Was wäre wenn…? WikiLeaks, 1941

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Von Srdja Trifkovic, übersetzt von Deep Roots.

Das Original What If… erschien am 7. Dezember 2010 bei „Gates of Vienna“.

Vorwort von Baron Bodissey:

Es gibt zwei Hauptströmungen in den heutigen Nachrichten.

Die erste hat mit den fortdauernden Beben infolge der von WikiLeaks veröffentlichten diplomatischen Telegrammen zu tun, die weiterhin politische Führer überall auf der Welt durchrütteln. Die zweite ist der neunundsechzigste Jahrestag des japanischen Angriffs auf Pearl Harbor.

Beide Strömungen sind von Srdja Trifkovic in einem denkwürdigen Essay für „Chronicles“ zusammengeführt worden. Nachfolgend einige Auszüge:

WikiLeaks 1941, von Srdja Trifkovic

7. Dezember 2010

Über zweitausendvierhundert amerikanische Seeleute, Soldaten und Flieger wurden heute vor 69 Jahren in Pearl Harbor getötet. Hätten wir damals 1941 ein Äquivalent zu WikiLeaks gehabt, dann hätte der Lauf der Geschichte jedoch sehr unterschiedlich sein können. Es wäre für Franklin Delano Roosevelt viel schwieriger gewesen, das Land dahin zu manövrieren, daß es im Pazifik angegriffen wird, um es ihm zu ermöglichen, den Krieg in Europa zu führen, was die ganze Zeit sein leidenschaftlicher Wunsch gewesen war.

Ein Infoleck – nur eines! – hätte Roosevelts großen Plan beinahe torpediert. Mitte 1941 bezog er die Kriegspläne des Heeres-, Marine- und Luftwaffenstabes in eine Politik ein, die er „Victory Program“ nannte und mittels der er Amerika auf den Krieg gegen Deutschland und Japan vorbereitete, ungeachtet der Opposition im Kongreß und des Volkswillens. Seine Absicht war es, die öffentliche Meinung zur Unterstützung des Programms zu verleiten, weil die versprochene Steigerung der Waffenproduktion mehr Arbeitsplätze und eine gesündere Wirtschaft bedeutete. Ein Unterstützer des America First Committee, Senator Burton K. Wheeler, erhielt von einer Quelle innerhalb des Air Corps ein Exemplar des als geheim eingestuften Victory Program und leitete es am 4. Dezember 1941 an zwei Zeitungen weiter, die Chicago Tribune (damals eine seriöse Tageszeitung) und den Washington Times-Herald (der schon lange eingestellt ist). Sofort brach lautstarke öffentliche Opposition gegen den Plan los, hörte aber drei Tage später, am 7. Dezember 1941, auf. Der Kongreß beschloß bald das Victory Program mit wenigen Änderungen. Die Japaner waren auf Stichwort aufgetreten.

Stellen Sie sich die Konsequenzen vor, wenn die Chicago Tribune und der Washington Times-Herald während der vorhergehenden paar Monate eine Serie weiterer „Leaks“ veröffentlicht hätten, einschließlich des Folgenden:

Berlin, 27. September 1940. Die US-Botschaft meldet die Unterzeichnung des Dreimächtepakts, des Abkommens auf gegenseitige Unterstützung zwischen Deutschland, Italien und Japan: „Er bietet die Möglichkeit, daß Deutschland Amerika den Krieg erklärt, wenn Amerika in den Krieg gegen Japan eintreten sollte, was bedeutende Auswirkungen auf die US-Politik gegenüber Japan haben könnte.

Washington, 7. Oktober 1940: Nachdem er die Implikationen des Dreimächtepakts überdacht hat, schlägt Lt.Cdr. Arthur McCollum, USN, vom Office of Naval Intelligence (Marinegeheimdienst, ONI) eine Strategie vor, mit der Japan zum Angriff gegen die USA provoziert werden soll, wodurch die Bestimmungen des Dreimächtepakts hinsichtlich gegenseitiger Unterstützung in Kraft treten und Amerika endlich in den Krieg in Europa bringen. Der Vorschlag sah acht spezifische Schritte vor, die darauf abzielten, Japan zu provozieren. Sein Kernstück war, die US-Flotte als Lockmittel für einen japanischen Angriff in Hawaii zu halten und ein Ölembargo gegen Japan einzuführen. „Wenn Japan durch diese Mittel dazu verleitet werden kann, eine offene Kriegshandlung zu begehen, umso besser,“ schloß das Memo.

Washington, 23. Juni 1941: Einen Tag nach Hitlers Angriff auf Sowjetrußland schrieb Harold Ickes, der Innenminister und Berater von FDR ein Memo für den Präsidenten, in dem es hieß, daß „sich aus dem Ölembargo gegen Japan solch eine Situation entwickeln könnte, die es nicht nur möglich, sondern leicht machen würde, in effektiver Weise in diesen Krieg einzutreten. Und wenn wir solcherart indirekt hineingezogen werden, würden wir die Kritik vermeiden, daß wir als Verbündeter des kommunistischen Rußland darin eingetreten sind.“

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(Baron Bodissey):Mr.Trifkovic listet eine Anzahl weiterer Telegramme auf, die zu diesem schändlichen Tag führten. Gehen Sie rüber zu Chronicles, um den Rest zu lesen – der, wie der Autor hervorhebt, Geschichte ist.

Und genau das habe ich (Deep Roots) getan und diesen Rest hier für euch übersetzt (Bilder von mir eingefügt):

Washington, 22. Juli 1941: Admiral Richmond Turners Bericht besagt, daß „die Unterbrechung des amerikanischen Ölnachschubs an Japan prompt zur Invasion Niederländisch-Ostindiens führen wird: Es scheint gewiß, daß Japan auch militärische Aktionen gegen die Philippinen durchführen wird, was uns unmittelbar in einen pazifischen Krieg hineinziehen würde.“

Washington, 24. Juli 1941: Präsident Roosevelt sagt: „Wenn wir das Öl abgedreht hätten, wären sie wahrscheinlich schon vor einem Jahr nach Niederländisch-Ostindien runtergegangen, und ihr hättet Krieg gehabt.“ Am folgenden Tag friert er die japanischen Vermögenswerte in den Vereinigten Staaten ein und verhängt ein Ölembargo gegen Japan.

London, 14. August 1941: Nachdem er den Präsidenten bei der Atlantikkonferenz getroffen hatte, notierte Premierminister Winston Churchill „die erstaunliche Tiefe von Roosevelts intensivem Verlangen nach Krieg.“ Premierminister ist sich bewußt, daß FDR den isolationistischen Widerstand gegen „Europas Krieg“ überwinden muß, den die meisten Amerikaner und ihre gewählten Vertreter empfinden.

Washington, 24. September 1941: Nachdem er ein Jahr zuvor die japanischen Marinecodes geknackt hatte, entschlüsselt der US-Marinenachrichtendienst eine Botschaft des Hauptquartiers des Marinegeheimdienstes in Tokio an Japans Generalkonsul in Hawaii, in der ein Raster der exakten Positionen von Schiffen der U.S. Navy im Hafen angefordert wird. Die Befehlshaber in Hawaii werden nicht gewarnt.

Schlachtschiff USS New Mexico (BB-40) 1935 in Pearl Harbor.

Schlachtschiff USS New Mexico (BB-40) 1935 in Pearl Harbor.

Washington, 18. Oktober 1941: FDRs Freund und Berater Harold Ickes notiert in seinem Tagebuch: „Seit langem habe ich geglaubt, daß unser bester Eintritt in den Krieg über Japan erfolgen würde.“ Aber vier Tage später zeigt eine Meinungsumfrage, daß 74 % der Amerikaner gegen einen Krieg mit Japan waren und nur 13 % dafür.

Washington, 25. November 1941: Kriegsminister Stimson schreibt, daß FDR sagte, daß ein Krieg innerhalb von Tagen wahrscheinlich sei, und fragt sich, „wie man sie dazu bringen könnte, den ersten Schuß abzufeuern, ohne zu viel Gefahr für uns selbst… Trotz des damit verbundenen Risikos, die Japaner den ersten Schuß abfeuern zu lassen, erkannten wir jedoch, daß es zur Erlangung der vollen Unterstützung des amerikanischen Volkes wünschenswert war, sicherzustellen, daß die Japaner diejenigen waren, die das taten, sodaß kein Zweifel bei irgend jemand darüber bliebe, wer die Aggressoren waren.“

Washington, 26. November 1941: Beide US-Flugzeugträger, die Enterprise und die Lexington, werden aus Pearl Harbor befohlen, „so schnell wie möglich“. Derselbe Befehl beinhaltete die Entblößung von Pearl um 50 Flugzeuge, 40 % seines bereits unzureichenden Jagdfliegerschutzes.

Flugzeugträger USS Enterprise (CV-6).

Flugzeugträger USS Enterprise (CV-6).

Washington, 26. November 1941: Außenminister Hull fordert den vollständigen Abzug aller japanischen Truppen aus Französisch-Indochina und aus China.

Tokio, 27. November 1941: Der US-Botschafter in Japan, Grew, sagt, daß dies „das Dokument ist, das den Knopf betätigt hat, der den Krieg auslöste.“ Die Japaner reagierten auf Stichwort: Am 1. Dezember wurde vom Kaiser die endgültige Autorisation erteilt, nachdem eine Mehrheit der japanischen Führer ihn dahingehend beraten hatte, daß die Hull Note „die Früchte der China-Aktion vernichten, die Mandschurei gefährden und die japanische Kontrolle über Korea untergraben würde.“

San Francisco, 1. Dezember 1941: Der 12th Naval District des Office of Naval Intelligence in San Francisco fand die japanische Flotte, indem er Berichte der vier Funknachrichtendienste und mehrerer Reedereien korrelierte, daß sie Signale westlich von Hawaii empfingen. Zahlreiche der japanischen Funksendungen werden vom US-Marinenachrichtendienst aufgefangen.

Washington, 5. Dezember 1941, 10 Uhr: Präsident Roosevelt schreibt dem australischen Premierminister, daß „die nächsten vier oder fünf Tage die Sache mit Japan entscheiden werden.“

Washington, 5. Dezember 1941, 5 Uhr nachmittags: Bei einer Kabinettssitzung sagt Marineminister Frank Knox: „Nun, Sie wissen, Mr. President, daß wir wissen, wo die japanische Flotte ist?“ FDR antwortete: „Ja, ich weiß… nun, Sie sagen ihnen, was los ist, Frank.“ Gerade als Knox reden wollte, schien Roosevelt es sich anders zu überlegen und unterbrach ihn: „Wir haben keine vollständige Information über ihr anscheinendes Ziel.“

Washington, 6. Dezember 1941, 9 Uhr abends: Bei einem Dinner im Weißen Haus erhielt Roosevelt die ersten dreizehn Teile einer entschlüsselten fünfzehnteiligen japanischen diplomatischen Kriegserklärung und sagte zu Harry Hopkins: „Das bedeutet Krieg!“, aber er unterbrach die Abendveranstaltung nicht und gab keine Befehle, das Militär auf einen Angriff vorzubereiten.

Und, wie es in dem alten Klischee heißt, der Rest ist Geschichte…

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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