Der tote Raumfahrer – Teil 1

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Von James Patrick Hogan. Das Original „Inherit the Stars“ wurde 1977 veröffentlicht, die deutsche Fassung (übersetzt von Andreas Brandhorst) erschien 1981 im Moewig-Verlag (ISBN 3-8118-3538-6) und ist heute nur noch in Gebrauchtexemplaren über Amazon erhältlich.

Hier ist der Klappentext aus der deutschen Ausgabe:

Im Staub des Mondes findet man einen mumifizierten Menschen in einem roten Raumanzug. Man nennt ihn „Charlie“.

Wie sich herausstellt, ist Charlie 50.000 Jahre alt. Aber vor 50.000 Jahren gab es noch keine Menschen, die wie Charlie aussahen. Und sie hatten weder Raumanzüge, noch konnten sie den Mond erreichen. Charlies Existenz bringt die Grundlagen der Menschheitsgeschichte durcheinander. Wer ist Charlie?

Weitere Funde und Nachforschungen ergeben, daß sich vor 50.000 Jahren etwas Einschneidendes im Sonnensystem ereignet hat. Ein Drama scheint sich abgespielt zu haben, ein Drama, das auch für die Erde einen tiefen Einschnitt bedeutete. Aber die Lösung ist komplizierter, als dies in den Theorien der Wissenschaftler zum Ausdruck kommt. Immer neue Widersprüche tun sich auf.

Als sich endlich die wahre Geschichte des toten Raumfahrers abzeichnet, ergeben sich Konsequenzen, die weit in das Leben jedes einzelnen hineinreichen.

*     *     *

Prolog

Er spürte, wie sein Bewußtsein zurückkehrte.

Instinktiv prallte sein wiedererwachter Verstand zurück, so als bedürfe es nur einer Willensanstrengung, die unablässig dahintropfenden Sekunden anzuhalten und in die Zone zeitlosen Vergessens zurückzukehren, in der die Qual der totalen Erschöpfung unbekannt und ohne Essenz war.

Das Hämmern, das seine Brust zu sprengen gedroht hatte, war verstummt. Die Schweißbäche, die zusammen mit seiner Kraft aus jeder Pore seines Körpers geströmt waren, versiegten. Seine Glieder waren schwer wie Blei. Das Rasseln der Lungen hatte sich in einen stetigen und gleichmäßigen Rhythmus zurückverwandelt. Er dröhnte laut im abgeschlossenen Innern seines Helms.

Er versuchte sich daran zu erinnern, wie viele umgekommen waren. Ihr Schlaf war endgültig; für ihn gab es noch keine Ruhe. Wie lange konnte er noch so weitermachen? Wie war die Lage? Hatte in Gorda überhaupt jemand überlebt?

„Gorda…? Gorda…?

Sein geistiger Widerstand konnte ihn nicht länger von der Wirklichkeit abschirmen.

„Ich muß nach Gorda!“

Er schlug die Augen auf. Milliarden ruhig leuchtender Sterne starrten ihm teilnahmslos entgegen. Der Körper gehorchte ihm nicht, als er sich zu bewegen versuchte; er schien die wertvollen Augenblicke der Entspannung unbedingt bis zum letzten auskosten zu wollen. Er atmete tief durch und kämpfte sich in die Höhe, in eine sitzende Position, weg vom Felsen. Jäher Schmerz peinigte jede einzelne Faser seines Körpers, und er biß die Zähne zusammen. Sein Kopf kippte nach vorn und prallte gegen die Sichtscheibe des Helms. Die Übelkeit verschwand.

Er stöhnte laut.

„Na, geht’s jetzt besser, Soldat?“ Klar drang die Stimme aus dem Lautsprecher in seinem Helm. „Die Sonne geht unter. Wir sollten uns beeilen.“

Er hob den Kopf und betrachtete müde die alptraumhafte Wildnis aus verbrannten Felsen und aschgrauem Staub, die ihn umgab.

„Wo…“ Der Laut kratzte in seiner Kehle. Er schluckte, befeuchtete seine Lippen und versuchte es erneut. „Wo bist du?“

„Rechts von dir, auf der Anhöhe, direkt über der kleinen Felswand, die hier herausragt… die mit den großen Felsblöcken darunter.“

Er wandte den Kopf zur Seite, und nach ein paar Sekunden entdeckte er einen schimmernden blauen Fleck vor dem tintenschwarzen Himmel. Er schien verschwommen und weit entfernt zu sein. Der Soldat zwinkerte, strengte seine Augen erneut an und zwang das Hirn, die optischen Daten zu koordinieren. Der blaue Fleck entpuppte sich als der unermüdliche Koriel, der einen Hochleistungs-Kampfanzug trug.

„Ich sehe dich.“ Und nach einer Pause: „Wie steht’s?“

„Auf der anderen Seite der Anhöhe ist es relativ flach. Dortlang scheint’s mir der einfachste Weg zu sein. Weiter drüben wird’s felsiger. Komm rauf und sieh’s dir an.“

Er reckte zentimeterweise die Arme hoch, damit er sich an dem Felsen in seinem Rücken abstützen konnte, und spannte sie dann, um sich auf die Beine zu heben. Sein Gesicht verzerrte sich, als er alle verbliebene Energie auf die kraftlosen Oberschenkel zu konzentrieren versuchte. Wieder begann das Herz zu hämmern, wieder rasselten die Lungen. Die Anstrengung war umsonst, und er fiel gegen den Felsen zurück. Sein keuchender Atem krächzte aus Koriels Funkempfänger.

„Aus… kann nicht mehr…“

Die blaue Gestalt am Horizont drehte sich um. „He, sag nicht so was. Es ist nicht mehr weit. Wir sind doch schon fast da, Kumpel… fast da.“

„Nein… nein, mit mir ist’s aus…“

Koriel zögerte ein paar Sekunden. „Ich komme wieder runter.“

„Nein, geh du allein. Irgend jemand muß durchkommen.“

Keine Antwort.

„Koriel…?“

Er starrte dorthin, wo er die Gestalt gesehen hatte, doch sie war hinter den Felsen, die seine Funksignale absorbierten, verschwunden. Ein oder zwei Minuten später tauchte Koriel hinter einigen nahen Felsblöcken wieder auf und eilte ihm mit langen Sprüngen mühelos entgegen. Aus den Sätzen wurden normale Schritte, als Koriel die zusammengekrümmte, in den roten Anzug gekleidete Gestalt erreichte.

„Komm schon, Soldat, hoch mit dir. Da sind immer noch ein paar Leute, die sich auf uns verlassen.“

Er spürte, wie ihn etwas unter den Armen packte und er, ohne eigenen Antrieb, langsam in die Höhe kam, so als ob ein Teil von Koriels unbegrenzten Kraftreserven in ihn überströmte. Eine Zeitlang drehte sich alles vor seinen Augen, und er lehnte den Kopf gegen die Schulterinsignien des Riesen neben ihm.

„In Ordnung,“ brachte er schließlich hervor. „Geh’n wir.“

Stunde um Stunde wuchs die dünne Schlange aus Fußspuren, deren Kopf aus zwei Farbklecksen bestand, in die Länge – nach Westen, durch die Ödnis, in der die Schatten immer länger wurden. Er bewegte sich wie in Trance, spürte keinen Schmerz mehr, keine Erschöpfung – er spürte gar nichts mehr. Der Horizont schien sich niemals zu verändern; bald konnte er seinen Anblick nicht mehr ertragen. Statt dessen betrachtete er die nächste ins Auge fallende Felsnadel oder Klippe und begann, die Schritte zu zählen, bis sie sie erreicht hatten. „Zweihundertdreizehn weniger.“ Und dann noch einmal… und noch einmal… immer wieder. Wie eine langsame, endlose und gleichgültige Prozession glitten die Felsen an ihnen vorbei. Jeder einzelne Schritt wurde zu einem Sieg des Willens… Es war eine konzentrierte, bewußte Anstrengung, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Wenn er strauchelte, war Koriel immer zur Stelle, um ihm wieder in die Höhe zu helfen. Koriel ermüdete nie.

Schließlich hielten sie an. Sie befanden sich in einer Schlucht, die etwa vierhundert Meter breit war, unterhalb einer der niedrigen, zerklüfteten Felswände, die die Schlucht zu beiden Seiten flankierten. Am nächsten Felsblock brach er zusammen. Koriel befand sich ein paar Schritte voraus und überblickte die Landschaft. Die Vorsprünge und Klippen unmittelbar über ihnen wurden von einem Einschnitt unterbrochen. Er markierte jene Stelle, an der sich eine steile, enge Spalte bis ganz hinunter erstreckte, um dann in die Felswand der Hauptschlucht zu münden. Vom Ende der Spalte aus führte ein Hang aus angehäuftem Gesteinsschutt und Felstrümmern nahezu zwanzig Meter bis zum Boden der Schlucht hinunter. Er endete nicht weit von ihnen entfernt. Koriel streckte einen Arm aus und deutete auf einen Punkt jenseits des Risses.

„Dort etwa müßte Gorda liegen“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Der beste Weg scheint mir durch die Spalte hindurch und dann den Bergrücken hinauf zu sein. Wenn wir in der Ebene bleiben und das alles umgehen, dauert es zu lange. Was meinst du?“

Der andere starrte in stummer Verzweiflung hinauf. Die Felslawine, die sich bis zum Anfang der Spalte auftürmte, sah wie ein Gebirge aus. Dahinter, in der Ferne, ragte der zerklüftete Bergrücken empor; weißblendend lag er im Licht der Sonne. Es war unmöglich.

Koriel gestattete seinen Zweifeln nicht, sich zu entfalten. Irgendwie – rutschend, kriechend, stolpernd und stürzend – gelangten sie bis dort hinauf, wo die Spalte begann. Dahinter strebten die Felswände aufeinander zu, wandten sich nach links und nahmen ihnen so die Sicht auf die Schlucht unter ihnen, aus der sie gekommen waren. Sie kletterten höher. Um sie herum reflektierten die Geröllmassen das grelle Sonnenlicht, und Schatten, die wie bodenlose Abgründe wirkten, zogen auf Felsen, deren gesplitterte Oberflächen tausend verschiedene Winkel aufwiesen, messerscharfe Grenzen zwischen Hell und Dunkel. Sein Hirn war bald nicht mehr in der Lage, aus der wahnwitzigen, aus Schwarz und Weiß zusammengesetzten Geometrie, die wie ein Kaleidoskop über seine Netzhaut huschte, Gestalt und Form seiner Umgebung zu extrahieren. Die Muster wuchsen und schrumpften und verschmolzen und wirbelten mit der Raserei einer visuellen Kakophonie umher.

Sein Gesicht prallte gegen die Sichtscheibe, als sein Helm dumpf in den Staub schlug. Koriel zerrte ihn wieder auf die Beine. „Du kannst es schaffen. Vom Bergrücken aus können wir Gorda sehen. Und dann geht es nur noch bergab…“

Aber die in Rot gekleidete Gestalt sank langsam auf die Knie und kippte vornüber. Der Kopf im Innern des Helms baumelte schwach von einer Seite zur anderen. Als Koriel ihn beobachtete, erkannte der bewußte Teil seines Verstandes jene unausweichliche Logik, die sein Unterbewußtsein längst akzeptiert hatte. Er atmete tief durch und sah sich um.

Nicht weit hinter ihnen befand sich eine Höhle, an der sie vorbeimarschiert waren, knapp zwei Meter breit, direkt am Fuße einer der Felswände. Sie wirkte wie das Überbleibsel eines in Vergessenheit geratenen Aushubs – vielleicht die Probegrabung einer Bergbaugruppe. Der Riese bückte sich, packte das Gurtzeug, das den Tornister auf dem Rücken des nun Bewußtlosen befestigte, und schleppte den Reglosen den Hang wieder hinunter, zur Höhle hin. Sie war etwa drei Meter tief. Eilig ging Koriel daran, eine Lampe zu installieren, deren Licht von den Wänden trüb reflektiert wurde. Dann holte er die Lebensmittelrationen aus der Vorratstasche seines Kameraden, lehnte den Bewußtlosen so bequem wie möglich an die Wand und placierte die Lebensmittelbehälter so, daß er sie leicht erreichen konnte. Gerade als er fertig war, öffneten sich hinter der Helmscheibe die Augen.

„Hier kannst du eine Weile ausruhen.“ Die übliche Ruppigkeit war aus Koriels Tonfall verschwunden. „Noch bevor du bis drei gezählt hast, bin ich mit einer Rettungsmannschaft von Gorda zurück.“

Der Rotgekleidete hob müde einen Arm. Aus Koriels Helmlautsprecher drang nur ein Wispern.

„Du… du hast versucht… Niemand kann…“

Koriel umfaßte mit beiden Händen den ihm entgegengestreckten Handschuh. „Du darfst nicht aufgeben. Reiß dich zusammen. Du mußt hier nur eine Weile aushalten.“ Seine granitfarbenen Wangen waren feucht. Er trat zum Ausgang der Höhle zurück und grüßte ein letztes Mal. „Halt die Ohren steif, Soldat.“ Und dann war er verschwunden.

Draußen errichtete er eine kleine Steinpyramide, um so die Höhle zu markieren. Auf dem ganzen Weg bis nach Gorda würde er solche Pyramiden bauen. Schließlich richtete er sich auf und wandte sein Gesicht herausfordernd der Trostlosigkeit zu, die ihn umgab. Die Felsen schienen ihn in lautlosem Hohn zu verspotten. Die Sterne über ihm schimmerten unbewegt. Koriel starrte auf die Spalte, die sich bis hin zu den Felszacken und Terrassen erstreckte, die den Zugang zum Bergrücken bewachten, der sich in der Ferne erhob. Er fletschte die Zähne.

„So – jetzt sind nur noch wir beide übrig, nicht wahr?“ knurrte er das Universum an. „In Ordnung, du Mißgeburt… wollen mal sehen, wer diese Runde gewinnt!“

Seine Beine bewegten sich wie die Kolben eines Motors, als er den bis zur Endlosigkeit ansteigenden Steilhang in Angriff nahm.

*     *     *

1

Begleitet von einem leisen, aber kräftigen Jaulen stieg ein gewaltiger, silberner Torpedo langsam empor, bis er etwa sechshundert Meter über dem würfelförmigen Gewimmel der Londoner City schwebte. Er war über dreihundert Meter lang und verbreiterte sich am Heck zu einem Delta, das mit zwei spitz zulaufenden Leitfinnen besetzt war. Eine Zeitlang kreiste das Schiff, als genieße es seine wiedergefundene Freiheit. Sein Bug schwang anmutig herum, als es sich nach Norden ausrichtete. Dann schließlich begann es Fahrt aufzunehmen und zu steigen, unmerklich erst, aber doch mit ständig steigender Geschwindigkeit. Das Dröhnen intensivierte sich. In einer Höhe von dreitausend Metern wurden die Triebwerke auf Vollschub gefahren, und sie schleuderten den suborbitalen Skyliner ungeduldig bis an die Grenze zum freien All.

In der Reihe einunddreißig auf dem C-Deck saß Dr. Victor Hunt, Leiter der Abteilung für Theoretische Studien der Metadyne Nucleonic Instrument Company of Reading, Berkshire – eine Tochtergesellschaft der gewaltigen Intercontinental Data and Control Corporation mit Sitz in Portland, Oregon, USA. Geistesabwesend betrachtete er die Bilder vom immer kleiner werdenden Hendon, die über den Wandbildschirm der Kabine flimmerten, und versuchte erneut, so etwas wie eine Erklärung für die Ereignisse der letzten Tage zu finden.

Seine Arbeiten an der Materie-Antimaterie-Auflösung waren gut vorangekommen. Forsyth-Scott hatte Hunts Berichte mit sichtlichem Interesse studiert, und deshalb wußte er, daß die Tests gut vorangekommen waren. Umso eigenartiger war es, daß er Hunt eines Morgens in sein Büro zitiert und ihn einfach gebeten hatte, alles stehen und liegen zu lassen und so bald wie möglich zur IDCC-Zentrale in Portland zu fliegen. Ausdrucksweise und Gebaren des Geschäftsführers hatten deutlich gemacht, daß er sein Ersuchen hauptsächlich der Höflichkeit halber in solch freundliche Worte gekleidet hatte. In Wirklichkeit handelte es sich hier um eine der seltenen Gelegenheiten, in der Hunt keine Wahl mehr blieb.

Auf Hunts Fragen hin hatte Forsyth-Scott freimütig verkündet, daß er keine Ahnung habe, warum Hunts Anwesenheit in der IDCC-Zentrale so dringend erforderlich sei. Am vorhergehenden Abend hatte Forsyth-Scott eine Videonachricht von Felix Borlan, dem Präsidenten der IDCC, erhalten. Borlan hatte angeordnet, daß der einzige funktionierende Skop-Prototyp für den sofortigen Versand in die USA vorbereitet werden sollte. Die Sache habe absolute Priorität. Ein Installationsteam solle ebenfalls nach Portland fliegen. Er hatte auch darauf bestanden, daß Hunt persönlich für unbestimmte Zeit herüberkam, um an irgendeinem Projekt mitzuarbeiten, das keinen Aufschub duldete. Forsyth-Scott hatte Borlans Nachricht auf dem Tischdisplay noch einmal abgespielt, nur um Hunt zu zeigen, daß er tatsächlich im Sinne einer Direktive handelte, deren Hintergrund er nicht verstand. Seltsamer noch, Borlan selbst schien ebenfalls nicht in der Lage gewesen zu sein, präzise zu formulieren, wofür das Instrument und sein Erfinder unbedingt benötigt wurden.

Das Trimagniskop war als Folge von Hunts zweijährigen Forschungen hinsichtlich bestimmter Aspekte der Neutrino-Physik entwickelt worden und versprach das vielversprechendste Wagnis zu werden, das die IDCC je eingegangen war. Hunt hatte nachgewiesen, daß ein Neutrinostrahl, der durch eine feste Masse gesandt wurde, in der unmittelbaren Nähe von Atomkernen gewissen Wechselwirkungen unterlag, die das Energieniveau des Strahls meßbar veränderten. Er hatte eine Möglichkeit entwickelt, durch Rasterabtastung eines Objekts mit drei synchronisierten, sich überkreuzenden Strahlen genügend Daten zu gewinnen, um damit ein 3D-Farbhologramm zu erzeugen, das vom Original optisch nicht zu unterscheiden war. Und da die Neutrinostrahlen feste Materie vollständig durchdrangen, war es überdies genauso einfach, innere sowie auch äußere Optikanzeigen zu gewinnen.

Verbunden mit der Hochleistungsverstärkung, die in diese Technik integriert war, erwuchsen daraus Möglichkeiten, die von nichts, was der Markt derzeit anbot, auch nur annähernd erreicht wurden. Die Untersuchung des quantitativen Zellstoffwechsels, Bionik, Neurochirurgie, Metallurgie, Qualitätskontrolle – die Anzahl der möglichen Anwendungsbereiche war nicht abzuschätzen. Nachfrage und Profit würden enorm sein. Den Prototyp und seinen Schöpfer in die USA zu schaffen, machte einen Strich durch die sorgfältige Produktionsplanung, ließ den Marketing-Feldzug wirkungslos verpuffen und grenzte an eine Katastrophe. Borlan wußte dies so gut wie jeder andere auch. Je mehr Hunt darüber nachdachte, desto weniger plausibel erschienen ihm die verschiedenen möglichen Erklärungen, die ihm zuerst in den Sinn gekommen waren, und desto sicherer wurde er, daß die Antwort auf seine Fragen, wie auch immer sie aussehen mochte, nicht bei Felix Borlan oder der IDCC zu finden war.

Sein Gedankengang wurde von einer Stimme unterbrochen, die aus dem Lautsprecher drang, der irgendwo in der Kabinendecke installiert war.

„Guten Tag, meine Damen und Herren. Hier spricht Flugkapitän Mason. Im Namen der British Airways möchte ich Sie an Bord dieser Boeing 1017 herzlich willkommen heißen. Wir haben nun unsere normale Flughöhe von achtzig Stundenkilometern und die Standardreisegeschwindigkeit von 5900 Stundenkilometern erreicht. Unser Kurs ist fünfunddreißig Grad West, und die Küste mit Liverpool liegt jetzt Steuerbord acht Kilometer entfernt. Sie können nun Ihre Plätze verlassen. Die Bars sind geöffnet; Drinks und Snacks warten auf Sie. Wir werden planmäßig um zehn Uhr achtunddreißig lokaler Zeit in San Francisco eintreffen – also in genau einer Stunde und fünfzig Minuten. Ich möchte Sie an die sicherheitstechnische Vorschrift erinnern, zu Beginn unseres Landeanfluges in einer Stunde und fünfunddreißig Minuten wieder Ihre Plätze einzunehmen. Zehn Minuten vor Beginn des Landeanflugs wird ein akustisches Signal ertönen, das sich nach fünf Minuten noch einmal wiederholt. Wir sind überzeugt, der Flug wird Ihnen gefallen. Vielen Dank.“

Das Klicken, mit dem sich der Flugkapitän abschaltete, ging im allgemeinen Stimmengewirr unter, als die Passagiere ein Wettrennen um die Vi-Phon-Nischen veranstalteten.

Im Sessel neben Hunt saß Rob Gray, der Leiter der Metadyne-Abteilung für Experimentelle Technik. Auf seinen Knien lag ein geöffneter Aktenkoffer. Er betrachtete die Informationen, die der in den Deckel integrierte Bildschirm zeigte.

„Fünfzehn Minuten nach unserer Landung in Frisco geht eine Linienmaschine nach Portland“, verkündete er. „Das wird ein bißchen knapp. Dann ist vier Stunden nichts mehr drin. Was meinen Sie?“ Er unterstrich seine Frage mit hochgezogenen Augenbrauen und einem kurzen Blick auf seinen Nachbarn.

Hunt verzog das Gesicht. „Ich bin nicht gerade entzückt davon, vier Stunden in Frisco rumzuhängen. Buchen Sie uns einen Avis-Jet – dann fliegen wir selbst.“

„Daran habe ich auch gedacht.“

Gray ließ seine Finger über die Minitastatur unter dem Bildschirm huschen und rief damit ein Register ab. Er betrachtete es kurz und betätigte dann eine andere Taste, die ein Verzeichnis auf dem Bildschirm erscheinen ließ. Er wählte eine der Nummern aus den Zahlenkolonnen und tippte sie, leise vor sich hinsprechend, ein. Die eingegebenen Zahlen leuchteten nahe dem unteren Ende des Bildschirms auf, damit er die Nummer bestätigen konnte. Dann betätigte er den Rufer. Für ein paar Sekunden wurde der Bildschirm blind, dann flammte auf der Schirmfläche ein Konglomerat aus durcheinanderwirbelnden Farben auf, aus dem sich unmittelbar darauf die Gesichtszüge einer Platinblonden schälten, die jene Art des Lächelns zur Schau stellte, das normalerweise für die Zahnpastawerbung reserviert ist.

„Guten Morgen. Hier ist Avis San Francisco, City-Zentrale. Mein Name ist Sue Parker. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“

Gray sprach in das Mikrofongitter, das direkt neben den winzigen Aufnahmeobjektiven über dem Bild angebracht war. „Hallo Sue. Mein Name ist Gray – R. J. Gray. Bin auf dem Weg nach Frisco, planmäßige Ankunft in zwei Stunden von jetzt an gerechnet. Kann ich einen Aircar reservieren lassen?“

„Aber klar. Reichweite?“

„Oh… na, so siebenhundert…“ Er warf Hunt einen Blick zu.

„Besser tausend“, schlug der vor.

„Buchen Sie bitte tausend Kilometer Minimum.“

„Kein Problem, Mr. Gray. Wir haben Skyrover. Mercury Drei, Honigbienen und Gelbvögel. Haben Sie bestimmte Wünsche?

„Nein, keine.“

„Dann buche ich einen Mercury. Haben Sie eine Vorstellung, wie lange Sie ihn brauchen werden?“

„Nein… äh… auf unbestimmte Zeit.“

„In Ordnung. Automatiknavigation und Computer-Flugkontrolle? Vielleicht einen Senkrechtstarter?“

„Das wäre wünschenswert, und… äh, ja.“

„Sie haben eine gültige Fluglizenz?“ Die Blondine betätigte unsichtbare Tasten, während sie sprach.

„Ja.“

„Würden Sie mir bitte Ihre Personalangaben und Kontodaten überspielen?“

Während des Gesprächs hatte Gray die betreffende Karte bereits aus der Brieftasche entnommen. Er schob sie in den Schlitz an der einen Seite des Displays und betätigte einen Knopf.

Die Blondine befragte andere unsichtbare Orakel. „In Ordnung“, verkündete sie. „Noch andere Piloten?“

„Einer. Ein Dr. Victor Hunt.“

„Seine Personalangaben?“

Gray nahm Hunts schon bereitgehaltene Karte und tauschte sie gegen seine aus. Dann wiederholte sich das Ritual. Das Gesicht verschwand vom Schirm und wurde durch eine Tabelle ersetzt, in deren Spalten bestimmte Stichworte zu lesen waren.

„Würden Sie die Angaben bitte prüfen und dann die Zahlung anweisen?“ sagte die Automatenstimme vom Lautsprechergrill. „Die Gebühren werden rechts angezeigt.“

Grays Blick huschte flink über den Schirm. Dann brummte er und gab mittels eines Tastendrucks den Freigabeimpuls für eine bestimmte Datenfrequenz, die nicht extra noch einmal auf dem Schirm angezeigt wurde. In der Spalte, die mit „Bestätigung“ beschriftet war, leuchtete das Wort POSITIV auf. Dann erschien erneut das immer noch lächelnde Gesicht der Sekretärin auf dem Schirm.

„Wann holen Sie den Jet ab, Mr. Gray?“ erkundigte sie sich.

Gray wandte sich Hunt zu. „Essen wir am Flughafen erst noch zu Mittag?“

Hunt schnitt eine Grimasse. „Nicht nach dieser Party letzte Nacht. Ich könnte nichts runterbringen.“ Sein Gesicht nahm einen Ausdruck heftigen Abscheus an, als er das Innere des Müllcontainers befeuchtete, der einst sein Mund gewesen war. „Lassen Sie uns heute abend irgendwas essen.“

„So um elf Uhr dreißig herum“, schlug Gray vor.

„Er wird für Sie bereitstehen.“

„Danke, Sue.“

„Ich danke Ihnen. Auf Wiedersehen.“

„Tschüß.“

Gray betätigte einen Schalter, zog den Stecker seines Aktenkoffers aus der Steckdose, die in die Armlehne seines Sessels eingelassen war, wickelte das Verbindungskabel auf und hakte es in den Befestiger am Deckel. Dann schloß er den Koffer und verstaute ihn hinter seinen Füßen.

„Alles erledigt“, stellte er fest.

Das Trimagniskop war das bisher letzte Glied in einer langen Kette von technologischen Triumphen der Metadyne-Produktentwicklung – ins Leben gerufen, überarbeitet und bis zur Vollkommenheit entwickelt durch die erfolgreiche Teamarbeit von Hunt und Gray. Hunt war der Ideenlieferant, hatte in der Firma eine Art freiberuflichen Status und brauchte sich nur mit den Studien und Experimenten zu beschäftigen, die auf seine eigenen Launen zurückzuführen waren oder den Erfordernissen seiner Forschungen entsprachen. Der Titel, den man ihm gegeben hatte, war ein wenig irreführend: In Wirklichkeit war er die Abteilung Theoretische Studien. Es war ihm gelungen, eine klare Einordnung seiner Position in die Direktionshierarchie des Unternehmens zu vermeiden. Abgesehen vom Geschäftsführer Sir Francis Forsyth-Scott unterstand er keinem Vorgesetzten, und er hatte es auch nicht nötig, Untergebenen gegenüber zu prahlen. Im Organisationsdiagramm der Gesellschaft stand das Kästchen „Theoretische Studien“ allein und abseits der Stablinienverbindungen, so als sei es nachträglich hinzugefügt worden. Im Innern des Kästchens stand nur ein einzelner Name: Dr. Victor Hunt. Das war es, was er mochte – eine symbiotische Beziehung, in der Metadyne ihm Geräteausstattung, Anlagen, Service und das Geld, das er für seine Arbeiten brauchte, zur Verfügung stellte. Andererseits überließ er Metadyne erstens das Prestige, eine weltweite Kapazität auf dem Gebiet nuklearer Infrastruktur auf den Lohnlisten zu führen, und lieferte zweitens – was aber ganz sicher nicht von zweitrangiger Bedeutung war – einen beständigen Ideenstrom.

Gray war der Ingenieur. Er war das Sieb, das den Ideenstrom filterte. Er hatte die besondere Fähigkeit, jene Prachtstücke unter den noch nicht ganz ausgegorenen Ideen ausfindig zu machen, die ein Verwendungspotential besaßen. Er verwandelte die Ideen in entwickelte, getestete, absatzfähige Produkte und Produktverbesserungen. Wie Hunt hatte er alle Tücken und Gräben der pubertären Unvernunft unbeschadet überstanden und war als Mittdreißiger, unverheiratet zwar, aber glücklich, wieder zum Vorschein gekommen. Er teilte sich mit Hunt die Begeisterung für die Arbeit, als Gegengewicht dazu einen gesunden Widerwillen den meisten Todsünden gegenüber und sein Adreßbuch. Alles in allem kamen sie gut miteinander aus und waren ein fähiges Team.

Gray nagte an der Unterlippe und rieb das linke Ohrläppchen. Er nagte immer an der Unterlippe und rieb das linke Ohrläppchen, wenn er zu fachsimpeln begann.

„Eine Ahnung, was los ist?“, fragte er.

„In dieser Borlan-Sache?“

„Mhm-hm.“

Hunt schüttelte den Kopf, bevor er sich eine Zigarette anzündete. „Keinen blassen Schimmer.“

„Nun… Angenommen, Felix hat ein heißes Ding in Sachen Skop-Verkauf aufgetan… vielleicht hat er einen dieser dicken Yankee-Kunden angespitzt. Und jetzt plant er so ‘ne Superdemo oder was in der Art.“

Hunt schüttelte erneut den Kopf. „Nein, Felix würde nicht wegen so was Metadynes Kosten in die Höhe treiben. Nun, wie dem auch sei, es ergibt keinen Sinn. Im Normalfall wird der Kaufinteressierte dorthin geflogen, wo sich das Skop befindet, und nicht umgekehrt.“

„Mmmm… Ich nehme an, so ähnlich verhält es sich auch mit der anderen Idee, die mir gekommen ist – eine Art Blitz-Teach-in für alle IDCC-Angestellten.“

„Stimmt, da läuft’s genauso.“

„Mmmm…“ Als Gray erneut sprach, hatten sie weitere zehn Kilometer zurückgelegt. „Wie ist das überhaupt mit der Überführung? Das ganze Skop ist verdammt groß – und Felix will, daß es in die Staaten geschafft wird.“

Hunt dachte über diese Vermutung nach. „Ich glaube, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Er achtet Francis zu sehr, um eine solche Kraftprobe wirklich durchzuziehen. Er weiß, daß es bei Francis gut aufgehoben ist. Außerdem, das ist nicht seine Art – diese Heimlichtuerei, meine ich.“  Hunt schwieg, um eine blaue Dunstwolke auszuatmen. „Allerdings glaube ich auch, da tut sich etwas hinter den Kulissen, von dem wir noch nichts ahnen. Ich hatte den Eindruck, daß nicht einmal Felix ganz sicher war, worum es eigentlich geht.“

„Mmmm…“ Gray dachte noch etwas länger nach, bevor er seinen Ausflug in die Sphären deduktiver Logik fortsetzte. Er betrachtete die immer weiter anwachsende Strömung aus menschlichen Leibern, die in Richtung C-Deck-Bar wogte. „Mein Magen ist auch ein bißchen durcheinander“, bekannte er. „Ich fühle mich, als hätte ich gestern abend die Bierkiste mit runtergespült. Kommen Sie, lassen Sie uns einen Kaffee trinken.“

In dem sternübersäten, samtenen Schwarz des Alls einige tausend Kilometer höher beobachtete der Kommunikationssatellit Sirius Vierzehn mit kalten, allwissenden elektronischen Augen den Skyliner, der über die marmorierte Kugel unter ihm dahin raste. Unter den pausenlos durch seine Antennen strömenden binären Daten entdeckte er eine Anfrage des Gamma-Neun-Hauptcomputers der dahinrasenden Boeing, in der um die neueste Wettervorhersage für Nordkalifornien gebeten wurde. Sirius Vierzehn gab die Anfrage an Sirius Zwölf weiter, der hoch über den kanadischen Rocky Mountains hing. Zwölf übermittelte sie an die Verteilerstation bei Edmonton. Von hier aus wurde die Anfrage per Glasfaserkabel an Vancouver Control übertragen und von dort aus per Mikrowellensender an die Wetterstation in Seattle. Einige Tausendstel Sekunden später legte die Antwort den Weg in entgegengesetzter Richtung zurück. Gamma Neun verarbeitete die Information, nahm ein oder zwei geringfügige Veränderungen an Kurs und Flugplan vor und sandte eine Aufzeichnung des Dialogs an die Bodenkontrolle in Prestwick.

2

Zehn Tage lang hatte es geregnet.

Die Abteilung für technische Entwicklung des Ministeriums für Raumwissenschaften duckte sich naß in einen Einschnitt im Ural. Gelegentlich wurde ein verirrter Sonnenstrahl von einem Laboratoriumsfenster oder der Aluminiumkuppel des Reaktors reflektiert.

Walerija Petrokowa saß in ihrem Büro in der Analysesektion und wandte sich dem Stapel von Berichten zu, der sich auf der linken Seite des Schreibtisches befand und ihrer routinemäßigen Genehmigung bedurfte. Die ersten zwei beschäftigten sich mit Hochtemperatur-Korrosionstests. Sie blätterte flüchtig die Seiten durch, warf einen Blick auf die beigefügten Diagramme und Tabellen, kritzelte ihre Initialen auf die Unterschriftslinie und warf die Berichte dann in den Kasten, der mit der Beschriftung „Ausgang“ markiert war. Dann überflog sie die erste Seite von Bericht Nummer drei. Plötzlich hielt sie inne und runzelte verwirrt die Stirn. Sie lehnte sich in ihrem Sessel vor und begann erneut zu lesen, diesmal sorgfältiger und jeden einzelnen Satz prüfend. Schließlich nahm sie sich noch mal den Anfang vor und arbeitete sich methodisch durch das ganze Dokument. Sie hielt nur inne, um die Berechnungen mit Hilfe des Rechners zu überprüfen, der auf der einen Seite ihres Schreibtisches stand.

„So etwas gibt’s doch gar nicht!“ rief sie.

Eine Zeitlang saß sie stocksteif da, und ihre Augen betrachteten nur die Regentropfen, die an der Fensterscheibe herunterliefen. Aber ihre Gedanken beschäftigten sich mit ganz anderen Dingen, so daß sie die Tropfen gar nicht bewußt wahrnahm. Schließlich rief sie sich wieder zur Ordnung, wandte sich erneut der Tastatur zu und tippte eine bestimmte Nummer ein. Die Ketten aus Tensorgleichungen lösten sich auf und wurden durch eine Profilansicht ihres Assistenten ersetzt, der sich in dem Kontrollraum einen Stock tiefer gerade über eine Konsole beugte. Als er sich ihr zuwandte, wurde aus dem Profil ein vollständiges Gesicht.

„Wir können in zwanzig Minuten beginnen“, sagte er, um die Frage vorweg zu nehmen. „Das Plasma stabilisiert sich bereits.“

„Nein, damit hat mein Anruf gar nichts zu tun“, entgegnete sie und sprach dabei ein wenig schneller als gewöhnlich. „Es handelt sich um Ihren Bericht Nummer 2906. Ich habe gerade die Kopie durchgesehen.“

„Oh… ja?“ Sein Gesichtsausdruck veränderte sich, deutete nun so etwas wie Besorgnis an.

„Also – eine Niobium-Zirkonium-Legierung“, fuhr sie mit einer Feststellung fort, anstatt eine Frage zu stellen, „mit einer beispiellosen Beständigkeit gegenüber Hochtemperatur-Oxydation und einem Schmelzpunkt, den ich, offen gesagt, für unmöglich halte, bevor ich die Tests nicht selbst durchgeführt habe.“

„Dagegen sind unsere Plasmaabschirmer weich wie Butter“, stimmte Josef zu.

„Und trotz der Beimischung von Niobium weist es eine geringere durchschnittliche Neutronen-Absorption auf als reines Zirkonium?“

„Mikroskopisch, ja – unter einem Millibarn pro Quadratzentimeter.“

„Interessant“, grübelte sie, dann fuhr sie etwas lebhafter fort: „Darüber hinaus haben wir Zirkonium in der Alpha-Phase mit Silizium-, Kohlenstoff- und Stickstoffverunreinigungen, und trotzdem weist es eine hervorragende Korrosionsbeständigkeit auf.“

„Heißes Kohlendioxid, Fluoride, organische Säuren, unterchlorigsaure Salze – wir haben es mit allem ausprobiert. Gewöhnlich erfolgt zu Anfang eine Reaktion, aber die findet durch innere Barriereschichten rasch ein Ende. Wahrscheinlich erfolgt eine stärkere Reaktion, wenn man stufenweise vorgeht, verschiedene Reagenzen benutzt, in der richtigen Reihenfolge. Aber dazu wäre ein umfangreiches Instrumentarium erforderlich, das extra für diesen Zweck konstruiert werden müßte.“

„Und die Mikrostruktur“, sagte Walerija und deutete auf Papiere auf ihrem Schreibtisch. „Sie haben die Bezeichnung faserig verwendet.“

„Ja. Besser kann man es nicht ausdrücken. Die Legierung scheint sich an… nun, an einer Art mikrokristallinem Gitterwerk zu stabilisieren. Es besteht hauptsächlich aus Silizium und Kohlenstoff, aber auch aus lokalen Konzentrationen einer Titanium-Magnesium-Verbindung, die wir bisher noch nicht quantifizieren konnten. Auf so etwas bin ich noch nicht gestoßen. Vorschläge?“

Ihr Blick trieb für einen Augenblick in die Ferne ab.

„Offen gesagt, im Augenblick weiß ich auch nicht, was ich davon halten soll“, gab sie zu. „Aber ich glaube, diese Informationen sollten unverzüglich an höhere Dienststellen weitergeleitet werden; sie könnten von größerer Bedeutung sein, als es im Augenblick scheinen mag. Zuerst aber muß ich wirklich sicher sein. Nikolai kann dort unten für einen Augenblick übernehmen. Kommen Sie in mein Büro, und wir gehen dann alles noch einmal detailliert durch.“

3

Die Portlander Zentrale der Intercontinental Data and Control Corporation lag fast sechzig Kilometer östlich der Stadt – wie ein Wächter vor dem Paß zwischen dem Mount Adams im Norden und dem Mount Hood im Süden. Irgendwann in ferner Vergangenheit hatte sich hier ein kleineres Binnenmeer einen Weg durch das Kaskadengebirge zum Pazifik gefressen. Mit der Zeit war daraus der mächtige Columbiastrom geworden.

Vor fünfzehn Jahren lag hier noch der Sitz des Kernwaffen-Forschungszentrums Bonneville, das der Regierung unterstanden hatte. Hier hatten amerikanische Wissenschaftler in Zusammenarbeit mit der Bundesforschungsanstalt der Vereinigten Staaten von Europa in Genf die Theorie der Meson-Energetik entwickelt, aus der die Nukleonbombe hervorgegangen war. Die Theorie hatte eine „saubere“ Reaktion mit größerer Wirkungskraft als die einer thermonuklearen Fusion postuliert, und die Krater, die in die Sahara gesprengt worden waren, waren dafür Beweis genug.

Während jener Epoche waren die ideologischen und rassischen Spannungen, das Erbe des zwanzigsten Jahrhunderts, durch eine Welle von allgemeinem Wohlstand und fallenden Geburtenraten hinweggespült worden. Das war vor allem der fortgeschrittenen Technisierung des Lebens zu verdanken gewesen. Die traditionellen Barrieren, die Argwohn und Hader errichtet hatten, verloren zunehmend an Wirkung, als Rassen, Nationen, Sekten und Parteien in der weltumspannenden homogenen Gesellschaft miteinander verschmolzen. Als sich die territorialen Irrationalitäten längst überholter politischer Ideen auflösten und die jungen Nationalstaaten ihren Reifeprozeß abgeschlossen hatten, wurden die Verteidigungsbudgets der Supermächte Jahr für Jahr reduziert. Das Vorhandensein der Nukleonbombe beschleunigte nur das, was ohnehin geschehen wäre. Infolge allgemeiner Billigung wurde die weltweite Abrüstung Wirklichkeit.

Ein Bereich profitierte gewaltig von dem plötzlichen Geldüberhang, der durch die Abrüstung entstand: das rasch an Umfang zunehmende Sonnensystem-Erforschungsprogramm der Vereinten Nationen. Die Liste der Projekte, die dieses Programm bereits zuwege gebracht hatte, konnte sich sehen lassen. Sie umfaßte die Inbetriebnahme aller künstlichen Satelliten in irdischen, lunaren, marsianischen, venusischen und solaren Umlaufbahnen, Konstruktion und Unterhaltung aller bemannten Stützpunkte auf dem Mond und dem Mars sowie der Forschungslaboratorien im Venusorbit, den Start von automatischen Tiefraumsonden sowie Planung und Durchführung bemannter Expeditionen zu den äußeren Planeten. Der Umfang des SSEPVN-Programms dehnte sich gerade zur richtigen Zeit im richtigen Maße aus, um all jene Spitzenkräfte aufzunehmen, die freigesetzt worden waren, als die Hauptaufrüstungsvorhaben in der Welt zu den Akten gelegt wurden. Und als der Nationalismus dahinschwand und die meisten regulären Armeen aufgelöst wurden, fand die Jugend der neuen Generation in den uniformierten Abteilungen der UN-Weltraumorganisation ein Ventil für ihre Abenteuerlust. Es war ein Zeitalter von Aufregung und freudiger Erwartung, als die neuen jungen Pioniere quer durch das Sonnensystem von Planet zu Planet eilten.

Durch diese Entwicklung hatte das KWFZ Bonneville seine Bedeutung verloren. Den Direktoren der IDCC entging dies nicht. Sie stellten fest, daß der größte Teil der Ausstattung und Festinstallationen, die dem KWFZ gehörten, für die Forschungsprogramme der Firma verwendet werden konnten. So traten sie mit dem Vorschlag an die Regierung heran, die ganze Anlage aufzukaufen. Das Angebot wurde angenommen, der Handel abgeschlossen. Im Laufe der Jahre hatte die IDCC den Gebäudekomplex ausgebaut, das Äußere ästhetischer gestaltet und das Ganze schließlich zu ihrem nukleonischen Forschungszentrum und Firmensitz gemacht.

Die mathematische Theorie der Meson-Energetik postulierte auch die Existenz dreier bis dahin unbekannter transuranischer Elemente. Obgleich sie nur rein hypothetischer Natur waren, wurden sie Hyperium, Bonnevillium und Genevium genannt. Die Theorie behauptete weiter, daß diese Elemente infolge eines „Fehlers“ in der sonst konträr wirkenden Massen-Bindungsenergie stabil sein würden, sobald die einmal entstanden waren.

Es war allerdings unwahrscheinlich, in der freien Natur auf sie zu stoßen – ganz sicher jedenfalls nicht auf der Erde. Konnte man den Gleichungen Glauben schenken, dann waren nur zwei Möglichkeiten denkbar, die richtigen Voraussetzungen für ihre Entstehung zu schaffen: das Hitzezentrum bei der Zündung einer Nukleonbombe oder der Schwerkraftkollaps einer Supernova, die dadurch zu einem Neutronenstern wird.

Kurz nach drei gingen Hunt und Gray auf dem Dachlandefeld der IDCC-Verwaltung nieder. Um halb vier saßen sie schon in ledernen Sesseln vor dem Schreibtisch in Borlans luxuriösem Büro im zehnten Stock, während er an der Teakholzbar in der Wand zu ihrer Linken drei reichliche Scotch einschenkte. Endlich kehrte Borlan zum Schreibtisch zurück, reichte den Engländern ihre Drinks, umrundete den Schreibtisch und ließ sich nieder.

„Dann Prost“, sagte er. Sie tranken ihm zu. „Nun“, begann er, ich freue mich, Sie beide wiederzusehen. Angenehme Reise gehabt? Wie haben Sie es so schnell geschafft – einen Jet gemietet?“ Während er sprach, öffnete er eine Zigarrenkiste und schob sie über den Tisch. „Rauchen Sie?“

„Der Flug war in Ordnung, Felix, danke der Nachfrage“, gab Hunt zurück. „Wir sind mit einem Avis-Jet gekommen.“ Er beugte sich vor, um aus dem Fenster hinter Borlan zu blicken. Man hatte eine panoramaartige Aussicht auf mit Kiefern bewachsene Hügel, die sich bis hinunter zum fernen Columbia erstreckten. „Netter Ausblick.“

„Gefällt es Ihnen?“

„Berkshire scheint dagegen ein bißchen wie Sibirien zu sein.“

Borlan sah Gray an. „Wie geht es Ihnen, Rob?“

„Mies.“

„Die Fete letzte Nacht war ziemlich wüst“, erklärte Hunt. „In seinen Adern fließt zuwenig Blut im Alkohol.“

„Ja, war’s nett?“ grinste Borlan. „War Francis mit von der Partie?“

„Sie scherzen wohl?“

„Ausschweifungen mit dem gemeinen Volk zusammen?“ Gray imitierte den gezierten Tonfall der englischen Aristokratie. „Gütiger Himmel! Das ist der Untergang des Empire!“

Sie lachten. Inmitten einer blauen Dunstwolke machte Hunt es sich bequem. „Wie steht’s bei Ihnen, Felix?“ fragte er. „Ist das Leben noch immer so großzügig zu Ihnen?“

Borlan breitete die Arme weit aus. „Ach, das Leben ist großartig.“

„Ist Angie immer noch so hübsch wie das letzte Mal, als ich sie gesehen habe? Die Kinder gesund?“

„Alles ist in bester Ordnung. Tommy geht nun aufs College – er studiert Physik und Astronautik. Johnny geht an den meisten Wochenenden wandern, und Susie hat unserem Hauszoo ein Paar Wüstenmäuse und ein Bärenjunges hinzugefügt.“

„Also läuft bei Ihnen wie immer alles bestens. Die Verantwortung, die auf Ihren Schultern lastet, hat Sie noch nicht geschafft.“

Borlan zuckte mit den Achseln und zeigte eine Reihe perlweißer Zähne. „Sehe ich vielleicht wie ein krebsleidender Tropf kurz vor dem Herzinfarkt aus?“

Während sich Borlan auf der anderen Seite des Mahagonischreibtisches behaglich räkelte, musterte Hunt das tiefgebräunte Gesicht mit den blauen Augen und das kurzgeschorene blonde Haar. Er sah auf unverschämte Weise mindestens zehn Jahre jünger aus, als man das vom Präsidenten eines weltweiten Unternehmens erwartete.

Eine Zeitlang drehte sich ihr Geplauder um den Klatsch bei Metadyne. Nach einer Weile schwiegen sie. Hunt beugte sich mit auf den Knien abgestützten Ellbogen vor und konzentrierte sich auf sein Glas, in dem er den Rest der bernsteinfarbenen Flüssigkeit von rechts nach links und dann wieder zurück schwenkte.

„Zum Skop, Felix. Was ist eigentlich los?“

Borlan hatte diese Frage erwartet. Er richtete sich langsam in seinem Sessel auf und schien einen Augenblick nachzudenken. Dann sagte er: „Kennen Sie die Nachricht, die ich Francis übermittelt habe?“

„Klar.“

„Nun…“ Borlan schien nicht recht zu wissen, wie er es ausdrücken sollte. „So viel mehr als Sie weiß ich eigentlich auch nicht.“ Mit einer Geste, die Offenheit andeuten sollte, legte er die Hände auf den Tisch. Doch sein Seufzen hörte sich so an, als erwarte er nicht wirklich, daß man ihm glaubte. Und damit behielt er recht.

„Kommen Sie, Felix. Raus mit der Sprache.“ Hunts Gesichtsausdruck war deutlicher als seine Worte.

„Schließlich haben Sie alles arrangiert“, bohrte Gray. „Sie müssen mehr wissen.“

„Richtig.“ Borlan sah von einem zum anderen. „Sehen wir die Lage mal im globalen Maßstab: Wer, meinen Sie, ist wohl unser größter Kunde? Es ist kein Geheimnis – die UN-Weltraumorganisation. Wir stellen eine Menge für sie her, von lunaren Meßstationen bis hin zu… Laser-Endfokussierern und automatischen Sonden. Haben Sie eine Vorstellung davon, welche Einkünfte ich im nächsten Finanzjahr von der UNWO zu erwarten habe? Zweihundert Millionen Mäuse… zweihundert Millionen!“

„Ja und?“

„Ja… Nun, wenn ein solcher Kunde kommt und Hilfe braucht, dann bekommt er sie. Ich werde Ihnen sagen, was geschehen ist. Die UNWO ist ein großer potentieller Kunde für die Trimagniskope, also haben wir ihnen alle Informationen darüber zukommen lassen, was das Skop zu leisten vermag und welche Fortschritte Francis‘ Kästchen macht. Eines Tages – an dem Tag, bevor ich Francis benachrichtigte – kommt also dieser Mann den ganzen Weg von Houston, wo eine der großen UNWO-Einrichtungen ihren Zentralsitz hat, herüber, um mit mir zu sprechen. Er ist ein alter Kumpel von mir – und sozusagen ihr Top-Mann. Er will wissen, ob das Skop dies und jenes bewerkstelligen könne, und ich sage ihm, klar könne es das. Dann nennt er einige Beispiele jener Dinge, die ihm im Hinterkopf herumspuken, und fragt mich, ob wir bereits ein einsatzfähiges Modell hätten. Ich sage ihm, daß wir noch nicht soweit sind, daß Sie aber in England ein funktionstüchtiges Modell haben und wir eine Vorführung arrangieren könnten, wenn er es wünschte. Aber er wollte noch mehr. Er will den Prototyp nach Houston gebracht haben, und er will Leute, die damit umgehen können. Er zahle alles, sagte er – jeden Preis, den wir verlangen. Er will das Instrument unbedingt haben; scheint irgend etwas mit dem Projekt zu tun zu haben, das die ganze UNWO in helle Aufregung versetzt hat. Als ich ihn danach frage, ist sein Mund plötzlich verschlossen, und er sagt nur noch, daß dies im Moment noch streng geheim sei.“

„Hört sich ja nett an“, kommentierte Hunt mit einem Stirnrunzeln. „Und es wird Metadyne einige verdammte Probleme bescheren.“

„Das habe ich ihm auch gesagt.“ Borlan streckte die Handflächen aus, um seine Hilflosigkeit zu zeigen. „Ich habe ihm gesagt, was das für Metadynes Produktionspläne und Lieferfristen bedeutet. Aber er meinte nur, daß es wirklich dringend sei und er mir nicht solche Schwierigkeiten machen würde, wenn es nicht tatsächlich erforderlich wäre. Das glaube ich ihm“, fügte Borlan überzeugt hinzu. „Ich kenne ihn schon seit Jahren. Er versprach mir, die UNWO würde uns für alle entstehenden Kosten entschädigen.“ Borlan wiederholte seine hilflose Geste. „Was also sollte ich tun? Sollte ich einem alten Kumpel, der zudem noch mein bester Kunde ist, sagen, er könne mich mal?“

Hunt rieb sich das Kinn, leerte sein Glas bis auf den letzten Tropfen und nahm einen langen, nachdenklichen Zug von seiner Zigarre.

„Und das ist alles?“ fragte er schließlich.

„Das ist alles. Nun wissen Sie genausoviel wie ich – außer vielleicht, daß wir während Ihrer Flugreise Anweisung von der UNWO erhalten haben, den Prototyp zu einem Ort in der Nähe von Houston zu schaffen… zu einem biologischen Institut. Die Einzelteile des Skops sollten übermorgen eintreffen. Das Installationsteam ist bereits auf dem Weg, um dort alles vorzubereiten.“

„Houston… Bedeutet das, daß wir auch dorthin sollen?“ erkundigte sich Gray.

„Das ist richtig, Rob.“ Borlan legte eine kleine Kunstpause ein und kratzte sich an der Nase. „Ich… äh… frage mich… Die Installateure werden einige Zeit brauchen. Sie könnten also noch ein wenig hierbleiben. Wollen Sie hier nicht ein paar Tage verbringen, was? Sie könnten… äh… sich mit einigen von unseren Technikern zusammensetzen und ihnen erzählen, wie das Skop funktioniert… so eine Art Kurz-Unterweisung. Nun, was halten Sie davon?“

Hunt lachte still in sich hinein. Borlan hatte sich monatelang darüber beklagt, daß all das Skop-Know-how bei Metadyne liege, obwohl der größte potentielle Absatzmarkt die USA seien. Die amerikanische Abteilung des Unternehmens benötigte einfach mehr Informationen, als sie bisher erhalten hatte.

„Sie lassen auch keinen Trick aus, Felix“, stellte er fest. „In Ordnung, Sie Strolch. Geht in Ordnung.“

Auf Borlans Gesicht machte sich ein feistes Grinsen breit.

„Dieser UNWO-Typ, mit dem Sie gesprochen haben“, sagte Gray und kam damit auf den Kern der Sache zurück. „Was waren das für Beispiele?“

„Beispiele?“

„Sie sagten, er hätte Ihnen einige Beispiele genannt, die ihm im Hinterkopf herumspukten.“

„Ach so, ja. Augenblick, lassen Sie mich mal nachdenken… Er schien an Einblicken in das Innere von Körpern interessiert zu sein – Knochen, Gewebe, Arterien, so was eben. Vielleicht will er eine Autopsie durchführen. Er wollte auch wissen, ob wir ihm, ohne das Buch aufzuschlagen, Bilder von Buchseiten zeigen könnten.“

Das war zuviel. Hunt blickte völlig verwirrt von Borlan zu Gray. „Man braucht kein Trimagniskop, um eine Autopsie durchzuführen“, sagte er mit deutlicher Skepsis in der Stimme.

„Warum macht er das Buch nicht auf, wenn er wissen will, was drinsteht?“ fügte Gray in einem ähnlichen Tonfall hinzu.

Borlan zeigte ihnen seine leeren Handflächen. „Klar. Weiß ich ja. Verdammt komische Sache, nicht?“

„Und dafür zahlt die UNWO Tausende?“

„Hunderttausende.“

Hunt fuhr sich mit der Hand über die Stirn und schüttelte den Kopf. „Geben Sie mir einen Scotch, Felix“, seufzte er.

4

Eine Woche später stand der Mercury Drei startbereit auf dem Dachlandefeld der IDCC-Zentrale. Auf eine Anfrage, die über einen Monitor in der Pilotenkonsole flimmerte, gab Hunt das Ocean Hotel im Zentrum von Houston als Ziel an. Der DEC-Minicomputer vor ihm kontaktierte seinen großen IBM-Bruder, der irgendwo in dem unterirdisch gelegenen Portlander Verkehrs-, Kontroll- und Überwachungszentrum seinen Standort hatte, und nach einer kurzen Konsultation entwickelte er eine Flugroute, die über Salt Lake City, Santa Fé und Fort Worth führte. Hunt tippte seine Bestätigung ein. Einige Sekunden später summte der Aircar in Richtung Südosten los und gewann rasch an Höhe, um die vor ihnen aufragenden Blauen Berge zu überfliegen.

Den ersten Teil der Reise verbrachte Hunt damit, per Computerverbindung zu Metadyne einige unerledigte Akten aufzuarbeiten, die er dort zurückgelassen hatte. Als der Große Salzsee glitzernd vor ihnen auftauchte, war er gerade mit den Kalkulationen für die Berichte über seine letzten Experimente fertig geworden und fügte nun seine Schlußfolgerungen hinzu. Eine Stunde später, sechstausend Meter über dem Colorado River, schaltete er sich in das MIT-Datennetz ein und studierte einige der neuesten Veröffentlichungen. Nachdem sie in Santa Fé aufgetankt hatten, kreuzten sie im Manuellflug einige Zeit über der Stadt, bis sie ein geeignetes Plätzchen für das Mittagessen gefunden hatten. Später, im Luftraum über New Mexico, erreichte sie ein Anruf der IDCC, und die folgenden zwei Stunden berieten sie mit einigen von Borlans Technikern über technische Details des Trimagniskops. Als Fort Worth hinter ihnen lag und die Sonne tief im Westen stand, entspannte sich Hunt und sah sich einen Krimi an. Gray schlief währenddessen im Sessel neben ihm – ziemlich geräuschvoll.

Hunt sah mit mäßigem Interesse zu, wie der Bösewicht entlarvt, der Held die Schöne, die er zuvor noch vor einem Schicksal schlimmer als der Tod errettet hatte, in die Arme schließen durfte und endlich der Epilog die heutige Moral von der Geschicht‘ verkündete. Er gähnte und betätigte die Taste am Monitor, die den Bildschirm blind werden und die Kennmelodie der Sendung mittendrin verstummen ließ. Dann streckte sich Hunt, drückte seine Zigarette aus und setzte sich aufrecht, um festzustellen, wie es um den Rest des Universums stand.

Weit rechts von ihnen schlängelte sich der Brazos River dem Golf von Mexiko entgegen, ein goldener Seidenfaden im Blaugrau des Abenddunstes. Voraus konnte Hunt bereits die halbbogenförmige Wolkenkratzerskyline von Houston erkennen, die an die dichtgeschlossenen Reihen einer Infanterieabteilung im Feld erinnerte. Im Vordergrund unter ihnen nahm die Bebauung nun sichtlich zu. Hier und da ragten dazwischen nicht näher zu identifizierende Konstruktionen heraus – planlose Konglomerate aus Gebäuden, Kuppeln, Traggerüsten und Lagerhallen, die durch ein Wirrwarr aus Straßen und Pipelines lose miteinander verbunden waren. Zu ihrer Linken, etwas weiter entfernt, erhob sich aus einer Barackenstadt aus Stahl und Beton etwa ein halbes Dutzend schlanker, silberner Türme. Er erkannte sie als die gewaltigen, bereits auf den Startrampen befindlichen Wega-Fähren. Sie erinnerten an Posten, die die Zugänge zu jenem Ort bewachten, der zum Mekka des Raumfahrtzeitalters geworden war.

Es war eine elementare Manifestation des uralten Dranges der Menschheit, die ihr gesetzten Grenzen zu überwinden. Die Anlage erstreckte sich unter ihm in allen Richtungen, und während Victor Hunt hinunterstarrte, entstand irgendwo tief in ihm eine merkwürdige Unruhe.

Hunt war in New Cross geboren worden, jenem schäbigen Viertel im Osten Londons, südlich der Themse. Sein Vater hatte die meiste Zeit seines Lebens streikend oder in der Kneipe an der Ecke zugebracht, wo er mit anderen Arbeitern über Mißstände diskutiert hatte, die vielleicht einen weiteren Streik wert waren. Als Mißstände und Geld zur Neige gingen, schuftete er in den Docks von Deptford. Victors Mutter arbeitete den ganzen Tag in einer Flaschenfabrik, um das Geld zu verdienen, das sie abends beim Bingo wieder verlor. Victor verbrachte seine Zeit damit, Fußball zu spielen und in den nahen Surrey-Kanal zu fallen. Einmal besuchte er für eine Woche seinen Onkel in Worcester, einen Mann, der jeden Tag im Anzug zur Arbeit ging, wo er mit Computern zu tun hatte. Und dieser Onkel zeigte Victor, wie man mit einem binären Rechner umgeht.

Kurz danach begann eine Zeit, in der sie sich zu Hause alle häufiger als gewöhnlich anschrien, und Victor zog daraufhin zu seiner Tante und seinem Onkel in Worcester. Dort entdeckte er eine neue, traumhafte Welt, in der alles, was man sich wünschte, Wirklichkeit werden konnte, und in der Magie eine alltägliche Sache war – in Form von seltsamen Symbolen und mysteriösen Diagrammen auf den Seiten der Bücher, die in den Regalen seines Onkels standen.

Als er sechzehn war, erhielt Victor ein Stipendium an der Cambridge-Universität, wo er Mathematik, Physik und Elektronik studierte. Er bewohnte eine Unterkunft zusammen mit einem Mitstudenten namens Mike, der eine Vorliebe für das Segeln und Bergsteigen hatte und dessen Vater Vertriebsleiter war. Als sein Onkel nach Afrika auswanderte, wurde Victor von Mikes Familie adoptiert und verbrachte seine Ferien in ihrem Haus in Surrey oder zusammen mit Mike und seinen Freunden in den Bergen: zuerst im Lake District in Nordwales und Schottland, später dann in den Alpen. Sie versuchten sich auch am Eiger, doch schlechtes Wetter zwang sie zur Umkehr.

Nachdem er seinen Doktor gemacht hatte, blieb er noch einige Jahre an der Universität, um seine Forschungen auf dem Gebiet der mathematischen Nukleonik fortzusetzen. Seine Berichte stießen in Wissenschaftskreisen weltweit auf Aufmerksamkeit. Schließlich mußte er sich jedoch mit der Tatsache abfinden, daß seine zunehmende Vorliebe für die aufregenderen und attraktiveren Bestandteile des Lebens sich nicht mit dem von den Zuweisungen des Bewilligungsausschusses abhängigen Einkommen in Einklang bringen ließ. Eine Zeitlang arbeitete er für die Regierung und beschäftigte sich mit der friedlichen Nutzung der thermonuklearen Fusion. Doch schon recht bald rebellierte er gegen ein Leben, das von den ständigen Einmischungen einer stupiden Bürokratie zu sehr beschränkt wurde. Er nahm drei Stellungen in der privaten Industrie an, mußte aber erkennen, daß er nur noch mit zynischem Widerwillen ein Spiel mitspielen konnte, in dem der Kampf um das jährliche Budget, die Auseinandersetzungen über Renditenspannen, Aktiendividenden oder das Ausmaß des zu erwartenden Profits offensichtlich die Hauptsache waren. Kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag mußte er dann die Konsequenzen für sein stures Einzelkämpfertum tragen. Er verfügte zwar über hervorragende und allseits anerkannte Talente, hatte einige große Leistungen vollbracht, besaß mehrere akademische Grade, war mit Preisen dekoriert und überhäuft – aber ohne Job.

Eine Zeitlang bezahlte er seine Miete, indem er Artikel für wissenschaftliche Journale schrieb. Eines Tages dann wandte sich die Metadyne-Geschäftsleitung an ihn und bot ihm einen befristeten Vertrag an. Er sollte an der mathematischen Auswertung ihrer laufenden Experimente mitarbeiten. Eines führte zum anderen, und nicht lange danach entstand eine Dauerverbindung zwischen ihm und der Firma. Schließlich stimmte er einer Festanstellung zu, wenn er als Gegenleistung dafür ihre Anlagen und Gerätschaften für seine eigenen Forschungen benutzen konnte – alleinverantwortlich. So entstand die „Abteilung“ Theoretische Studien.

Und jetzt… er vermißte irgend etwas. Das, was irgendwann in seiner Kindheit einmal zum Leben erwacht war und sich nach der Entdeckung neuer Welten sehnte. Und als er so auf die Wega-Fähren hinabsah…

Seine Gedanken wurden unterbrochen, als ein Strom elektromagnetischer Impulse vom Leitzentrum unter ihm den Empfänger des Mercury Drei erreichte, dort umgeformt und an den Minicomputer weitergeleitet wurde. Die Tragflächen kippten daraufhin ein wenig zur Seite. Der Aircar änderte den Kurs, begann langsam zu sinken und flog dann in einer Höhe von sechshundert Metern in dem nach Osten führenden Flugkorridor dem Herzen der Stadt entgegen.

5

Das Licht der Morgensonne tropfte durch das Fenster und betonte die wie gemeißelt wirkenden Falten im Gesicht des Mannes, der seinen Blick über das tief unter ihm liegende Zentrum von Houston gleiten ließ. Die stämmige, untersetzte Gestalt, die genauso bullig wie ein mittelschwerer Panzer wirkte, warf einen quadratischen Schatten auf den dahinterliegenden Teppich. Die kräftigen Finger trommelten einen endlosen Parademarsch auf das Glas. Gregg Caldwell, der Leiter der Abteilung für Navigation und Kommunikation der UNWO, dachte über die bisherige Entwicklung nach.

Nun, da Verwirrung und Aufregung der ersten Stunde sich gelegt hatten, war das eingetreten, was er erwartet hatte: Jede Abteilung spielte sich in den Vordergrund. Mehr als nur ein paar große Köpfe in einigen Abteilungen – der Biochemie in Chicago oder der Raumfahrtmedizin in Farnborough zum Beispiel – nahmen in ihren Anfragen kein Blatt vor den Mund: Wie hatte es eigentlich dazu kommen können, daß ausgerechnet Navkomm die Verantwortung übertragen worden war, ja, wieso war sie überhaupt darin verwickelt, obwohl die ganze Sache doch ganz offensichtlich nichts mit Navigation oder Kommunikation zu tun hatte? Caldwells herabhängende Mundwinkel schoben sich langsam nach oben, bis sie fast ein grimmiges Lächeln andeuteten. Die Messer wurden also gewetzt, nicht wahr? Ihm machte das nichts aus, er fürchtete die Auseinandersetzung nicht. In mehr als zwanzig Jahren hatte er sich bis zur Spitze einer der größten Abteilungen der UN-Weltraumorganisation durchgeboxt. Jetzt war er ein alter Hase im Nahkampf, und bislang war er dabei nicht sonderlich zu Schaden gekommen. Vielleicht hatte Navkomm keine allzu großen Erfahrungen in dieser Sache. Vielleicht war die ganze Sache zu groß, als daß Navkomm damit fertig werden konnte; vielleicht war sie zu groß, als daß die UNWO damit fertig werden konnte. Aber – so standen die Dinge nun einmal. Die Angelegenheit war Navkomm in den Schoß gefallen, und dabei würde es bleiben. Wenn irgend jemand helfen wollte, dann war das in Ordnung – er mußte nur einsehen, daß das Projekt von Navkomm durchgeführt wurde. Und wem das nicht paßte, der sollte ruhig versuchen, das zu ändern. Sollte er es ruhig versuchen!

Seine Überlegungen wurden von einem Summen aus der in den Schreibtisch hinter ihm eingebauten Konsole unterbrochen. Er wandte sich um, betätigte eine Taste und meldete sich mit einer granitharten Baritonstimme.

„Caldwell.“

Lyn Garland, seine Privatsekretärin, sah ihn von der Schirmfläche an. Sie war achtundzwanzig und hübsch, hatte langes, rotes Haar und braune, intelligente Augen.

„Eine Nachricht von der Rezeption. Ihre beiden Besucher sind eingetroffen – Dr. Hunt und Mr. Gray.“

„Lassen Sie sie sofort heraufkommen. Kochen Sie Kaffee und setzen Sie sich dann zu uns.“

„In Ordnung.“

Zehn Minuten später waren die Höflichkeiten ausgetauscht, und alle hatten Platz genommen. Einige Sekunden lang musterte Caldwell die beiden Engländer schweigend. Er schürzte die Lippen und hob die buschigen Augenbrauen, bis sie auf seiner Stirn zusammentrafen. Dann lehnte er sich vor und faltete die Hände auf dem Schreibtisch vor ihm.

„Vor etwa drei Wochen habe ich an einer Konferenz in einer unserer lunaren Meßstationen teilgenommen – Kopernikus Drei“, begann er. „In diesem Gebiet werden umfangreiche Ausschachtungsarbeiten und Geländeerschließungen vorgenommen; das meiste davon steht in Zusammenhang mit neuen Bauvorhaben. Anwesend waren Wissenschaftler von der Erde und von anderen lunaren Stützpunkten, einige Techniker und bestimmte Angehörige der uniformierten Abteilungen der Weltraumorganisation. Aufgrund einiger seltsamer Entdeckungen dort oben war die Konferenz einberufen worden – Entdeckungen, die jetzt noch rätselhafter erscheinen, als sie es damals schon waren.“

Er hielt kurz inne und sah einen nach dem anderen an. Hunt und Gray gaben seinen Blick wortlos zurück. Schließlich fuhr Caldwell fort: „Eine unserer Erschließungsgruppen hatte die Aufgabe, mögliche Standorte für Vermessungsstationen ausfindig zu machen. Die Männer arbeiteten in einer entlegenen Region, ein Stück von den bereits vermessenen Gebieten entfernt…“

Während er sprach, berührte Caldwell mehrere Tasten auf der Schalttafel, die in die eine Seite seines Schreibtisches eingelassen war. Mit einem Kopfrucken deutete er auf die gegenüberliegende Wand, die aus einer Vielzahl von Monitoren bestand. Einer der Bildschirme erhellte sich und zeigte das Deckblatt einer Akte, auf dem in Rot NUR FÜR DEN DIENSTGEBRAUCH zu lesen war. Das Bild verschwand und wurde von einer Profilkarte ersetzt, die eine unebene, zerklüftete Region abbildete. Ein langsam pulsierender Punkt leuchtete im Zentrum der Projektion auf und begann, über die Darstellung hinwegzuwandern, als Caldwell einen Hebel bewegte, der ebenfalls zu der Schalttafel mit der Tastatur gehörte. Dort, wo die Profilkarte eine tiefe Spalte zeigte, die in eine ausgedehnte Schlucht einmündete, hielt der Hinweispunkt inne. Die Spalte war schmal und schien in einer steilen Kurve von der Schlucht aufzusteigen.

„Das ist die betreffende Region“, stellte Direktor Caldwell fest. „Der Punkt markiert den Ort, wo eine Kluft auf die Hauptschlucht trifft, die links verläuft. Die Männer von der Meßeinheit verließen hier ihr Fahrzeug und marschierten zu Fuß weiter in den Einschnitt hinein. Sie suchten nach einem Weg hinauf zum Felsengebirge – das mit der Bezeichnung ‚560‘.“ Während er sprach, steuerte Caldwell den pulsierenden Punkt auf die Kluft zu und markierte damit den Weg, den das UN-Team eingeschlagen hatte. Die Männer sahen zu, wie der Punkt über einen Felshang dem Eingang zur Kluft entgegenstrebte und dann weiterschwebte. Schließlich gelangte er an jene Stelle des Einschnitts, die auf der Profilkarte durch eine einzige hohe Linie gekennzeichnet war. Dort blieb der Punkt stehen.

„Das hier ist eine etwa achtzig Meter hohe Steilwand. Dort stieß der Meßtrupp auf die erste ungewöhnliche Sache – auf ein Loch am Fuß der Wand. Der Sergeant, der die Gruppe leitete, interpretierte es als eine Art Höhle. Kommt Ihnen das nicht auch seltsam vor?“

Hunt hob die Augenbrauen und zuckte mit den Achseln. „Auf dem Mond können Höhlen auf natürliche Weise nicht entstehen.“

„Genau.“

Der Bildschirm zeigte nun eine Fotoansicht des betreffenden Gebietes, offenbar von jener Stelle aufgenommen, wo das Fahrzeug der Gruppe geparkt war. Die Wissenschaftler erkannten deutlich die Bruchstelle im Hang der Hauptschlucht, wo der Einriß mündete. Die Spalte war ausgedehnter, als es aus der Profilkarte hervorgegangen war, und ein Hügel aus losem Geröll erstreckte sich vom Bodenniveau der Schlucht bis zum Beginn der Spalte hinauf. Im Hintergrund waren die Höhenzüge eines Bergrückens zu erkennen, der sich nach oben hin abflachte – vermutlich das Gebirge, das auf der Karte mit der Zahl „560“ markiert gewesen war. Caldwell gab ihnen genügend Zeit, die Konturen des Fotos mit denen der Profilkarte in Übereinstimmung zu bringen, bevor er eine zweite Aufnahme projizierte. Dieses Bild war weiter oben aufgenommen worden und zeigte den Eingang zur Spalte. Dann folgte eine Serie von Aufnahmen vom Innern des Einrisses. „Das sind einzelne Bilder von einem Film“, kommentierte Caldwell. „Ich will Sie nicht mit der ganzen Aufzeichnung langweilen.“ Das letzte Bild dieser Sequenz zeigte ein Loch von knapp zwei Metern Durchmesser im Felsen.

„Löcher wie dieses sind auf dem Mond nicht völlig unbekannt“, bemerkte Caldwell. „Aber sie sind selten genug, um unsere Leute zu veranlassen, sie näher unter die Lupe zu nehmen. Im Innern herrschte ein ziemliches Durcheinander. Irgendwann muß es einmal zu einem Gesteinsschlag gekommen sein, vielleicht auch zu mehreren. Drinnen gab es jedenfalls nicht viel zu entdecken – eben nur Gesteinsschutt und Staub – auf den ersten Blick jedenfalls.“ Ein neues Bild auf dem Monitor bestätigte seine Bemerkung. „Aber als sie sich ein bißchen gründlicher umsahen, stießen sie auf etwas wirklich Ungewöhnliches. Unter all den Ablagerungen fanden sie – eine Leiche!“

Das Bild wechselte und zeigte nun eine andere Ansicht des Höhleninneren, aus demselben Blickwinkel aufgenommen wie auch die vorherige. Diesmal jedoch zeigte sie den Oberkörper einer menschlichen Gestalt, die aus einem Berg von Geröll und Gesteinstrümmern herausragte. Die Aufnahme war offenbar entstanden, als die untere Körperhälfte noch bedeckt gewesen war. Der Körper befand sich in einem Raumanzug, der unter der Schicht aus grauweißem Staub von roter Farbe war. Der Helm schien unversehrt zu sein, aber es war unmöglich, Einzelheiten von dem Gesicht hinter der Sichtscheibe zu erkennen, da sie das Licht der Kamera reflektierte. Caldwell gab ihnen eine Menge Zeit, dieses Bild in sich aufzunehmen und darüber nachzudenken, bevor er weitersprach.

„Das ist der Körper. Ich werde Ihre auf der Hand liegenden Fragen beantworten, bevor Sie sie stellen. Erstens: Nein, wir wissen nicht, wer es ist – oder war -, also haben wir ihn Charlie genannt. Zweitens: Nein, wir können noch nicht sicher sagen, woran er gestorben ist. Drittens: Nein, wir wissen nicht, woher er kommt.“ Dem Abteilungsleiter entging der verwirrte Ausdruck in Hunts Gesicht nicht, und er hob fragend die Augenbrauen.

„Unfälle kommen vor“, sagte Hunt, „und nicht immer kann man feststellen, was sie verursacht hat… das verstehe ich ja. Aber nicht zu wissen, wer er ist…? Ich meine, er muß doch so etwas wie einen Ausweis bei sich getragen haben. Ich dachte immer, das sei Vorschrift. Und selbst wenn nicht: Er muß zu einem der UN-Stützpunkte da oben gehören. Irgend jemand muß ihn doch vermissen.“

Zum ersten Mal huschte so etwas wie ein Lächeln über Caldwells Züge.

„Natürlich haben wir alle Stützpunkte durchgecheckt, Dr. Hunt. Resultat negativ. Und das war erst der Anfang. Wissen Sie, als sie ihn in die Labors schafften, um ihn dort genauer zu untersuchen, stellten sich eine Reihe von Eigentümlichkeiten heraus, die die Fachleute sich nicht erklären konnten. Und glauben Sie mir, wir haben genügend Leute dort oben, die ihr Handwerk verstehen. Auch nachdem wir ihn hierher zurückgebracht hatten, wurde die Angelegenheit nicht klarer. Im Gegenteil. Je mehr wir herausfinden, desto rätselhafter wird alles.“

„Hierher zurück? Sie meinen…?“

„Oh, natürlich. Charlie ist auf die Erde gebracht worden. Jetzt befindet er sich im Biologischen Institut von Westwood – nur ein paar Kilometer von hier entfernt. Später werden wir mal rüberfahren und ihn uns ansehen.“

Sehr lange sagte niemand ein Wort, während Hunt und Gray die rasche Aufeinanderfolge neuer Informationen verdauten. Schließlich sagte Gray:

„Vielleicht hat ihn jemand aus irgendeinem Grund abgemurkst?“

„Nein, Mr. Gray, alles in dieser Richtung können Sie vergessen.“ Caldwell wartete noch einige Sekunden. „Hören Sie, bisher wissen wir noch nicht allzuviel, aber ein oder zwei Dinge lassen sich bereits mit Sicherheit feststellen. Erstens: Charlie kam nicht von einem der Stützpunkte, die wir bis heute auf dem Mond errichtet haben. Des weiteren“, Caldwells Stimme wurde zu einem düsteren Grollen, „gehört er keiner heute auf der Erde existierenden Nation an. Im Gegenteil. Es ist nicht einmal sicher, ob er überhaupt von diesem Planeten stammt!“

Seine Augen fuhren von Hunt zu Gray, dann wieder zurück, und ihm entgingen nicht die ungläubigen Blicke, mit denen seine Worte aufgenommen wurden. Absolute Stille breitete sich im Zimmer aus. Eine fast körperlich wahrnehmbare Spannung zerrte an ihren Nerven.

Caldwells Finger berührten die Tastatur.

Das Gesicht schien ihnen vom Bildschirm entgegenzuschnellen. Wie ein Totenkopf sah es aus, und die schrumpelige, wie altes Pergament gedunkelte Haut spannte sich über den Knochen und entblößte zwei Reihen grinsender Zähne. Dort, wo sich die Augen befunden hatten, gähnten nur noch zwei leere Höhlen, aus denen ein Paar lederner Lider blind ins Nichts starrte.

Caldwells Stimme, jetzt ein frostiges Wispern, drang zischend an ihre Ohren.

„Wissen Sie, meine Herren – Charlie starb vor über fünfzigtausend Jahren!“

6

Aus der Vogelperspektive starrte Dr. Victor Hunt geistesabwesend auf die Außenbezirke von Houston hinab, die unter dem UNWO-Jet hinweghuschten. Caldwells Enthüllungen hatten ihn zu sehr verwirrt, als daß er bislang in der Lage gewesen wäre, die einzelnen Informationen im Bewußtsein zu einem einheitlichen Bild zusammenzusetzen.

An Charlies Alter waren keine Zweifel möglich. Der Körper eines jeden lebenden Organismus nimmt einen gewissen Anteil der radioaktiven Isotope von Kohlenstoff und einigen anderen Elementen auf. Während er lebt, hält jeder Organismus ein bestimmtes Verhältnis dieser Isotope zu „normalen“ Teilchen in seinem Körper aufrecht. Aber wenn er stirbt und die ständige Neuaufnahme unterbrochen wird, dann zerfallen in einer bestimmten Zeit die bis dahin vorhandenen radioaktiven Isotope. Dieser Vorgang ähnelt einem außerordentlich zuverlässigen Uhrwerk, das im Augenblick des Todes zu ticken beginnt. Eine Untersuchung des Zerfallsgrads ermöglicht eine ziemlich exakte Angabe darüber, wie lange die Uhr schon tickt. Charlie war einer ganzen Reihe solcher Tests unterzogen worden, und die verschiedenen Resultate stimmten innerhalb einer Toleranzgrenze überein.

Irgend jemand hatte darauf hingewiesen, daß die Gültigkeit dieser Tests auf folgender Annahme beruhte: Die Zusammensetzung von Charlies Nahrung und Luft mußte ähnlich beschaffen sein wie die der Menschen auf der heutigen Erde. Aber da Charlie vielleicht gar nicht von der Erde stammte, mochte sich diese Annahme als falsch erweisen. Man hatte jedoch nicht allzu lange gebraucht, um zu einer befriedigenden Lösung dieser Frage zu kommen. Obwohl die weitaus meisten Funktionen der Vorrichtungen, die in Charlies Rückentornister enthalten waren, noch ihrer Enträtselung harrten, war ein Gerät inzwischen als ein versiert konstruiertes Nuklearkraftpaket in Miniaturausführung identifiziert worden. Die U235-Brennstoffzellen waren rasch gefunden, und die Analyse der Zerfallswerte brachte eine zweite, von der ersten unabhängige Antwort, die allerdings weniger exakt war: Der Reaktor in Charlies Rückentornister war vor etwa fünfzigtausend Jahren hergestellt worden. Da die Ergebnisse der beiden unterschiedlichen Analysen weitgehend übereinstimmten, konnte daraus die Schlußfolgerung gezogen werden, daß sich die Lebensbedingungen von Charlies Ursprungsplaneten nicht bedeutend von denen auf der Erde unterscheiden konnten.

Nun, sagte sich Hunt, die Charlie-Wesen mußten sich ja irgendwo entwickelt haben. Bei diesem „irgendwo“ konnte es sich entweder um die Erde oder einen erdähnlichen Planeten handeln. Ein anderer Schluß war nach den Regeln der Logik nicht möglich. Er versuchte, sich all sein Wissen über die herkömmlichen Annahmen hinsichtlich der Evolution des irdischen Lebens ins Gedächtnis zurückzurufen. Und er fragte sich, ob trotz der vielen Jahrzehnte sorgfältiger Forschungen und Untersuchungen, die der Klärung dieser Frage gewidmet worden waren, nicht doch noch weiße Flecken auf den Landkarten der sich so sicher gebenden Evolutionsforscher existierten. Einige Milliarden Jahre waren eine lange Zeit, ganz gleich, welchen Maßstab man anlegte. War es tatsächlich so undenkbar, daß irgendwann in den vergangenen Äonen jene Voraussetzungen entstanden waren, um eine erste, hochentwickelte Spezies entstehen zu lassen, die ausgestorben war, lange bevor der moderne Mensch auf der Bildfläche erschien?

Auf der anderen Seite setzte die Entdeckung Charlies auf dem Mond eine Zivilisation voraus, die über ausreichend technische Möglichkeiten verfügt hatte, ihn auch dorthin zu befördern. Ohne Zweifel mußte vor der Entwicklung der Raumfahrt eine weltweite, technisch orientierte Gesellschaft entstanden sein. Maschinen mußten konstruiert, Gebäude errichtet, Städte gebaut worden sein. Die Zivilisation hätte Metall verarbeitet, und sie hätte all die anderen Kennzeichen des Fortschritts hinterlassen. Wenn auf der Erde jemals eine solche Gesellschaft existiert hatte, dann wäre man unvermeidlich während der jahrhundertelangen Forschungen und Ausgrabungen zumindestens auf Spuren von ihr gestoßen. Aber es war nicht eine einzige solche Entdeckung bekannt geworden. Obgleich die Schlußfolgerung aus diesen Überlegungen klar und offen vor ihm lag und obwohl er sich um Unvoreingenommenheit bemüht hatte, war Hunt nicht in der Lage, die auf der Hand liegende Erklärung auch nur als eine mögliche Hypothese zu akzeptieren.

Die einzige Alternative war, daß Charlie von einem anderen Ort kam. Der Mond konnte natürlich ausgeschlossen werden: Er war zu arm an Masse, um jemals lange genug eine Atmosphäre an sich gebunden zu haben, die die nötigen Voraussetzungen für die Entstehung von Leben geboten hätte, ganz zu schweigen von einer Rasse mit so hoher technischer Entwicklung. Und natürlich bewies der Raumanzug, daß Charlie auf dem Mond ebenso ein Fremder gewesen war wie der Mensch.

Blieb nur ein anderer Planet übrig. Und hier tauchte das Problem von Charlies unbestreitbar menschlicher Gestalt auf, etwas, das Caldwell eigens betont hatte, obgleich er nicht in die Einzelheiten gegangen war. Hunt wußte, daß die natürliche Evolution ein Prozeß war, der auf dem Ausleseprinzip beruhte, sich über lange Zeiträume erstreckte und von rein zufällig entstehenden genetischen Mutationen angetrieben wurde. Nach den allseits anerkannten Evolutionsgesetzen und -prinzipien war es völlig unmöglich, daß zwei verschiedene, im Universum weit voneinander entfernte und isolierte Lebenssysteme im Zuge ihrer Entwicklung identische Endprodukte hervorbrachten. Wenn Charlie also nicht von der Erde kam, dann stürzte ein ganzes Gebäude aus sorgfältig aufeinander abgestimmten wissenschaftlichen Theorien in sich zusammen. Also – Charlie stammte offensichtlich nicht von der Erde. Er konnte aber genausowenig einem anderen Planeten entstammen. Deshalb durfte Charlie gar nicht existieren. Aber er war da.

Leise pfiff Hunt durch die Zähne, als ihm die volle Bedeutung dieser Entdeckung dämmerte. Charlie bot genügend Stoff, um die wissenschaftliche Welt auf Jahrzehnte hinaus zu beschäftigen.

Im biologischen Institut von Westwood trafen sich Caldwell, Lyn Garland, Hunt und Gray mit Professor Christian Danchekker. Die beiden Engländer erkannten ihn sofort wieder, da Caldwell sie bereits vorher per Vi-Phon vorgestellt hatte. Auf dem Wer zur Laborsektion des Instituts unterrichtete sie Danchekker über weitere Einzelheiten des Projekts.

Trotz seines Alters war Charlies Körper ausgezeichnet erhalten. Das führte man auf die Umgebung zurück, in der er gefunden worden war – auf die konservierende Wirkung eines keimfreien, fast vollständigen Vakuums und die ungewöhnlich niedrigen Temperaturen selbst während der lunaren Mittagszeit, wofür der Abschirmungseffekt der ihn umgebenden Felswände verantwortlich war. Diese Bedingungen hatten selbst die inneren Organe vor einer bakteriellen Zersetzung bewahrt. Im Raumanzug war kein Riß gefunden worden. Allgemein neigte man hinsichtlich der Todesursache der Theorie eines Defekts im Lebenserhaltungssystem zu, der mit einem plötzlichen Temperatursturz einhergegangen war. Innerhalb kürzester Zeit war der Körper tiefgefroren worden, was zu einem abrupten Stillstand der Stoffwechselfunktionen geführt hatte. Die Körpersäfte hatten sich kristallisiert und ausgedehnt und die Zellmembranen zerrissen. Im Laufe der Zeit hatten sich die meisten Substanzen mit geringem spezifischen Gewicht verflüchtigt, vor allem aus der Haut. Übriggeblieben war eine schwarz gewordene, eingeschrumpelte, natürliche Mumie. Die Augen waren am meisten in Mitleidenschaft gezogen worden, da sie zum weitaus größten Teil aus Flüssigkeit bestanden hatten. Nur einige blättrige Reste waren in den Höhlen zurückgeblieben.

Ein großes Problem bestand in der extremen Zerbrechlichkeit des Körpers, was jeden Versuch einer gründlicheren Untersuchung fast unmöglich machte. Infolge des Transports zur Erde und der Ablösung des Raumanzugs war es bereits zu einigen irreparablen Beschädigungen gekommen; nur die feste Tiefkühlkonsistenz des Körpers hatte Schlimmeres verhindert. Dann hatte sich jemand an Felix Borlan von der IDCC und an sein in England entwickeltes Gerät erinnert, mit dem man Aufnahmen vom Innern eines festen Körpers machen konnte. Daraufhin war Caldwell nach Portland gekommen.

Im Innern des Laboratoriums brannte kein Licht. Wissenschaftler saßen an binokularen Mikroskopen und betrachteten Aufnahmen, die auf verschiedenen Glasträgern angebracht waren und von unten beleuchtet wurden. Danchekker entnahm einem Stapel einige Bilder, deutete seinen Begleitern an, ihm zu folgen, und schritt dann zur gegenüberliegenden Wand. Dort legte er die ersten drei Bilder auf einen in Augenhöhe angebrachten Schirm, schaltete das Gerät ein und reihte sich dann in den erwartungsvollen Halbkreis hinter ihm ein. Die Dias waren Röntgenaufnahmen und zeigten die Front- und Seitenansichten eines Schädels. Fünf Gesichter, die einen scharfen Kontrast zur Dunkelheit des Raumes hinter ihnen darstellten, sahen mit andächtigem Schweigen auf den Bildschirm. Schließlich trat Danchekker einen Schritt vor und wandte sich im Gehen den anderen zu.

„Ich glaube, ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was das ist.“ Danchekkers Tonfall klang seltsam steif und förmlich. „In allen Einzelheiten ein menschlicher Schädel – soweit man das mit Röntgenaufnahmen feststellen kann.“ Er nahm ein Lineal vom Tisch und fuhr damit auf dem Schirm am Kiefer entlang. „Betrachten Sie die Gebißanordnung – auf jeder Seite sehen wir zwei Schneide-, einen Eck-, zwei Backen- und drei Mahlzähne. Auf diese Anordnung stoßen wir bereits recht früh in jenem Evolutionszweig, der zu unseren heutigen Anthropoiden und natürlich auch dem Menschen geführt hat. Dieses Merkmal trennt unseren Evolutionszweig von anderen Nebenlinien wie den Platyrrhina und Ceboidea oder Neuweltaffen, die eine Anordnung von 2/1/3/3 haben.“

„Das brauchen Sie uns nicht extra zu sagen“, bemerkte Hunt. „An diesem Anblick findet sich nichts Affenartiges.“

„Genau, Dr. Hunt“, gab Danchekker mit einem Nicken zurück. „Die reduzierte Anzahl der Eckzähne, die zudem mit denen des oberen Satzes nicht ineinandergreifen, und eigentümlich geformte Kronen – das sind entschieden menschliche Charakteristika. Betrachten Sie auch das flache, ebenmäßige Gesicht, das Fehlen von ausgeprägten Augenbrauenwülsten… die hohe Stirn und die spitzwinklig zulaufenden Kiefer, die abgerundete Hirnschale. Das alles sind Kennzeichen des heutigen Menschen. Kennzeichen, die er direkt von seinen Vorfahren übernommen hat. In diesem Fall liegt die Bedeutung dieser Details in dem eindeutigen Beweis, daß wir es mit einem wirklichen Menschen zu tun haben und nicht mit einem nur oberflächlich ähnlichen Wesen.“

Der Professor nahm die Aufnahmen von der Schirmfläche, und für einen Augenblick strahlte grelles Licht durch den Raum. Einer der Wissenschaftler an den Tischen knurrte einen Fluch, und eilig schaltete Danchekker das Licht wieder aus. Er nahm drei weitere Bilder, legte sie auf den Schirm und schaltete die Beleuchtung erneut ein. Diesmal waren die Seitenansichten eines Rumpfes, eines Arms und eines Fußes zu sehen.

„Hier ist es ebenso. Der Rumpf ist genauso beschaffen wie der eines Menschen. Die gleiche Anlage der Rippen… breiter Brustkasten mit gut entwickelten Schlüsselbeinen… normalgroße Beckenknochen. Der Fuß ist der wahrscheinlich bei weitem spezialisierteste Bestandteil des menschlichen Skeletts. Er schafft die Voraussetzungen für das eigenständige Gehen und die besondere Körperhaltung. Wenn Sie mit der menschlichen Anatomie vertraut sind, fällt Ihnen sofort auf, daß dieser Fuß dem unseren in jeder Hinsicht entspricht.“

„Wenn Sie es schon sagen“, räumte Hunt ein und schüttelte den Kopf. „Nichts Ungewöhnliches also.“

„Dr. Hunt, die größte Bedeutung liegt darin, daß nichts ungewöhnlich ist.“

Danchekker schaltete den Bildschirm wieder aus und legte die Aufnahmen auf den Stapel zurück. Als sie der Ausgangstür entgegenschritten, wandte sich Caldwell Hunt zu.

„So was passiert nicht alle Tage“, brummte er. „Ein verständlicher Anlaß, einige… äh… außergewöhnliche Maßnahmen zu ergreifen, nicht wahr?“

Hunt gab ihm recht.

Durch einen Korridor, dem eine kurze Treppe folgte, an die sich ein weiterer Korridor anschloß, erreichten sie eine Doppeltür, auf der in großen, roten Buchstaben STERILSEKTION zu lesen war. Im dahinterliegenden Vorraum legten sie Gesichtsmasken, Hauben, Kittel, Handschuhe und Gummischuhe an, bevor sie durch die Tür auf der gegenüberliegenden Seite schritten.

In der ersten Abteilung, in die sie traten, wurden Haut- und andere Gewebeproben untersucht. Nach den Tests wurden diese Substanzen, die so viele Jahrtausende überstanden hatten, soweit restauriert, daß sie fast wieder im Ursprungszustand waren – soweit das machbar war. Im wesentlichen hatten die Untersuchungsergebnisse nur bestätigt, daß Charlies Körperchemie genauso menschlich war wie seine Anatomie. Einige fremdartige Enzyme hatte man jedoch entdeckt. Eine dynamische Computersimulation kam zu dem Schluß, daß diese Enzyme dazu dienten, einige Proteine abzubauen, die in der menschlichen Nahrung nicht vorkamen. Danchekker überging diese Besonderheit mit der Feststellung, „mit der Zeit“ änderten sich eben einige Dinge, eine Bemerkung, die Hunt ein wenig verwirrend fand.

Im nächsten Labor beschäftigte man sich mit der Untersuchung des Raumanzugs und der verschiedenen bei Charlie gefundenen technischen Einrichtungen und Utensilien. Als erstes hatte man den Helm näher in Augenschein genommen. Er bestand größtenteils aus einem mattschwarzen Metall, das sich bis zur Stirn hin erstreckte. Vor dem Gesicht war eine transparente, von Ohr zu Ohr reichende Sichtscheibe angebracht. Danchekker hob den Helm hoch, zeigte ihn seinen Begleitern und streckte dann die Hand durch die Nackenöffnung. Deutlich konnten sie die Finger seiner Gummihandschuhe hinter der Sichtscheibe sehen.

„Passen Sie auf“, sagte er und nahm eine leistungsstarke Xenonlampe von einem Tisch. Er richtete den Strahl auf die Vorderseite des Helms. Dort, wo er auf die Sichtscheibe traf, verdunkelte sich das transparente Material sofort. Sie sahen durch die nicht betroffenen Bereiche hindurch und entdeckten, daß sich der Beleuchtungspegel im Innern des Helms nicht merklich verändert hatte. Danchekker bewegte den Lichtstrahl zur Seite, und der Verdunklungsbereich auf der Sichtscheibe folgte nach.

„Ein eingebauter Blendschutz“, stellte Gray fest.

„Die Sichtscheibe besteht aus selbstpolarisierenden Kristallen“, informierte sie Danchekker. „Sie reagiert unmittelbar auf einfallendes Licht, und der Abschirmungseffekt ist selbst bei Gammastrahlen noch wirksam.“

Hunt nahm den Helm entgegen und betrachtete ihn eingehend. Die geschwungenen Außenflächen waren nicht besonders interessant, aber als er ihn umdrehte, fand er im Innern, direkt unter dem Scheitelpunkt, einen kleinen Hohlraum, der bis auf einige dünne Drähte und einen Satz Versteifungsbügel leer war.

„Der Hohlraum enthielt eine komplette Miniatur-Kommunikationsanlage“, sagte Danchekker, als er Hunts Interesse bemerkte. „Hinter den Gittern an den Seiten befanden sich die Lautsprecher, und vorne, direkt über der Stirn, ist ein Mikrofon eingebaut.“ Er faßte hinein und zog von der Frontsektion ein einfahrbares, binokulares Periskop herunter, das kurz darauf mit einem Klicken dort, wo sich Charlies Augen befunden haben mußten, einrastete.

„Ein eingebautes Videosystem“, erklärte er. „Die Kontrolleinheit dafür befand sich auf der Brust. In dem kleinen Loch dort kurz vor dem Helmscheitelpunkt steckte eine Kameraanlage.“

Hunt fuhr damit fort, die Trophäe in seinen Händen hin und her zu wenden und betrachtete sie schweigend von allen Seiten. Vor einigen Wochen noch hatte er an seinem Schreibtisch bei Metadyne gesessen und Routinearbeiten erledigt. Nicht einmal in seiner ausschweifendsten Phantasie hätte er sich damals vorgestellt, eines Tages einmal etwas in Händen zu halten, das sich als die aufregendste Entdeckung des Jahrhunderts und vielleicht sogar aller Zeiten herausstellen konnte. Und obwohl er allen Dingen gegenüber aufgeschlossen war, hatte er doch Schwierigkeiten, die ganze Tragweite dessen zu begreifen.

„Können wir einige der hier eingebauten elektronischen Bestandteile sehen?“ fragte er nach einer Weile.

„Heute nicht“, gab Caldwell zurück. „Die elektronischen Bauteile werden woanders untersucht – ebenso wie die meisten Bestandteile des Rückentornisters. Aber ich kann Ihnen versichern, wenn es um molekulare Schaltkreise geht, dann werden die Jungs erst richtig wach. Die verstehen ihr Handwerk.“

„Der Rückentornister ist ein Musterbeispiel für Präzisionstechnik in Miniaturausführung“, fuhr Danchekker fort, während er sie zu einem anderen Bereich des Labors führte. „Der Hauptenergielieferant für die Geräteausstattung sowie Heizung ist bereits identifiziert – ein Minireaktor. Außerdem enthält das Rückenpack noch ein Wasser-Wiederaufbereitungsgerät, ein Lebenserhaltungs- und Kommunikationssystem, eine Notstromversorgung und ein Flüssigsauerstoff-Depot – alles in dem einen Kasten!“ Danchekker zeigte ihnen das demontierte Gehäuse des Rückentornisters, legte es dann zurück auf die Werkbank. „Er enthielt auch noch einige andere Vorrichtungen, aber deren Zweck konnte bisher noch nicht enträtselt werden. Hinter sich können Sie einige persönliche Dinge sehen, die Charlie bei sich hatte.“

Der Professor trat zur Seite, um ihnen die Ansammlung von Objekten zu zeigen, die wie die Ausstellungsstücke eines Museums ordentlich auf dem Tisch aufgereiht waren.

„Ein Schreibstift – unseren Kugelschreibern nicht unähnlich; mit einer Drehung am oberen Ende kann man die Schreibfarbe wechseln.“ Er nahm ein Konglomerat aus Metallstreifen auf, die wie die verschiedenen Klingen eines Taschenmessers an einem Futteral befestigt waren. „Wir halten diese Streifen für eine Art Schlüssel, da sie einen magnetischen Code auf der Oberfläche tragen.“

Auf der einen Seite war etwas ausgestellt, das wie eine Sammlung aus zerknüllten Papieren aussah. Sie waren hier und dort mit kaum zu entziffernden Symbolen beschrieben. Daneben lagen zwei Bücher im Taschenbuchformat, jedes einzelne einen guten Zentimeter dick.

„Sortierter Krimskrams“, meinte Danchekker und deutete auf den Tisch. „Die Papiere bestehen aus einer formbaren Faser. Sie weisen einige Gruppen gedruckter und handgeschriebener Symbole auf, die natürlich völlig unverständlich sind. Das Material ist vollkommen verrottet und kann bei der geringsten Berührung zerfallen.“ Er nickte Hunt zu. „Auch bei dieser Sache hoffen wir auf die Leistungsfähigkeit Ihres Trimagniskops, bevor wir es wagen können, die Untersuchungen auf andere Weise durchzuführen.“ Er deutete auf die restlichen Dinge und benannte sie, ohne dabei ins Detail zu gehen. „Ein bleistiftgroßer Brenner – wir vermuten, es ist so etwas wie ein Taschen-Flammenwerfer; ein Messer, ein stiftgroßer Drillbohrer mit einem Satz verschiedener Bohrköpfe im Griff; Wasser- und Nahrungsmittel-Konserven – ihr Inhalt läßt sich mit Ventilen in die Schläuche auf der unteren Seite des Helms leiten; eine Taschenmappe, ähnlich einer Brieftasche – zu zerbrechlich, um sie öffnen zu können; Unterwäsche; Dinge des persönlichen Hygienebedarfs; einige sonderbare Metallstücke, deren Zweck unbekannt ist. In den Raumanzugtaschen fanden sich auch noch einige elektronische Bauteile, aber die sind zusammen mit dem Rest zur Untersuchung geschickt worden.“

Auf halbem Wege zurück zur Tür hielt die Gruppe inne, um den scharlachroten Raumanzug zu betrachten. Man hatte ihn einer großen Puppe, die auf einem Podest stand, übergestreift. Auf den ersten Blick schienen die Proportionen deutlich von denen eines durchschnittlichen Menschen abzuweichen. Der Anzug war ein wenig zu breit, die Extremitäten in Anbetracht der Größe von einhundertsiebzig Zentimetern ein bißchen zu kurz. Doch da der Anzug sicherlich nicht eng am Körper hatte anliegen sollen, konnte man diese Frage kaum mit Sicherheit beantworten. Hunt bemerkte die überraschend dicken Stiefelsohlen.

„Eine Sprungvorrichtung“, erklärte Danchekker, der seinem Blick gefolgt war.

„Was soll das denn sein?“

„Eine wirklich geniale Sache: Die mechanischen Eigenschaften des Sohlenmaterials verändern sich mit zunehmendem Druck. Wenn sich der Träger mit normaler Geschwindigkeit bewegt, dann ist die Sohne nur schwach flexibel. Bei einem plötzlichen Stoß jedoch – einem Sprung zum Beispiel – wirken sie wie Katapulte. Unter lunaren Verhältnissen – geringe Schwerkraft, dadurch reduziertes Gewicht, aber gleichbleibendes Trägheitsmoment – kann man mit dieser Vorrichtung ganz ideal herumhüpfen.“

„Und nun, meine Herren“, sagte Caldwell, der den Instruktionen mit sichtlicher Zufriedenheit gefolgt war, „ist der Augenblick gekommen, auf den Sie sicher schon alle warten – lassen Sie uns einen Blick auf Charlie selbst werfen.“

Ein Lift brachte sie ins Untergeschoß. Dort betraten sie einen kalt wirkenden, weißgekachelten Korridor, in dem helles Licht brannte und der vor einer großen, metallenen Tür endete. Danchekker preßte einen Daumen auf die in der Wand eingelassene Glasplatte, und die Tür schwang lautlos auf, als sein Fingerabdruck identifiziert worden war. Gleichzeitig wurde der vor ihnen liegende Raum in ein funkelndes Licht getaucht.

Es war kalt. Der größte Teil der Wände bestand aus Kontrolltafeln, Analysatoren und Glasabdeckungen, hinter denen ganze Reihen von Instrumenten schimmerten. Alles war in einem grünen Ton gehalten, so wie in einem Operationssaal, und hier schien ebenfalls klinische Sauberkeit zu herrschen. Auf der einen Seite stand ein langer Tisch, der von einer einzelnen zentralen Säule gestützt wurde. Auf der Tischfläche lag etwas, das an einen überdimensionalen Glassarg erinnerte. Im Innern dieses Glassargs befand sich der Körper. Ohne ein Wort zu sagen, geleitete der Professor sie durch den Raum. Seine Überschuhe gaben bei jedem Schritt ein helles Quietschen von sich. Dann umringte die Gruppe den Tisch und starrte in stiller Ehrfurcht auf Charlie hinab.

Ein Laken bedeckte ihn von der Brust bis zu den Füßen. In der sterilen Atmosphäre dieses Raums war jene Schaurigkeit verschwunden, die sie am Morgen dieses Tages in Caldwells Büro beim Anblick der ersten Bilder empfunden hatten. Charlie war jetzt nur noch ein Objekt wissenschaftlicher Neugier. Hunt empfand es als überwältigend, nur auf Armeslänge entfernt vor den Überbleibseln eines Wesens aus einer Zivilisation zu stehen, die sich in prähistorischer Zeit bis zu ihrer Blüte entwickelt hatte und dann untergegangen war. Fast eine Ewigkeit lang starrte er schweigend auf Charlie hinab. Er war unfähig, auch nur ein Wort oder eine Bemerkung über die Lippen zu bringen, aber hinter seiner Stirn purzelten wilde Spekulationen über die Zeit durcheinander, in der dieses fremde Wesen gelebt hatte. Als er sich schließlich einen Ruck gab und in die Wirklichkeit zurückkehrte, bemerkte er, daß der Professor seinen Vortrag bereits wiederaufgenommen hatte.

„…Natürlich können wir zur Zeit noch nicht sagen, ob es nur eine genetische Besonderheit dieses Individuums oder ein normales Charakteristikum seiner Spezies war, aber die Untersuchungen der Augenhöhlen und bestimmter Teile des Schädels deuten an, daß seine Augen, auf seine Größe bezogen, etwas größer als unsere waren. Daraus läßt sich folgendes schließen: Er war an ein Sonnenlicht gewöhnt, das weniger hell als das unsere war. Berücksichtigen Sie auch die Länge der Nasenlöcher. Wenn man die Schrumpfung im Laufe der Zeit berücksichtigt, dann ist es offensichtlich, daß sie dazu dienten, der Atemluft eine längere Vorwärmung zukommen zu lassen. Das läßt den Schluß zu, daß er an ein relativ kühles Klima angepaßt war… gleiches läßt sich bei den heutigen Eskimos beobachten.“

Danchekker deutete mit den Armen die Länge des Körpers an. „Nun, die außerordentlich stämmige und untersetzte Körperstruktur verweist ebenfalls auf eine kühle Umwelt. Ein breit gebauter Körper hat weniger Außenfläche pro Volumeneinheit als ein großer schlanker. Und das bedeutet gleichzeitig einen geringeren Wärmeverlust. Vergleichen Sie den kompakten Körperbau der Eskimos mit der hochgewachsenen, hageren Statur der Neger. Wir wissen, daß zu Charlies Lebzeiten auf der Erde gerade die letzte Kaltperiode der pleistozänen Eiszeit anbrach. Die damals existierenden Lebensformen hatten etwa eine Million Jahre Zeit, sich an die Kälte anzupassen. Es gibt einige stichhaltige Anhaltspunkte für die Theorie, daß Eiszeiten auf eine Reduktion des auf die Erde einfallenden Sonnenlichts zurückzuführen sind. Eine Reduktion, die dadurch entsteht, weil das Sonnensystem durch ungewöhnlich dichte Staubwolken treibt. So ereignen sich Eiszeiten zum Beispiel etwa alle zweihundertfünfzig Millionen Jahre; genau die Zeit, die unsere Galaxis zu einer Umdrehung benötigt. Das kann wohl kaum eine nur zufällige Übereinstimmung sein. Nun, die offensichtliche Anpassung dieses Wesens an ein kaltes Klima und die Vermutung, daß es an ein weniger helles Tageslicht gewöhnt war, sein festgestelltes Alter – das alles ergibt ein einheitliches Bild.“

Hunt sah den Professor ein wenig spöttisch an. „Na, Sie scheinen wohl schon ziemlich sicher zu sein, daß Charlie von der Erde stammt?“ erkundigte er sich in einem Tonfall, der milde Überraschung ausdrückte. „Ich meine… ist es nicht noch ein bißchen früh, eine solche Feststellung zu treffen?“

Danchekker warf den Kopf zurück, schraubte die Augenbrauen in die Höhe und gab sich indigniert. „Aber das liegt doch auf der Hand, Dr. Hunt.“ Er sprach in einem Tonfall, als müsse er einem zurückgebliebenen Studenten das Einmaleins erklären. „Denken Sie nur an die Dinge, die wir herausgefunden haben: an die Zähne, den Schädel, die Knochen, an Art und Lage der Organe. Ich habe Ihre Aufmerksamkeit in voller Absicht auf diese Details gelenkt, um Ihnen Charlies Verwandtschaft mit uns zu beweisen. Es kann keinen Zweifel daran geben, daß er die gleichen Vorfahren hatte wie wir.“ Er gestikulierte mit den Händen vor seinem Gesicht herum. „Nein, es ist kein wie auch immer gearteter Zweifel mehr möglich. Charlie entstammt demselben Evolutionsstrang, der auch den modernen Menschen und die heutigen Primaten hervorgebracht hat.“

Gray sah skeptisch drein. „Hm, ich weiß nicht recht“, brummte er. „Da scheint mir doch eher Victor richtig zu liegen. Ich meine, wenn er wirklich von der Erde kommt, dann hätte doch irgend jemand schon vorher auf Spuren seiner Spezies stoßen müssen, oder nicht?“

Danchekker seufzte übertrieben gleichgültig. „Wenn Sie meine Worte anzweifeln möchten, dann steht Ihnen das natürlich frei“, sagte er. „Als Biologe und Anthropologe sehe ich für meinen Teil jedoch genügend Anhaltspunkte, die meine eben dargelegten Folgerungen erhärten.“

Hunt schien sich mit dieser Bemerkung ganz und gar nicht zufriedengeben zu wollen und setzte zu einer erneuten Erwiderung an, als sich Caldwell einschaltete.

„Immer mit der Ruhe, Freunde. Meint ihr nicht, daß in den letzten Wochen haufenweise solche Diskussionen gelaufen sind?“

„Ich glaube, jetzt wird’s höchste Zeit zum Mittagessen“, warf Lyn Garland mit dem Gespür für den richtigen Moment ein.

Danchekker drehte sich abrupt um, und während er zur Tür ging, murmelte er etwas von der Dichte der Körperbehaarung und der Dicke der subkutanen Fettschichten vor sich hin. Die kleine Auseinandersetzung hatte er offensichtlich schon wieder vergessen. Hunt zögerte kurz und betrachtete noch einmal den Körper, dann drehte er sich um und folgte ihm. Dabei fing er für einen Moment den Blick Grays ein. Die Mundwinkel des Ingenieurs zuckten schwach. Hunt antwortete mit einem kaum wahrnehmbaren Achselzucken. Caldwell, der noch immer am Tischende stand, beobachtete den kurzen Meinungsaustausch. Er drehte den Kopf und sah Danchekker nach. Dann wandte er sich wieder den beiden Engländern zu und kniff nachdenklich die Augen zusammen. Schließlich ging er der Gruppe in ein paar Schritten Abstand nach, nickte leicht und gestattete sich ein mattes Lächeln.

Hinter ihnen schloß sich lautlos die Tür, und die Dunkelheit kehrte in Charlies Gruft zurück.

*     *     *

Fortsetzung: Teil 2

Wer sich dieses Buch besorgen möchte, kann es hier gebraucht bestellen, und so sieht es in der deutschen Fassung aus:

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Über Cernunnos

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Eine Antwort zu Der tote Raumfahrer – Teil 1

  1. Lichtschwert schreibt:

    Dieser Roman, mit dessen Nachveröffentlichung ich hiermit auf Nord-Licht begonnen habe (es werden insgesamt fünf Teile sein), ist mein Julgeschenk an meine Leser. Der Autor präsentiert darin zwar eine recht Roddenberry-mäßig optimistische Zukunftsvision samt teils naiver Vorstellungen über die Ursachen und Beseitigungsmöglichkeiten rassischer Spannungen und einer zu positiven Sicht auf die UNO, aber das war aus seiner Sicht wohl als Voraussetzung dafür notwendig, eine Welt mit derart weit fortgeschrittener Raumfahrtaktivität schon in naher Zukunft beschreiben zu können, und es soll uns hier nicht weiter stören. Und immerhin sind dennoch praktisch alle wichtigen Akteure, die darin vorkommen, weiß.

    Neben der interessanten SF-Handlung geht es mir bei dieser Nachveröffentlichung nicht so sehr darum, ob das darin Beschriebene einschließlich der Evolution und Geschichte von „Charlies“ Volk wirklich so gewesen sein könnte. Ich sehe darin auch eine inspirierende Geschichte über Durchhaltewillen auch unter widrigsten Umständen, und daß ich sie gerade jetzt beginnend um die Wintersonnenwende präsentiere, wurde unter anderem durch diesen Abschnitt in Kevin Alfred Stroms Eine Sonnwendfeier angeregt:

    Während wir uns zu dieser Wintersonnenwende die Hände reichen, erinnern wir uns daran, daß wir auch den Helden und Heldinnen unserer Rasse, die vor uns kamen, die Hände reichen – und den Helden und Heldinnen, die erst noch kommen werden. Dr. William Pierce ist einer, der nie aufgab. Unser Vorsitzender, Will Williams, ist einer, der nie aufgibt. Und diejenigen von Ihnen, die meine Stimme hören – die Getreuen und Wahrhaftigen, die alles, was wir tun, möglich machen – Sie sind ebenfalls Helden und Heldinnen, denn was immer dahergekommen ist, Sie haben nie aufgegeben.

    Und in Ich gedenke Dr. Pierce schrieb Kevin Strom:

    William Pierce hatte einen Geist des Niemals-Aufgebens, der beinahe unbegreiflich war. Er leistete ihm gute Dienste. Seine Quelle, denke ich, war ein tiefer Glaube, daß er einer von sehr wenigen Männern sei, die voll das kosmische Ausmaß dessen verstanden, was beim Kampf um das weiße Überleben auf dem Spiel stand, und daß er eine absolute Verantwortung dafür hätte, ungeachtet der Chancen ohne Ende danach zu streben, seinen beträchtlichen Beitrag zu leisten – eine Aufgabe, die niemand sonst für ihn erledigen konnte – um diesen Kampf zu gewinnen.

    Hier sehe ich eine Parallele zu Charlies Kamerad Koriel aus dem Prolog von „Der tote Raumfahrer“. Und diejenigen unter den hier Lesenden, denen es um mehr als bloße Unterhaltung geht, denen der Fortbestand der weißen Völker am Herzen liegt und die sich der diesbezüglich immer düsterer werdenden Zukunftsaussichten schmerzlich bewußt sind, werden in den Aufzeichnungen von Charlie, die im Laufe des Romans entschlüsselt werden, Bezüge zu unserer heutigen und zukünftigen Lage sehen. Dies ist der Schluß von Charlies letztem Tagebucheintrag, nachdem Koriel allein zur Mondstadt Gorda weitermarschiert ist:

    Das ist nun eine Weile her. Koriel ist weitermarschiert und hat gesagt, bevor ich bis drei zählen könne, sei Hilfe da. Mir wird immer kälter. Füße taub und Hände steif. Eisblumen bilden sich an der Innenseite der Helmscheibe – kann kaum noch sehen.

    Denke die ganze Zeit an die reihenweise zurückgelassenen Leute dort draußen in der hereinbrechenden Nacht. Sind alle wie ich, fragen sich, ob sie wieder eingesammelt werden. Wenn wir aushalten können, kommt alles in Ordnung. Koriel schafft es. Selbst wenn es noch tausend Kilometer bis nach Gorda wären, Koriel würde es schaffen.

    Denke an das, was auf Minerva geschehen ist, und frage mich, ob nach alldem unsere Kinder auf einer wärmeren Welt leben werden – und wenn, ob sie jemals wissen werden, was wir getan haben.

    Denke an Dinge, an die ich vorher überhaupt noch nie gedacht habe. Die Leute sollten ihr Leben nicht nur in Fabriken, Minen oder Armeelagern verbringen müssen. Weiß aber nicht, was es sonst noch gibt – wir kennen nichts anderes. Aber wenn es irgendwo Wärme und Farbe und Licht in diesem Universum gibt, dann entsteht aus dem, was wir durchgemacht haben, vielleicht doch etwas, was die ganze Mühe wert gewesen ist.

    Zu viele Gedanken für einen einzigen Tag. Muß jetzt ein bißchen schlafen.

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