Beschußsicherheit von Kraftfahrzeugen

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 9-1992 (dort erschienen unter dem Titel „Beschußsicherheit von Kraftfahrzeugen (1)“.

Das Durchschlagsverhalten von Geschossen in Karosserien spielt nicht nur in polizeilichen Geiselbefreiungen eine Rolle, sondern auch in allen Situationen, in denen ein Fahrzeug als Deckung genutzt werden soll. Wie gut ein Fahrzeug dazu geeignet ist, hängt nicht nur von der Art des Beschusses, sondern auch von vielen anderen Umständen ab.

Bilder von beschossenen Autos kann man nicht nur im Kino, sondern auch in diversen Nachrichtensendungen über Terroranschläge und Attentate sehen. Aber auch Anschläge auf Privatleute und Raubüberfälle, bei denen sich die Opfer zum Zeitpunkt der Straftat in einem Auto befinden, kommen durchaus vor. Nachdem wir uns in einem früheren Beitrag mit der taktischen und schießtechnischen Abwehr derartiger Angriffe befaßt haben, lohnt es sich, der Frage nachzugehen, welchen Schutz ein normaler PKW gegen bestimmte Arten von Beschuß bietet, da die Qualität der Deckung, in diesem Fall des Autos, immer Auswirkungen auf die Erfolgsaussichten einer bestimmten Taktik hat.

Dabei ergibt sich gleich eine Reihe von Folgefragen, wie z. B. welche Kaliber die Karosserie oder die Scheiben durchschlagen, wie groß der Einfluß von verschiedenen Auftreffwinkeln ist, was ein Schuß auf die Reifen bewirkt oder wie der Motor auf einen Treffer reagiert.

Im ersten Teil dieser Untersuchung befassen wir uns zunächst mit der Durchschlagsleistung von Kurzwaffen bei Treffern in Karosserieteile und Glasscheiben.

Betrachtet man hierzu ein Auto einmal etwas genauer, so stellt man unschwer fest, daß die meisten potentiellen Geschoßflugbahnen so liegen, daß nur eine Glasscheibe oder einzelne Blechschichten durchschlagen werden müssen, um ins Fahrzeuginnere zu führen.

Da aber auch massivere Bauteile in einer solchen Flugbahn liegen können und andere Einflußgrößen, wie der Auftreffwinkel, die Auftreffgeschwindigkeit und der Geschoßaufbau einen Einfluß auf das Eidringverhalten ausüben, haben wir hierzu eine Reihe von Beschußversuchen durchgeführt.

Beschuß verschiedener Karosserieteile

Um die Ergebnisse zu systematisieren, wurden verschiedene Karosserieteile (z. B. Autotüren, Kotflügel, Motorhauben usw.) mit unterschiedlichen Kalibern und unter verschiedenen Winkeln beschossen. Einbezogen wurden sowohl Türen mit Einbauteilen(Fenster, Türverriegelung usw.) als auch ohne diese.

Als Versuchsobjekte dienten ausnahmslos Mittelklassewagen, um Durchschnittswerte zu erhalten, die für die Masse der Fahrzeuge auf unseren Straßen zutreffen.

Um aber zunächst einen allgemeinen Eindruck von der Beschußfestigkeit dünner Bleche zu vermitteln, wurde u. a. ein Versuchsaufbau aus zehn 0,75 mm starken Stahlblechen (St 37), die im Abstand von 7 mm verschraubt waren, beschossen.

Die Ergebnisse lassen sich zwar nicht unkommentiert auf reale Karosserieteile übertragen, da die im Kraftfahrzeugbau verwendeten Tiefziehbleche bei der Umformung eine Gefüge- und Festigkeitsänderung erfahren, geben aber ein anschauliches Bild vom zielballistischen Verhalten von Blechen. Außerdem ermöglicht ein derartiger standardisierter Versuchsaufbau einen ersten Vergleich des Eindringverhaltens verschiedener Geschosse. Die Anzahl der dabei durchschlagenen Bleche läßt sich der Tabelle entnehmen, wobei jeweils nur die völligen Durchschläge gezählt wurden.

tabelle_blechbeschuss

Penetrationsstarke Laborierungen

Daß penetrationsstarke Laborierungen, wie die 9 mm Para Vollmantel oder die .357 Magnum Metal Piercing, alle zehn Blechplatten glatt durchdrungen haben, mag nicht weiter verwundern, interessanter sind aber die Ergebnisse der schwächeren Munitionssorten. So schaffte die .22 l.r. High Velocity aus einem 6“-Revolver zwei Bleche, der .38 Special Wadcutter blieb bereits nach dem ersten Blech stecken.

Die oft gering geschätzte 7,65 mm Browning durchschlug immerhin fünf der dünnen Stahltafeln. Auffällig ist bei den durchschossenen Blechen, daß Teilmantelgeschosse und langsamere Projektile größere Eindellungen ergeben, als schnellere Vollmantelgeschosse, die sauber gestanzte Löcher mit geringer Verformung des umliegenden Materials hinterlassen. Eine Erscheinung, die sich auch bei Original-Karosserieteilen beobachten läßt. Dieser Sachverhalt wird z. B. zu kriminaltechnischen Untersuchungen genutzt, da eine Analyse des Einschußloches, in Bezug auf Verformungen des Umfeldes und der Lackabplatzungen, bereits erste Schlüsse auf das verwendete Kaliber zuläßt.

Vollmantelgeschosse weisen nach dem Durchschlagen von dünnen Blechschichten Abplattungen auf, Teilmantelgeschosse je nach Geschwindigkeit mehr oder weniger starke Aufpilzungen. Die starke Querschnittsvergrößerung der Teilmantelgeschosse verminderte deren Durchschlagsleistung erheblich.

Eindringtiefe hängt vom Geschoßaufbau ab

Dabei wird der Einfluß des Projektil-Aufbaus besonders deutlich, wenn man die beiden .357-Magnum-Patronen aus der Versuchsreihe vergleicht. Obwohl beide Geschosse nahezu die gleichen Gewichte, Geschoßgeschwindigkeiten und damit auch Energiedichten aufweisen, unterscheiden sie sich in ihrem Eindringvermögen erheblich. Während das Metal-Piercing-Geschoß selbst die zehnte Platte noch glatt durchschlug, ohne dabei größere Eindellungen zu erzeugen, blieb das Teilmantel-Projektil nach fünf Blechen hängen und hinterließ im sechsten Blech eine Eindellung von ca. 7 cm Durchmesser. Ein Zerlegen oder Zersplittern der Geschosse war bei diesen Versuchen nicht zu beobachten.

Reale Karosserieteile, die nur aus einer Blechschicht bestehen (Dach, Kotflügel) setzten den auftreffenden Geschossen erwartungsgemäß nur einen geringen Widerstand entgegen. Sie wurden bei frontalem Beschuß von allen verwendeten Kalibern durchschlagen.

Beim Beschuß von Autotüren zeigte sich, daß fast alle verwendeten Munitionssorten die innere und äußere Karosseriehaut der Türen bei 90° Auftreffwinkel durchschlugen, wenn sie nicht mit massiven Einbauteilen kollidierten, was bei rechtwinkligem Beschuß des mittleren Türbereichs aber relativ unwahrscheinlich ist.

Einzig die .38 Special Wadcutter scheiterte auch bei Frontalbeschuß am inneren Türblech, an dem es zwar eine große Ausbeulung, aber keinen Durchschuß hinterließ. Die schwachen .38-Special-Scheibenlaborierungen hatten auch wenig Erfolg beim schrägen Auftreffen auf die Karosserieteile. Unter einem Winkel von 30° konnten sie in das Außenblech der Tür nicht mehr eindringen, sondern prallten als Querschläger ab. Die durchschlagsstärkeren großkalibrigen Geschosse rissen bei spitzwinkligem Beschuß längliche, ausgefranste Löcher.

Kein Schutz durch Karosserieblech

Sofern keine stärkeren innenliegenden Metallteile getroffen wurden, kam es bei den stärkeren Kalibern immer zu Ausschüssen an der Innenseite. Nur die Kollision mit massiven Einbauteilen (Fensterheber, Türschloß) oder ein extrem ungünstiges Auftreffen auf besonders starke Blechteile (Montage-Falze usw.) führte zu stärkeren Ablenkungen und Zersplitterungen der Geschosse.

Um den Einfluß von zufällig getroffenen Einbauteilen auszuschließen, haben wir bei einer der Versuchstüren das Innenleben vor dem Beschuß ausgebaut, um so die Schutzwirkung der reinen Blechkarosserie zu untersuchen. Danach wurde diese Tür mit 40 9-mm-Para-Vollmantelprojektilen aus unterschiedlichen Winkeln (30° bis 90°) und an verschiedenen Stellen beschossen. Es zeigten sich dabei folgende Ergebnisse:

Lagen nur die flachen Innen- und Außenbleche der Tür im Schußkanal, so wurden diese auch bei spitzwinkligem Auftreffen ohne große Ablenkung durchschlagen. Nur zwei der 9-mm-Para-Geschosse erzielten keinen Durchschlag (je ein Schuß aus 30° und 45°), sie scheiterten an stark gefalzten Blechstößen. Ein Projektil blieb im Türrahmen stecken, das zweite wurde am Blechfalz der Türkante abgelenkt.

Einbauteile verringern das Durchschlagsrisiko

Bei Vergleichsbeschüssen von Türen, die noch über die üblichen Einbauteile verfügten, zeigten sich ähnliche Ergebnisse, natürlich mit einer etwas höheren Wahrscheinlichkeit des Nichtdurchschlags oder starker Ablenkungen.

Eine rechnerische Bestimmung dieser Wahrscheinlichkeiten ist aber aufgrund der hier vorliegenden kleinen Stichproben nicht sinnvoll. Außerdem ist es für die Praxis auch völlig unerheblich, ob eine Autotür mit einer Wahrscheinlichkeit von 94,3 oder 96,1 % von einem bestimmten Kaliber durchschlagen wird.

Allgemein läßt sich aber festhalten, daß ein großkalibriges Vollmantelgeschoß bei rechtwinkligem Beschuß die Karosserie eines PKW nahezu immer durchschlägt. Die geringe Chance, daß ein derartiges Projektil den Fahrzeug-Innenraum nicht erreicht, ist keine ausreichende Grundlage, um eine Blech-Karosserie als Deckung geeignet erscheinen zu lassen. Wird die Karosserie von mehreren Geschossen getroffen, was bei einem Feuerüberfall aus kurzer Entfernung die Regel sein dürfte, sinkt diese geringe Chance sogar gegen Null.

Andererseits muß aber einkalkuliert werden, daß beim Beschuß von Autos nicht alle Projektile einen geraden Weg durch die Blechverkleidung nehmen. Ein Problem, das immer wieder aktuell wird, wenn es um den polizeilichen Zugriff bei Geiselnahmen geht. Weiterhin zeigen die Versuche, daß Teilmantel- und Hohlspitzgeschosse für die Bekämpfung von Fahrzeuginsassen deutlich schlechter geeignet sind als Vollmantel-Ausführungen, und daß bei spitzen Auftreffwinkeln die Wahrscheinlichkeit eines Nichtdurchschlags oder starker Ablenkungen zunimmt.

Dieser Sachverhalt gewinnt vor allem beim Schuß auf flüchtende Täterfahrzeuge an Bedeutung, da hier teilweise nur die Zeit für einen oder zwei Schuß zur Verfügung steht.

Beim Auftreffen der Projektile auf die Glasscheiben eines PKW sind die Verhältnisse etwas einfacher als bei den Karosserieteilen, da es sich hierbei um große, gleichmäßige Flächen ohne Einbauten handelt. Die geringen Unterschiede in der Krümmung spielen in der Praxis keine Rolle.

Wichtiger ist hier die Unterscheidung zwischen normalem Sicherheitsglas und mehrschichtigem Verbundglas. Zwar werden beide Sorten von den gängigen Faustfeuerwaffen-Kalibern in der Regel durchschlagen, ihr Beschußverhalten unterscheidet sich aber erheblich.

Verbundglas, das in den üblichen PKWs meist nur als Frontscheibe verwendet wird, zeigt beim Beschuß nur relativ kleine Einschußlöcher und einige Sprünge, die über die ganze Scheibe verlaufen können.

Die Einschüsse weisen hierbei folgendes Erscheinungsbild auf: Um ein etwa kalibergroßes Durchschlagsloch befindet sich eine mehrere Zentimeter breite Splitterzone, die von einzelnen feinen Sprüngen umgeben ist, die sowohl konzentrisch um den Einschuß verlaufen, als auch sternförmig bis zum Scheibenrand gehen. Die Splitterzone ist dabei umso breiter und der Abstand der konzentrischen Sprünge vom Einschußloch umso größer, je langsamer und weicher das auftreffende Projektil ist. Flachwinkliger Beschuß führt zu asymmetrisch verschobenen Mustern. Die Durchsichtigkeit und Stabilität der Scheibe bleibt aber insgesamt erhalten.

Verbundglas versus Sicherheitsglas

Ganz anders verhalten sich die Seitenscheiben aus normalem Sicherheitsglas: Beim ersten Durchschuß verwandeln sie sich bereits in krümelige Splitter. Die Scheibe zeigt kein Einschußloch, sondern hört nach dem ersten Treffer auf zu existieren.

Alle bei diesen Versuchen beschossenen Autoscheiben wurden bis zu einem Auftreffwinkel von 30° von den gängigen Kurzwaffenkalibern durchschlagen. Selbst das schwache .38-Special-Wadcutter-Geschoß durchschlug nach einem Auftreffen unter 30° auf eine Verbundglas-Frontscheibe noch eine 12 mm starke Preßspanplatte.

Erst bei einem extrem flachen Auftreffwinkel von 5° bis 10° (eine genaue Messung ist bei so kleinen Winkeln durch die Wölbung der Scheibe kaum möglich) prallte ein .38 Special Wadcutter von einer Frontscheibe ab. Er hinterließ dabei auf der Scheibe eine kleine Splitterzone ohne Durchschlagsloch und konzentrische Sprünge in einem relativ großen Abstand vom Auftreffpunkt. Da derartig flache Auftreffwinkel in der Praxis aber kaum vorkommen, kann man davon ausgehen, daß PKW-Scheiben nicht einmal gegen schwächere Faustfeuerwaffen Deckung bieten.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß der größte Teil der Flächen einer Autokarosserie keinen Schutz gegen Beschuß bietet. Lediglich bestimmte Bereiche wie z. B. der Platz hinter dem Motor können als Deckung genutzt werden. Andererseits muß man beim polizeilichen Zugriff auf Täterfahrzeuge einkalkulieren, daß durchschlagsschwache Geschosse (Glaser Safety Slug, Hohlspitz, Wadcutter usw.) selbst in starken Kalibern an Blechschichten scheitern können, und daß man vor allem bei mehreren Schüssen selbst bei Vollmantelprojektilen mit vereinzelten starken Geschoßablenkungen rechnen muß.

Im zweiten Teil unserer Untersuchung befassen wir uns mit der Beschußfestigkeit des Motors, der Reifen und der Felgen.

*     *     *

(Anm. v. Cernunnos: Das Heft mit diesem zweiten Teil habe ich wahrscheinlich nicht; falls es mir doch einmal unterkommt, werde ich den Teil 2 hier ebenfalls einstellen.)

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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