Der tote Raumfahrer – Teil 3

Von James Patrick Hogan. Das Original „Inherit the Stars“ wurde 1977 veröffentlicht, die deutsche Fassung (übersetzt von Andreas Brandhorst) erschien 1981 im Moewig-Verlag (ISBN 3-8118-3538-6) und ist heute nur noch in Gebrauchtexemplaren über Amazon erhältlich.

Zuvor erschienen: Der tote Raumfahrer – Teil 1 und Teil 2

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Die Dienste der Sonderauftragsgruppe L wurden sofort in Anspruch genommen, als die neue Abteilung offiziell eingerichtet wurde, und innerhalb der folgenden Wochen nahm die Arbeitsbelastung rapide zu. Gegen Ende des Monats war Hunt mit Anträgen und Anfragen regelrecht überhäuft und gezwungen, mehr Mitarbeiter anzufordern, als er zuerst vorgehabt hatte. Ursprünglich war es sein Plan gewesen, eine Zeitlang mit einer Stammannschaft zurechtzukommen. Zumindest so lange, bis er eine Vorstellung davon hatte wie viele Mitarbeiter er benötigte. Als Caldwell zum ersten Mal von der Gründung einer neuen Sektion sprach, hatte es ein oder zwei Fälle von Eifersucht und Verstimmung gegeben. Aber schließlich setzte sich die Einschätzung durch, daß Hunt einige überlegenswerte Ideen eingebracht hatte und es deshalb nur vernünftig sei, ihn auf Dauer zum Projekt hinzuzuziehen. Nach einer Weile mußten selbst die Opponenten widerwillig einräumen, daß mit der Hilfe der Gruppe L die Dinge glatter liefen. Einige vollführten schließlich eine völlige Kehrtwendung und wurden zu enthusiastischen Befürwortern dieser neuen Einrichtung, als sie zu begreifen begannen, daß die Kommunikationskanäle zu Hunts Leuten auch in der anderen Richtung funktionierten und daß für jedes Informationsbit, das sie in diese Kanäle einspeisten, zehn aus der anderen Richtung zurückkamen. Als Caldwells Koordinierungsmaschine auf diese Weise geschmiert wurde und sich als produktiv erwies, wurde sie auf volle Touren gebracht, und plötzlich begannen sich die Mosaiksteinchen zusammenzufügen.

Die Mathematik beschäftigte sich noch immer mit den Gleichungen und Tabellen, die man in den Büchern gefunden hatte. Da mathematische Beziehungen völlig unabhängig von den Zeichen waren, mit denen man sie ausdrückte, gestaltete sich ihre Interpretation weitaus weniger willkürlich als die Decodierung der lunarischen Sprache. Durch die Entdeckung der Maßeinheitumrechnungstabellen waren die Mathematiker angespornt worden. Sie richteten ihre Aufmerksamkeit auf die anderen Tabellen desselben Buches und stießen bald auf eine, die eine Reihe von gewöhnlichen physikalischen und mathematischen Konstanten auflistete. Kurz darauf machten sie pi und e, die Basis der natürlichen Logarithmen, und noch ein oder zwei andere Konstanten ausfindig. Allerdings verstanden sie noch immer nicht genug von dem System der Maßgrundeinheiten, um die Mehrzahl von ihnen zu berechnen.

Als die Kartographen schlüssige Beweise für die Einheiten der Kreiseinteilung erbracht hatten, konnten andere Tabellen schnell als Beschreibungen einfacher, trigonometrischer Funktionen erkannt werden. Die Überschriften der Spalten dieser Tabellen bestanden aus den lunarischen Symbolen für Sinus, Kosinus, Tangens und so weiter. Sobald diese bekannt waren, ergaben mathematische Zeichen an anderen Stellen mehr Sinn; einige von ihnen erwiesen sich rasch als Definitionen bekannter trigonometrischer Beziehungen. Diese wiederum halfen, die Zeichen zu finden, die die Grundrechnungsarten und die Exponentialrechnung benannten, was zur Identifikation der Gleichungen führte, die mathematischer Ausdruck für die Gesetze der Gravitation waren. Niemand war überrascht, als diese Gleichungen offenbarten, daß die lunarischen Wissenschaftler die gleichen Gesetze abgeleitet hatte wie auch Newton. Die Mathematiker stießen dann zu Tabellen vor, die die ersten grundlegenden Integrale und Standardgleichungen einfacher Differentialrechnung beinhalteten. Auf anderen Seiten fanden sie Ausdrücke, von denen sie annahmen, daß sie die Gesetze der Resonanz und gedämpften Oszillation beschrieben. Hier führte die Ungewißheit über die Maßeinheiten erneut zu einem Problem: Ausdrücke von dieser Art würden in einer Standardform gehalten sein, die gleichwohl für elektrische, mechanische, thermische oder viele andere physikalische Erscheinungen zutreffen konnten. Bis sie nichts Genaueres über das lunarische Maßsystem wußten, konnten sie nicht absolut sicher sein, was diese Gleichungen bedeuteten, selbst dann nicht, wenn sie sie mathematisch interpretieren konnten.

Hunt erinnerte sich daran, bemerkt zu haben, daß an vielen der elektrischen Anschlüsse in Charlies Rückentornister direkt neben Stöpseln, Steckern und anderen Eingang-Ausgang-Verbindungen kleine Metallschildkennungen angebracht waren. Er vermutete, daß es sich bei einigen der Symbole, die in diese Kennungen eingraviert waren, möglicherweise um Angaben über Stromspannung, -stärke, -frequenz und dergleichen mehr handeln könnte. Er verbrachte einen ganzen Tag in den Labors der Elektronikabteilung, erarbeitete einen kompletten Bericht über die Kennungen und leitete ihn an die Mathematiker weiter. Niemandem war es bis dahin in den Sinn gekommen, sich über diese Dinge in Kenntnis zu setzen.

Die Elektroniker lokalisierten die Batterie in der Armbandeinheit, die das Tycho-Team entdeckt hatte, zerlegten sie in ihre Bestandteile und berechneten mit Hilfe eines Elektrochemikers aus einer anderen Abteilung, welche Stromspannung sie geliefert hatte. Die Linguistiker übersetzten die Beschriftungen auf dem Gehäuse, und das ergab einen Anhaltspunkt für die Einheit, mittels der die Lunarier elektrische Spannung gemessen hatten. Nun, es war ein Anfang.

Die Professoren Danchekker und Schorn waren für die biologische Seite der Untersuchungen verantwortlich. Überraschenderweise zeigte Danchekker keinen Widerstand, mit der Gruppe L zu kooperieren, und er hielt sie mit einem beständigen Informationsfluß auf dem laufenden. Dies war mehr die Folge einer tief in ihm verwurzelten Anständigkeit als einer Wandlung seiner Gefühle. Er war ein Formalist, und wenn die Formalitäten der neuen Regelung eine Informationsweitergabe verlangten, dann würde er sie streng einhalten. Aber er weigerte sich felsenfest, auch nur einen Millimeter von seiner kompromißlosen Überzeugung über den Ursprung der Lunarier abzuweichen.

Wie angekündigt führte Schorn eine Reihe von Untersuchungen durch, die die Länge des Tages von Charlies Heimatplaneten aus den Analysen seiner Körperchemie und seines Zellstoffwechsels ableiten sollte. Er stieß jedoch auf Schwierigkeiten. Er erzielte zwar Resultate, aber sie ergaben keinen Sinn. Einige Tests deuteten auf einen Vierundzwanzigstundentag hin, was bedeutete, daß Charlie von der Erde stammen konnte; andere jedoch führten zu fünfunddreißig Stunden, was dieser These widersprach. Und wieder andere Tests lieferten Werte, die dazwischen lagen. Wenn die Gesamtheit seiner Resultate also überhaupt irgendeine Bedeutung hatte, dann die, daß Charlie gleichzeitig von mehreren verschiedenen Orten kam. Entweder war dies verrückt, oder die Testmethoden waren falsch, oder es gab mehr Faktoren, als sie bisher angenommen hatten.

Danchekker war auf einem anderen Gebiet erfolgreicher. Aus einer Analyse von Form und Beschaffenheit von Charlies Blutgefäßen und dem dazugehörigen Muskelgewebe leitete er Gleichungen ab, die die Arbeitsweise von Charlies Kreislauf beschrieben. Daraus leitete er eine graphische Darstellung her, die Auskunft über das Verhältnis von Wärme und Abwärme des Körpers bei jeder gegebenen Körper- und Umwelttemperatur gab. Er erhielt schließlich von Schorns Resultaten, die weniger fehlerbehaftet waren, einen Wert für Charlies normale Körpertemperatur. Er beruhte auf der Annahme, daß die Evolution, wie im Falle der irdischen Säugetiere, auch bei Charlie zu einem Körperwärmeregulierungssystem geführt hatte, das die Körperwärme auf einem Stand hielt, der dafür sorgte, daß die chemischen Reaktionen innerhalb der Zellen möglichst effizient waren. Als er diesen Wert in seine Ursprungsgleichungen einsetzte, war Danchekker in der Lage, eine Schätzung über die Außentemperatur vorzunehmen, genauer gesagt: über die Temperatur der Umwelt, an die Charlie am besten angepaßt zu sein schien. Gemäß gewisser Abweichungstoleranzen lag der Schätzwert irgendwo zwischen zwei und neun Grad Celsius.

Da Schorn nicht in der Lage war, einen zuverlässigen Hinweis auf die Länge des lunarischen Tages zu liefern, gab es noch immer keine Möglichkeit, einige absolute Werte über den Kalender zu bestimmen, obgleich einige andere Abteilungen genügend schlüssige Anhaltspunkte geliefert hatten, die den absolut sicheren Schluß zuließen, daß es sich tatsächlich um einen Kalender handelte. Als die Elektroniker weitere Hinweise auf die elektrischen Maßeinheiten der Lunarier fanden, war es möglich, sich auf einem anderen Weg der Enträtselung der lunarischen Grundeinheiten zur Messung der Zeit zu nähern. Wenn die Mathematiker die Gleichungen über die elektrische Oszillation auflösen konnten, dann waren sie vielleicht in der Lage, die darin enthaltenen Quantitäten so zu verändern, daß man die beiden Konstanten über die dielektrische und magnetische Durchdringbarkeit des Weltraums in lunarischen Symbolen erhielt. Der Quotient dieser Konstanten würde den Wert für die Lichtgeschwindigkeit liefern, ausgedrückt in dem Verhältnis lunarischer Entfernungseinheiten zu lunarischen Zeiteinheiten. Die Einheiten für die Entfernungsmessung waren bereits bekannt, deshalb mußten jene, mit der die Zeit gemessen wurden, leicht zu berechnen sein.

All diese Aktivitäten in der UNWO fanden natürlich breites Interesse in der Öffentlichkeit. Es geschah schließlich nicht jeden Tag, daß man eine technisch weit fortgeschrittene Zivilisation entdeckte, die vor fünfzigtausend Jahren existiert hatte. Einige der Schlagzeilen, die in den Zeitungen des Welt-Nachrichtennetzes auftauchten, kurz nachdem die Entdeckung einige Wochen nach dem Auffinden Charlies öffentlich bekannt wurde, waren denkwürdig: LANGE VOR ARMSTRONG EIN MENSCH AUF DEM MOND; einige waren witzig: UNTERGEGANGENE MARS-ZIVILISATION; einige schlichtweg falsch: KONTAKT MIT EINER AUSSERIRDISCHEN INTELLIGENZ. Aber die meisten faßten den Stand der Erkenntnisse ziemlich gut zusammen.

In den folgenden Monaten wurde die Public-Relations-Zentrale der UNWO in Washington, die darin erfahren war, stetige, kontrollierte Beziehungen zu den Nachrichtenmedien zu pflegen, von einer Anfragenflut überschwemmt, die von hartnäckigen Chefredakteuren und Sendeleitern aus der ganzen Welt stammte. Eine Zeitlang hielt Washington tapfer die Stellung, aber schließlich setzte die menschliche Nervenkraft eine natürliche Grenze, und die ganze Sache wurde an Navkomms lokale PR-Zentrale in Houston delegiert. Der PR-Direktor in Houston stellte fest, daß bereits eine bestens ausgerüstete Nachrichtenzentrale existierte, in Gestalt der Gruppe L, direkt auf seinem Flur. Und so wurde Hunts ständig wachsender Arbeitslast noch ein weiteres, nicht unbeträchtliches Element hinzugefügt. Bald wurden Pressekonferenzen, Fernsehdokumentationen, Filminterviews und Reporter Bestandteile seiner täglichen Routine, ebenso wie die wöchentliche Herausgabe von Bulletins über die erzielten Fortschritte bei den Untersuchungen. Trotz der Objektivität und Formulierung dieser Bulletins schienen sie einer rätselhaften Metamorphose unterzogen zu werden, bis sie, ausgehend von den Navkomm-Büros, auf den Titelseiten der Zeitungen oder den Wandbildschirmen in den Wohnungen erschienen. Noch seltsamere Dinge rührten sich in den Gedanken der Leute, die sie lasen.

Eine der britischen Sonntagszeitungen präsentierte das Alte Testament in einer neuen Gestalt – als die Folge von Aktionen außerirdischer Wesen, die infolge der Primitivität der damaligen Menschen mystifiziert worden waren. Die Plagen, die Ägypten heimgesucht hatten, waren absichtliche ökologische Manipulationen, die als Warnung an die tyrannischen Pharaos gedacht waren. Moses war von Fliegenden Untertassen durch das Rote Meer geleitet worden, während die Wassermassen von nukleonischen Kraftfeldern zurückgehalten wurden; und das Himmelsmanna war aus den Kohlenwasserstoff-Verbrennungsmotoren thermonuklearer Antriebseinheiten geformt worden. Ein Verleger in Paris überdachte diese neuen Erkenntnisse und beauftragte einen freien Autor damit, das Leben Christi als eine symbolische Summe von offensichtlichen Wundertaten eines Lunariers zu beschreiben, der nach einer achtundvierzigtausend Jahre andauernden Meditation in den Sternenwüsten der Galaxis zur Erde zurückgekehrt war.

Es wimmelte nur so von „authentischen“ Berichten, wonach die Lunarier noch immer auf der Erde weilten. Sie hatten die Pyramiden gebaut, Atlantis versenkt, den Bosporus gegraben. Es gab „echte“ Augenzeugenberichte über die Landungen von Lunariern in jüngster Zeit. Irgend jemand hatte vor zwei Jahren im Zentrum der Colorado-Wüste ein Schwätzchen mit dem Piloten eines lunarischen Raumschiffes gehalten. Alle überlieferten Hinweise auf übernatürliche Phänomene, Erscheinungen, Besuche, Wundertaten, Heilige, Geister, Visionen und Hexen standen im Zusammenhang mit den Lunariern.

Aber als die Monate dahingingen und keine sensationelle Offenbarung zutage trat, begann sich die Welt nach anderen Sensationen umzusehen. Berichte über neue Untersuchungsergebnisse beschränkten sich auf die seriösen wissenschaftlichen Journale und Vorträge in Forschungsinstituten. Die Wissenschaftler des Projekts konnten ungestört weiterarbeiten.

Dann empfing ein UNWO-Team, das ein Observatorium auf der erdabgewandten Seite des Mondes errichtete, ungewöhnliche Ultraschallsignale von einem sechzig Meter unter der Oberfläche liegenden Punkt. Man trieb einen Schacht hinab und entdeckte etwas, das wie das einzige Überbleibsel der Untergeschosse einer weiteren Lunarierbasis aussah, auf jeden Fall aber das eines Gebäudes. Es war einfach nur ein Metallkasten, drei Meter hoch und so breit und lang wie ein kleines Haus; an dem einen Ende fehlte die Wand, und das Innere war zu einem Viertel mit Staub und Geröll gefüllt. Im restlichen Raum fand man die verkohlten Gerippe von acht weiteren Lunariern, einige Möbelstücke, ein paar technische Ausrüstungsgegenstände und eine ganze Anzahl versiegelter Metallbehälter. Wie auch immer der restliche Bestandteil des Gebäudes oder der Anlage, von der dieser Kasten ein Bestandteil gewesen war, ausgesehen hatte – er war verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Später wurden die Metallcontainer von den Wissenschaftlern in Westwood geöffnet. Im Innern der Kanister befand sich eine Sammlung sortierter Nahrungsmittel, die, obwohl eingekocht, gut erhalten waren. Was auch immer sie erhitzte, hatte vermutlich auch die Lunarier zerkocht. Die meisten Behälter enthielten chemisch konserviertes Gemüse, Fleisch und Süßspeisen; einige jedoch wiesen auch eine Anzahl von Fischen auf, die so groß wie Heringe und bestens erhalten waren.

Als Danchekkers Assistent einen dieser Fische sezierte und das Innere untersuchte, wurde er aus dem, was er entdeckte, nicht schlau und bat den Professor ins Labor hinunter, um ihn um seine Meinung zu fragen. Danchekker arbeitete ohne Unterbrechung bis um acht Uhr des nächsten Tages. Eine Woche später behauptete er einem überraschten Victor Hunt gegenüber: „Dieses Exemplar ist niemals in einem unserer Ozeane geschwommen; weder entstammt es einer Lebensform, noch ist es in irgendeiner Weise mit irgendeiner Lebensform verwandt, die jemals auf diesem Planeten existiert hat!“

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Die Apollo-Siebzehn-Expedition vom Dezember 1972 stellte den erfolgreichen Abschluß des ersten geplanten Versuchs der Menschheit dar, eine andere Welt aus erster Hand kennenzulernen. Nach dem Apollo-Programm wurden die Aktivitäten der NASA beschränkt, hauptsächlich als Folge der finanziellen Misere. Diese wiederum war Ergebnis der Rezession, die sich in den siebziger Jahren über die ganze westliche Welt erstreckte, ferner der verschiedenen anderen Krisen, die man im Nahen Osten und der südlichen Hälfte von Afrika fleißig produzierte, schließlich der Fortdauer des Vietnamkrieges. Während der mittleren und späten siebziger Jahre wurde eine ganze Anzahl von unbemannten Sonden zu Mars, Venus, Merkur und einigen äußeren Planeten geschickt. Als in den achtziger Jahren wieder bemannte Raumschiffe ins All gestartet wurden, lag ihr Zweck hauptsächlich darin, verschiedene Space-Shuttle-Ausführungen zu entwickeln und im Orbit Forschungslaboratorien und -observatorien zu errichten, die ständig bemannt bleiben sollten. Das Hauptziel bestand darin, eine Absprungbasis zu schaffen, bevor man weiter in den Weltraum vordrang. Infolgedessen blieb der Mond wieder sich selbst überlassen. Er konnte sein Jahrmilliarden andauerndes Philosophieren über das Universum fortsetzen, ohne von der Menschheit dabei weiter gestört zu werden.

Die Informationen, die die Apolloastronauten zurückbrachten, beendeten schließlich den Meinungsstreit über Beschaffenheit und Entstehung des Mondes, ein Streit, der bereits Generationen von erdgebundenen Beobachtern beschäftigt hatte. Bald nachdem das Sonnensystem entstanden war, vor 4,5 Milliarden Jahren, plus minus einige Millionen, verwandelte sich das Mondgestein bis hin in beträchtliche Tiefen, möglicherweise bis auf die Hälfte der Entfernung zum Kern, in glutflüssiges Magma. Die Hitze, die das bewirkte, stammte von der durch weitere Aufnahme von Materie freigesetzten Gravitationsenergie. Während der darauf folgenden Abkühlungsphase sanken die schweren, eisenhaltigen Mineralien ab, während die leichteren, aluminiumreichen an die Oberfläche stiegen und die Hochlandkruste formten. Ein fortdauerndes Meteoritenbombardement sorgte immer wieder für eine Durchmischung und komplizierte den Prozeß bis zu einem gewissen Grad. Aber vor 4,3 Milliarden Jahren war die Herausbildung der Kruste so gut wie abgeschlossen. Das Bombardement dauerte bis vor 3,9 Milliarden Jahren an, und zu dieser Zeit existierten bereits die meisten bekannten Oberflächenformationen. Von diesem Zeitpunkt an bis vor 3,2 Milliarden Jahren stieg basaltische Lava empor, deren erneute Verflüssigung an manchen Orten durch Konzentrationen radioaktiver Hitzequellen unter der Oberfläche verursacht wurde, ergoß sich in die Becken, die von Meteoriteneinschlägen stammten, und schuf die dunklen Mare. Die Kruste kühlte sich bis hinab in größere Tiefen weiter ab, und bald konnte Geschmolzenes nicht mehr die Oberfläche durchdringen. Danach blieb über Äonen hinweg alles unverändert. Gelegentlich entstand ein weiterer Meteoriten-Einschlagskrater, und niedersinkender Staub sorgte für eine teilweise Erodierung des obersten Millimeters der Oberfläche, aber im wesentlichen wurde der Mond zu einer toten Welt.

Diese Entwicklungsgeschichte leitete sich aus genauen Beobachtungen und begrenzten Erforschungen der erdzugewandten Seite ab. Untersuchungen der erdabgewandten Seite von Orbitalobservatorien aus ließen vermuten, daß sich dort in etwa dasselbe abgespielt hatte, und da dies in Einklang mit der existierenden Theorie stand, wurde ihre Stichhaltigkeit auch Jahre nach dem Apolloprogramm von niemandem in Zweifel gezogen. Natürlich mußten noch einige Details geklärt werden, aber das allgemeine Bild stand überzeugend fest. Als der Mensch jedoch in größerer Anzahl auf den Mond zurückkehrte und dort länger blieb, führten Bodenerschließungsarbeiten auf der erdabgewandten Seite zu vollkommen unerwarteten und überraschenden Entdeckungen.

Obgleich die Oberfläche der erdabgewandten Seite für einen entfernten Beobachter genauso wie die der erdzugewandten Seite aussah, bewies die Beschaffenheit im mikroskopischen Bereich, daß ihre Entwicklungsgeschichte eine total andere war. Als sich überdies Stützpunkte, Startrampen, Kommunikationseinrichtungen und all das andere Zubehör, das den Menschen überallhin begleitete, auf der erdzugewandten Seite auszubreiten begannen, ließ die daraus resultierende methodische Oberflächenerfassung auch dort Seltsamkeiten zutage treten.

Die Untersuchungen der Gesteinsproben, die von den acht bis zur Mitte der siebziger Jahre erforschten Mondregionen stammten, hatten zu übereinstimmenden Resultaten geführt, die die orthodoxen Theorien erhärteten. Selbst als aus acht erforschten Orten Tausende wurden, paßte der größte Teil der zusätzlichen Informationen ins Bild – bis auf einige Ausnahmen, die anzudeuten schienen, daß einige der geologischen Formationen auf der erdzugewandten Seite eigentlich auf die erdabgewandte Seite gehörten.

Keine der auf gut Glück hervorgebrachten Erklärungen war wirklich überzeugend. Aber bald gerieten diese Dinge aus dem Brennpunkt der Aufmerksamkeit. Die Direktoren und Offiziere der UNWO störten sich jedoch nicht sehr daran, zumal die rein wissenschaftliche Aktivität auf dem Mond inzwischen zugunsten intensiver Bautätigkeit zurückgegangen war. Nur Studentengruppen an einigen Universitäten fanden die Zeit, sich über die Differenzen in den spektralen Eigenschaften von Mondstaubproben Gedanken zu machen. So verblieb die Akte mit den dokumentierten Angaben über „Anomalien der Mondhemisphären“ über lange Jahre hinweg – zusammen mit unzähligen anderen – im „Bisher ungelöst“-Ablagefach der Wissenschaft.

Zur Routinearbeit der Gruppe L gehörte eine methodische Überprüfung des gegenwärtigen Erkenntnisstandes in jedem Wissenschaftszweig, der von Bedeutung für die Bewältigung des Lunarier-Problems sein konnte. Alles, was mit dem Mond zusammenhing, stand natürlich hoch oben auf der Checkliste, und bald hatte die Gruppe genügend Informationen zusammengetragen, um eine kleine Bibliothek zu dieser Thematik anzulegen. Zwei jüngeren Physikern, die sich nicht schnell genug aus dem Staub machten, als Hunt die Aufgaben verteilte, wurde die Herkulesarbeit übertragen, diesen Datenberg durchzusieben. Sie benötigten einige Zeit, bis sie auf das Thema der Hemisphärenanomalien stießen. Als es soweit war, fanden sie Berichte über eine Reihe von Datierungsexperimenten, die vor einigen Jahren von einem Nukleoniker namens Kronski im Max-Planck-Institut in Berlin durchgeführt worden waren. Die in jenen Berichten aufgeführten Daten veranlaßten die beiden Physiker, alles stehen und liegen zu lassen und sich unverzüglich auf die Suche nach Hunt zu machen.

Nach einer längeren Diskussion rief Hunt per Vi-Phon Dr. Saul Steinfield von der physikalischen Fakultät der Universität von Nebraska an, der sich auf Mondphänomene spezialisiert hatte. Als Folge dieses Anrufs traf Hunt Vorkehrungen, die Leitung der Gruppe L für ein paar Tage seinem Stellvertreter zu übergeben, und früh am nächsten Morgen flog er nach Omaha ab. Steinfields Sekretärin erwartete Hunt am Flughafen, und innerhalb einer Stunde befand sich Hunt in einem der Labors der physikalischen Fakultät und betrachtete ein Mondmodell, das einen Durchmesser von einem Meter hatte.

„Die Kruste ist nicht gleichmäßig beschaffen“, sagte Steinfield und zeigte auf das Modell. Auf der erdabgewandten Seite ist sie wesentlich dicker als auf der erdzugewandten – das ist bereits lange bekannt, seit dem Zeitpunkt, als in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts der erste künstliche Satellit in eine Mondumlaufbahn gebracht wurde. Das Massezentrum des Mondes ist zwei Kilometer vom geometrischen Zentrum entfernt.“

„Und es gibt keine einleuchtende Erklärung dafür“, grübelte Hunt.

Steinfields umherzuckende Arme vollführten weiterhin wilde, kreisförmige Bewegungen in Richtung des Globus vor ihnen. „Sicher, es gibt keinen einleuchtenden Grund dafür, warum sich die Kruste auf der einen Seite wesentlich dicker formen sollte als auf der anderen, aber das spielt auch keine Rolle, denn bei der Bildung der Kruste sind diese Verdickungen nicht entstanden. Das Material, aus dem die Oberfläche der erdabgewandten Seite beschaffen ist, ist wesentlich jünger, als jedermann bis vor… äh… etwa dreißig Jahren geglaubt hat – verdammt viel jünger! Aber das ist Ihnen bekannt… darum sind Sie ja hier.“

„Sie wollen doch nicht etwa sagen, sie habe sich erst kürzlich gebildet“, bemerkte Hunt.

Steinfield warf seinen Kopf nachdrücklich von der einen auf die andere Seite, was dazu führte, daß die beiden Büschel aus weißem Haar, die an den Seiten seines ansonsten kahlen Schädels entsprangen, wie zwei Wimpel flatterten. „Nein. Wir können behaupten, daß sie genauso alt ist wie der Rest des Sonnensystems. Ich meine folgendes: Dort, wo sie sich jetzt befindet, ist sie noch nicht sehr lange.“

Er legte seine Hand auf Hunts Schulter und drehte ihn halb herum, so daß er auf die Wandkarte blicken konnte, die ein Schnittbild durch das Mondzentrum zeigte. „Hier können Sie es sehen. Die rote Schale ist die ursprüngliche Außenkruste, die den ganzen Mond umgibt – sie ist, wie man erwarten sollte, annähernd kreisrund. Auf der erdabgewandten Seite – hier – befindet sich darauf dieses blaue Zeug, das vor nicht langer Zeit hinzugefügt wurde.“

„Auf der eigentlichen Oberfläche also.“

„Genau. Irgend jemand hat einige Milliarden Tonnen Schutt auf die alte Kruste gekippt – aber nur auf dieser Seite.“

„Und das ist ziemlich überzeugend bestätigt worden?“ erkundigte sich Hunt, nur um wirklich sicherzugehen.

„Klar… sicher. In den Boden der erdabgewandten Seite sind genügend Bohrlöcher und Schächte getrieben worden, um uns ziemlich genau zu sagen, wo sich die alte Oberfläche befindet. Ich werde Ihnen mal etwas zeigen…“ Der größte Teil der gegenüberliegenden Wand bestand aus nichts anderem als Reihen von kleinen Metallschubladen, jede ordentlich mit einem Kennungsetikett versehen, die sich vom Fußboden bis zur Decke erstreckten. Steinfield durchquerte den Raum, bückte sich, um die Etiketten zu betrachten, und murmelte gleichzeitig vor sich hin. Mit einem plötzlichen „Da haben wir’s!“ stürzte er sich auf eine der Schubladen, öffnete sie und kehrte mit einem Glasbehälter in seinen Händen zurück. Er enthielt ein großkörniges Bruchstück einer hellgrauen, steinigen Substanz, das an einigen Stellen schwach glitzerte und auf einem Drahtgestell angebracht war.

„Das ist ziemlich gewöhnlicher KSEP-Basalt von der erdabgewandten Seite. Er…“

„‘Xep?“

„Reich an Kalium, daher das K, seltenen Erden und Phosphor, also KSEP.“

„Ah… ich verstehe.“

„Aus einer Mischung wie dieser“, fuhr Steinfeld fort, „besteht ein großer Teil des Hochlandes. Dieser Brocken erstarrte vor rund 4,1 Milliarden Jahren. Nun, durch eine Analyse der Isotopenanreicherung, die von der kosmischen Strahlung hervorgerufen wurde, der er ausgesetzt war, können wir ermitteln, wie lange er auf der Oberfläche gelegen hat. Der Wert für diesen Stein liegt bei 4,1 Milliarden Jahren.“

Hunt sah ein wenig verwirrt drein. „Das ist doch normal. Es ist das, was Sie erwartet haben, nicht wahr?“

„Wenn er sich auf der Oberfläche befunden hätte, ja. Aber dieser stammt vom Grund eines über zweihundert Meter tiefen Schachtes! Mit anderen Worten: Er lag die ganze Zeit auf der Oberfläche – dann befand er sich plötzlich zweihundert Meter darunter.“ Steinfield zeigte erneut auf die Wandkarte. „Wie ich schon sagte, überall auf der erdabgewandten Seite stießen wir auf die gleiche Sache. Wir wissen ungefähr, in welcher Tiefe die alte Oberfläche liegt. Sie besteht aus altem Felsgestein und den Formationen, die auch auf der erdzugewandten Seite anzutreffen sind; darüber ist alles nur Schutt – bis hinauf zu dem, was die heutige Oberfläche darstellt, ist das ehemalige Gestein pulverisiert worden und zum größten Teil geschmolzen, als das Gerümpel vom Himmel fiel. Genauso, wie man das erwarten sollte.“

Hunt nickte zustimmend. Die Energie, die bei dem Aufschlag einer derart großen Masse frei wurde, war gewaltig.

„Und niemand weiß, wo dieser Schutt herkam?“ fragte er.

Steinfield wiederholte sein charakteristisches Kopfschütteln. „Einige Leute meinen, daß ein ausgedehnter Meteoritenschwarm mit dem Mond kollidierte. Das mag stimmen – es ist weder schlüssig bewiesen noch widerlegt worden. Die Zusammensetzung des Schutts allerdings ähnelt nicht direkt der von Meteoriten – eher dem eigentlichen Mondmaterial. Es ist, als bestünde beides aus dem gleichen Zeug – darum sieht’s aus größerer Höhe auch gleich aus. Man muß sich die Mikrostruktur ansehen, um die Dinge zu erkennen, von denen ich gesprochen habe.“

Schweigend betrachtete Hunt die Probe eine Zeitlang verwundert. Schließlich legte er sie vorsichtig auf eine Ablage. Steinfield nahm sie auf und schaffte sie in die Schublade zurück.

„In Ordnung“, sagte Hunt, als sich Steinfield ihm wieder zuwandte. „Also was ist mit der Oberfläche der erdabgewandten Seite?“

„Kronski und seine Leute.“

„Genau – wie wir es gestern schon besprochen haben.“

„Die Krater auf der Oberfläche der erdabgewandten Seite sind am Schluß des Schuttbombardements entstanden, nicht wie die Krater auf der erdzugewandten Seite, die auf Meteoriteneinschläge zurückzuführen sind, vor… äh… ein paar Milliarden Jahren. Bei der Untersuchung von Gesteinsproben aus den Randbereichen der Krater der erdzugewandten Seite stellten wir fest, daß die Zerfallsraten der Elemente mit hoher Halbwertszeit sehr niedrig sind – bei Aluminium zum Beispiel sechsundzwanzig und bei Chlor sechsunddreißig; ebenso die Absorptionsquoten von Wasserstoff, Helium und anderer inaktiver Gase des Sonnenwindes. Solche Dinge sagen uns, daß diese Steine dort nicht sehr lange gelegen haben. Und da sie aus Kratern heraus dorthin geschleudert worden sind, wo sie sich befanden, befinden sich auch die Krater noch nicht lange dort.“ Steinfield zeigte in einer übertriebenen Geste seine leeren Hände. „Den Rest wissen Sie. Leute wie Kronski haben die Datierungen durchgeführt, und die Werte bewegen sich um ein Alter von fünfzigtausend Jahren – gestern also!“ Er zögerte einige Sekunden. „Es muß irgendeine Verbindung zu den Lunariern existieren. Für mich bedeutet diese Zahl mehr als eine zufällige Übereinstimmung.“

Hunt runzelte eine Zeitlang die Stirn und studierte auf dem Modell die Details der erdabgewandten Hemisphäre. „Sie müssen darüber doch bereits seit vielen Jahren Bescheid wissen“, sagte er und sah auf. „Warum zum Teufel haben Sie gewartet, bis wir uns mit Ihnen in Verbindung gesetzt haben?“

Steinfield hob erneut seine Hände und verblieb für ein oder zwei Sekunden in dieser Haltung. „Nun, ihr UNWO-Typen seid ziemlich aufgeweckte Knaben. Ich dachte, ihr wüßtet dies alles bereits.“

„Wir hätten früher darauf stoßen sollen, das gebe ich zu“, nickte Hunt. „Aber wir waren zu sehr beschäftigt.“

„Kann ich mir vorstellen“, murmelte Steinfield. „Wie dem auf sei, da sind noch ein paar andere Sachen. Ich habe Ihnen von den in Einklang gebrachten Dingen erzählt. Jetzt werde ich Ihnen was von den rätselhaften Dingen erzählen…“ Er unterbrach sich, als hätte er eine neue Idee. „Die rätselhaften Dinge kommen in einer Sekunde dran. Wie wär’s vorher mit einer Tasse Kaffee?“

„Großartig.“

Steinfield entzündete einen Bunsenbrenner, füllte ein großes Becherglas am nächsten Wasserhahn und stellte es über die Flamme. Dann hockte er sich nieder, durchstöberte den Schrank unter der Ablage und kam schließlich triumphierend mit zwei verbeulten, emaillierten Bechern wieder in die Höhe.

„Die erste rätselhafte Sache: Die Fundorte der Gesteinsproben, die wir auf der erdabgewandten Seite ausgegraben haben und die in ihrer jüngsten Vergangenheit radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren, lassen sich weder mit den Standorten noch mit der Emissionsintensität der radioaktiven Strahlungsquellen in Einklang bringen. Es müßten sich dort Strahlungsquellen scharen, wo sie gar nicht aufzufinden sind.“

„Und was, wenn der Meteoritenschwarm einige hochradioaktive Meteoriten enthielt?“ schlug Hunt vor.

„Zieht nicht“, entgegnete Steinfield, durchmusterte ein Regalgestell mit Einmachgläsern und wählte schließlich eines, das ein rötlichbraunes Pulver enthielt und mit dem Schildchen „Eisenoxyd“ gekennzeichnet war. „Wenn solche Meteoriten darunter waren, dann sollten noch Bruchstücke davon herumliegen. Aber die Verteilung radioaktiver Elemente im Schutt ist ziemlich gleichmäßig – ziemlich normal für die meisten Felsen.“ Er begann das Pulver in die Becher zu löffeln. Hunt deutete mit dem Kopf besorgt in Richtung des Einmachglases.

„Kaffee scheint hier nicht lange unangetastet zu bleiben, wenn er in Kaffeetüten herumliegt“, erklärte Steinfeld. Er nickte in Richtung der Tür, die in den nächsten Raum führte und mit den Worten „FORSCHUNGSBEREICH STUDENTEN“ versehen war. Hunt nickte verstehend.

„Verdampft?“ vermutete Hunt.

Wieder schüttelte Steinfield den Kopf. „In diesem Fall hätten sie sich nicht lange genug in unmittelbarer Nähe des Gesteins befunden, um die beobachteten Auswirkungen hervorzurufen.“ Er öffnete ein weiteres Glas, das mit „Natriumhydrochlorid“ beschriftet war. „Zucker?“

„Die zweite rätselhafte Sache“, fuhr Steinfield fort. „Hitzebalance. Wir wissen, wieviel Materie herunterkam, und aus der Art und Weise, wie sie herunterkam, können wir ihre kinetische Energie berechnen. Infolge einer statistischen Erhebung wissen wir auch, wieviel Energie nötig gewesen sein muß, um die Gesamtheit der Gesteinsschmelzungen und Strukturdeformationen hervorzurufen. Ebenso ist uns bekannt, wo und wieviel Energie durch sublunare Radioaktivität produziert wurde. Das Problem: Die Gleichungen gehen nicht auf. Man hätte mehr Energie benötigt, um das, was geschehen ist, geschehen zu lassen, als zur Verfügung stand. Woher also kam der Extrabetrag? Die Computermodelle sind in dieser Angelegenheit außerordentlich komplex, und vielleicht beinhalten sie auch Fehler, aber so sieht die Sache im Augenblick aus.“

Steinfield ließ Hunt Zeit, diesen Sachverhalt zu durchdenken, während er mit einer Zange das Becherglas aufnahm und daran ging, die großen Tassen zu füllen. Als er diese Operation sicher zu Ende geführt hatte, begann er, noch immer schweigend, seine Pfeife zu stopfen.

„Sonst noch etwas?“ fragte Hunt schließlich und griff nach seiner Zigarettenpackung.

Steinfield nickte bestätigend. „Besonderheiten auf der erdzugewandten Seite. Die meisten Krater auf der erdzugewandten Hemisphäre werden der klassischen Vorstellung gerecht: Sie sind alt. Es gibt jedoch einige verstreute, die nicht in dieses Muster passen. Datierungen der Absorption der kosmischen Strahlung führen zu den gleichen Altersangaben wie bei denen auf der erdabgewandten Seite. Die gebräuchlichste Erklärung ist die, daß einige Irrläufer des Meteoritenschwarms, der unlängst die erdabgewandte Seite bombardiert hat, auch auf der erdzugewandten eingeschlagen sind…“ Er zuckte mit den Achseln. „Aber in einigen Punkten bestehen Eigentümlichkeiten, die nicht recht in dieses Bild passen.“

„Etwa?“

„Etwa daß einige der Glasierungsstrukturen und Breccieformationen Erhitzungsmuster aufweisen, die nicht mit denen von neueren Meteoriteneinschlägen in Einklang zu bringen sind… Später werde ich Ihnen noch zeigen, was ich damit meine.“

In Gedanken betrachtete Hunt diese neue Information von allen Seiten, während er sich eine Zigarette anzündete und einen Schluck Kaffee trank. Er schmeckte tatsächlich wie Kaffee.

„Und das ist die letzte rätselhafte Sache?“

„Ja, im großen und ganzen. Halt, einen Augenblick – die letzte rätselhafte Sache bis auf eine. Warum hat kein Meteorit aus diesem Schwarm die Erde getroffen? Eine Menge erodierter Überbleibsel irdischer Meteoritenkrater sind identifiziert und datiert worden. Die Computersimulationen der betreffenden Mondkrater zeigen, daß vor fünfzigtausend Jahren der Höhepunkt einer ungewöhnlichen Meteoritenaktivität erreicht war, was aus einer Hochrechnung der Masse abgeleitet worden ist, die damals den Mond getroffen hat. Auf der Erde aber findet sich nicht ein einziger Hinweis auf einen Einschlag, der aus dieser Zeit stammt, selbst wenn man den Verwitterungseffekt der Atmosphäre mit berücksichtigt.“

Hunt und Steinfield verbrachten den Rest dieses Tages und den ganzen nächsten damit, Berechnungen und Forschungsberichte zu sichten, die vor vielen Jahren erarbeitet worden waren. Während der folgenden Nacht schlief Hunt nicht eine Minute, sondern rauchte stattdessen eine Packung Zigaretten und konsumierte etliche Liter Kaffee, während er auf die Wände seines Hotelzimmers starrte und die neuen Informationen zu all jenen Mustern zusammensetzte, die sein Hirn zu ersinnen in der Lage war.

Vor fünfzigtausend Jahren waren die Lunarier auf dem Mond gewesen. Woher sie gekommen waren, spielte im Augenblick keine Rolle – das war ein ganz anderes Problem. Ungefähr zur gleichen Zeit verwüstete ein gewaltiger Meteoritensturm die Oberfläche der erdabgewandten Seite. Hatte dieser Sturm auch die Lunarier auf dem Mond ausgetilgt? Möglich, aber das konnte nicht die geringste Auswirkung auf jene gehabt haben, die auf ihrer Heimatwelt zurückgeblieben waren – welcher Planet das auch immer war. Wenn alle UNWO-Leute auf dem Mond umkamen, dann hatte das dennoch keine bleibende Auswirkung auf die Erde. Was also war mit dem Rest der Lunarier geschehen? Warum waren sie nicht wieder aufgetaucht? War ihnen etwas anderes zugestoßen, etwas mit noch umfassenderen Auswirkungen als das unbekannte Geschehen auf dem Mond? Konnte dieser Faktor den Meteoritensturm verursacht haben? Konnte ein weiterer Faktor das Mondbombardement sowie auch die Auslöschung der Lunarier an anderen Orten verursacht haben? Gab es vielleicht gar keinen Zusammenhang? Unwahrscheinlich.

Dann waren da die Widersprüche, von denen Steinfield gesprochen hatte… Aus dem Nichts entstand eine absurde Idee, die von Hunt ungeduldig verworfen wurde. Aber als sich die Nacht in die Länge zog, kehrte sie mit zunehmender Eindringlichkeit zurück. Während des Frühstücks entschied er, daß er wissen mußte, was diese Milliarden Tonnen Schutt unter sich verbargen. Es mußte eine Möglichkeit geben, genügend Informationen zu gewinnen, mittels derer man rekonstruieren konnte, wie die Oberfläche unmittelbar vor Beginn des Bombardements beschaffen gewesen war. Später am Morgen, wieder in den Labors, fragte er Steinfield danach.

Der schüttelte nachdrücklich den Kopf. „Wir haben über ein Jahr lang versucht, ein solches Modell zu entwickeln. Zwölf Programmierer haben daran gearbeitet. Es war vergebens. Das Durcheinander dort oben ist einfach zu groß – alles ist umgepflügt. Nur Schutt und immer wieder Schutt.“

„Wie wäre es mit einem Teilmodell?“ beharrte Hunt. Gab es irgendeine Möglichkeit, eine Profilkarte zu entwickeln, die die Verteilung von Radioaktivitätsquellen unmittelbar vor dem großen Bombardement zeigte?

„Wir haben auch das versucht. Bis zu einem gewissen Grad ist eine statistische Erhebung möglich, ja. Aber es gibt keine Möglichkeit zu bestimmen, wo sich jeder einzelne Stein befand, als er bestrahlt wurde. Die Einschläge haben sie kilometerweit davongeschleudert. Viele von ihnen sind durch wiederholte Einschläge immer wieder fortgewirbelt worden. Niemand hat jemals einen Computer konstruiert, der die Bestandteile eines solchen Puzzlespiels zusammensetzen könnte. Sie haben den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik gegen sich. Wenn Sie jemals ein solches Gerät bauen würden, dann wäre es bestimmt kein Computer – sondern ein Kühlschrank.“

„Wie steht’s mit einer chemikalischen Methode? Welche Techniken sind verfügbar, die offenbaren könnten, wo sich die Krater des Präbombardements befanden? Könnten Ihre ‚Schatten‘ dreihundert Meter unter der Oberfläche lokalisiert werden?“

„Ausgeschlossen!“

„Aber es muß doch eine Möglichkeit geben, mit der man rekonstruieren kann, wie die Oberfläche ausgesehen hat.“

„Haben Sie jemals versucht, eine Kuh aus einer Wagenladung Hamburger zu rekonstruieren?“

Zwei weitere Tagge und während der Abende in Steinfields Wohnung und Hunts Hotel erörterten sie diese Thematik. Hunt machte Steinfield klar, warum er diese Information brauchte. Steinfield bedeutete Hunt, daß er verrückt sei. Eines Morgens dann, im Laborraum, rief Hunt: „Die Besonderheiten auf der erdzugewandten Seite!“

„Häh?“

„Die Krater auf der erdzugewandten Hemisphäre, die aus der Zeit des Meteoritenbombardements stammen. Einige von ihnen könnten direkt in der Anfangsphase entstanden sein.“

„Und?“

„Im Gegensatz zu den ersten Kratern auf der Rückseite sind sie nicht zerstört worden. Sie sind unbeschädigt.“

„Sicher… aber sie werden Ihnen nichts Neues sagen können. Sie sind durch neuere Meteoriteneinschläge entstanden wie auch die auf der Oberfläche der Rückseite.“

„Aber Sie sagten, einige von ihnen wiesen Strahlungsanomalien auf. Das ist es ja gerade, worüber ich mehr wissen möchte.“

„Aber niemand hat jemals einen Anhaltspunkt für das gefunden, von dem Sie sprechen.“

„Vielleicht haben sie nicht nach den richtigen Dingen Ausschau gehalten. Sie hatten auch nie einen Grund dazu.“

Die physikalische Fakultät verfügte über eine umfassende Sammlung von Mondgesteinsproben, und ein beträchtlicher Anteil dieser Sammlung beinhaltete Muster, die aus dem Inneren oder der unmittelbaren Nähe der jungen, anomalen Krater der erdzugewandten Seite stammten. Unter Hunts beharrlichem Druck stimmte Steinfield zu, sie einer speziellen, wohlabgestimmten Testreihe zu unterziehen. Er schätzte, daß er einen Monat brauchen würde, um diese Arbeit zu vollenden.

Hunt kehrte nach Houston zurück, machte sich mit dem dortigen Entwicklungsstand vertraut und flog einen Monat später wieder nach Omaha. Steinfields Experimente hatten zu einer Serie von computergezeichneten Karten geführt, die die anomalen Krater auf der erdzugewandten Mondseite zeigten. Auf den Karten gliederten sie sich in zwei Gruppen: solche mit charakteristischem Strahlungsmuster und solche ohne.

„Und noch etwas anderes“, informierte ihn Steinfield. „Die der ersten Gruppe, jene, die das Muster aufweisen, haben noch eine andere Sache gemeinsam, die bei denen der zweiten nicht vorkommt: Die Glasierungsstrukturen im Zentrum sind infolge einer anderen Ursache entstanden. Somit haben wir jetzt auch auf der erdzugewandten Seite anomale Anomalien!“

Eine Woche verbrachte Hunt in Omaha, dann flog er von dort aus direkt nach Washington, um mit einer Gruppe von der Regierung unterstellten Wissenschaftlern zu sprechen und die Archive einer Abteilung einzusehen, die vor mehr als fünfzehn Jahren aufgelöst worden war. Dann kehrte er noch einmal nach Omaha zurück und unterrichtete Steinfield von seinen Erkenntnissen. Steinfield rang der Universitätsleitung die Erlaubnis ab, einige bestimmte Gesteinsproben aus ihrer Sammlung zwecks weiterer Untersuchungen von außerordentlich spezieller Natur an die UNWO-Forschungslaboratorien für Mineralogie und Gesteinskunde in Pasadena, Kalifornien, auszuleihen. Dort war eine entsprechende Geräteausstattung vorhanden, über die nur wenige Institute in der Welt verfügten.

Als direkte Folge dieser Tests autorisierte Caldwell die Herausgabe einer Direktive oberster Dringlichkeitsstufe an die UNWO-Basis Tycho, Mare Crisium, und einige andere Mondstützpunkte, damit einige spezifische Untersuchungen in den Regionen bestimmter, ausgewählter Krater durchgeführt wurden. Einen Monat später kamen die ersten Gesteinsproben in Houston an, von wo aus sie sofort nach Pasadena weiterbefördert wurden; das gleiche galt für die vielen Proben, die tief unter der Oberfläche der erdabgewandten Seite gesammelt worden waren.

*    *    *

9. September 2028

An:

G. Caldwell

Exekutivdirektor

Abteilung Navigation und Kommunikation

 

Von:

Dr. V. Hunt

Sektionsleiter

Sonderauftragsgruppe L

 

MONDKRATERANOMALIEN

(1)  Hemisphärenanomalien

Seit vielen Jahren ist bekannt, daß bei Beschaffenheit und Entstehung der Oberflächen der erdzu- und erdabgewandten Seite gravierende Unterschiede bestehen.

(a)   Erdzugewandte Seite

Ursprüngliche Oberfläche, 4 Milliarden Jahre alt. Fast alle Oberflächenkrater durch das explosive Freiwerden kinetischer Energie infolge von Meteoriteneinschlägen verursacht. Einige jünger – z. B. Kopernikus, 850 Millionen Jahre alt.

(b)  Erdabgewandte Seite

Oberfläche besteht bis zu einer durchschnittlichen Tiefe von etwa 300 Metern aus unlängst hinzugefügtem Material. Krater entstanden während der letzten Phase dieses Bombardements. Datierung dieser Ereignisse erbringt zeitliche Übereinstimmung mit Lunarier-Präsenz. Ursprung des Bombardements unbestimmt.

(2)  Besonderheiten der erdzugewandten Seite

Seit annähernd dreißig Jahren ist bekannt, daß einige Krater auf der erdzugew. Seite zur selben Zeit entstanden sind wie die auf der Rückseite. Herkömmliche Theorie schreibt Entstehung Ausläufern des rückseitigen Bombardements zu .

(3)  Ergebnisse der jüngsten Forschungsarbeiten in Omaha und Pasadena

Alle Besonderheiten der erdzugew. Seite früher auf Meteoriteneinschläge zurückgeführt. Diese Annahme gilt jetzt als unrichtig. Zwei Gruppen von Besonderheiten inzwischen unterscheidbar:

(a)   Besonderheiten der Gruppe I

Als vor 50.000 Jahren erfolgte Meteoriteneinschläge bestätigt.

(b)  Besonderheiten der Gruppe II

Abweichend von der Gruppe I hinsichtlich Strahlungseigenschaften, Glasierungsstruktur, Fehlen von Meteoriteneinschlagsbestätigung und sicherem Nachweis der Elemente Hyperium, Bonnevillium und Genevium. Beispiel: Krater mit der Mondkatalog-Bezeichnung MB 3076/k2/E von einer Nukleonbombe verursacht. Einwandfrei bestätigt. Untersuchungen gehen weiter.

(4)  Suboberfläche der erdabgew. Seite

Gründliche Untersuchung der Gesteinsproben, die aus der Nähe der ursprünglichen Kruste stammen, deutet auf ausgedehnte nukleonische Detonationen vor dem Meteoritenbombardement hin. Thermonukleare und Kernspaltungsreaktionen ebenfalls vermutet, aber unmöglich nachzuweisen.

(5)  Implikationen

(a)   Zur oder nahe der Zeit der Lunarier-Präsenz Einsatz hochentwickelter Waffen auf dem Mond, hauptsächlich auf der Rückseite. Zusammenhang mit den Lunariern naheliegend, aber nicht bestätigt.

(b)  Wenn Zusammenhang mit den Lunariern besteht, dann Möglichkeit eines noch ausgedehnteren Konflikts, der lunarische Heimatwelt mit einbezogen. Mögliche Ursache für die Auslöschung der Lunarier.

(c)   Charlie gehörte einem eher kleinen, isolierten Expeditionskorps auf unserem Mond an. Eine bedeutende lunarische Präsenz auf dem Mond ist wahrscheinlich. Hauptsächlich auf der erdabgew. Seite konzentriert. Praktisch alle ihre Spuren durch Meteoritensturm verwischt.

*     *     *

12

Titelseitenbericht der New York Times, 14. Oktober 2028:

HEIMATPLANET DER LUNARIER BESTIMMT

Minerva von Atomkrieg zerstört?

Laut einer sensationellen neuen Bekanntmachung der Zentrale der UN-Weltraumorganisation, Washington, D.C., ist der Heimatplanet der Lunarier, die bekanntlich vor fünfzigtausend Jahren die Raumfahrt entwickelt hatten und den irdischen Mond besuchten, endlich zweifelsfrei identifiziert. In mehr als einem Jahr intensiver Arbeit in der Zentrale der UNWO-Abteilung für Navigation und Kommunikation in Houston, Texas, sind Informationen zusammengetragen worden, die eindeutig beweisen, daß die Lunarier von einem erdähnlichen Planeten stammen, der einst in unserem eigenen Sonnensystem existierte.

Es ist erwiesen, daß ein zehnter Planet, der nach der römischen Göttin der Weisheit auf den Namen Minerva getauft worden ist, zwischen den Umlaufbahnen von Mars und Jupiter existiert hat, rund 400 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt, dort, wo sich heute der Asteroidengürtel befindet. Und es steht endgültig fest, daß dieser Planet das Zentrum der lunarischen Zivilisation gewesen ist.

Ein UNWO-Sprecher gab weitere, überraschende Einzelheiten bekannt und erklärte, daß die Informationen, die unlängst von den Mondstützpunkten gesammelt worden sind, und die weitergehenden Untersuchungen an der Universität von Nebraska, Omaha, und den UNWO-Forschungslaboratorien für Mineralogie und Gesteinskunde in Pasadena, Kalifornien, darauf hindeuten, daß auf dem Mond ein großräumiger, nuklearer Konflikt stattgefunden hat, zur gleichen Zeit, als die Lunarier dort waren. Die Möglichkeit, daß Minerva in einem ungeheuren nuklearen Holocaust von interplanetarem Ausmaß zerstört worden ist, kann nicht ausgeschlossen werden.

Explosion einer Nukleonbombe im Mare Crisium

Die in den vergangenen Monaten an der Universität von Nebraska und in Pasadena durchgeführten Untersuchungen haben sichere Anhaltspunkte dafür ergeben, daß Nukleonbomben Krater auf dem Mond geschaffen haben, denen vorher ein meteoritischer Ursprung zugeschrieben worden war. Auswirkungen von Wasserstoff- und Atombomben werden ebenfalls vermutet, können jedoch nicht bestätigt werden.

Dr. Saul Steinfield von der physikalischen Fakultät der Universität von Nebraska erklärte: „Seit vielen Jahren wußten wir, daß die Krater auf der Mondrückseite viel jünger sind als die auf der erdzugewandten Seite. Alle Krater auf der erdabgewandten und auch einige auf der erdzugewandten Seite stammen aus der Zeit der Lunarier und sind immer für meteoritischen Ursprungs gehalten worden. Die meisten von ihnen, eingeschlossen die auf der Rückseite, sind es auch. Inzwischen haben wir allerdings festgestellt, daß einige auf der erdzugewandten Seite durch Bomben verursacht worden sind – zum Beispiel einige in der nördlichen Peripherie des Mare Crisium und ein paar in der Nähe von Tycho. Dreiundzwanzig haben wir bisher sicher identifiziert, und eine lange Liste muß noch überprüft werden.“

Weiteres Beweismaterial, das tief unter der Oberfläche der Mondrückseite gesammelt worden ist, deutet auf eine schwerere Bombardierung dort als auf der erdzugewandten Seite hin. Die Verwüstung der ursprünglichen Oberfläche der erdabgewandten Seite durch einen heftigen Meteoritensturm unmittelbar nach diesen Ereignissen führte dazu, daß dort heute nur noch Meteoritenkrater zu finden sind, und es macht eine detaillierte Rekonstruktion dessen, was genau sich hier abspielte, so gut wie unmöglich. „Die Beweise für eine größere Aktivität auf der Rückseite sind hauptsächlich statistischer Natur“, sagte Steinfield gestern. „Es gibt keine Möglichkeit, etwas genauer zu berechnen – etwa Anzahl und Verteilung der Krater, die der Schutt zudeckte.“

Die neuen Entdeckungen geben keinen Aufschluß darüber, warum es gerade zu jener Zeit zu einem Meteoritensturm kam. Professor Pierre Guillemont vom Hale-Observatorium kommentierte: „Natürlich, es könnte im Zusammenhang mit der Präsenz der Lunarier gestanden haben. Ich persönlich wäre überrascht, wenn die zeitliche Übereinstimmung nur purer Zufall wäre, obwohl das natürlich möglich ist. Derzeit kann diese Frage nicht beantwortet werden.“

ILIAD-Mission liefert neue Anhaltspunkte

Eine überraschende Bestätigung, daß Minervas Zerstörung zur Entstehung des Asteroidengürtels geführt hat, kam aus dem All. Die Untersuchung von Asteroiden-Gesteinsproben an Bord des Raumschiffes Iliad, das vor fünfzehn Monaten vom Mond startete, um Teile des Gürtels zu erforschen, zeigte, daß viele Asteroiden jüngeren Ursprungs sind. Die Daten, die an die Projektleitung in der UNWO-Einsatzleitungs-Zentrale in Galveston, Texas, gesendet wurden, gaben die Absorptionsquoten kosmischer Strahlung und statistische Werte über Umlaufbahnen an, wodurch ermittelt werden konnte, daß Minerva vor fünfzigtausend Jahren zerstört wurde.

Die Wissenschaftler auf der Erde warten ungeduldig auf die ersten Asteroiden-Gesteinsproben, die von der Iliad abgeschickt wurden und in sechs Wochen auf dem Mond eintreffen sollen.

Rätsel über den Ursprung der Lunarier

Die Wissenschaftler stimmen nicht darin überein, daß die Lunarier unbedingt von Minerva stammen. Die detaillierte physikalische Untersuchung von „Charlie“ (Times, 7. November 2027) hat gezeigt, daß die lunarische Anatomie mit der menschlichen identisch ist und, entsprechend der anerkannten Theorie, unmöglich das Produkt einer separaten evolutionären Entwicklung sein kann. Auf der anderen Seite scheint das Fehlen von Spuren lunarischer Entwicklungsgeschichte auf der Erde jede Möglichkeit eines irdischen Ursprungs auszuschließen. Dies bleibt der Hauptbrennpunkt in der Kontroverse unter den Forschern.

In einem Exklusivinterview erklärte Dr. Victor Hunt, der britische UNWO-Nukleonikexperte, der von Houston aus die Lunarierforschung koordiniert, einem Times-Reporter: „Inzwischen wissen wir eine ganze Menge über Minerva – Größe, Masse, Klima, wie schnell sich diese Welt um ihre eigene Achse drehte und die Sonne umkreiste. Wir haben ein zwei Meter durchmessendes, maßstabsgetreues Modell gebaut, das Ihnen jeden Kontinent, Ozean, Fluß, jede Gebirgskette, jedes Dorf und jede Stadt zeigt. Wir wissen, daß Minerva eine fortschrittliche Zivilisation beherbergte. Wir wissen ebenfalls eine Menge über Charlie, auch über seinen Geburtsort, der in mehreren seiner persönlichen Papiere angegeben ist und dessen Lage auf Minerva leicht zu identifizieren war. Aber das beweist nicht sehr viel. Mein Stellvertreter ist in Japan geboren worden, aber seine Eltern stammen beide aus Brooklyn. Bis wir also nicht eine ganze Menge mehr als im Augenblick wissen, können wir nicht mit Sicherheit feststellen, daß die minervianische und lunarische Zivilisation ein und dieselbe waren.

Es ist möglich, daß die Lunarier auf der Erde entstanden sind und entweder nach Minerva auswanderten oder mit einer anderen Rasse Kontakt aufnahmen, die bereits dort lebte. Vielleicht stammen die Lunarier auch von Minerva. Wir wissen es einfach nicht. Für welche Möglichkeit auch immer man sich entscheidet, es bleiben eine Menge Fragen zu beantworten.“

Fremde Meereslebensform von Minerva

Professor Christian Danchekker, ein bedeutender Biologe von den Westwood-Laboratorien, Houston, und ebenfalls von Anfang an an der Lunarierforschung beteiligt, bestätigte, daß die fremde Fisch-Spezies, die vor einigen Monaten in den Nahrungsmittelkonserven einer zerstörten Lunarierbasis entdeckt wurde (Times, 6. Juli 2028), eine auf Minerva heimische Lebensform zu sein scheint. Die Beschriftung auf den Behältern, in denen die Fische konserviert waren, zeigt, daß sie von einer bereits lokalisierten äquatorialen Inselgruppe auf Minerva stammen. Laut Professor Danchekker: „Es ist überhaupt kein Zweifel möglich, daß sich diese Spezies auf einem anderen Planeten als der Erde entwickelt hat. Es ist ziemlich klar, daß dieser Fisch zu einer evolutionären Linie gehört, die sich auf Minerva entfaltet hat, und daß er von Angehörigen einer Gruppe irdischer Kolonisten, die dort eine neue Keimzelle ihrer Zivilisation einpflanzten, gefangen wurde.“

Der Professor interpretierte die Vermutung, daß die Lunarier ebenfalls Eingeborene von Minerva sein könnten, als „lächerlich“.

Trotz einer Fülle neuer Informationen bleibt demnach im Zusammenhang mit den noch nicht lange zurückliegenden Ereignissen in unserem Sonnensystem noch vieles übrig, was geklärt werden muß. In den nächsten zwölf Monaten werden sich mit ziemlicher Sicherheit weitere aufregende Dinge ereignen.

(Lesen Sie auch den Sonderbericht unseres Wissenschaftsredakteurs auf Seite 14.)

13

Captain Hew Mills, UN-Weltraumorganisation, im Zuge eines Projekts des Sonnensystem-Erforschungsprogramms zu den Jupitermonden versetzt, starrte durch die transparente Kuppel nach draußen, die das zweistöckige Gebäude der Standort-Einsatzleitung überragte. Vom Eis befreit stand das Gebäude auf einem felsigen Hügel, der aus einer wirren Ansammlung von Kuppeln, Fahrzeugen, Hütten und Lagerhallten, die die von ihm geleitete Basis bildeten, hinausragte. Im trüben, grauen Hintergrund des Stützpunkts waren die verschwommenen Schatten der Felswände und Eisklippen zu sehen, die in den düsteren, umhertreibenden Dunstwolken des Methan-Ammoniaknebels mal verschwanden und mal wieder auftauchten. Trotz seiner überdurchschnittlichen Psycho-Elastizität und des jahrelangen harten Trainings rann ihm unwillkürlich ein kalter Schauer den Rücken hinab, als er an die dünne Dreifachwand der Kuppel dachte – nur das trennte ihn von dieser unheilvollen, giftigen, fremden Welt, die kalt genug war, um ihn binnen Sekunden erstarren zu lassen, so daß sein Körper so schwarz wie Kohle und so spröde wie Glas wurde. Ganymed, der größte der Jupitermonde, war seiner Meinung nach ein schrecklicher Ort.

„Annäherungsradar zeichnet. Leitsignal aktiviert. Geschätzte Zeit bis zur Bodenberührung: drei Minuten, fünfzig Sekunden.“ Die Stimme des Leitoffiziers, die aus einer der Konsolen hinter Mills drang, unterbrach seine Grübeleien.

„Sehr gut, Lieutenant“, bestätigte er. „Haben Sie Verbindung mit Cameron?“

„Auf Schirm drei ist ein Kanal offen, Sir.“

Mills drehte sich um und wandte sich der Nebenkonsole zu. Der Bildschirm zeigte einen leeren Sessel und dahinter die Innenansicht des unteren Kontrollraums. Er betätigte die Ruftaste, und nach ein paar Sekunden schob sich das Gesicht von Lieutenant Cameron in den Erfassungsbereich.

„Die hohen Tiere kommen in drei Minuten an“, gab Mills Bescheid. „Alles in Ordnung?“

„Alles bestens, Sir.“

Mills nahm seine Position an der Kuppelwand wieder ein und nahm mit Befriedigung zur Kenntnis, daß drei Gleiskettenfahrzeuge davonkrochen, um ihre Empfangspositionen einzunehmen. Die Minuten tropften dahin.

„Sechzig Sekunden“, gab der Leitoffizier bekannt. „Senkkurve normal. Müßte jeden Augenblick in Sichtweite kommen.“

Ein Nebelfetzen über den Landefeldern im Zentralbereich des Stützpunktes verdunkelte sich, und langsam nahmen darin die verschwommenen Konturen eines mittelgroßen Oberflächentransporters Gestalt an, der aus der Düsternis herausglitt und mit bereits vollständig ausgefahrenen Landebeinen auf seinen Düsenstrahlen balancierte. Als der Transporter auf einem der Landefelder aufsetzte und sich seine Stoßabsorber zusammenzogen, um das restliche Bewegungsmoment aufzufangen, begannen sich die Empfangsfahrzeuge vorwärts zu bewegen. Mills nickte und verließ die Kuppel über die Treppenflucht, die hinunter zum Bodenniveau führte.

Zehn Minuten später stoppte das erste Empfangsfahrzeug vor dem Gebäude der Einsatzleitung, und ein Teleskoptunnel streckte sich aus, um an der Luftschleuse anzudocken. Major Stanislow, Colonel Peters und eine Handvoll Adjutanten marschierten durch die Tunnel in die äußere Eintrittskammer, wo sie von Mills und einigen anderen Offizieren erwartet wurden. Man stellte sich gegenseitig vor, und ohne weitere Formalitäten begab sich die Gruppe in den ersten Stock, von wo aus sie über ein Laufband in die angrenzende Kuppel gelangte, die über dem Zugang zu Schacht Nummer drei errichtet worden war. Durch ein Labyrinth aus Treppen und Korridoren erreichten die Männer schließlich den oberen Luftschleusenvorraum. Hinter der Luftschleuse wartete eine Kapsel auf sie. Während der nächsten vier Minuten stürzten sie immer weiter hinab, tief hinunter in die Eiskruste Ganymeds.

Durch eine weitere Luftschleuse gelangten sie in den unteren Warteraum von Schacht drei. Die Luft vibrierte durch das Summen und Hämmern unsichtbarer Maschinen. An den Warteraum schloß sich ein kurzer Gang an, der sie schließlich zum unteren Kontrollraum brachte. Es war ein Irrgarten aus Konsolen und Geräteblöcken, die von etwa einem Dutzend konzentriert ihre Pflicht erfüllenden Technikern bedient wurden. Eine der längeren Wände, die vollständig aus Glas bestand, zeigte eine panoramaartige Ansicht der unten, außerhalb des Kontrollraums, ablaufenden Arbeiten. Lieutenant Cameron trat auf sie zu, als sie sich an der Glaswand aufstellten, um das jenseitige Schauspiel zu betrachten.

Sie sahen auf den Boden einer gewaltigen Kathedrale hinab, die über dreihundert Meter lang, dreißig Meter hoch und aus massivem Eis herausgeschmolzen und -gehauen war. Ihre rauhen Wände funkelten weiß und grau im Glanze zahlloser Lichtbögen. Der Boden war ein Durcheinander aus Stahlgeflechtfahrbahnen, Hebebühnen, Gerüsten, Trägern, Röhren, Schläuchen und Maschinenaggregaten jeder Form und Größe. Die linke Wand, die sich bis zum gegenüberliegenden Ende des Tunnels erstreckte, trug ein Gitterwerk aus Leitern, Baugerüsten, Gängen und Kabinen, das bis zur Decke hinaufragte. Überall eilten in unförmige Hochleistungs-Raumanzüge gekleidete Scharen in hektischer Aktivität umher. Sie arbeiteten in einer druckausgleichenden Argon-Atmosphäre, um so das Risiko einer Explosion des aus dem schmelzenden Eis entströmenden Methans und anderer Gase auszuschalten. Die Blicke der Beobachter aber hafteten nur auf der rechtsseitigen Wand des Tunnels.

Fast über die gesamte Länge der Kathedrale erhob sich vom Boden eine riesige, überwältigende Wand aus glattem, schwarzem Metall, wölbte sich empor, bis sie sich, unsichtbar über ihren Köpfen, unter der Decke der Höhle verlor. Sie war kolossal – nicht mehr als ein Teil eines gewaltigen, zylindrischen Gebildes, das auf der Seite lag und dessen Hauptbestandteil sich bis tief in das Eis unterhalb des Bodenniveaus erstrecken mußte. Am vorderen Ende, außerhalb des Kontrollraums, ragte eine massive, gewölbte Schwinge aus dem Zylinder und überspannte über ihren Köpfen die Höhle wie eine Brücke, bevor sie weit zu ihrer Linken hoch oben im Eis verschwand. Entlang der Basis der Wand, dort, wo sich Eis und Metall trafen, markierten hier und dort Reihen von Löchern, die etwa knapp zwei Meter durchmaßen, die Endpunkte des Netzwerkes aus Leittunneln, die überall um und über und unter dem Objekt ins Eis getrieben worden waren.

Es war weitaus größer als eine Wega-Fähre. Niemand wußte, wie lange es hier unter dem ewigen Eis von Ganymed begraben lag. Aber die Berechnungen von Feldvektor-Resultanten, die von Satelliten durchgeführt worden waren, hatten sich als richtig erwiesen: Hier unten hatte sich mit Sicherheit etwas Großes befinden müssen – und es hatte sich nicht einfach um eine Erzlagerstätte handeln können.

„Ma-ann“, stieß Stanislow hervor, nachdem er lange Zeit hinausgestarrt hatte. „Das ist es also, wie?“

„Es ist riesig“!“ fügte Peters mit einem Pfiff hinzu. Pflichtbewußt wiederholten die Adjutanten das Erstaunen.

Stanislow wandte sich Mills zu. „Nun denn, alles für den großen Augenblick vorbereitet, Captain?“

„Ja, Sir“, bestätigte Mills. Er deutete auf einen sechzig Meter entfernten Punkt, wo sich eine Gruppe von Gestalten nahe der Außenhülle versammelt hatte, umgeben von einem Sortiment an Ausrüstungsgegenständen. Neben ihr war eine rechteckige, sechs Quadratmeter umfassende Sektion der Außenhaut abgelöst worden. „Dort wird der erste Zugangspunkt sein – ungefähr mittschiffs. Die Außenhülle besteht aus zwei Schichten; beide Schichten sind durchdrungen. Drinnen befindet sich eine innere Hülle…“ Um es seinen Besuchern deutlicher zu machen, gestikulierte er in Richtung eines Bildschirms nahe dem Aussichtsfenster, der die Öffnung in einer Großaufnahme zeigte. „Die vorbereitende Bohrung hat bestätigt, daß sie aus einer einzelnen Schicht besteht. Die Ventile, die, wie Sie sehen, aus der Innenhülle herausragen, sind eingefügt worden, um Proben der Schiffsatmosphäre entnehmen zu können, bevor wir eine Öffnung schaffen. Ferner ist der Hohlraum hinter dem Einstiegspunkt mit Argon geflutet.“

Mills wandte sich an Cameron, bevor er fortfuhr, weitere Details des Unternehmens zu beschreiben. „Lieutenant, führen Sie bitte eine letzte Kontrolle der Kommunikations-Verbindungen durch.“

„Aye, aye, Sir.“ Cameron schritt zur Aufsichtskonsole am Ende des Raumes zurück und musterte die Anordnung von Bildschirmen.

„Eisloch an Tunnel. Bitte kommen.“

Das von seinem Helm eingerahmte Gesicht Commander Straceys, der die Aktivitäten draußen in der Nähe der Hülle leitete, wurde sichtbar. „Alles kontrolliert und grün“, berichtete er. „Sind zum Vorrücken bereit.“

„Eisloch an Schachteingang. Check Übertragungsqualität.“

„Bild und Ton klar“, gab der Leitoffizier von der Kuppel weit über ihnen zurück.

„Eisloch an Ganymed-Hauptbasis.“ Cameron wandte sich dem Schirm drei zu, der Foster im Hauptstützpunkt, tausend Kilometer entfernt im Süden, zeigte.

„Klar.“

„Eisloch an Jupiter Vier. Bericht, bitte.“

„Alle Kanäle klar. Kontrolle positiv.“ Die letzte Bestätigung kam über Bildschirm vier, vom stellvertretenden Leiter des Unternehmens, der aus dem Nervenzentrum im Herzen des kilometerlangen Leitschiffes des Jupiter-Vier-Unternehmens sprach, das im Augenblick in einer Höhe von dreitausend Kilometern Ganymed umkreiste.

„Alle Kanäle positiv und zum Einsatz bereit, Sir“, meldete Cameron an Mills.

„Dann also los, Lieutenant.“

„Aye, aye, Sir.“

Cameron gab die Order an Stracey weiter, und draußen an der Hülle kam Leben in die unförmigen Gestalten, als sie einen Gesteinsbohrer vorwärts schwangen, der an einem über ihnen befindlichen Gerüst aufgehängt war. Die Gruppe am Aussichtsfenster sah schweigend zu, wie sich der Bohrkopf unerbittlich in die innere Hülle fraß. Schließlich wurde der Bohrer zurückgezogen.

„Erster Durchbruch vollendet“, informierte sie Straceys Stimme. „Im Innern nichts zu erkennen.“

Eine Stunde später verzierte ein Muster aus Löchern die ungeschützte Metallwand. Als Scheinwerferkegel darauf gerichtet und eine Fernsehsonde hineingelenkt wurden, zeigte der Bildschirm Ausschnitte einer Sektion, die mit Rohrleitungen und Maschinenaggregaten vollgestopft war. Kurz darauf begann Straceys Team, die Verkleidung mit Schweißbrennern zu entfernen. Mills lud Peters und Stanislow ein, mitzukommen und die Vorgänge unmittelbar zu verfolgen. Das Trio verließ den Kontrollraum, stieg ins unterste Stockwerk hinab und trat ein paar Minuten später, in Raumanzüge gekleidet, auf den Boden der Höhle. Als sie an der Öffnung ankamen, wurde das Metallrechteck gerade zur Seite geräumt.

Das Licht der Scheinwerfer bestätigte den allgemeinen Eindruck, den sie über die Bohrlöcher gewonnen hatten. Als die vorbereitende optische Untersuchung beendet war, traten zwei Sergeanten vor, die in der Nähe gestanden hatten.

Kommunikationsverbindungen wurden in die Rückentornister eingestöpselt, und sie erhielten Fernsehkameras, Schleppkabel, Scheinwerfer und eine Tasche mit Werkzeugen und Geräten. Zur gleichen Zeit glätteten andere Mitglieder des Teams die gezackten Ränder des Loches mit einem Polster aus selbsthaftendem Plastik, um ein Zerreißen der Kabel zu verhüten. Eine ausziehbare Aluminiumleiter wurde in das Loch hinabgesenkt und gesichert. Der erste Sergeant, der einsteigen sollte, wandte sich zum Loch um, tastete vorsichtig mit dem Fuß nach der obersten Sprosse und verschwand Zentimeter um Zentimeter in der unter ihnen gelegenen Kammer. Als er festen Untergrund erreicht hatte, folgte der zweite nach.

Zwanzig Minuten lang kletterten sie durch den Maschinendschungel, und das Licht, das durch das Loch über ihnen strömte, warf zuckende und wirbelnde Schatten. Sie kamen nur langsam voran. Da das Schiff auf der Seite zu liegen schien, hatten sie Schwierigkeiten, ebenen Untergrund zu finden, auf dem sie marschieren konnten. Aber Schritt um Schritt schlängelte sich das Kabel sporadisch in die Dunkelheit hinein. Schließlich hielten die Sergeanten vor dem bugwärtigen Schott der Sektion inne. Die Bildschirme draußen zeigten, daß ihr Weg von einer Tür versperrt wurde, die zu einer weiteren Abteilung führen mochte. Sie bestand aus einem stahlgrauen Metall und sah solide aus. Sie war ferner etwa drei Meter hoch und gut einen Meter breit. Eine lange Beratung erbrachte die Entscheidung, daß es für sie keine andere Alternative gab, als dorthin zurückzukehren, wo das Loch geschaffen worden war. Dort wollte man Bohrer, Schweißbrenner und die andere technische Ausrüstung einsammeln, die benötigt wurde, um erneut das Bohren und Reinigen, die Argonflutung und das Schaffen eines Zugangs zu bewerkstelligen. So wie die Tür aussah, konnte es eine gehörige Weile dauern. Mills, Stanislow und Peters kehrten in den Kontrollraum zurück, sammelten die restlichen Angehörigen ihrer Gruppe ein und fuhren zum Mittagessen an die Oberflächenanlagen hinauf. Drei Stunden später kehrten sie zurück.

Hinter dem Schott befand sich eine weitere Maschinensektion, so verwirrend wie die erste, aber größer. Diese wies viele hinausführende Türen auf – und alle waren geschlossen. Aufs Geratewohl wählten die beiden Sergeanten eine Tür an der Decke über ihren Köpfen aus, und während sie sich einen Weg hindurchzuschneiden begannen, stiegen andere Männer in die erste und zweite Sektion hinab, um Rollen zu installieren, die die Last der Schleppkabel, die sie bereits merklich zu behindern begann, auf ein Minimum reduzierten. Als die Tür aufgebrochen war, wurde das erste Team von einem zweiten abgelöst.

Sie verwendeten eine weitere Leiter, um durch die Tür hinaufzuklettern. Dort stellten sie fest, daß sie auf dem standen, was vermutlich die Wand eines langen, in Richtung Bug führenden Korridors war. Eine Aufeinanderfolge von geschlossenen Türen, die sich zu ihren Füßen und über ihren Köpfen befanden, flimmerte draußen über die Bildschirme. Über sechzig Meter Kabellänge waren bereits im ursprünglichen Einstiegspunkt verschwunden.

„Wir kommen gerade an dem fünften Schott vorbei, seitdem wir den Korridor betreten haben“, informierte ein Kommentar über die Audioverbindung die Beobachter. „Die Wände sind eben und scheinen metallisch zu sein, sind aber mit einem Plastikmaterial überzogen, das an den meisten Stellen abblättert. Der Boden an der einen Seite ist schwarz und sieht gummiartig aus. In beiden Wänden sind eine Menge Türen, alle genauso groß wie die erste. Einige haben…“

„Einen Augenblick, Joe“, meldete sich die Stimme seines Kameraden. „Richte den Hauptscheinwerfer mal auf den Boden… auf deine Füße. Sieh mal, die Tür, auf der du stehst, schiebt sich zur Seite. Die ist bestimmt nicht verriegelt.“

Die Bildschirme zeigten ein Paar schwere UNWO-Stiefel der Standardausführung, die in der Mitte eines Lichtkreises auf einer Metallplatte standen. Die Stiefel schlurften zur Seite und enthüllten eine schwarze Spalte, die sich auf der einen Seite über die ganze Länge der Platte erstreckte und knapp dreißig Zentimeter breit war. Dann, als ihr Besitzer offensichtlich die Lage inspizierte, traten sie von der Platte herunter auf das umgebende Areal.

„Du hast recht“, ließ sich schließlich Joes Stimme vernehmen. „Mal sehen, ob sie sich bewegen läßt.“

Dann folgte eine verwirrende Bildfolge aus Armen, Beinen, Wänden, Decken, Helligkeit und Dunkelheit, als Fernsehkameras und Lampen den Besitzer wechselten und hin und her geschwungen wurden. Als sich das Bild wieder stabilisierte, zeigte es zwei dick umhüllte Arme, die sich an der Spalte zu schaffen machten. Schließlich: „Kein Stück. Sitzt vollkommen fest.“

„Wie wär’s mit der Winde?“

„Klar, vielleicht klappt’s. Setzt du sie mal an, ja?“

Ein langer Dialog folgte, während die Winde an Ort und Stelle gebracht und betätigt wurde. Sie rutschte ab. Gemurmelte Flüche. Erneuter Versuch. Und dann: „Sie bewegt sich! Komm schon, Schätzchen… mal ’n bißchen mehr Licht… Ich glaube, es müßte jetzt leichter gehen… Versuch mal, ob du deinen Fuß dagegensetzen kannst…“

Auf den Monitoren glitt die graue Platte allmählich aus dem Bild heraus. Darunter gähnte ein schwarzer, bodenloser Abgrund.

„Die Tür ist zu etwa zwei Dritteln offen“, fuhr eine atemlose Stimme fort. „Sie hat sich festgefressen und ist nicht mehr zu öffnen. Wir werden von hier oben aus mal einen kurzen, flüchtigen Blick hineinwerfen und dann zurückkehren, um uns eine weitere Leiter zu holen. Könnte sie schon jemand an der Tür, die in diesen Korridor führt, bereitstellen?“

Die Kamera näherte sich dem pechschwarzen Rechteck. Einige Sekunden später flammte ein Lichtkreis auf, der Teile der gegenüberliegenden Wand beleuchtete. Der Lichtkreis begann umherzuwandern, und die Kamera folgte nach. Reihen von anscheinend elektronischen Geräten… Nischenecken… Mobiliarteilen… Schottabschnitte… glitten durch den Lichtkreis.

„Unten am Ende ist eine Menge loses Gerümpel…Bewege den Scheinwerfer mal ein bißchen zur Seite…“ Verschiedenfarbige Zylinder auf einem Haufen, in der Größe von Marmeladengläsern… eine Art geflochtener Gürtel, in einem Knäuel gelegen… ein kleiner grauer Kasten mit Knöpfen auf einer Seite…

„Was war das? Ein kleines Stück zurück… Nein, ein bißchen mehr nach links.“

Irgend etwas Weißes. Ein weißer Ring.

Himmel! Sieh dir das an! Jerry, siehst du das?“

Der Schädel, der aus einem Kreis schaurig weißen Lichts hinaufgrinste, erschreckte selbst die Beobachter draußen im Tunnel. Aber es war die Art des Skeletts, die sie aus der Fassung gebracht hatte. Kein Mensch hatte sich jemals eines Brustkastens rühmen können, der einen Vergleich mit diesen massiven, knöchernen Ringen ausgehalten hätte. Aber abgesehen davon, konnte selbst der größte Laie unter den Beobachtern eines erkennen: Wer auch immer die Besitzer dieses Schiffes gewesen waren, sie hatten keine Ähnlichkeit mit Menschen.

Der Datenstrom, der von den Kameras aufgenommen wurde, wurde an Präprozessoren im unteren Kontrollraum übertragen und von dort aus per Kabel an die Oberfläche Ganymeds. Nachdem er von den Computern im Gebäude der Standort-Einsatzleitung codiert worden war, wurde er mittels Mikrowellensender an die tausend Kilometer entfernte Ganymed-Hauptbasis gesendet, dort wieder auf volle Länge gebracht und an das Leitschiff im Orbit umadressiert. Hier wurde die Nachricht in den Nachrichtenaustausch- und Abstimmungs-Prozessorkomplex eingespeist, in Hochleistungslaser-Modulationswellen transformiert und in das Hauptausgangssignal eingegeben, das zur Erde gestrahlt wurde. Über eine Stunde lang rasten die Daten quer durch das Sonnensystem und legten in jeder Sekunde 300.000 Kilometer zurück, bis die Sensoren der Fernkommunikation-Relaisstation, die sich in einem solaren Orbit viele Millionen Kilometer außerhalb der Marsbahn befand, den Impulsstrom, der nur noch einen Bruchteil seiner ursprünglichen Sendeleistung aufwies, aus dem Vakuum fischte. Von hier aus wurden die Daten an die Tiefraum-Verbundstation weitergeleitet, die in einem der Librationspunkte zwischen Erde und Mond untergebracht war, schließlich dann an einen geostationären Kommunikations-Satelliten, der hoch über dem Zentrum der USA hing und sie an die Bodenstation in der Nähe von San Antonio übermittelte. Ein erdgebundenes Kommunikationsnetz vervollständigte die Reise zur UNWO-Projektleitung in Galveston, wo die Informationen von den Computern der Einsatzleitungszentrale begierig aufgenommen wurden.

Das Jupiter-Vier-Leitschiff hatte elf Monate benötigt, um den Riesenplaneten zu erreichen. Vier Stunden nach der Ausstrahlung war die neueste Information sicher in den Datenbänken der UN-Weltraumorganisation untergebracht.

14

Die Entdeckung des riesigen Raumschiffes, das unter dem Eis von Ganymed eingefroren war, war eine Sensation, kam aber, in gewissem Sinne, nicht unerwartet. Die wissenschaftliche Welt hatte es mehr oder weniger als Tatsache akzeptiert, daß auf Minerva einst eine blühende, hochentwickelte Zivilisation existiert hatte. Wenn die Argumente der Verfechter der orthodoxen Evolutionstheorie anerkannt wurden, dann hatten sogar mindestens zwei Planeten – Minerva und die Erde – bis zu einem gewissen Grade zur gleichen Zeit hochtechnisierte Zivilisationen getragen. Deshalb war es keine völlige Überraschung, daß das beharrliche menschliche Herumschnüffeln im Sonnensystem weitere Hinweise auf seine früheren Bewohner an den Tag brachte. Das Überraschende daran war jedoch der offensichtliche anatomische Unterschied zwischen den Ganymedern – wie die Wesen an Bord des Raumschiffes bald genannt wurden – und dem allgemeinen Körperbau, den Lunarier und Menschen gemeinsam hatten.

Zu der noch immer unbeantworteten Frage, ob die Lunarier und Minervier ein und dasselbe Volk gewesen waren oder nicht, kam unverzüglich ein weiteres Rätsel hinzu: Woher stammten die Ganymeder, und gab es irgendeinen Zusammenhang zwischen ihnen und den Lunariern beziehungsweise Minerviern? Ein irritierter UNWO-Wissenschaftler faßte die Situation zusammen, indem er erklärte, daß es für die UNWO an der Zeit sei, eine Abteilung für extraterrestrische Zivilisationen zu gründen, um Ordnung in das ganze verdammte Durcheinander zu bringen!

Die Pro-Danchekker-Fraktion interpretierte die neue Entwicklung schnell als direkten Beweis für die Richtigkeit der evolutionären Theorie und der Argumente, für die sie sich schon immer eingesetzt hatte. Natürlich, zwei Planeten des Sonnensystems hatten ungefähr zur gleichen Zeit in der Vergangenheit intelligentes Leben hervorgebracht. Die Ganymeder hatten sich auf Minerva entwickelt, und die Lunarier auf der Erde. Sie entstammten unabhängig voneinander verschiedenen evolutionären Linien, und darum waren sie auch unterschiedlich. Lunarische Pioniere stellten Kontakt mit den Ganymedern her und ließen sich auf Minerva nieder – darum konnte Charlie dort geboren werden. Irgendwann kam es zu extremen Feindseligkeiten zwischen den beiden Zivilisationen, was zu beiderseitiger Auslöschung und der Zerstörung Minervas führte. Die Schlußfolgerung klang konsequent, plausibel und überzeugend. Dagegen wirkte der einzige Einwand – daß auf der Erde niemals Beweise für eine lunarische Zivilisation entdeckt worden waren – mit jedem Tag unmöglicher und schwächer. In Scharen verließen Deserteure das Können-nicht-auf-der-Erde-entstanden-sein-Lager, um sich in Danchekkers wachsende Legionen einzureihen. Sein Zuwachs an Ansehen und Glaubwürdigkeit war so groß, daß es vollkommen selbstverständlich erschien, daß seine Abteilung die Verantwortung für die Durchführung vorbereitender Bewertungen der von Jupiter kommenden Daten übernahm.

Trotz seines früheren Zweifels hielt auch Hunt diese Schlußfolgerung für so gut wie zwingend. Er und ein großer Teil des Mitarbeiterstabs von Gruppe L verbrachten viel Zeit damit, jeden Bericht und jedes verfügbare Archiv solcher Fachbereiche wie Archäologie und Paläontologie nach irgendeinem Anhaltspunkt zu untersuchen, der auf die Existenz einer früheren, hochentwickelten Rasse auf der Erde hätte hindeuten können. Sie untersuchten sogar die Bereiche uralter Mythologie und durchkämmten verschiedene pseudowissenschaftliche Schriften. Vielleicht ließ sich darin etwas finden, was auf konkrete Aktivitäten von Superwesen in der Vergangenheit hindeutete. Aber immer waren die Resultate negativ.

In dieser Zeit kam auch in einem anderen Bereich einiges ins Rollen, in dem man seit Monaten auf der Stelle getreten hatte. Die Linguistiker hatten Schwierigkeiten: Der dürftige Inhalt der bei Charlie gefundenen Papiere enthielt einfach nicht genug Daten, um bei der Entschlüsselung einer ganz neuen, fremden Sprache einen Durchbruch zu erzielen. Eines der beiden kleinen Bücher – das die Karten und Tabellen enthielt und einem handlichen Taschen-Nachschlagewerk ähnelte – war einschließlich der losen Papiere zum Teil übersetzt worden. Dadurch hatte man die meisten bedeutenden Daten über Minerva gewonnen und eine ganze Menge über Charlie in Erfahrung gebracht. Das zweite Buch beinhaltete eine Reihe von handschriftlichen Daten-Eintragungen. Aber trotz wiederholter Versuche hatte es starrsinnig jeder Dechiffrierung widerstanden.

Einige Wochen, nachdem man auf der Mondrückseite auf die sublunaren Überbleibsel der zerstörten Lunarierbasis gestoßen war, veränderte sich die Lage auf dramatische Weise. Unter den gefundenen Ausrüstungsteilen befand sich ein Metallzylinder, der Glasplattenreihen enthielt, die fast wie die zu einer Art Bildwerfer gehörenden Magazine wirkten. Bei einer genaueren Überprüfung stellten sich die Platten als simple Diapositive heraus. Jedes einzelne wies ein dichtgedrängtes Muster aus Mikropunktbildern auf, die sich unter dem Mikroskop als ganze Seiten gedruckten Textes erwiesen. Die Konstruktion einer Anordnung aus Lampen und Linsen, mit der man Bilder auf einen Schirm projizieren konnte, war nicht schwer. Und mit einem Schlag waren die Linguistiker Besitzer einer lunarischen Bibliothek in Miniaturausführung. Einige Monate später lagen die Ergebnisse vor.

Don Maddson, Leiter der Abteilung Linguistik, durchstöberte das Durcheinander aus Papieren und Akten, das den langen Tisch an der linken Wand seines Büros überschwemmte, wählte einen lose gehefteten Stoß schreibmaschinengeschriebener Anmerkungen und kehrte dann zum Sessel hinter seinem Schreibtisch zurück.

„Eine Zusammenstellung all dieser Daten ist auf dem Weg zu Ihnen“, sagte er zu Hunt, der im Sessel gegenübersaß. „Sie können sich die Einzelheiten später noch ansehen. Im Augenblick möchte ich Ihnen nur einen allgemeinen Überblick vermitteln.“

„Schön“, erwiderte Hunt. „Schießen Sie los.“

„Nun, zuerst einmal wissen wir ein wenig mehr über Charlie. Bei einem der Dokumente, die in einer Tasche des Rückentornisters gefunden wurden, scheint es sich um eine Art Armee-Soldbuch zu handeln. Es beinhaltete eine zusammengefaßte Übersicht über seine Tätigkeiten und die Orte, an die er abkommandiert wurde – so etwas in der Art.“

„Armee? Dann war er also in der Armee?“

Maddson schüttelte den Kopf. „Das trifft es nicht genau. Nach dem, was wir wissen, machten sie in ihrer Gesellschaftsstruktur keinen großen Unterschied zwischen zivilem und militärischem Personal. Vielmehr scheint jedermann verschiedenen Abteilungen der gleichen großen Organisation angehört zu haben.“

„Die wie im Totalitarismus zentral gelenkt wird?“

„Ja, so ungefähr. Der Staat kontrollierte praktisch alles. Er wachte über alle Lebensbereiche und zwang allen eine strenge Disziplin auf. Man ging dorthin, wohin man geschickt wurde, tat das, was einem aufgetragen wurde. In den meisten Fällen bedeutete das: in die Industrie, die Landwirtschaft oder die Streitkräfte. Was immer man auch tat, der Staat war überall der Boß – das meinte ich damit, als ich sagte, sie gehörten alle verschiedenen Abteilungen der gleichen großen Organisation an.“

„In Ordnung. Also, was hat es mit dem Soldbuch auf sich?“

„Charlie wurde auf Minerva geboren, das wissen wir. Ebenso seine Eltern. Sein Vater war so etwas wie ein Maschinist; seine Mutter arbeitete ebenfalls in der Industrie, aber wir können ihren Beruf nicht exakt bestimmen. Die Aufzeichnungen geben uns auch Aufschluß darüber, wo er zur Schule gegangen ist, wie lange und wo er seine militärische Ausbildung genossen hat – jeder schien eine Art militärische Ausbildung durchlaufen zu müssen – und wo er Elektronik studierte. Es beinhaltete auch die Zeitangaben.“

„Dann war er also so eine Art Elektroniker, nicht wahr?“ erkundigte sich Hunt.

„Gewissermaßen. Mehr ein Wartungs- denn ein Planungs- oder Entwicklungstechniker. Er scheint auf militärische Ausrüstung spezialisiert gewesen zu sein – im Buch ist eine lange Auflistung von Postierungen bei Kampfverbänden. Die letzte ist interessant…“ Maddson wählte ein bestimmtes Blatt und reichte es Hunt. „Das ist eine Übersetzung der letzten Seite von Postierungs-Angaben. Die letzte Eintragung gibt uns den Namen des Ortes. Daneben befindet sich eine Spezifikation, die, wörtlich übersetzt, ‚fern vom Planeten‘ bedeutet. Wahrscheinlich ist das der lunarische Name für die Region des Mondes, in die er abkommandiert wurde.“

„Interessant“, stimmte Hunt zu. „Sie haben eine ganze Menge mehr über ihn herausgefunden.“

„Ja, wir kennen ihn inzwischen ziemlich gut. Wenn man die lunarischen Daten in unsere Maßeinheiten umrechnet, dann war er zur Zeit seiner letzten Postierung zweiunddreißig Jahre alt. Nun ja, das ist alles nebensächlich. Sie können es in den Detailangaben nachlesen. Ich war dabei, die Art der Welt zu beschreiben, in die er hineingeboren wurde.“

Maddson hielt inne, um erneut einen Blick auf seine Notizen zu werfen. Dann fuhr er fort: „Minerva war eine sterbende Welt. Zur fraglichen Zeit erreichte die letzte kalte Periode der Eiszeit ihren Höhepunkt. Mir ist gesagt worden, daß Eiszeiten ein sonnensystemumfassendes Phänomen sind. Minerva war eine ganze Ecke weiter von der Sonne entfernt als wir hier. Sie können sich also vorstellen, daß es dort ziemlich kalt war.“

„Man muß sich nur einmal die Größe der Eiskappen ansehen“, kommentierte Hunt.

„Ja, genau. Und es wurde noch schlimmer. Die lunarischen Wissenschaftler sagten voraus, daß in weniger als hundert Jahren die Eismassen aufeinandertreffen und den ganzen Planeten vollständig unter sich begraben würden. Nun, wie Sie sich denken werden, betrieben sie seit Jahrhunderten astronomische Forschungen – Jahrhunderte vor Charlies Zeit -, und sie wußten seit langem, daß sich die Dinge noch verschlechtern würden, bevor sie sich wieder verbesserten. Sie waren also damals schon zu dem Schluß gekommen, daß die Flucht zu einer anderen Welt der einzige Ausweg war. Das Problem war natürlich, daß sie selbst Generationen später, nachdem sie auf diesen Gedanken gekommen waren, keine Ahnung hatten, wie so etwas zu bewerkstelligen war. Die Antwort mußte irgendwo bei gründlicheren Wissenschaften und besserer Technik liegen. Die Entwicklung der Wissenschaften, die sie zu bekannten, besseren Orten bringen konnten, bevor ihr Volk vom Eis ausgelöscht wurde, wurde zu einer Art Wettlauf der ganzen Rasse. Ein Wettlauf, in dem Generation auf Generation zusammenarbeitete.“

Maddson deutete auf einen weiteren Stapel von Papieren auf der Ecke seines Schreibtisches. „Dies war das oberste vom Staat gesetzte Ziel, das es zu verwirklichen galt, und da es um Leben oder Tod ging, wurde alles andere diesem Zweck untergeordnet. Von jetzt an war das Individuum von Geburt bis zum Tode den Bedürfnissen des Staates unterstellt. Dies geht aus allem Geschriebenen hervor, und es wurde ihnen von Kind auf eingehämmert. Diese Papiere sind die Übersetzung einer Art von Katechismus, den sie in der Schule auswendig lernen mußten; es liest sich wie dieses Nazizeug aus den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts.“ An diesem Punkt hielt er inne und sah Hunt erwartungsvoll an.

Hunt sah verwirrt drein. Nach einem Augenblick sagte er: „Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn. Ich meine – warum sollten sie sich anstrengen, die Raumfahrt zu entwickeln, wenn sie Kolonisten von der Erde waren? Sie mußten sie bereits entwickelt haben.“

Maddson nickte zustimmend. „Ich habe mir gedacht, daß sie das sagen würden.“

„Aber… es ist vollkommen unsinnig.“

„Ich weiß. Es bedeutet, daß sie sich von den Ursprüngen an auf Minerva entwickelten – wenn sie nicht von der Erde kamen, all ihr Wissen vergaßen und es dann neu erarbeiten mußten. Aber das erscheint mir genauso verrückt.“

„Mir auch.“ Hunt dachte eine lange Zeit nach. Schließlich schüttelte er seufzend den Kopf. „Ergibt keinen Sinn. Nun ja, was gibt’s denn noch?“

„Also, vor uns liegt ein durch und durch autoritärer Staat, der vom Individuum bedingungslosen Gehorsam verlangt und praktisch alles kontrolliert, was vorgeht. Für alles braucht man eine Genehmigung. Es gibt Reisegenehmigungen, Freizeitgenehmigungen, Arbeitsbefreiungsgenehmigungen – selbst Fortpflanzungsgenehmigungen. Alles ist knapp und wird über Zuteilungsmarken rationiert: Nahrungsmittel, jede Art von Verbrauchsgütern, Heizung, Licht, Unterkunft – alles, was sie wollen. Und um jedermann bei der Stange zu halten, betreibt der Staat eine Propagandamaschine, deren Ausmaße Sie sich nicht einmal in Ihren wildesten Träumen ausmalen können. Und um alles noch zu verschlimmern, herrschte auf dem ganzen Planeten eine ungeheure Knappheit an allen möglichen Mineralien. Das bremste ihre Aktivitäten erheblich. Das Ausmaß ihres technischen Fortschritts war trotz der konzentrierten Bemühungen wahrscheinlich nicht so groß, wie Sie glauben. Etwa hundert Jahre gaben ihnen nicht den Spielraum, den man erwarten sollte.“ Maddson drehte einige Blätter um, betrachtete kurz das nächste und fuhr dann fort: „Und erschwerend kamen weiterhin ihre politischen Probleme hinzu.“

„Ja, bitte?“

„Nun, wir nehmen an, daß sich ihre Zivilisation ähnlich der unsrigen entwickelte – zuerst Stämme, dann Dörfer, Städte, Nationen und so weiter. Vieles spricht dafür. Irgendwo auf diesem Weg begannen sie die verschiedenen Wissenschaften zu entdecken, genauso wie wir. Wie Sie sich denken können, kamen ungefähr zur gleichen Zeit die gleichen Ideen verschiedenen Leuten an verschiedenen Orten in den Sinn – genau wie hier. Mit der Bestätigung dieser Ideen schienen sich die Lunarier auch darüber klarzuwerden, daß einfach nicht genügend Hilfsmittel vorhanden waren, um mehr als ein paar Glückliche in Sicherheit zu bringen. Es gab keine Möglichkeit, die Bevölkerung eines ganzen Planeten fortzuschaffen.“

„Also kämpften sie darum“, vermutete Hunt.

„Richtig. Auf die Weise, wie ich es beschrieben habe, entwickelte sich eine ganze Anzahl von Nationen. Sie standen untereinander, ebenso wie mit dem Eis, im Wettstreit, um das technologische Absprungbrett zu erreichen. Jeder andere Staat war ein Rivale, also bekämpften sie sich. Ein weiterer Anlaß der Kämpfe war der Mineralmangel, besonders die Knappheit von Metallerzen.“ Maddson deutete auf die Karte von Minerva, die über dem Schreibtisch angebracht war. „Sehen Sie diese Punkte auf den Eismassen? Die meisten von ihnen waren eine Kombination aus Festung und Bergbaustadt. Sie gruben sich direkt durch das Eis zu den Lagerstätten vor, und die Armee hatte sicherzustellen, daß sie die gewonnenen Bodenschätze auch behalten konnten.“

„So hat es bei ihnen also ausgesehen. Ein wenig erheiterndes Völkchen, was?“

„Allerdings, und das Generation auf Generation.“ Maddson zuckte mit den Achseln. „Wer weiß? Vielleicht würden wir uns ähnlich verhalten, wenn uns eine Eisdecke bedrohte. Wie dem auch sei, die Situation führte zu Komplikationen. Sie standen vor dem Problem, ihre Anstrengungen und Ressourcen während der ganzen Zeit auf zwei verschiedene Erfordernisse aufzuteilen: erstens die Entwicklung einer Technologie, die einen ausgedehnten interplanetaren Raumflug ermöglichte, und zweitens die Rüstung und eine Verteidigungsorganisation, um ihn zu schützen. Und die Mittel, die ersterem Komplex zugewiesen wurden, waren nicht sonderlich umfangreich. Nun, wie würden Sie ein solches Problem lösen?“

Hunt überlegte eine Weile. „Kooperieren?“ schlug er vorsichtig vor.

„Vergessen Sie’s. Das kam ihnen nicht in den Sinn.“

„Dann gibt’s nur noch eine andere mögliche Strategie: Zuerst die Gegner ausschalten und dann alles auf die Hauptaufgabe konzentrieren.“

Maddson nickte zustimmend. „Das ist genau das, was sie unternahmen. Der Krieg – oder der Fast-Krieg – war während ihrer ganzen Geschichte ein ziemlich selbstverständlicher Bestandteil des Lebens. Die kleineren Fische wurden allmählich eliminiert, bis zur Zeit Charlies nur noch zwei Supermächte übrig waren, die jeweils eine der großen äquatorialen Landmassen kontrollierten…“ – er deutete erneut auf die Karte – „…Cerios und Lambia. Wir haben verschiedene Anhaltspunkte dafür, daß Charlie ein Cerianer war.“

„Also stand alles vor der letzten großen Kraftprobe.“

„Genau. Der ganze Planet war eine einzige große Fabrik-Festung. Jeder Quadratzentimeter der Oberfläche wurde von den auf den Feind zielenden Raketen erfaßt. Überall am Himmel schwebten Orbitalbomben, die auf jeden möglichen Ort abgeworfen werden konnten. Wir haben den Eindruck gewonnen, daß ihren Rüstungsprogrammen im Vergleich zu unserer Zivilisation mehr Aufmerksamkeit als der Raumforschung zuteil wurde und sie sich auch schneller entwickelten.“

Maddson zuckte erneut mit den Achseln. „Den Rest können Sie sich denken.“

Hunt nickte langsam und nachdenklich. „Es paßt alles zusammen“, meinte er. „Immerhin, es muß heiß hergegangen sein. Ich meine, ganz gleich, welche Seite auch gewonnen hat, am Ende kann nur noch eine Handvoll Leute in der Lage gewesen sein, den Planeten zu verlassen. Ich vermute, es waren die Regierungsclique und ihre Speichellecker. Himmel! Kein Wunder, daß sie gute Propaganda brauchten. Sie…“

Hunt unterbrach sich mitten im Satz und sah Maddson mit einem eigenartigen Gesichtsausdruck an. „Einen Augenblick… in dieser Sache geht noch etwas anderes nicht auf.“ Er hielt inne, um seine Gedanken zu ordnen. „Sie hatten bereits den interplanetaren Raumflug entwickelt – wie sollten sie sonst auf unseren Mond gelangt sein?“

„Das haben wir uns auch gefragt“, entgegnete Maddson. „Als einziges ist uns in den Sinn gekommen, daß sie sich am Ende vielleicht bereits für die Erde entschieden hatten – das muß offensichtlich ihre Wahl gewesen sein. Vielleicht konnten sie schon eine Kundschaftertruppe aussenden, um sie näher unter die Lupe zu nehmen, hatten aber noch nicht die nötige Kapazität für einen Massentransport. Wahrscheinlich waren sie nicht weit von ihrem Ziel entfernt, als sie sich selbst in die Luft jagten. Wenn sie sich zu diesem Zeitpunkt vielleicht zusammengeschlossen hätten, anstatt einen verrückten Krieg zu beginnen, dann hätten die Dinge möglicherweise einen anderen Verlauf genommen.“

„Klingt plausibel“, stimmte Hunt zu. „Dann könnte Charlie zu einer vorausgeschickten Aufklärungsgruppe gehört haben. Nur hatte die Gegenseite die gleiche Idee, und sie liefen sich in die Arme. Dann fingen sie an, Löcher in unseren Mond zu sprengen. Welche Schande!“

Eine kurze Stille schloß sich an.

„Da ist noch eine andere Sache, die ich nicht kapiere“, sagte Hunt und rieb sich das Kinn.

„Und die wäre?“

„Nun, die Gegenseite – die Lambianer. Bei Navkomm läuft jeder durch die Gegend und behauptet, daß der Krieg, der Minerva zerstörte, zwischen Kolonisten von der Erde – das müssen Charlies Leute sein, die Cerianer – und einer fremden, auf Minerva einheimischen Rasse, den Ganymedern, ausgetragen wurde. Letztere müßten, nach dem, was Sie sagen, die Lambianer sein. Vor einem Augenblick haben wir gesagt, die Idee, die Cerianer stammten von der Erde, ergäbe keinen Sinn. Denn wenn sie von hier stammten, dann hätten sie nicht versucht, die Raumfahrt zu entwickeln. Wir können in dieser Sache nicht hundertprozentig sicher sein, da etwas Ungewöhnliches geschehen sein könnte, etwa aus eine aus irgendeinem Grund erfolgte Isolation der Kolonie für einige tausend Jahre. Aber das läßt sich von den Lambianern nicht behaupten. Sie können in dem Versuch, die Raumfahrt zu entwickeln, nicht die eifersüchtigen und gefährlichen Rivalen der Cerianer gewesen sein.“

„Sie besaßen sie bereits, na klar“, führte Maddson an seiner Stelle den Gedankengang zu Ende. „Sie haben auf Ganymed eine verdammt deutliche Spur hinterlassen.“

„Eben. Und das Schiff war nicht der Versuch eines Anfängers in Sachen Raumfahrt. Wissen Sie, wer immer die Lambianer auch waren, ich glaube langsam, es waren keine Ganymeder.“

„Ich glaube, Sie haben recht“, bestätigte Maddson. „Die Ganymeder waren eine völlig andere biologische Spezies. Wenn sie die lambianische Gegenseite darstellten, würden Sie dann nicht auch erwarten, daß dies in den lunarischen Schriften zum Ausdruck kommt? Aber das ist nicht der Fall. Alle unsere Untersuchungen deuten darauf hin, daß die Cerianer und Lambianer einfach verschiedene Nationen derselben Rasse waren. Wir sind zum Beispiel auf etwas wie Auszüge aus cerianischen Zeitungen gestoßen. Sie enthalten politische Karikaturen, die lambianische Figuren zeigen, und diese Figuren sind in menschlicher Gestalt dargestellt. Wenn die Lambianer auch nur annähernd so wie die Ganymeder ausgesehen hätten, wäre das nicht der Fall.“

„Also scheinen die Ganymeder mit dem Krieg gar nichts zu tun gehabt zu haben“, schloß Hunt.

„Richtig.“

„Wie passen sie dann ins Bild?“

Maddson zeigte seine leeren Hände. „Das ist ja das Komische an der Sache. Sie scheinen überhaupt nicht ins Bild zu passen – zumindest haben wir noch gar nichts entdeckt, das sich auf sie beziehen könnte.“

„Vielleicht sind sie nur die großen grauen Unbekannten. Ich meine, wir vermuten ja, daß sie von Minerva kamen. Aber wir haben keinen eindeutigen Beweis dafür. Vielleicht hatten sie nie irgend etwas mit diesem Planeten zu tun?“

„Könnte auch sein. Aber ich werde das Gefühl nicht los, daß…“

Das Geläut von Maddsons Tisch-Bildschirmkonsole unterbrach die Diskussion. Er entschuldigte sich und berührte eine Taste, um den Anruf entgegenzunehmen.

„Hallo, Don“, sagte das Antlitz von Hunts Assistent, der oben in den Büros der Gruppe L weilte. „Ist Vic da?“ Er wirkte aufgeregt. Maddson drehte das Gerät herum so daß es in Hunts Richtung deutete.

„Für Sie“, sagte er unnötigerweise.

„Vic“, sagte das Antlitz ohne Vorrede. „Ich habe gerade einen Blick auf die jüngsten Testberichte geworfen, die vor zwei Stunden von Jupiter Vier kamen. Das Schiff unter dem Eis und die großen Kerle darin – sie haben den Datierungstest abgeschlossen.“ Er atmete tief durch. „Es sieht so aus, als könnten wir die Ganymeder bei dieser ganzen Charlie-Sache abhaken. Vic, wenn die Berechnungen stimmen, dann befindet sich das Schiff dort seit etwa fünfundzwanzig Millionen Jahren!“

*     *     *

Fortsetzung: Teil 4

*     *     *

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Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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Eine Antwort zu Der tote Raumfahrer – Teil 3

  1. Cernunnos schreibt:

    Beinahe hätte ich’s übersehen: dies ist bereits der 600. Beitrag auf meiner Insel!

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