war 95 Jahre alt, als es wieder den Besitzer wechselte, und im Gewahrsam der Marines landete.

Die gepaarten Lee-Enfields und Kalaschnikows sagen genauso viel über die Natur dieser Waffen und ihre Munition aus wie über die Taliban. Die Lee-Enfield- und Kalaschnikow-Baureihen wurden zu Millionen erzeugt, und beide sind für ihre Zuverlässigkeit und Dauerhaftigkeit bekannt. Diese beiden Tatsachen haben sie in den Augen der Menschen, die sie in einem Krieg nach dem anderen tragen oder mit ihnen konfrontiert sind, entweder zu bemerkenswerten Werkzeugen oder zu einer Landplage gemacht.

Und zusammen mit den Mosin-Nagant-Gewehren, die ebenfalls in Verstecken der Taliban auftauchen, sind sie und ihre Munition Kennzeichen alter Imperien und der Standardisierung von Patronen, die den Krieg im 20. Jahrhundert begleiteten. Das führt zum nächsten Punkt: Patronenstandardisierung zwischen Einheiten und unter Verbündeten – was bedeutet, viele Waffen einzusetzen, die alle dieselbe Munition verschießen – sollte die Logistik weniger kompliziert für konventionelle Armeen und deren Nationen machen.

Sie sind auch für Aufständische ein Segen gewesen.

Für die 24 Gewehre und Maschinengewehre in dem Schrank, die über viele Jahrzehnte hinweg in mehreren Nationen produziert wurden, sind nur drei Patronentypen erforderlich, um sie zu versorgen – die Lee-Enfields verschießen die .303, die Kalaschnikows verfeuern die Patrone 7,62 x 39 mm, und die PK-Maschinengewehre und Mosin-Nagants verschießen die Patrone 7,62 x 54R, die seit den 1890ern an slawische Streitkräfte im kaiserlichen Rußland ausgegeben wurde.

All diese Tatsachen und Faktoren könnten obskur erscheinen. Das sind sie nicht.

Die technischen Qualitäten dieser Gewehre und das Denken dahinter haben zusammen mit der Qualität ihrer Herstellung und der relativen Einfachheit ihrer Munitionsversorgung einer weitgehend analphabetischen Aufstandsbewegung dabei geholfen, nicht nur ihren Willen in ihrem eigenen Land auszuüben, sondern sich auch gegen das höchstentwickelte Militär der Welt zu behaupten.

(Blogartikel haben ihre Platzbeschränkungen. Ich habe weitere Bilder aus dem Beweismittelschrank und weitere Informationen auf www.cjchivers.com gepostet.)

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Siehe auch diese Artikel von Deep Roots:

Teilchenbeschleuniger und Teilchenbeschleuniger 2: Verteidigung mit Kipplauf-Flinten

Büchsen-Licht (1): Kleinkalibergewehre

Büchsen-Licht (2): Unterhebelrepetiergewehre

Büchsen-Licht (3): Militärische Mausergewehre

Büchsen-Licht (4): Lee-Enfield-Gewehre

Büchsen-Licht (5): Preisgünstige Zentralfeuerbüchsen

Büchsen-Licht (6): Mosin-Nagant-Gewehre

Büchsen-Licht (7): Steyr-Mannlicher „Scout“

Büchsen-Licht (8): Springfield M 1903, MAS 1936 und Schweizer K 31

Büchsen-Licht (9): Praxistest Kurzkarabiner FR 8

sowie:

Infanteriegewehre des Zweiten Weltkrieges von Max Meinrad Krieg

SWM-Serie „Sturmgewehre“ (6): Avtomat Kalaschnikova – AK 47 von Max Meinrad Krieg Suomi KP/-31: Die Mähmaschine von Tikkakoski von P. T. Kekkonen

Die Maschinenpistole MP 40/I im scharfen Schuß von Robert Bruce

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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Eine Antwort zu Was befindet sich in einem Waffenschrank der Taliban?

  1. feld89 schreibt:

    Hat dies auf volksbetrug.net rebloggt.

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