Wir Wolfsbrüder

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Von Deep Roots (post-AdS)

In meinem Beitrag zum Artikel Die Verschafung der Europäer habe ich eine schon vor längerem von mir entwickelte These vorgestellt, die unter anderem auf den Erkenntnissen der Verhaltens- und Evolutionsforschung beruht, daß „der Mensch“ erst durch die Koevolution mit dem zum Hund gezähmten Wolf zu dem wurde, was er heute ist: daß nicht nur die zu Hunden werdenden Wolfsabkömmlinge sich bei ihrer Entwicklung zum Gefährten des Menschen veränderten, sondern daß auch die Menschen dabei in ihrem Verhalten, in ihren sozialen Instinkten und Fähigkeiten Wolfseigenschaften annahmen – in Jagdverhalten, Kooperation, Fürsorge, Empathiefähigkeit und wechselseitiger Loyalität zwischen Anführer und Rudel bzw. Gruppe.

Von diesen Erkenntnissen habe ich erstmals in einer Hundezeitschrift gelesen und später auch in einem Artikel von Andreas Weber aus GEO 7-2012, „Von der Wildnis zum Wir“, den ich nachfolgend präsentiere (ohne die Bilder, mit Ausnahme eines Ausschnitts aus dem Titelbild):

VON DER WILDNIS ZUM WIR

WOLFSBLUT: Wer das Wesen des Haustiers Hund verstehen will, muss sich zuerst mit seinen wilden Verwandten befassen. Wölfe, lange gnadenlos gejagt, durchstreifen seit einiger Zeit wieder den Yellowstone Park in den USA.

WOLFSBLUT: Wer das Wesen des Haustiers Hund verstehen will, muss sich zuerst mit seinen wilden Verwandten befassen. Wölfe, lange gnadenlos gejagt, durchstreifen seit einiger Zeit wieder den Yellowstone Park in den USA.

Dies ist die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft – der Freundschaft von Mensch und Hund. Wie wurde ausgerechnet ein räuberischer Vierbeiner zu unserem engsten Gefährten? Die Antworten liefern heute Einsichten in das Wesen sozialer Bindungen. Und erklären, wie wir selbst wurden, was wir sind.

„HALTEN SIE DIE HÄNDE LOCKER AM KÖRPER und vermeiden Sie hektische Bewegungen“, mahnt die Verhaltensforscherin Friederike Range vom Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Zuvor hat sie die unterschriebenen Formulare mit dem Haftungsausschluss eingesammelt. „Wir gehen jetzt einzeln durch die Schleuse hinein.“

Ein drei Meter hoher Drahtzaun, mit stromführendem Kabel gesichert, umschließt die zwei 8000 Quadratmeter großen Freigehege. Das „Wolf Science Center“ (WSC) unweit von Wien liegt zu Füßen des Schlosses Ernstbrunn. Wenn es dämmert, heben sich die Türme schwarz gegen den Himmel ab, und von den Gehegen her weht ein vielstimmiges Heulen durch den Abend.

In der Forschungseinrichtung leben die wahrscheinlich besttrainierten Wölfe der Welt. An diesem Tag führen die WSC-Mitbegründerinnen Range und Zsófia Virányi einer Gruppe von Kollegen ihre Tiere vor.

Der Besuch wird schon erwartet. Mit aufgeregtem Schwanzwedeln stemmen zwei weißfellige Welpen ihre matschverklebten Vorderpranken gegen das Zaungitter. Auf den ersten Blick unterscheidet die vier Monate alten Wolfskinder nichts von jungen Hunden. Begeistert lecken sie die Finger der eingetretenen Forscher, springen an Hosenbeinen empor und fahren denen, die sich zu ihnen niederbeugen, mit nasser Zunge durchs Gesicht.

In einiger Entfernung, auf einer hölzernen Ruheplattform, verharren sechs größere Wölfe. Einige Momente lang starren sie reglos zu den Eingetretenen hinüber, dann kommen sie auf langen, federnden Läufen herangetrabt. Sofort begrüßen die Welpen voller Freude ihre Rudelgenossen.

Die älteren Wölfe wirken zäh, zottig und hager, vor allem aber hoch: Sie sind mit ihren ein- bis zweieinhalb Jahren schon deutlich größer als ein Schäferhund. Dabei ist die Freude, mit der sie schwanzwedelnd die Forscherinnen begrüßen, ganz hundehaft.

Die übrigen Besucher schwanken zwischen Nervosität und Faszination. „Es ist unglaublich, so etwas zu sehen“, murmelt der britische Verhaltensforscher Daniel Mills, während die Raubtiere ihn stürmisch beschnüffeln. „Ich hätte nie gedacht, dass Wölfe so zahm werden können.“

Doch manchmal bricht etwas anderes hervor. Wenn zwei der Beutegreifer im Bemühen um die Gunst eines Besuchers zusammenstoßen, entringt sich ihren Kehlen ein bedrohliches Grollen.

Die Tiere, die Range und Virányi großgezogen haben, erinnern in vielem an Hunde im Wolfspelz. Aber es sind und bleiben Wölfe – also weder Schmusetiere noch Bestien. Die Biologen des Wolf Science Centers haben ein Experiment gestartet, um eine der erstaunlichsten Verwandlungen der Naturgeschichte zu erforschen: die Entwicklung des Wolfs zum Hund. Sie wollen rekonstruieren, wie sich Denkfähigkeit und Sozialverhalten des Wolfes verändern mussten, damit dieser zum engsten Begleiter des Menschen werden konnte.

Der Verlauf des Projekts wird nicht nur von Verhaltensforschern mit Spannung verfolgt: Die Ergebnisse könnten auch neues Licht auf die frühe Geschichte unserer eigenen Spezies werfen. Denn zu einer Beziehung gehören immer zwei. Auch wir Menschen mussten erst zu sozialen, fühlenden Wesen reifen, bevor wir beständige emotionale Bindungen eingehen konnten – nicht nur zu anderen Tieren, sondern vor allem zu unseresgleichen. Wie sind wir geworden, wie wir sind? Unter welchen Bedingungen entwickelten wir jene Eigenschaften, die wir als genuin menschlich empfinden?

Der Budapester Verhaltensforscher Adám Miklósi, der eng mit dem Team vom Wolf Science Center zusammenarbeitet, ist überzeugt: Zwischen Hunde-Evolution und Menschwerdung gibt es enge Parallelen. Die Geschichte unseres ältesten Gefährten spiegelt in vieler Hinsicht auch unsere eigene wider – und zwar genauer, als uns bislang bewusst ist.

Um den Ausgangspunkt dieser gemeinsamen Geschichte zu rekonstruieren, verfolgen Friederike Range und ihre Kollegen einen völlig neuen Ansatz. Bislang waren Verhaltensforscher darauf bedacht, Wölfe möglichst unverfälscht in der Wildnis oder in großen Gehegen zu beobachten. Am Wolf Science Center dagegen lassen die Forscher die Welpen in Gruppen so dicht wie möglich mit Menschen aufwachsen – um kooperative Tiere heranzuziehen, die gern und freiwillig mit ihnen zusammenarbeiten. Nur wenn sie keine Angst vor den Forschern haben und ihnen die Verhaltensexperimente Spaß machen, so die Hypothese Ranges, lassen sich wirklich die Unterschiede zwischen Wolf und Hund erforschen.

Alle Welpen werden von ihren ersten Lebenstagen an von Helfern mit der Flasche gepäppelt und rund um die Uhr gepflegt. Die Wolfsbabys schlafen mit ihren Betreuern in einem Bett, das sich in einem Häuschen innerhalb des Geheges befindet, schmusen mit ihnen und lernen, an der Leine zu gehen. Sie werden mit Fürsorge überschüttet, ganz so, wie man einen mutterlosen Fundwelpen aufziehen würde. In ein Rudel mit erwachsenen Tieren kommen die Welpen ab einem Alter von vier bis fünf Monaten.

Aber auch dann besuchen die menschlichen Pflegeeltern ihre Schützlinge täglich, gehen mit ihnen spazieren, streicheln und trainieren sie. Vor allem aber erkunden sie unter Laborbedingungen ihr Verhalten und ihre Denkfähigkeit. Gleiches tun sie mit einer Kontrollgruppe von Hunden, die in einem separaten Gehege unter denselben Bedingungen aufgezogen wurden und leben.

Durch den Vergleich hoffen die Forscherinnen, die angeborenen Wesensunterschiede zwischen dem Wolf Canis lupus und dem Haushund Canis lupus familiaris erstmals exakt definieren zu können. Und damit zugleich zu ermessen, welche Anpassungsleistungen der Wolf auf seinem Weg zum Hundedasein erbringen musste.

KEINE ANDERE TIERART ist so früh in die menschliche Gemeinschaft aufgenommen worden wie der Wolf. Und kein anderes Haustier kommt fast ausnahmslos überall da vor, wo Menschen sind, wie der Hund. Hunde streiften schon mit den Jägern der Eiszeit durch die Tundra. Hunde begleiteten die amerikanischen Ureinwohner über die Beringstraße. Sie halfen den australischen Aborigines bei der Jagd, waren Lasttiere von Indianervölkern. Sie bewachten die Höfe chinesischer Bauern und füllten deren Kochtöpfe, sie wärmten venezianische Edelfrauen und dienten preußischen Gardisten zur Zier.

Hunde leben heute bei kontaktscheuen Amazonasstämmen, streunen durch afrikanische Dörfer, ziehen Inuit-Schlitten und leisten verzärtelten Großstadtdandys Gesellschaft. Hunde gibt es selbst bei jenen letzten Jäger- und Sammlervölkern, die sonst nie Haustiere hielten. Es scheint eine Naturkonstante zu sein: Wo immer Menschen ihren Fuß hinsetzen, da findet sich meist auch die Fährte eines schwanzwedelnden Vierbeiners.

Für die Verhaltensforschung war unser ältestes Haustier trotzdem lange kein Thema. Vielmehr galten (und gelten) unsere genetisch engsten Sippengenossen, die Menschenaffen, als bestes Modell, um die Wurzeln menschlicher Intelligenz und Emotionen zu erkunden. Ein ganzes Fachgebiet, die Evolutionspsychologie, ist auf Erkenntnisse an Primaten aufgebaut: Wie Menschen ihre Partner wählen, wer in Gruppen die Macht übernimmt, wie emotionale Bindung zwischen Kind und Mutter abläuft – all das begründen ihre Anhänger mit Vergleichen aus der Affenwelt.

Hunde kamen jahrzehntelang hauptsächlich für medizinische und kosmetische Tests infrage. Ein Wesen, das mit uns das Sofa teilt, schien ungeeignet zu sein für ernsthafte Verhaltensstudien über uns selbst. Heute ist es gerade diese Nähe, die den Hund so interessant macht – und ihm eine neue Schlüsselrolle in der vergleichenden Gefühls- und Geistesforschung zuweist.

Dieses Interesse verbindet Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen: Paläontologen und Genetiker versuchen einzugrenzen, in welchem Zeitraum die Evolution des Hundes begann, der zoologisch eine Unterart des Wolfes ist – und wo das geschah. Verhaltensforscher beginnen, sowohl die Intelligenz als auch die soziale Kompetenz von Canis lupus familiaris genauer zu vermessen. Und stellen dabei Erstaunliches fest: Manche Fähigkeiten des Hundes übertreffen die der Menschenaffen.

AM WOLF SCIENCE CENTER haben Range und Virányi Trainingsprogramme entwickelt, um die kognitiven Leistungen von Wölfen und Hunden zu ermitteln. In einem der Tests müssen die Tiere zwei oder acht Punkte auf einem Monitor erkennen – und sie jeweils der Kategorie „weniger“ oder „mehr“ zuordnen.

Hunde bringen es am Touchscreen in kürzester Zeit zu wahrer Meisterschaft. Friederike Ranges eigener Border-Collie stößt auf dem Monitor in rasender Folge die richtigen Abbildungen an – und hört nicht auf, bis der Container mit Belohnungsbröckchen leer ist. Die Arbeit mit den jungen Wölfen gestaltet sich dagegen anfangs eher mühsam.

Im Versuchsraum demonstriert der Wolfsrüde Cherokee als Erstes, dass er noch in der Trainingsphase ist. Er beginnt sofort, forsch herumzustöbern, um die Plastikschüssel mit den zur Belohnung geschnittenen Fleischfetzen aufzuspüren. Sobald er sie im Regal entdeckt hat, bittet er nicht etwa mit fragendem Blick um Erlaubnis, sondern richtet sich mit energischer Gier empor, packt die Schüssel und wirft sie polternd zu Boden.

Als dann die Trainingsbilder über den Tochscreen flackern, leckt der Wolf mit seiner nassen Zunge scheinbar wahllos über das Glas und bringt dauernd das Programm zum Absturz. „Noch ist er im Training“, sagt Zsófia Virányi entschuldigend, und als Cherokee wieder das falsche Bild berührt, schimpft sie ihn fast zärtlich: „Denk bitte! Nicht einfach nur gegenstupsen! Denken!“

Auf den ersten Blick scheint der Test eine – relative – Begriffsstutzigkeit der Wölfe gegenüber der menschlichen Umgebung zu demonstrieren. Aber der Eindruck täuscht: Wenn Virányis Versuchstiere ein Problem auf sich allein gestellt lösen müssen, agieren sie deutlich geschickter und selbstständiger als Hunde. So begreifen Wölfe sehr schnell, dass ein Türriegel etwas mit dem Öffnen der Tür zu tun hat. Und sie umschleichen wie selbstverständlich Hindernisse, vor denen Hunde tumb hocken bleiben.

„Wölfe sind im Prinzip zu den gleichen Leistungen fähig wie Hunde“, resümiert Virányi. „Was sie behindert, ist ihre mangelnde Fähigkeit, mit dem Menschen zu kooperieren. Sie schauen einfach nicht richtig zu.“

Und sie bringen vor allem eines nicht fertig: den Blick wissend-bittend zum Menschen zu heben, wenn ein Problem für sie zu groß wird. Das hat auch der US-amerikanische Hundeforscher Brian Hare an Wolfswelpen beobachtet: Wenn ihr Futter in einem Behälter verschlossen wurde, versuchten die Jungtiere stets, das Gefäß brachial zu zerbeißen. Junge Hunde hingegen spannen sofort den Menschen für ihre Zwecke ein – und zwar ohne jedes Training. Mit einem Augenaufschlag, den wir intuitiv verstehen: „Bitte, hol du es mir doch!“

DASS DER HUNDEBLICK ein Ausweis geistiger Brillanz sein soll – diese Vorstellung ist gewöhnungsbedürftig, nicht nur für Wissenschaftler. Natürlich glaubten Herrchen und Frauchen schon immer, dass ihr Liebling sie versteht. Menschen, die Tiere eher distanziert betrachten, sehen im Dackelblick aber seit jeher ein Zeichen von Hilflosigkeit. Comics haben dieses Image vom lieben Trottel in allen Facetten ausgemalt. Sie erfanden Ikonen des tumben Köters wie das Walt-Disney-Sabbervieh Pluto, oder Odie, den hechelnden Prügelknaben des gescheiten Katers Garfield. Katzen, so die Botschaft dieser Geschichten, sind schlau, selbstständig, aristokratisch – Hunde aber erwarten treudoof die Befehle ihres Rudelführers.

Mittlerweile haben Verhaltensforscher erkannt, dass diese Deutung falsch ist. Dass der Augenaufschlag des Hundes nicht Gehorsam signalisiert, sondern das Angebot, mit dem Menschen eine echte emotionale Bindung einzugehen. Was Hundebesitzer schon immer geahnt haben, stimmt eben doch: Es gibt nur ein Tier, das imstande ist, sich mit uns „von Mensch zu Mensch“ zu verständigen. Durch seinen Blick öffnet es uns sein Inneres. Und zieht zugleich aus unseren Reaktionen Schlüsse auf unsere Gedanken und Gefühle – ähnlich wie es Kinder tun. Das, glaubt Hundeforscher Adám Miklósi, ist der entscheidende Unterschied zwischen Hund und Wolf.

Der Ungar hat das Bindungsverhalten des Hundes mit einem Test erkundet, der für Kleinkinder entwickelt wurde. In den 1960er Jahren wollte die Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth ergründen, mit welcher Intensität Krabbler an ihre Bezugspersonen gebunden sind. Sie erfand dazu den bis heute gebräuchlichen „Fremde-Situation-Test“: Mutter oder Vater überlassen ihr spielendes Kleinkind für kurze Zeit sich selbst – oder der Gesellschaft einer fremden Person.

Die Budapester Forscher fanden heraus: Hunde zeigen im Fremde-Situation-Test das gleiche Verhalten wie viele Krabbelkinder: Sie hören auf zu spielen, wenn ihre Bezugsperson das Zimmer verlässt, zeigen kein Interesse mehr am Futter. Falls ein fremder Hund im Raum ist, bevorzugen sie einen Menschen – auch dann, wenn sie ihn noch nie gesehen haben. Wölfe reagieren völlig anders. Auch wenn sie von Hand aufgezogen worden sind, interessierten sie sich in Streßsituationen eher für einen unbekannten Hund als für einen Zweibeiner.

So aufschlussreich diese Tests sind: Sie werfen auch Fragen auf. Welche kognitive Leistung steht hinter dem Verhalten der Hunde, und wie ist sie entstanden? Was hat den ersten Wolf auf „die Idee“ gebracht, sich dem Menschen enger anzuschließen als seinen Artgenossen?

Und noch grundsätzlicher gefragt: Warum war es ausgerechnet der Wolf, der die ökologische Nische einer Lebensgemeinschaft mit Homo sapiens zu nutzen verstand? Genetisch sind die Raubtiere mit uns nur weitläufig verwandt. Wäre es nicht viel naheliegender gewesen, wir hätten uns eine Spezies aus unserer eigenen Großfamilie zum Gefährten erwählt – etwa den Schimpansen?

DIE PRIMATEN sind uns nicht nur äußerlich ähnlicher. Sie sind auch stärker als Hunde zu Gefühlen wie Trauer fähig, glauben einige Primatologen. Und auch in puncto Intelligenz sind sie auf vielen Feldern überlegen. So schneiden etwa Schimpansen vor allem bei solchen Tests gut ab, bei denen Kombinationsgabe und das Erkennen von Zusammenhängen gefragt sind. Mühelos erkennen sie, dass sich versteckte Nahrung nicht unter einem flachen Brett befindet, sondern unter dem schrägen, das vom Futter emporgedrückt wird. Hunde versagen hier auf der ganzen Linie. Auch scheitern sie an der Aufgabe, eine hinter einem Gitter sichtbare Belohnung an der richtigen Schnur hervorzuziehen.

Dafür verfügen Haushunde aber von Geburt an über eine Fähigkeit, die sie allen anderen Tieren voraushaben: Sie verstehen es, menschliche Hinweisgesten zu deuten. Miklósi und Kollegen haben das durch ihre Experimente mit Hunden bewiesen. Sie versteckten einen Leckerbissen unter einem Plastiktopf, ohne dass die Hunde zusehen konnten. Dann suchten sie nach deren Blickkontakt und zeigten mit dem Finger auf das Versteck – worauf die Tiere prompt zur richtigen Stelle tapsten und sich den Brocken genehmigten.

Schimpansen bestehen solche Tests auch nach langem Training nicht. Wölfe dagegen schon, wie Adám Miklósis Arbeitsgruppe in Budapest herausgefunden hat. Zwar verhalten sie sich bei Versuchen ungeduldiger und aggressiver als Hunde. Aber sie bringen offenbar die sozialen Grundfertigkeiten mit, die es braucht, sich in die Körpersprache des Menschen „hineinzudenken“.

Solche Unterschiede zeigen sich auch bei Beobachtungen an wild lebenden Tieren. Hier haben Wölfe und Schimpansen auf den ersten Blick vieles gemeinsam: Beide Tierarten leben in komplexen Gemeinschaften, beide kooperieren auf vielfältige Weise mit Artgenossen – bei der Nahrungssuche und der Jagd. Doch die Bindungen innerhalb eines Wolfsrudels sind enger und verlässlicher, weil dessen Mitglieder, bis auf vereinzelte Zuwanderer, von einem einzigen Elternpaar abstammen. Innerhalb einer Schimpansensippe existieren solch enge Verwandtschaftsverhältnisse jedoch nicht.

Wölfe ziehen die Jungen eines Rudels gemeinsam auf und ernähren sie auch nach der Stillzeit gemeinschaftlich; Schimpansenmütter sind dagegen für das Wohl ihrer Kinder letztlich allein verantwortlich – auch wenn sich junge „Tanten“ manchmal neugierig um Jungtiere kümmern. Verliert eine Gruppe ihren Anführer, so gerät ihr gesamter Nachwuchs in akute Lebensgefahr – weil das neue Alphatier häufig mit Gewalt dafür sorgt, dass nur seine Gene weitergegeben werden.

Wölfe hingegen töten einander nicht: Der unterwürfig hingestreckte Hals beendet jeden Kampf. Und anders als bei Affen führen benachbarte Rudel auch keine Kriege gegeneinander.

Das Raubtier Canis lupus zeigt sich im Umgang mit Artgenossen so flexibel, dass Forscher mittlerweile die lange gebräuchliche Aufteilung in Alphatiere und Rangniedere fallen gelassen haben. Wer wann führt und entscheidet, das ist beim Wolfsrudel – ähnlich wie bei Menschen – eher eine Frage von Respekt und Zuneigung innerhalb des Familienverbandes als ein blinder Gehorsamsmechanismus.

Seine besondere Fähigkeit zur sozialen Anpassung hat dem Wolf auf seinem Weg in die Nähe des Menschen den entscheidenden Vorteil verschafft. Und je mehr er zum Hund wurde, desto stärker baute er diese Fähigkeit aus. Wie wichtig sie im Alltag ist, lässt sich etwa an Blindenhunden beobachten. Sie erfüllen ihre Aufgabe, indem sie beim Gang durch die Straßen je nach Bedarf die Führungsrolle übernehmen – oder sie ihrem Herrn überlassen. In etwa der Hälfte aller unklaren Situationen, an Bordsteinen, Abzweigungen oder vor Hindernissen, entscheidet der Mensch. In der anderen Hälfte übernimmt der Hund die Führung.

Und noch eine weitere Eigenschaft, welche die Hunde von ihren wilden Vorfahren abhebt, hat sich im Zusammenleben mit den Menschen entwickelt: Hunde sind imstande, Interesse zu zeigen, ohne Angst zu empfinden. Der Forscher Brian Hare ist überzeugt: „Die Intelligenz der Hunde entstand, als sie die Scheu ihrer Vorfahren durch Neugier und Verträglichkeit ersetzten.“

Das ist in der Geschichte der Evolution ein einzigartiger Fall: dass eine Lebensform ihren Erfolg nicht neuen physischen Eigenschaften verdankt, wie etwa längeren Fangzähnen, sondern womöglich der Entwicklung differenzierter Emotionen. Damit eröffnete sich dem Hund ein Lebensraum, den keine andere Art besetzen konnte. Salopp gesagt: Die biologische Nische des Hundes ist die Freundschaft des Menschen.

DER HAUSHUND, Canis lupus familiaris, entwickelte sich unter dem Schutz des Menschen zu einem der erfolgreichsten Säugetiere der Naturgeschichte. Geschätzte 500 Millionen Dackel und Doggen, Neufundländer und Nackthunde, Pudel und Pekinesen, Bichons Frisées und Bernhardiner machen die Erde zu einem Planeten der Hunde. Die Unterart hat über 350 anerkannte Rassen und ungezählte Mischlingslinien hervorgebracht. Canis lupus hingegen, der biologische Ahn, ist immer weiter zurückgedrängt worden. Seine Bestandszahl wird heute weltweit auf nicht mehr als 200.000 Exemplare geschätzt.

Der Evolutionserfolg des Hundes ist mittlerweile ein erheblicher Wirtschaftsfaktor. So zahlt ein deutscher Haushalt im Schnitt 100 Euro monatlich für Fütterung, Versorgung und medizinische Behandlung seines Vierbeiners. Die Bedürfnisse der fünf Millionen Hunde hierzulande geben 100.000 Menschen Arbeit und sorgen für einen Jahresumsatz von fünf Milliarden Euro – erwirtschaftet von Futterindustrie, Züchtern, Tierärzten, Acessoire-Shops, Frisiersalons, Tierpensionen, Welpenschulen, Agility-Clubs, Hundefriedhöfen und neuerdings sogar Psychotherapeuten für Vierbeiner mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung.

Solche extravaganten Formen von Haustier-Zuwendung erregen auch Spott; viele sehen darin die Symptome einer aus Menschenscheu gespeisten Gefühlsduselei. Doch überbordende Tierliebe erweist sich im Licht der neuesten Forschungen als zutiefst human. Wenn ein Hund im Fremde-Situation-Test demonstriert, dass die Bindung an eine Bezugsperson der eines Kleinkindes an seine Eltern ähnelt, dann erleben Hund und Herr diese Bindung auch innerlich wie Eltern und Kind: als Liebe. Genau das würden viele Millionen Hundehalter auf der ganzen Welt sofort bestätigen: dass ihre Gefühle, die sie „bloß“ zu einem Tier hegen, eine echte, erfüllende Partnerbindung für beide Seiten darstellen.

Wie alle Liebe ist auch die zum Hund gesund. Kinder erleben ihren bellenden Mitbewohner oft wie ein jüngeres Geschwister. Eine Reihe von Untersuchungen hat Hinweise darauf geliefert, dass Kinder, die mit Hund aufwachsen, bessere Schulleistungen erbringen als Altersgenossen ohne vierbeinigen Gefährten. Bei Schülern in Stress-Situationen beruhigen sich Puls und Blutdruck meßbar bereits dann, wenn ein Hund nur den Raum betritt.

Auch Erwachsene, so scheint es, haben medizinische Vorteile durch einen Haushund – auch wenn diesbezügliche Studien mit Vorsicht zu interpretieren sind. So ist etwa die Chance, eine Herzattacke zu überstehen, einer Studie zufolge höher, wenn zu Hause Flocki oder Fido wartet. Und Hundebesitzer im fortgeschrittenen Alter gehen um 20 Prozent seltener zum Arzt als Hundelose. Insgesamt, so Schätzungen von Göttinger Volkswirtschaftlern, helfen Hunde Krankheitskosten von zwei Milliarden Euro sparen. Es erscheint daher fast als Gesundheitsrisiko, keinen Hund zu haben.

Offenbar beschert die älteste Freundschaft der Welt nicht nur den Wolfsnachfahren einen Vorteil. Auch wir profitieren davon, mehr noch: Durch die lange Ko-Evolution mit dem gezähmten Raubtier scheinen wir auf dessen Gegenwart fast angewiesen zu sein. Ohne Hund fehlt vielen Menschen ein Stück Heimat. Oder wie ein Heinz Rühmann zugeschriebenes Bonmot sagt: „Man kann auch ohne Hund leben. Aber es lohnt nicht.“

INZWISCHEN VERMUTEN einige Paläontologen, dass unsere, die menschlichen Gefühle sogar die treibende Kraft bei der Domestikation der Wölfe gewesen sein könnten – und weniger deren Nützlichkeit bei der Jagd oder im Topf.

Der Proto-Hund könnte ein spirituell wichtiges Geschöpf gewesen sein: ein heiliger Mittler zwischen Menschenwelt und Natur. Jäger und Sammler wie die Indianer Nordamerikas betrachten Tiere noch heute als dem Menschen gleichwertige, beseelte Wesen.

Bislang herrscht unter den meisten Prähistorikern noch die darwinistische Auffassung vor: Der Wolf verschaffte seinen neuen Herren einen Vorteil im Überlebenskampf. So nimmt der schwedische Genetiker Peter Savolainen an, dass die ersten Wölfe als Fleischlieferanten domestiziert wurden. Savolainen glaubt, dass der Hund im heutigen Südchina geschaffen wurde, wo dessen Artgenossen nach wie vor gegessen werden. Den Beginn der Zähmung setzt er vor 16.000 Jahren an, als die Menschen begannen, seßhaft zu werden, Reis anzubauen und eben auch Tiere zu zähmen. Den Zeitpunkt schließt Savolainen aus einer Analyse von DNS-Unterschieden bei Hunden auf der ganzen Welt: Weil sich bei Abstammungslinien nach ihrer Trennung kleine Abweichungen in den Gen-Code einschleichen, lässt sich anhand der Größe dieser Unterschiede der ungefähre Zeitpunkt ermitteln, an dem eine neue Linie entstanden ist.

Doch nicht alle historischen Daten passen zur Hypothese des Schweden. Viele deuten statt dessen darauf hin, dass die ersten Hundehalter nicht frühe Bauern waren, sondern bereits prähistorische Jäger und Sammler. Dass diese ihre Hunde nicht als Nutztiere betrachteten, sondern sie kultisch verehrten, vielleicht sogar liebten. Und dass dies viel früher geschah als bisher angenommen. So fand man Teile eines Hundeschädels, zusammen mit menschlichen Überresten, in einem 14.000 Jahre alten Grab – nicht in China, sondern bei Bonn-Oberkassel. Es wäre kaum vorstellbar, dass die in Asien gerade domestizierte Art zur selben Zeit bereits im heutigen Europa auftrat.

Wie sollten die Hunde, die nach Savolainens Auffassung zu diesem Zeitpunkt eben erst entstanden waren, so schnell ihre Reise um die Welt angetreten haben?

„Der Wolf wurde viele Male domestiziert, über einen Zeitraum von Jahrtausenden – und möglicherweise schon sehr früh in der Geschichte von Homo sapiens“, glaubt der Genetiker Robert Wayne von der University of California nachweisen zu können. Derzeit rekonstruiert Wayne die Gene eines spektakulären Fossils: eines 31.700 Jahre alten Schädels aus einer Höhle im belgischen Goyet. Entdeckt hat ihn die Paläontologin Mietje Germonpré. Sie verglich unter anderem die Schnauzenlänge und –breite und das Hirnvolumen des Goyet-Schädels mit den Köpfen gegenwärtiger Wölfe und Hunde. Und kam zu dem Ergebnis: Die Proportionen des Uralt-Kopfes sind eindeutig Hund.

Wenn dieser Befund durch DNS-Analysen bestätigt würde, wäre es nach Ansicht von Germonpré noch wahrscheinlicher, dass Hunde nicht zuerst als Proteinlieferanten in China gehalten wurden. Sondern viel früher – und zu rituellen Zwecken.

DER ARBEITSRAUM der Paläontologin im Neorenaissance-Bau des Brüsseler Naturhistorischen Museums ist gefüllt mit Gebeinen und Schädeln verblichener Tierarten, etwa von Höhlenbären. Die Oberflächen der Knochen glänzen matt wie das Holz der Kolonialstil-Möbel. Gerade hat die Paläontologin eine Reihe von Schädeln aus einer Höhle im tschechischen Předmostí untersucht. Das Alter: über 20.000 Jahre. Germonpré ordnet einige Relikte aufgrund von deren Proportionen Wölfen zu, andere frühen Hunden. Drei Hirnkapseln weisen ein tischtennisballgroßes rundes Loch auf. „Vermutlich haben die Menschen die Tiere geopfert und rituell ihren Schädel geöffnet“, sagt Germonpré. Eine ähnliche Praxis ist von den Ureinwohnern Nordjapans bekannt: Diese zogen junge Bären auf, um sie bei Erreichen des Erwachsenenalters zeremoniell zu schlachten.

In einem solchen Kult liegt für Germonpré der Schlüssel zur Hundwerdung. Sie vermutet, dass die Menschen damals regelmäßig Wölfe großpäppelten. Besonders zahme Welpen wurden nicht geopfert, sondern weiter gepflegt: zur Freude ihrer Besitzer, aber zugleich, um Schlachttiere für künftige Rituale zu züchten.

Diese Theorie klingt fast zu einfach, um glaubhaft zu sein. Doch Erfahrungen aus der Gegenwart belegen: Zur Domestikation eines Wolfsverwandten ist keine jahrzehntelange Züchtungsdisziplin nötig. Bei richtigen Auswahlkriterien vollzieht sich die Hundwerdung in wenigen Generationen.

Diese Erkenntnis ist dem russischen Genetiker Dmitri Beljajew zu verdanken, der in den 1950er Jahren ein einzigartiges Experiment begann. Der Biologe zog in seinem sibirischen Institut Silberfüchse auf, wie sie die Käfige großer Pelzfarmen bevölkern. Anders als dort wählten Beljajews Mitarbeiter aber nicht die Tiere mit dem schönsten Vlies zur Fortpflanzung aus, sondern die zutraulichsten. Sie selektierten nicht nach Schönheit, sondern nach Zahmheit.

Zu Beginn des Zuchtexperiments wichen noch 99 unter 100 Füchsen fauchend vor den Händen des Laborpersonals zurück. Doch schon in den nächsten Generationen, die aus den zahmsten Vorgängern gekreuzt wurden, bemerkten die Wissenschaftler einen immer höheren Anteil von duldsamen Raubtieren. Nach fünf Jahren tauchte das erste Tier auf, das sich winselnd an den Käfig presste und nach der Nähe der Menschen verlangte.

Heute, über 50 Generationen später, ist im sibirischen Institut eine Linie von Füchsen entstanden, die zu 80 Prozent so zahm sind wie Schoßhunde. Schwanzwedelnd rutschen sie auf ihre Pfleger zu und lecken ihnen das Gesicht. Besonders verblüffend: Mit dem Temperament der Raubtiere hat sich auch deren Aussehen geändert. Einige haben Hängeohren wie Pudel. Andere sind gefleckt wie Border-Collies. Dass gerade diese Merkmale – gesprenkeltes Fell und Schlappohren – typisch für domestizierte Tiere sind, hatte schon Charles Darwin bemerkt.

Beljajews Nachfolgerin, die Biologin Lyudmila Trut, hat versucht, den Ursachen dieser Veränderungen genauer auf die Spur zu kommen. Sie fand im Gehirn der zahmsten Füchse einen höheren Serotoninspiegel. Serotonin ist ein Botenstoff, der bei der Hemmung von Aggressionen eine Rolle spielt. Trut identifizierte ein Gen, das auch die Entwicklung von Haut, Haaren und deren Pigmenten steuert. Aussehen und Temperament hängen ab vom Timing der Entwicklung des Embryos und des jungen Welpen, das durch unterschiedliche Hormonspiegel beeinflußt wird. Diese Entwicklungsphasen, vermuten Forscher, könnten bei Hunden und Wölfen zeitversetzt ablaufen – nämlich so, dass erwachsene Hunde manche Verhaltensweisen ihr Leben lang bewahren, die Wölfe nur als Welpen zeigen. Das innere Timing ließe dann also den Hund in mancher Hinsicht immer ein Wolfsbaby bleiben.

Als Neotenie bezeichnen Biologen dieses Beibehalten von Jugendmerkmalen im erwachsenen Leben. Hunde haben schon körperlich große Ähnlichkeit mit einem Jungwolf: Ihre Schnauze ist kürzer, oft haben sie Schlappohren, sie äußern sich vornehmlich durch Bellen – einen Laut, den erwachsene Wölfe kaum noch hören lassen. Aber auch ihr Wesen ist auffallend kindlich: Sie sind duldsam, vertrauensvoll und begegnen ihrer Umwelt mit Neugier und Verträglichkeit – genau den Eigenschaften, die der Hundeforscher Brian Hare als evolutionär neue Emotionen des Hundes identifiziert hat.

Könnte es sein, dass die russischen Fuchszüchter, ebenso wie die ersten Wolfshalter unter den Menschen, nicht einfach die zahmsten Tiere auswählten – sondern vor allem die „kindlichsten“?

Es gibt noch eine Eigenschaft, die Hunde mit Jungtieren anderer Säuger gemeinsam haben: Sie sind deutlich mehr auf Kooperation und feste Regeln, also auf Bindung angewiesen. Und anders als ihre wilden Verwandten bleiben sie es ein Leben lang.

JE GENAUER MAN DAS WESEN von Hunden studiert, desto mehr fällt auf, wie ähnlich wir Menschen ihnen sind. Auch wir bleiben – mehrheitlich jedenfalls – bis ins hohe Alter neugierig und offen; auch wir sind lebenslang auf feste Bindungen angewiesen. Haben wir womöglich auch die gleiche Vorgeschichte wie unsere engsten Gefährten? Haben wir uns auf demselben Weg von unserer wilden Verwandtschaft entfernt? Sind wir Menschen womöglich nichts anderes als besonders „kindliche“ Hominiden?

Vieles spricht dafür, dass sich auch unsere Spezies durch eine geballte Ladung Jugendlichkeit neu definierte. So ähnelt ein erwachsener Homo sapiens eher einem Schimpansenbaby als dessen Eltern. Unsere Körper sind wenig behaart, unsere Gesichter rund und rosig, die Kiefer sind nicht vorgeschoben wie bei erwachsenen Affen. Gab es also in unserer Evolution ein ähnliches Schlüsselereignis, wie es der Wolf erlebte? Begann die Menschwerdung, als wir nicht mehr unserem Rudelmitglied an die Gurgel gingen, wenn es uns ein Stück Fleisch stahl – sondern lernten, einander zu vertrauen? Wurden wir Menschen, als wir zahm wurden?

Brian Hare sagt: „Vielleicht beeinflußt das Temperament mehr als alles andere die Fähigkeit, Probleme zu lösen. Menschliche Intelligenz benötigt ein menschliches Temperament.“ Für uns hieße das: Wir sind in Wahrheit nicht darum so sozial, weil wir so klug sind, sondern wir sind klug, weil wir sozial wurden. Mit anderen Worten: weil es uns gelang, so schlau, so offen neugierig zu bleiben wie Kinder.

Noch hat sich dieses neue Menschenbild in der Wissenschaft nicht durchgesetzt. Die meisten Forscher schreiben den Erfolg des Homo sapiens im Kampf ums Überleben immer noch seiner Aggressivität zu: Wir erfanden die Steinaxt – das machte uns vom pflanzenfressenden Affen zum Raubtier. Wir erfanden die Sprache – und konnten so die Jagd besser koordinieren oder, mit Gesang und Poesie, effizienter um Partner werben. Wir „erfanden“ schließlich den Hund – und wurden so unseren ärgsten Konkurrenten, den Wölfen, überlegen.

Forscher wie Range, Virányi, Miklósi und Hare sind vom Gegenteil überzeugt. Sie glauben, dass zuerst unser freundliches, offenes Temperament entstand – und daraus alle weitere Entwicklung folgte. Sie sind überzeugt, dass die Erforschung der ältesten Freundschaft der Welt uns daher helfen wird, uns unsere eigene Geschichte neu zu deuten.

Nach dem Motto: Erst kam das Vertrauen. Dann die Intelligenz.

 

*     *     *   Ende des GEO-Artikels   *   *   *

 

Daß Wölfe einander innerhalb eines Rudels nicht töten, stimmt zwar, aber tödliche Auseinandersetzungen mit Nachbarrudeln kommen schon vor, wenngleich Wölfe dabei meist um Konfliktvermeidung bemüht sind und zu diesem Zweck ihre Reviere mit Duftmarkierungen und durch gemeinsames Heulen markieren. Die diesbezüglichen Verhaltensweisen sind im nachfolgend zitierten Kapitel „Heulen oder Nicht-Heulen? Wie Wölfe Distanz bewahren“ aus dem Buch „Die Tiere unserer Welt, Band 1: Raubtiere“ vom Equinox-Verlag, 1986 (deutsche Ausgabe: Bertelsmann 1986, Buch-Nr. 08971 4) beschrieben (im englischen Original heißt dieses Kapitel wahrscheinlich „To howl or not to howl“):

HEULEN ODER NICHT-HEULEN?

Wie Wölfe Distanz bewahren

Wolfsrudel im Schnee: In einer langen Reihe macht sich ein Rudel auf, um Beute zu machen. Der Beutezug kann bis zu 1000 km² abdecken, wobei Wölfe gemeinsam sogar große und seltene Beute wie Riesenelche jagen.

Wolfsrudel im Schnee: In einer langen Reihe macht sich ein Rudel auf, um Beute zu machen. Der Beutezug kann bis zu 1000 km² abdecken, wobei Wölfe gemeinsam sogar große und seltene Beute wie Riesenelche jagen.

Gelegentlich treffen Wolfsrudel aufeinander. Dann entwickelt sich leicht ein Kampf, der damit endet, daß ein Wolf auf der Strecke bleibt. Als Zeichen für seinen gewaltsamen Tod durch ein anderes Rudel behält die Leiche einen aggressiven Gesichtsausdruck.

Die Wahrscheinlichkeit solcher unheilvoller Begegnungen wird dadurch geringer, daß jedes Rudel seine Wanderungen auf ein relativ kleines Gebiet von 65  – 300 km² beschränkt. Das Gebiet kann 10 – 20 km breit sein, aber nur etwa der äußerste Bereich wird mit benachbarten Rudeln oder Einzelgängern geteilt. Dieses Randgebiet wird weniger häufig als der Rest des Territoriums besucht – vermutlich wegen der Gefahr, zufällig feindlichen Nachbarn zu begegnen. Wie erkennen Wölfe dieses Randgebiet und gehen ihren Nachbarn aus dem Wege?

Ein Teil der Antwort lautet Duftmarkierung. Die dominanten Tiere in jedem Rudel urinieren etwa alle drei Minuten an Gegenständen oder auffälligen Landmarken, während das Rudel durch dieses Territorium zieht. Die Dichte der Duftmarken in Grenzgebieten ist zweimal so hoch wie andernorts. Denn Wölfe erhöhen die Anzahl der Duftmarkierungen, wenn sie auf die Duftmarken fremder Artgenossen stoßen, was viel häufiger vorkommt, wenn sie in die Randgebiete ihres Territoriums vorstoßen. Diese hohe Dichte an Duftmarken – sowohl der eigenen als auch der von Fremden – befähigt vermutlich ein Rudel, die Grenze zu erkennen und deshalb nicht in noch gefährlichere Gebiete einzudringen. Duftmarken informieren jedoch ein Rudel nur darüber, wo seine Nachbarn waren und wann sie etwa durchgezogen sind, nicht aber darüber, wo sie jetzt sind. Wenn das Nachbarrudel im Grenzgebiet auf derselben Fährte, aber in entgegengesetzter Richtung zieht, dann können Duftmarken, so dicht sie auch sein mögen, ein zufälliges Zusammentreffen nicht verhindern. Wolfsrudel brauchen einen viel schneller wirkenden Ortungsmechanismus, und das Heulen wird diesem Bedürfnis wohl am ehesten gerecht.

Wenn ein Rudel heult, vereinen alle Mitglieder ihre Stimmen. Unter idealen Voraussetzungen kann dieser Chor den Standort eines Rudels über Entfernungen von 10 km anzeigen. So kann ein Rudel blitzschnell seinen jeweiligen Standort über große Teile seines Territoriums kundgeben. Wenn sich zwei Rudel einer gemeinsamen Grenze nähern, erhöhen sie gleichsam die Chance, daß ihr Heulen gehört wird: Je wahrscheinlicher eine Begegnung wird, desto eher hören die Nachbarrudel das Heulen und vermeiden in der Regel ein Zusammentreffen.

Man könnte jetzt erwarten, daß ein Rudel oft heult, wenn es sein Gebiet durchwandert, um sofort zu antworten, wenn es in der Nähe das Heulen fremder Wölfe hört. Aber in Wirklichkeit heulen Wölfe nur ganz sporadisch (nach einer Studie nur alle 10 Stunden), und genauso selten antwortet ein Rudel auf das Heulen fremder Wölfe. Die Gründe für diese offensichtliche Zurückhaltung liegen in einer anderen Möglichkeit des Ausgangs der Begegnung zwischen Rudeln. Häufiger hat man beobachtet, wie Rudel im Superior National Forest in Nachbargebiete eingedrungen sind, einer Fährte zum Aufenthaltsort der Nachbarn folgten und sie dann angegriffen haben. Bei mindestens zwei dieser aktiven „Überfälle“ wurden Mitglieder des angegriffenen Rudels getötet, und in einem Fall wurde das seßhafte Rudel nach dem Angriff offensichtlich zerstreut und sein Territorium von den Eindringlingen eingenommen. So kann die Antwort auf das Chorheulen auch zu einem Angriff reizen.

Obwohl diese absichtlichen Begegnungen seltener sind als zufällige, stellen sie das Rudel vor das Dilemma „antworten oder nicht antworten“. Will ein Rudel die Begegnung vermeiden, löst es dieses Dilemma durch Einhalten einer einfachen Regel. Will das Rudel nur wenige Verluste riskieren, wird es sich ganz ruhig aus der Reichweite der Fremden entfernen. Das Ausbleiben einer Antwort bietet fremden Wölfen, die absichtlich eine Begegnung herbeiführen wollen, keine Anhaltspunkte, während Duftmarken, die das Rudel beim Rückzug hinterläßt, eine von beiden Seiten ungewollte Begegnung verhindern können. Aber wenn Rückzug bedeutet, daß das Rudel wichtige Jagdgründe verliert, dann bleibt es gewöhnlich da, wo es ist, und antwortet. Die wichtigsten Grundlagen für das Überleben eines Wolfsrudels sind Jungtiere und ausreichende Jagdbeute. Keines von beiden kann preisgegeben werden, ohne das Rudel empfindlich zu schwächen. In vier von fünf beobachteten Fällen haben Rudel an frisch geschlagener Beute auf das Heulen von Nachbarn geantwortet. Das beantwortete Heulen des Rudels verhindert jede ungewollte Begegnung. Obwohl sie fremden Wölfen dadurch einen Angriff ermöglichen könnten, scheint die Verteidigungsbereitschaft für die lebenswichtige Beute das noch relativ kleine Risiko eines Angriffs zu überwiegen. Ältere Junge, die sich mit dem Rudel zurückziehen können, und weitgehend aufgezehrte Beutetiere sind kein Grund, ein solches Risiko einzugehen. Es wurde beobachtet, daß unter diesen Umständen nur in 30 % der Fälle geantwortet wurde.

Diese ökonomisch orientierte Entscheidung wird auch von Rudelgröße und Jahreszeit beeinflußt. Ein Rudel von 7 – 10 Wölfen antwortet in 67 % der Nächte, wenn Forscher ihr Geheul imitieren, wogegen ein Rudel von 3 – 5 Tieren nur zu 40 % antwortete. Während der Paarungszeit, wenn die Aggressionen zwischen den Rudeln ihren Höhepunkt erreichen, stieg die Antwortrate in allen Rudeln an.

Ein solitärer Wolf markiert weniger als ein Rudel. Einzelgänger – meist jüngere Tiere, die ihr Heimatrudel verlassen haben – ziehen durch Gebiete, die 10 – 20mal größer sind als die des Rudels. Bei dieser Suche nach einem Eigenterritorium zur Gründung eines eigenen Rudels markiert der solitäre Wolf selten. Viele Einzelgänger erreichen nie ihr Ziel, sondern fallen Jägern, Fallenstellern oder anderen Wolfsrudeln zum Opfer. Sobald er aber ein freies Gebiet in Besitz genommen hat, beginnt der solitäre Wolf, Duftmarken abzusetzen und dem Heulen fremder Wölfe zu antworten, bereit, sein Territorium zu verteidigen.

Wolfsgeheul: Heulende Wölfe verkünden ihre Anwesenheit, um unnötige Auseinandersetzungen mit Nachbarn zu vermeiden.

Wolfsgeheul: Heulende Wölfe verkünden ihre Anwesenheit, um unnötige Auseinandersetzungen mit Nachbarn zu vermeiden.

 

*     *     *   Ende des Buchzitats   *   *   *

 

Als Ergänzung zum GEO-Artikel von Andreas Weber zitiere ich noch zwei Artikel von orf.at über die Evolutionsgeschichte der Hunde von ihren Wolfsvorfahren zu unseren heutigen Haustieren, zunächst diesen Beitrag von orf.at vom 15. Mai 2013:

Wölfe: Schon länger die besten Freunde

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Der Hund gilt als bester Freund des Menschen – und ist es laut einer aktuellen Studie länger als bisher gedacht. Bereits vor 32.000 Jahren dürfte der Wolf gezähmt worden sein, berichten chinesische Forscher. Sie haben das Erbgut von Wölfen, Hunden und Menschen analysiert.

Mensch und Hund haben sich demnach parallel entwickelt: Und das lässt sich anhand einer Reihe von Genen auch im Erbgut nachweisen, berichtet ein Team um den Zoologen Ya-Ping Zhang von der chinesischen Akademie der Wissenschaften in einer Studie.

„Die Arbeit ist ein wichtiger Beitrag zu der sehr großen und komplexen Frage nach dem Ursprung der Hunde“, erklärt Ludwig Huber, Leiter des Messerli-Forschungsinstituts der Veterinärmedizinischen Universität Wien gegenüber science.ORF.at.“

Erbgut von Wölfen und Hunden verglichen

Die Evolution der Hunde wurde bisher oft in zwei Phasen untersucht, schreiben die Forscher. In der ersten Phase steht die Domestizierung von ihren wilden Verwandten im Mittelpunkt, in der zweiten die Züchtungen verschiedener Rassen in den vergangenen 500 Jahren.

Die weltweit allerersten Hunde könnten demzufolge vor rund 16.000 Jahren in China südlich des Jangtse-Flusses gezüchtet worden sein, wie es in einer Studie aus dem Jahr 2009 heißt. Diese Urhunde in Ostasien werden in der aktuellen Untersuchung als „missing link“ der Zähmung bezeichnet. Ihre wilden Vorfahren dürften verschiedene Grauwölfe gewesen sein.

Um noch weiter in die Vergangenheit zurückzublicken, haben die Forscher um Zhang nun das gesamte Erbgut von vier Grauwölfen, drei Abkömmlingen chinesischer Urhunde und drei modernen Rassehunden sequenziert und miteinander verglichen. Dabei zeigte sich eine Trennung der verschiedenen Arten vor rund 32.000 Jahren, die Domestizierung des Wolfes scheint also früher geschehen zu sein als bisher angenommen.

Symbiotische Beziehung

Vergleiche mit menschlichem Erbgut ergaben zudem, dass sich mehrere Gene bei Mensch und Hund parallel entwickelten – in erster Linie solche, die mit Stoffwechsel, Verdauung, Gehirnprozessen und mit Krebs zu tun haben.

Aus beiden Beobachtungen schließen die Forscher, dass es so etwas wie eine „dynamische Zähmung“ des Hundes gegeben haben muss: eine längere Zeit, in der sich Mensch und Wolf bei ihren Streifzügen nach Nahrung langsam angenähert haben.

Dahinter steckt die „Kommensalismus-Hypothese“, wie Ludwig Huber von der Vetmed erklärt. „Das ist eine Form der Interaktion zwischen Individuen verschiedener Arten, die für die eine positiv ist – in dem Fall für den Wolf – für die andere neutral ist. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass Wölfe ganz am Beginn Mitesser (Kommensale) des Menschen waren. Möglicherweise entwickelte sich aber bald eine symbiotische Beziehung, wo beide Arten, also auch die Menschen Vorteile hatten.“

Die domestizierten Wölfe könnten die Menschen vor Gefahren gewarnt oder geschützt haben, vielleicht haben unsere Vorfahren die Tiere bei ihrer Jagd auch beobachtet und sind ihnen zu ihrer Beute gefolgt.

„Parallele Evolution“

Daraus ist die Idee der parallelen Entwicklung von Mensch und Hund entstanden. Die gleiche Umgebung, die beide Arten miteinander teilten, führte zu einer „außergewöhnlichen parallelen Evolution“, wie die Forscher in ihrer aktuellen Studie berichten.

Mit der Zivilisation wuchsen die Mengen an Menschen später an, und das machte z.B. weniger Aggression als zuvor notwendig – die „neurologische Verdrahtung“ im Gehirn änderte sich beim Menschen und beim Hund. Und das lässt sich auch im Erbgut ablesen.

„Unser bester Freund im Tierreich könnte uns mit einem der entzückendsten Systeme versorgen, um die Evolution des Menschen und die Entstehung einiger Krankheiten zu erklären“, schreiben die Forscher.

Das Rätsel nach dem Ursprung des Hundes haben sie aber nicht gelöst, meint Ludwig Huber. Die Genetik alleine werde die Frage nicht klären können. Dazu brauche es noch andere Beweise – in erster Linie Fossilfunde -, die ihre Annahmen unterstützen.

*   *   *

Orf.at-Beitrag vom 15.November 2013:

Der Hund ist ein Europäer

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In Europa und nicht wie oft gedacht in Ostasien wurde aus dem Wolf ein Hund. Jäger und Sammler haben sich vermutlich als erste mit dem Tier angefreundet. Diese Ergebnisse einer genetischen Studie beenden zumindest vorerst die Diskussion um den Ursprung des Hundes.

Begleiter von Jägern und Sammlern

Die Forscher um Olaf Thalmann von der finnischen Universität Turku verglichen das Erbgut moderner Hunde und Wölfe mit jenem von prähistorischen Tieren aus verschiedenen Erdteilen. Demnach stammen alle heute lebenden Hunde von europäischen Vorfahren ab. Eine Beziehung zu Wölfen außerhalb Europas sei hingegen nur entfernt vorhanden. Der Wolf wurde also zuerst in Europa zum besten Freund des Menschen.

Zudem untersuchten Thalmann und seine Kollegen den Zeitpunkt der Domestizierung. Demnach begann sie vor etwa 19.000 bis 32.000 Jahren – zu einer Zeit als Europa von Jägern und Sammlern bevölkert war.

Vermutlich folgten die Wölfe den jagenden Menschen auf der Suche nach Aas und Nahrungsresten und gaben so den Anstoß zum späteren Zusammenleben, schreibt das Team um Thalmann. Es widerspricht damit der bisherigen Annahme, dass die Landwirtschaft Wölfe in die Dörfer lockte und dies zur anschließenden Domestizierung führte.

Gemeinsame Stammbäume

„Damit gab es den Hund als Haustier, lange bevor zum Beispiel Ziegen, Schafe oder Rinder domestiziert wurden“, erklärte Mitautor Johannes Krause vom Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie der Universität Tübingen. Den Forschern zufolge unterscheidet sich das Erbgut von Hund und Wolf bis heute weiterhin kaum. Die Schädelform sei jedoch recht verschieden, so sei etwa die Schnauze beim Hund kürzer als beim Wolf.

Für ihre Studie analysierten die Forscher das Erbgut von 18 prähistorischen Tieren, das von 77 modernen Hunden und das von 49 Wölfen. Dabei nutzen sie die DNA aus den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zellen, das nur über die weibliche Linie weitergegeben wird und daher die Verwandtschaftsbeziehungen sehr genau abbildet.

„Ich war verblüfft, wie deutlich herauskam, dass die heute lebenden Hunde alle auf gemeinsame Stammbäume zurückgehen, nämlich vier Abstammungslinien, die alle in Europa ihren Anfang nahmen“, ergänzte Thalmann.

*   *   *

WIR WOLFSBRÜDER

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Hier komme ich – Deep Roots – nun zu meinen eigenen Darlegungen zu diesem Themenbereich. Manche Passagen in Andreas Webers GEO-Artikel „Von der Wildnis zum Wir“ deuten zwar schon darauf hin, daß der Autor bereits ein bißchen ein Produkt der angestrebten Schafwerdung ist, die Harald in „Die Verschafung der Europäer“ beschrieben hat. Er spielt die Rolle der Aggressivität und der Fähigkeit zur wirksamen Gewaltanwendung beim evolutionären Erfolg des Menschen zu sehr herunter und stellt es so dar, als sei dieser stattdessen hauptsächlich in sozialen Eigenschaften wie Freundlichkeit, Vertrauen und Verträglichkeit begründet. Und in seiner zutreffenden Bemerkung über die Tendenz der menschlichen Entwicklung hin zur Neotenie, wegen der unter anderem die Kiefer von Menschen nicht so stark vorgeschoben sind wie bei erwachsenen Affen, geht er nicht darauf ein, daß es hierbei deutliche Unterschiede zwischen Menschenrassen gibt, die ich in Die ersten Homo sapiens in Europa waren keine Neger hervorgehoben habe.

Aber es stimmt schon, daß eine Verbesserung des Vertrauensverhältnisses und der Kooperationsfähigkeit innerhalb von Menschengruppen ein wesentlicher Erfolgsfaktor gewesen sein muß und daß die zunehmende soziale Interaktion eine erhöhte Intelligenz erforderte und als Selektionsfaktor in dieser Richtung gewirkt hat. Nur kann man das nicht von den anderen Faktoren trennen, als ob es zuerst Vertrauen und Kooperation gegeben hätte und dann aufgrund dessen die Intelligenz gekommen sei, mit der der Mensch sich dann Hilfsmittel wie Waffen, Werkzeuge, Kleidung und Feuer geschaffen habe. All diese Fähigkeiten waren wichtig und werden sich parallel zueinander im Bündel entwickelt haben und bei Fortschritten durch evolutionären Erfolg belohnt worden sein.

Diese Entwicklung wird bereits in Afrika mit dem Übergang vom bloßen Sammeln von pflanzlicher Nahrung und Kleintieren, das jedes Individuum für sich tun konnte, zum gemeinschaftlichen Erwerb größerer tierischer Nahrung begonnen haben. Das könnte zunächst so ausgesehen haben, daß Frühmenschengruppen kleinere Raubtiere mittels Stöcken und Steinwürfen von ihrer Beute vertrieben haben. Später, mit zunehmend besseren Eigenschaften als Steppenläufer, kam dann die Gruppenjagd auf immer schnellere Tiere, die gehetzt wurden, bis sie zu erschöpft zum Weiterlaufen waren und mit Nahdistanzwaffen erlegt werden konnten.

Um hierbei erfolgreich zu sein, war gute Kooperation erforderlich, und eine Voraussetzung für diese war Vertrauen und Sympathie besonders unter den Männern einer Gruppe, wofür wiederum ein Abgehen vom polygamen Alphapavian-Sozialleben der Primaten, bei dem die dominantesten Männchen rücksichtslos und egoistisch um das Vorrecht der Paarung mit den Weibchen kämpfen, hin zu einer monogameren Lebensweise notwendig war, um Rivalitäten wegen Fortpflanzungsmöglichkeiten zu vermeiden.

Dieses Prinzip ist im Wolfsrudel verwirklicht, da Wölfe schon sehr viel länger als der Mensch Jäger sind und sich in diese Richtung entwickeln mußten. In einem Wolfsrudel gibt es nur das züchtende Paar, den Alphawolf und die Alphawölfin, und die anderen Rudelmitglieder sind – bis auf einzelne Tiere, die als verwaiste Welpen adoptiert wurden oder sich dem Rudel als Solitärwölfe angeschlossen haben – dessen Nachkommen der verschiedenen Jahrgänge. Die nächste menschliche Entsprechung zum Wolfsrudel ist also nicht der Stamm oder die Nation, auf die manche dieses Alphawolfprinzip gern übertragen sehen möchten, sondern die Familie, mit Vater und Mutter als Alphawolf und Alphawölfin. Wegen dieser engen Verwandtschaft der Rudelmitglieder untereinander und weil sie so aufeinander angewiesen sind, gibt es in organischen Wolfsrudeln nicht dieses klischeehafte Alphawolfsverhalten, bei dem ständig aggressiv Unterordnung von den anderen eingefordert wird (Respekt gegenüber höherrangigen Rudelmitgliedern allerdings schon). Diese Vorstellung kommt vom Verhalten von Zoowölfen, die oft aus Tieren unterschiedlicher Herkunft zusammengesetzt werden und die sich dann schon harte Rangordnungskämpfe liefern.

Auch andere gängige Vorstellungen über das Sozialverhalten von Wölfen treffen nicht zu: Zum Beispiel sind Betawölfe, von denen es meist ebenfalls ein Paar gibt, häufig die größten und stärksten Tiere des Rudels und helfen den Alphawölfen bei der Durchsetzung ihrer Entscheidungen. Omegawölfe, um die es wegen der Bezeichnung ebenfalls Mißverständnisse gibt, spielen für die Harmonie im Rudel eine wichtige Rolle. Sie entschärfen Spannungen, indem sie Spiele anfangen oder den „Clown“ geben. Sie haben an der gerissenen Beute zwar zunächst Nachrang, wofür aber als Grund vermutet wird, daß dies den höherrangigen Wölfen Positionsveränderungen am Kadaver ermöglichen soll, ohne daß es deswegen unter den noch von der Jagd „hitzigen“ Tieren zu Kämpfen kommt. Sobald die übrigen Wölfe gefressen haben, gewährt man dem Omegawolf Zugang zur Beute, und er bekommt einen hochwertigen Anteil am Futter, den ein Betawolf speziell für ihn verteidigt hat. Es ist schon interessant, daß gerade Tiere, die wie die Wölfe ihren Lebensunterhalt mit der Anwendung tödlicher Gewalt bestreiten, solch einen rücksichtsvollen und fürsorglichen Umgang miteinander entwickelt haben. Auch das Repertoire an Gesten und Signalen hierfür sowie für die Koordinierung bei der Jagd, das Einfühlungsvermögen für das richtige Deuten derselben und allgemeine Empathiefähigkeit gehören dazu.

Wie zuvor gesagt, kann bereits in Afrika unter den zu Jägern werdenden Menschen eine Evolution hin zu solchen Eigenschaften und Fähigkeiten eingesetzt haben, ergänzt und verbessert durch die Sprache als Kommunikationsmittel. Aber es ist sehr plausibel, daß tatsächlich erst unsere Koevolution mit den zu Hunden werdenden Wolfsnachfahren ein bedeutender Faktor dabei war, daß wir uns zu den Menschen entwickelten, die wir heute sind – daß wir erst richtig menschlich in unserem heutigen Sinne wurden, indem wir ein wenig wölfisch wurden. Das Zusammenleben mit den Proto-Hunden als Jagdgefährten und Wächter muß für die Menschengruppen, die sie bei sich hielten, Überlebensvorteile gehabt haben, und Gruppen, in denen es häufiger Mitglieder mit besonders „wolfskompatiblen“ Wesenseigenschaften gab als bei anderen, werden diese Vorteile in größerem Maß nutzen können haben als andere, indem sie besser mit Proto-Hunden zurechtkamen und mehr von ihnen hielten. Mit der Zeit haben sich dann diese wölfischen Eigenschaften zusätzlich auch positiv auf das zwischenmenschliche Funktionieren der Gruppen ausgewirkt und dafür gesorgt, daß sie mehr Nachkommen als andere hinterließen. Homo homini lupus – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf – trifft anscheinend in weit positiverem Sinn doch zu, als man es normalerweise mit diesem Spruch verbindet.

Nicht erwähnt wird allerdings in diesbezüglichen Theorien der Verhaltensforschung, daß es nicht einfach „der Mensch“ allgemein war, der diese Koevolution mit dem Hund durchgemacht und dabei vorteilhafte Eigenschaften gewonnen hat. Tatsächlich waren es nur diejenigen Menschengruppen, die bei ihrer Migration aus dem subsaharischen Afrika in den Lebensraum des Wolfs vordrangen und in Kontakt mit ihm gerieten. Die untenstehende Karte über das natürliche Verbreitungsgebiet des Wolfs einschließlich jener Bereiche, wo er heute ausgestorben ist, gibt Aufschluß darüber, wo dies nur stattgefunden haben konnte – und wo nicht:

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Das ist also der „vierte Faktor“ für die kognitiven, kulturellen und zivilisatorischen Unterschiede zwischen den Europäern und Asiaten (einschließlich der asiatischstämmigen Indianer und Eskimos) einerseits und den Afrikanern andererseits, den ich in Die ersten Homo sapiens in Europa waren keine Neger angekündigt habe. Und das Einfühlungsvermögen gegenüber Tieren, das wir „Nordmenschen“ entwickelt haben, als wir zu „Wolfsbrüdern“ wurden, war wohl auch eine wichtige Voraussetzung dafür, daß wir vor fünftausend bis siebentausend Jahren das nächste „Partnertier“ zähmen konnten – das Pferd.

Dieses Tier hat den Europäern und Asiaten mit seiner Nützlichkeit im Kriegs- und Transportwesen zivilisatorische Fortschritte ermöglicht, die es in Afrika oder auf dem amerikanischen Doppelkontinent nie gegeben hat, und der Umgang mit ihm könnte über die Jahrtausende die Weiterentwicklung jener menschlichen Wesenszüge zusätzlich gefördert haben, die seine Domestizierung erst möglich machten.

Es wäre interessant zu wissen, ob das Zebra nicht doch auch zu zähmen gewesen wäre wie das Pferd und der Esel (und das Kamel). Zwar heißt es, daß die Domestikation des Zebras kaum jemals gelungen sei, weil diese Tiere auch in Gefangenschaft scheu und bissig bleiben und die Menschen beißen (in Extremfällen sogar totbeißen), die sie führen wollen. Dagegen läßt sich jedoch einwenden, daß auch die allerersten gezähmten Wildpferde vor Jahrtausenden nicht gerade pflegeleicht gewesen sein werden, und daß die Zähmung von Zebras in manchen Fällen doch in praktikabler Weise durchgeführt worden ist, wie die nachfolgenden Bilder zeigen:

Springreiten mit einem zahmen Zebra, Ostafrika um 1900.

Springreiten mit einem zahmen Zebra, Ostafrika um 1900.

 

Kavalleristen der Deutschen Schutztruppe auf Zebras in Deutsch-Ostafrika, 1911.

Kavalleristen der Deutschen Schutztruppe auf Zebras in Deutsch-Ostafrika, 1911.

 

Lord Lionel Walter Rothschild mit seiner Zebrakutsche, mit der er häufig durch London fuhr.

Lord Lionel Walter Rothschild mit seiner Zebrakutsche, mit der er häufig durch London fuhr.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts importierte Gouverneur George Grey Zebras nach Neuseeland und nutzte sie auf seiner Privatinsel als Zugtiere für seine Kutsche. Und auch Dr. Rosendo Ribeiro, der erste Arzt in Nairobi, verwendete 1907 ein Reit-Zebra für Hausbesuche:

rosendo_ribeiro_on_zebra

Auch wenn das nur Ausnahmezebras gewesen sein sollten, müßte es doch möglich sein, daraus über Generationen zahmere Populationen zu züchten, so wie das ja auch zu Beginn der Pferdedomestikation abgelaufen sein wird. Ich halte es für gut möglich, daß den Negern einfach die Wesenseigenschaften von uns „Wolfsbrüdern“ gefehlt haben, die für eine Zähmung des Zebras nötig gewesen wären, während die Europäer das später nicht mehr konsequent versucht haben, weil sie da ja schon Pferde hatten.

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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