Der tote Raumfahrer – Teil 5

Von James Patrick Hogan. Das Original „Inherit the Stars“ wurde 1977 veröffentlicht, die deutsche Fassung (übersetzt von Andreas Brandhorst) erschien 1981 im Moewig-Verlag (ISBN 3-8118-3538-6) und ist heute in der Originalausgabe nur noch in Gebrauchtexemplaren sowie ab 30. Dezember 2016 auch wieder in einer überarbeiteten Neuausgabe erhältlich. (Bilder von Lichtschwert eingefügt; Titelbild aus der Manga-Version zu „Inherit the Stars“ [Abschnitt Inherit the Stars 5 – Jupiter-5].)

Letzter Teil; zuvor erschienen: Der tote Raumfahrer – Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4

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Die riesigen Schiffe, die im Zuge des fünften bemannten Unternehmens zum Jupiter fliegen würden, waren in über einem Jahr in der Mondumlaufbahn gebaut worden. Außer dem Leitschiff waren hoch über der Mondoberfläche allmählich sechs Frachter entstanden, von denen jeder in der Lage war, dreißigtausend Tonnen an Versorgungs- und Ausrüstungsgütern zu transportieren. Während der letzten zwei Monate vor dem geplanten Starttermin war das wie Weihnachtsbaumlametta wirkende dahintreibende Durcheinander aus Maschinen, Werkzeugen, Containern, Fahrzeugen, Tanks, Kisten, Zylindern und den tausend anderen Posten zusammengestellten Gerätschaften langsam im Innern der Schiffe verschwunden. Die Wega-Fähren, Fernraumkreuzer und anderen Schiffe, die ebenfalls für dieses Projekt vorgesehen waren, wurden im Verlaufe mehrerer Wochen von ihren jeweiligen Mutterschiffen aufgenommen. Während der letzten Wochen lösten sich die Frachter in regelmäßigen Abständen aus der Mondumlaufbahn und setzten Kurs auf Jupiter. Als die Passagiere und letzten Besatzungsmitglieder von der Mondoberfläche hinaufgebracht wurden, war nur noch das Leitschiff übrig; einsam und verlassen schwebte es in der Leere. Mit dem Näherrücken der Stunde Null zog sich die Schar von Wartungsschiffen und Begleitsatelliten zurück. Ein paar Kilometer entfernt verdichtete sich ein Pulk aus Geleitschiffen, und ihre Kameras übertrugen die Bilder via Luna in das Welt-Nachrichtennetz der Erde.

Als die letzten Minuten heranrückten, zeigten Millionen Bildschirme einen eindrucksvollen, fast zwei Kilometer langen Schatten, der sich fast unmerklich über dem Sternenhintergrund bewegte. Die Stille dieses Schauspiels schien irgendwie die unvorstellbare Kraft anzukündigen, die entfesselt werden sollte. Genau nach Zeitplan beendeten die Flugkontrollcomputer die letzte Endcountdown-Überprüfung, erhielten vom Hauptprozessor der Bodenkontrolle eine „Grün“-Bestätigung und aktivierten die thermonuklearen Haupttriebwerke. Sie flammten in einem Blitz auf, der selbst von der Erde aus zu sehen war.

Das Jupiter-Fünf-Unternehmen hatte begonnen.

In den nächsten fünfzehn Minuten gewann das Schiff an Geschwindigkeit und schraubte sich immer höher hinauf. Dann schüttelte es mit müheloser Leichtigkeit die restlichen Gravitationsfesseln des Mondes ab. Jupiter-Fünf setzte dazu an, die Flotte der Frachter, die zu diesem Zeitpunkt bereits eine sich über Millionen Kilometer hinziehende Reihe bildete, einzuholen und sich ihr hinzuzugesellen. Nach einer Weile kehrten die Geleitschiffe zum Mond zurück, und die Bildschirme auf der Erde zeigten einen stetig blasser werdenden Lichtpunkt, der von den Orbitalteleskopen eingefangen wurde. Bald war auch der verschwunden, und nur noch die Fernortungen und Lasertaster blieben übrig, um den elektronischen Datenaustausch über den sich vergrößernden Ozean aus Leere fortzusetzen.

Während die Minuten verstrichen, beobachteten Hunt und die anderen UNWO-Wissenschaftler auf dem Wandbildschirm der vierundzwanzigsten Messe des Leitschiffes, wie der Mond zu einer vollen Scheibe zusammenschrumpfte und die der Erde dahinter teilweise verdeckte. In den folgenden Tagen verkleinerten sich die beiden Globen weiter und verschmolzen zu einem einzelnen, strahlenden Fleck, der wie ein Leuchtsignal am Himmel stand, das ihnen den Weg nach Hause wies.

Als aus Tagen Wochen wurden, schrumpfte auch dies zusammen, bis es nur noch ein Staubkörnchen unter Millionen anderen war. Ungefähr nach einem Monat konnten sie es nur noch mit Mühe ausmachen.

Hunt gewöhnte sich nur langsam an die Vorstellung, Teil einer winzigen künstlichen Welt zu sein, um die herum sich der Kosmos in die Endlosigkeit erstreckte. Die Entfernung zu allem, was ihm vertraut war, nahm in jeder Sekunde um knapp zwanzig Kilometer zu. Nun hing ihr Leben gänzlich von der Kompetenz derjenigen ab, die dieses Schiff entworfen und gebaut hatten. Die grünen Hügel und blauen Himmel der Erde waren fürs Überleben nicht länger wichtig und schienen sich immer mehr als Phantasieprodukt zu erweisen. Sie waren wie der Nachhall eines Traums, dessen Realität nur Illusion war. Hunt begann die Wirklichkeit als relative Qualität zu betrachten – nicht als etwas Absolutes, das man eine Weile hinter sich lassen und zu dem man dann zurückkehren konnte. Das Schiff wurde zur einzigen Wirklichkeit. Das, was sie hinter sich gelassen hatten, hatte – zeitweise – aufgehört zu existieren.

Stundenlang verweilte er in den Aussichtskuppeln auf der Außenhülle. Und während er auf das einzige hinausblickte, das noch vertraut war – die Sonne -, fand er sich langsam mit der neuen Dimension ab, die seiner Existenz hinzugefügt worden war. Die ewige Präsenz der Sonne, ihr unablässiger Strom lebensspendenden Lichts und Wärme schenkte ihm Beruhigung. Hunt dachte an die ersten Seeleute, die sich nie aus der Sichtweite der Küste hinausgewagt hatten. Auch sie hatten etwas Vertrautes gebraucht, an dem sie sich festklammern konnten. Aber bald würde der Mensch seinen Bug auf das offene Meer richten und in die Leere zwischen den Galaxien eintauchen. Dort existierte keine Sonne, die ihn beruhigen konnte. Dort gab es überhaupt keine Sterne. Selbst die Galaxien würden nur noch verwaschene Flecken sein, die auf dem Weg in die Unendlichkeit verstreut waren.

Welche fremden Kontinente harrten auf der anderen Seite dieser Ozeane ihrer Entdeckung?

Danchekker verbrachte eine seiner Freizeitperioden in der Nullgravitationssektion des Schiffes und sah einem dreidimensionalen Rugbyspiel zu, das zwischen zwei Mannschaften dienstfreier Besatzungsmitglieder ausgetragen wurde. Das Spiel basierte auf dem amerikanischen Football und fand in einer gewaltigen Kuppel aus transparentem, elastischem Kunststoff statt. Die Spieler sausten hinauf und hinunter, in alle Richtungen, prallten aufeinander und krachten gegen die Wand. Es war eine prächtige Keilerei, die – ganz nebenbei – auch dem Zweck diente, den Ball durch eines der kreisförmigen, sich gegenüberliegenden Tore zu werfen. In Wirklichkeit diente die ganze Sache nur als Vorwand, Dampf abzulassen und die Muskeln zu trainieren, die während der langen, monotonen Reise zu erschlaffen begannen.

Ein Steward tippte dem Wissenschaftler auf die Schulter und informierte ihn, daß in der Videozelle außerhalb des Sportdecks ein Anruf auf ihn wartete. Danchekker nickte, löste die Sicherheitsöse seines Gürtels vom Ankerpunkt des Sessels und hakte sie ins Geländer ein. Mit einem einzelnen mühelosen Stoß schickte er sich auf die Reise und schwebte anmutig auf die Tür zu. Hunts Gesicht sah ihm entgegen.

Er rief aus einer Entfernung von fast einem halben Kilometer an. „Guten Morgen, Dr. Hunt“, meldete sich Danchekker. „Oder welche Zeit auch immer wir gerade in dieser Höllenkiste haben.“

„Hallo, Professor“, gab Hunt zurück. „Ich habe mir einige Gedanken über die Ganymeder gemacht. Da sind ein oder zwei Punkte, über die ich gern Ihre Meinung hören würde. Können wir uns irgendwo treffen, um einen Happen zu essen? Sagen wir in der nächsten halben Stunde oder so?“

„Meinetwegen. Wo ist es Ihnen am liebsten?“

„Nun, ich bin bereits auf dem Weg zum Restaurant in der E-Sektion. Ich werde dort eine Weile bleiben.“

„Ich bin in ein paar Minuten da.“ Danchekker unterbrach die Verbindung, glitt aus der Nische heraus und zog sich in den Korridor zurück. Dort schwebte er auf den Zugang eines der diagonalen Schächte zu, die nach „unten“ zur Schiffsachse führten. Indem er sich am Geländer festhakte, segelte er eine Zeitlang dem Schiffszentrum entgegen, bevor er gegenüber einem Schachtausgang abbremste. Durch die Transferschleuse schwebte er in eine der Rotationssektionen mit künstlicher Schwerkraft bis hin zu einem Punkt nahe der Achse, wo die Schwerebeschleunigung gering war. Entlang einem anderen Geländer setzte er sich wieder in Bewegung und spürte, wie er allmählich schneller wurde. Zehn Meter weiter landete er auf den Füßen, auf einem Teil seiner Umgebung, der plötzlich zum Boden geworden war. Normalen Schrittes ging er weiter und folgte einigen Wegweisern zum nächsten Röhrenbahnterminal. Dort betätigte er die Ruftaste und wartete etwa eine halbe Minute auf die Ankunft einer Kapsel. Sobald er sich im Innern befand, tastete er seinen Zielort ein, und ohne jede Erschütterung sauste er innerhalb von Sekunden durch die Röhre der E-Sektion des Schiffes entgegen.

Das rund um die Uhr geöffnete Selbstbedienungsrestaurant war etwa halb voll. Aus der Küche hinter der Kasse drang das übliche Rasseln von Besteck und Geschirr. Dort servierte ein Trio aus UNWO-Köchen großzügige Portionen verschiedener kulinarischer Angebote, die von UNWO-Eiern und UNWO-Bohnen bis hin zu UNWO-Hähnchen und UNWO-Steaks reichten. Auf der Jupiter-Vier hatte man es mit Speiseautomaten und Do-it-yourself-Mikrowellenherden versucht, aber das war bei der Mannschaft auf keine große Gegenliebe gestoßen. Also waren die Konstrukteure der Jupiter-Fünf zu den herkömmlichen altmodischen Methoden zurückgekehrt.

Ihre Tabletts tragend, bahnten sich Hunt und Danchekker einen Weg zwischen Speisenden, Kartenspielern und lautstark diskutierenden Gruppen und fanden an der gegenüberliegenden Wand einen freien Tisch. Sie setzten sich und begannen, ihre Platten auf den Tisch zu bugsieren.

„Sie haben sich also Gedanken über unsere ganymedischen Freunde gemacht“, bemerkte Danchekker, während er daranging, ein Brötchen mit Butter zu bestreichen.

„Über sie und die Lunarier“, entgegnete Hunt. „Insbesondere habe ich mich mit Ihrer Auffassung angefreundet, daß sich die Lunarier auf Minerva entwickelten – aus den terrestrischen Tierarten, die die Ganymeder importierten. Nur das ist eine akzeptable Begründung dafür, daß auf der Erde keine Spuren ihrer Zivilisation gefunden werden konnten. All diese Theorien, die behaupten, es könne anders gewesen sein, überzeugen mich nicht sonderlich.“

„Es freut mich sehr, das von Ihnen zu hören“, erklärte Danchekker. „Das Problem besteht jedoch darin, es zu beweisen.“

„Nun, das ist es, worüber ich mir Gedanken gemacht habe. Vielleicht brauchen wir es nämlich gar nicht.“

Danchekker sah auf und lugte neugierig über seine Brille hinweg. Er machte einen verblüfften Eindruck. „Tatsächlich? Warum, wenn ich fragen darf?“

„Wir können deshalb kaum irgend etwas darüber herausfinden, was sich auf Minerva zutrug, weil wir ziemlich sicher sind, daß dieser Planet höchstens noch in Gestalt Tausender im Sonnensystem verstreuter Brocken existiert. Aber die Lunarier hatten dieses Problem nicht. Sie hatten Minerva in einem Stück, direkt zu ihren Füßen. Und ihre wissenschaftlichen Kenntnisse hatten einen modernen Stand erreicht. Nun, was müssen ihre Forschungen ergeben haben… zumindest bis zu einem gewissen Grad?“

Ein Funke aus Verständnis glomm in Danchekkers Augen auf. „Ah!“ rief er plötzlich. „Na klar! Wenn sich zuerst die ganymedische Zivilisation auf Minerva ausbreitete, dann müßten die lunarischen Wissenschaftler auf viele entsprechende Spuren gestoßen sein.“ Er unterbrach sich, runzelte die Stirn und fügte dann hinzu: „Aber das bringt Sie nicht sehr viel weiter, Dr. Hunt. Sie können weder ein wissenschaftliches Archiv befragen noch den Planeten wieder zusammensetzen.“

„Nein, Sie haben recht“, stimmte Hunt zu. „Wir verfügen nicht über detaillierte wissenschaftliche Aufzeichnungen der Lunarier – aber wir haben die Mikropunktbibliothek. Die darin enthaltenen Informationen sind ziemlich allgemeiner Natur, aber wenn die Lunarier entdeckt haben, daß vor ihnen eine hochentwickelte Rasse existierte, dann müßte diese Nachricht wie eine Bombe eingeschlagen sein, meinen Sie nicht auch? Denken Sie nur mal an den Wirbel, den Charlie auf der Erde verursacht hat. Vielleicht lassen sich in all ihren Schriften Andeutungen auf ein solches Wissen finden – wenn wir sie nur richtig zu interpretieren verstehen.“ Er hielt inne, um einen Wursthappen hinunterzuschlucken. „Während der letzten Woche habe ich also zuerst einmal alle bisher vorliegenden Daten durchgesiebt, ob irgend etwas darunter einen entsprechenden Hinweis liefern könnte. Ich erwarte nicht, so etwas wie einen eindeutigen Beweis zu finden – nur genug, um uns etwas mehr Gewißheit zu verschaffen, über welchen Planeten wir überhaupt sprechen.“

„Und haben Sie etwas entdeckt?“ Danchekker schien interessiert zu sein.

„Verschiedene Dinge“, erwiderte Hunt. „Zuerst einmal sind überall in ihrer Sprache Redewendungen verstreut, die sich auf die Riesen beziehen. Ausdrücke wie ‚So alt wie die Riesen‘ oder ‚Damals, zur Zeit der Riesen‘ – etwa so wie wir sagen ‚Anno dazumal‘. Woanders beginnt eine Passage mit ‚Vor langer Zeit, noch vor der Zeit der Riesen…‘ Es gibt eine Menge solcher Floskeln. Betrachtet man sie aus diesem Blickwinkel, dann ergeben sie plötzlich ein einheitliches Bild.“ Hunt hielt einen Augenblick inne, damit der Professor über diese Punkte nachdenken konnte, dann fuhr er fort: „Ferner lassen sich Hinweise auf die Riesen noch in einem anderen Kontext finden, einem der auf übernatürliche Kräfte oder ungewöhnliche Kenntnisse hindeutet – zum Beispiel ‚Begnadet mit der Weisheit der Riesen‘. Verstehen Sie, was ich meine? Die Lunarier wußten, daß eine Rasse riesenhafter Wesen – die wahrscheinlich technisch weit fortgeschrittener war – in grauer Vorzeit existiert hatte.“

Eine Zeitlang kaute Danchekker schweigend.

„Halten Sie mich nicht für überkritisch“, sagte er schließlich, „aber all das erscheint mir reichlich spekulativ. Die Anspielungen auf die Riesen könnten auch nichts weiter als mythische Schöpfungen gewesen sein – ähnlich unseren eigenen Sagenhelden.“

„Das ist mir ebenfalls in den Sinn gekommen“, räumte Hunt ein. „Doch als ich darüber nachdachte, war ich mir nicht mehr so sicher. Die Lunarier waren fanatische Pragmatiker – sie hatten keine Zeit für Romantik, Religion, Seelenfragen oder etwas in der Art. Die einzigen, die ihnen in ihrer Lage helfen konnten, waren sie selbst, und das wußten sie. Sie konnten sich nicht den Luxus und die Selbsttäuschung leisten, an das Eingreifen von Göttern, Helden und Weihnachtsmännern zu glauben, die ihre Probleme für sie lösten.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, daß die Lunarier Legenden über Riesen schufen. Das paßte überhaupt nicht zu ihnen.“

„Na gut“, willigte Danchekker ein und wandte sich wieder seiner Mahlzeit zu. „Die Lunarier wußten um die frühere Existenz der Ganymeder. Ich nehme jedoch an, daß Sie noch mehr im Sinn hatten, als Sie mich hierherbestellten.“

„Das stimmt“, gab Hunt zurück. „Als ich die Texte durchging, habe ich einige andere Mosaiksteinchen zusammengesetzt, die mehr in Ihre Sparte fallen.“

„Sprechen Sie weiter.“

„Nun, nehmen wir für den Augenblick mal an, die Ganymeder verfrachteten einen ganzen Zoo nach Minerva. Die späteren lunarischen Biologen würden vor einem ziemlichen Problem stehen, aus dem, was sie um sich herum vorfanden, schlau zu werden, nicht wahr? Ich meine, sie konnten überall auf zwei verschiedene, überhaupt nicht miteinander verwandte Arten tierischen Lebens stoßen – und wenn man bedenkt, daß sie nicht die Kenntnisse über irdische Spezies haben konnten wie wir…“

„Schlimmer noch“, fügte Danchekker hinzu, „sie wären in der Lage gewesen, die einheimischen minervianischen Arten bis hin zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen. Die importierten Gattungen jedoch hätten nur eine Geschichte von etwa fünfundzwanzig Millionen Jahren. Es gäbe keine sich weiter in die Vergangenheit erstreckende Ahnenreihe, von der sie abstammen könnten.“

„Das ist genau einer der Punkte, auf die ich Sie ansprechen wollte“, sagte Hunt. Er beugte sich vor und stützte die Ellenbogen auf den Tisch. „Angenommen, Sie wären ein lunarischer Biologe und Ihnen wären nur die Fakten bekannt, die auch er kennen würde. Zu welchen Schlüssen wären Sie gelangt?“

Danchekker vergaß das Weiterkauen, und seine Augen starrten auf einen Punkt weit weg von Hunt. Schließlich schüttelte er langsam den Kopf.

„Eine solche Frage ist sehr schwierig zu beantworten. In so einer Situation würde man vermutlich annehmen, daß die Ganymeder fremde Arten eingeführt hätten. Aber auf der anderen Seite würde ein Biologe von der Erde so denken. Er würde felsenfest erwarten, die Evolution anhand von Fossilienfunden über Hunderte von Millionen Jahren zurückverfolgen zu können. Ein Lunarier ohne jede solche Vorerwartung würde das Fehlen einer vollständigen Ahnenreihe vielleicht in keiner Weise für ungewöhnlich halten. Wenn das völlig normal in der Welt gewesen wäre, in der er aufgewachsen ist…“

Danchekkers Stimme verklang für ein paar Sekunden. „Wenn ich ein Lunarier wäre“, sagte er plötzlich mit fester Stimme, „dann würde ich das, was ich sehe, so erklären: Das Leben auf Minerva entstand in grauer Vorzeit, entwickelte sich infolge der nachgewiesenen Einwirkungen von Mutation und Auslese und verzweigte sich zu vielen unterschiedlichen Arten. Vor ungefähr fünfundzwanzig Millionen Jahren kam es innerhalb kurzer Zeit zu einer besonders ausgeprägten Folge von Mutationen, durch die eine neue Gruppe von Spezies entstand, die sich strukturell vollkommen von dem unterschied, was vorher existiert hatte. Diese Gruppe verzweigte sich, entwickelte ihre eigenen verschiedenen Arten, die Seite an Seite mit den älteren Modellen lebten, und erreichte den Höhepunkt ihrer Entwicklung mit der Entstehung der Lunarier selbst. Ja, ich würde das Auftauchen der neuen Formen so erklären. Es ist vergleichbar mit dem Erscheinen der Insekten auf der Erde – eine in sich geschlossene Gruppe, die sich strukturell von allen anderen unterscheidet.“ Er dachte noch einmal eine Sekunde darüber nach und nickte entschieden. „Gewiß, im Vergleich mit einer solchen Erklärung würden Vermutungen über erzwungene interplanetare Emigrationen ziemlich weit hergeholt erscheinen.“

„Ich hoffte, daß Sie so etwas sagen würden.“ Hunt nickte zufrieden. „Tatsächlich scheinen sie genau das geglaubt zu haben. In dem, was ich gelesen habe, wird es nicht genau so dargelegt, aber dies und das an verschiedenen Stellen zielt darauf hin. Aber da ist noch so eine seltsame Sache.“

„Hm?“

„An mehreren Stellen taucht ein Wort auf, für das es in unserer Sprache kein direktes Äquivalent gibt. Die Bedeutung liegt irgendwo zwischen ‚menschenähnlich‘ und ‚menschen-verwandt.‘ Sie gebrauchten es für die Bezeichnung vieler Tierarten.“

„Wahrscheinlich die Tiere, die sich aus den importierten Arten entwickelten und die mit ihnen selbst verwandt waren“, vermutete Danchekker.

„Ja, genau. Aber sie benutzten das gleiche Wort auch in einem vollkommen anderen Kontext – um ‚ans Ufer‘ und ‚auf dem Land‘ zu umschreiben, irgend etwas, das mit trockenem Land zu tun hatte. Nun, warum sollte ein Wort zu einem Synonym für zwei so unterschiedliche Begriffe werden?“

Danchekker ließ erneut die Gabel sinken und wölbte die Augenbrauen. „Kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ist es wichtig?“

„Ich auch nicht, aber ich glaube, wirklich, es ist wichtig. Ich habe in dieser Sache eine Menge linguistischer Gegenkontrollen durchgeführt, und es läuft alles auf eine sehr eigenartige Sache hinaus: ‚Menschenähnlich‘ und ‚trockenes Land‘ wurden deshalb zu synonymen Begriffen auf Minerva, weil sie in der Tat das gleiche bedeuteten. Alle Landtiere auf Minerva gehörten zur neuen Gruppe. Wir haben für ihre Bezeichnung in unserer Sprache das Wort terrestoid geprägt.“

Alle? Sie meinen, zu Charlies Zeiten waren überhaupt keine einheimischen, minervianischen Arten mehr vorhanden?“ Danchekkers Stimme klang verblüfft.

„Genau das glauben wir – jedenfalls nicht auf dem Land. Es gab eine vollständige Ahnenreihe, die viele verschiedene Arten einschließlich der Ganymeder umfaßte, aber danach nichts mehr – nur noch terrestoide Formen.“

„Und im Meer?“

„Das ist eine andere Sache. Hier entwickelten sich die alten minervianischen Arten weiter – deshalb Ihr Fisch.“

Danchekker starrte Hunt mit einem Gesichtsausdruck an, der fast offfenen Unglauben verriet.

„Wie außergewöhnlich!“ rief er.

Des Professors Arm, der eine Gabel mit darauf aufgespießter Bratkartoffel zum Mund hatte führen wollen, schien plötzlich mitten in der Bewegung gelähmt worden zu sein. „Sie meinen, das ganze auf Minerva einheimische Landleben verschwand – einfach so?“

„Nun, zumindest innerhalb einer ziemlich kurzen Zeit. Wir haben uns lange Zeit gefragt, was den Ganymedern zugestoßen ist. Nun sieht es ganz danach aus, als sollte die Frage umfassender gestellt werden: Was ist den Ganymedern und allen ihren Land bewohnenden Verwandten zugestoßen?“

21

Wochenlang diskutierten die beiden Wissenschaftler das rätselhafte Verschwinden der auf Minerva einheimischen Landbewohner. Physikalische Katastrophen schlossen sich aufgrund der Annahme aus, daß alles in dieser Art auch die terrestoiden Arten ausgelöscht hätte. Dieselbe Folgerung traf auch auf klimatische Umwälzungen zu.

Eine Zeitlang prüften sie die Möglichkeit einer Epidemie, verursacht von mit den importierten Tieren eingeschleppten Mikroorganismen, eine Seuche, gegen die die einheimischen Arten keine ererbte körperliche Immunität besaßen. Schließlich stellte sich diese Vermutung aus zwei Gründen als ebenso unwahrscheinlich heraus. Erstens: Eine Epidemie, die in ihren Auswirkungen hinreichend virulent war, jede einzelne der in die Millionen gehenden Arten auszulöschen, konnte man sich kaum vorstellen. Zweitens: Alle bisher von Ganymed eingegangenen Informationen ließen vermuten, daß der Wissensstand der Ganymeder deutlich umfangreicher als der der Lunarier oder der Menschen gewesen war – sicherlich konnten sie niemals einen solchen Bock geschossen haben.

Eine Variation dieses Themas bestand in der Annahme, daß ein Biokrieg ausgebrochen war, eskalierte und außer Kontrolle geriet. Beide vorherigen Einwände verloren an Bedeutung, wenn man sie in diesem Zusammenhang betrachtete. Schließlich wurde diese Erklärung als denkbar akzeptiert. Damit blieb nur noch eine andere Möglichkeit übrig: eine Art chemische Veränderung in der minervianischen Atmosphäre, an die sich die einheimischen Arten nicht anpassen konnten, wohl aber die terrestoiden. Aber was für eine?

Während an Bord von Jupiter-Fünf noch das Für und Wider dieser Alternativen abgeschätzt wurde, erbrachte die Laserverbindung zur Erde Meldungen über einen neuen Tumult, der bei Navkomm ausgebrochen war. Eine Gruppe der reinen Erdler hatte Berechnungen vorgelegt, nach denen die Lunarier auf Minerva überhaupt nicht hätten überleben, geschweige denn eine Zivilisation entwickeln können. Bei der Entfernung der Sonne wäre es schlicht und einfach zu kalt gewesen. Weiterhin betonten die Wissenschaftler nachdrücklich, daß Wasser an der Oberfläche niemals in flüssiger Form hätte existieren können. Sie führten dies als Beweis dafür an, daß die Welt von Charlies Karten sich überall befunden haben könnte, aber bestimmt nicht in der Nähe des Asteroidengürtels.

Um diesem Angriff zu begegnen, schlossen sich die diversen Lager der Minervaisten zu einer hastigen Allianz zusammen und erwiderten das Feuer mit eigenen Berechnungen, die den Treibhauseffekt atmosphärischen Kohlendioxids beschworen und aufzeigten, daß eine wesentlich höhere Temperatur angenommen werden konnte. Die durchschnittlichen Temperaturen waren bereits auf andere Weise ermittelt worden. Jetzt wiesen sie nach, daß der dafür nötige prozentuale Anteil an Kohlendioxid genau den Werten entsprach, die Professor Schorn aus der Analyse von Charlies Stoffwechsel und Atmungssystem für die Zusammensetzung der Atmosphäre abgeleitet hatte. Die Tretmine, die schließlich die Stellungen der reinen Erdler zertrümmerte, war Schorns spätere Entdeckung, daß Charlie verschiedene physiologische Symptome zeigte, die auf eine Anpassung an ungewöhnlich hohe Konzentrationen an Kohlendioxid hindeuteten.

Hunts und Danchekkers Neugierde wurde von all diesem plötzlichen Interesse am Ausmaß des Kohlendioxids in Minervas Atmosphäre geweckt, und sie planten verschiedene eigene Experimente. Indem sie Hunts mathematische Begabung und Danchekkers Kenntnisse über quantitative Molekularbiologie kombinierten, entwickelten sie ein Computermodell, das eine Verallgemeinerung des minervianischen, mikrochemischen Einwirkungspotentials darstellte und auf den Daten basierte, die infolge der Untersuchungen der von Minerva stammenden Fischart gewonnen worden waren. Drei Monate benötigten sie, um es zu perfektionieren. Dann fügten sie dem Modell eine Reihe von mathematischen Gleichungen hinzu, die die Auswirkungen verschiedener chemischer Wirkstoffe auf die Umwelt simulierten. Als Danchekker die Ergebnisse auf dem Bildschirm einer der Gerätekonsolen betrachtete, war seine Folgerung vollkommen sicher: „Jede luftatmende Lebensform, die von demselben primitiven Vorfahren wie dieser Fisch abstammt und die gleiche elementare Mikrochemie geerbt hat, würde extrem empfindlich auf eine Gruppe von Giften reagieren, die Kohlendioxid enthält – weit empfindlicher als die Mehrzahl der terrestoiden Arten.“

Auf einmal paßte alles zusammen. Vor fünfundzwanzig Millionen Jahren war die Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre Minervas offenbar jäh angestiegen – vielleicht durch einen natürlichen Vorgang, der das Gas aus den chemischen Verbindungen im Gestein gelöst hatte, vielleicht auch als Folge irgendeiner Aktivität der Ganymeder. Dies könnte auch erklären, warum die Ganymeder all die fremden Lebensformen importierten. Vielleicht war ihr Hauptziel die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts, indem sie den Planeten mit kohlendioxidabsorbierenden und sauerstoffproduzierenden irdischen Grünpflanzen bedeckten. Die Tiere wurden nur deshalb mit einbezogen, um ein geschlossenes Ökosystem zu schaffen, in dem die Pflanzen überleben konnten. Der Versuch schlug fehl. Das einheimische Leben unterlag. Die resistenteren Einwanderer entwickelten sich und breiteten sich über eine ganz neue Welt aus, die von fremder Konkurrenz frei war. Niemand konnte mit Bestimmtheit wissen, ob es sich in dieser Weise auf Minerva zugetragen hatte. Wahrscheinlich konnte das nie jemand.

Und niemand wußte, was aus den Ganymedern geworden war. Vielleicht waren sie zusammen mit ihren Vettern umgekommen. Vielleicht hatten sie Minerva den neuen Bewohnern überlassen, als sich ihre Bemühungen als vergeblich herausstellten, und das Sonnensystem auf der Suche nach einem neuen Zuhause verlassen. Hunt hoffte das. Aus irgendeinem seltsamen Grund hatte er eine unerklärliche Zuneigung für diese geheimnisvolle Rasse entwickelt. In einem der lunarischen Texte war er auf einen Vers gestoßen, der mit den Worten begann: „Weit entfernt, jenseits der Sterne, wo die Riesen von einst heute leben…“ Hunt hoffte, dies sei wahr.

Und so war ganz plötzlich zumindest ein Kapitel der Frühgeschichte Minervas geklärt worden. Nun deutete alles darauf hin, daß sich die Lunarier und ihre Zivilisation auf Minerva entwickelt hatten, nicht auf der Erde. Es war klargeworden, warum Schorns früherer Versuch, die Länge des Tages von Hunts Kalender durch die Berechnung von Charlies natürlicher Schlaf- und Wachperiode zu ermitteln, fehlgeschlagen war. Die von der Erde stammenden Urahnen der Lunarier hatten einen tief in ihnen verwurzelten metabolischen Rhythmus besessen, der sich auf einen Vierundzwanzig-Stunden-Tag bezog. Während der folgenden fünfundzwanzig Millionen Jahre paßten sich die biologischen Prozesse einiger ihrer flexibleren Nachfahren erfolgreich dem Fünfunddreißig-Stunden-Tag Minervas an, während andere sich nur teilweise veränderten. Zur Zeit Charlies gingen die physiologischen Uhren der Lunarier hoffnungslos falsch. Kein Wunder, daß Schorns Ergebnisse keinen Sinn ergaben.

Aber die verwirrenden Zahlenangaben in Charlies Notizbuch warteten immer noch auf eine Erklärung.

In Houston nahm Caldwell Hunts und Danchekkers gemeinsamen Bericht mit tiefer Zufriedenheit zur Kenntnis. Er wußte seit langem, daß, um Resultate zu erzielen, die Fähigkeiten zweier Wissenschaftler miteinander kombiniert und auf ein bestimmtes Ziel fokussiert werden mußten. Sie durften nicht fruchtlos in den Spannungen persönlicher Unverträglichkeit verschwendet werden. Wie konnte er eine Situation schaffen, in der die Gemeinsamkeiten ihre Differenzen überwogen? Nun, was hatten sie gemeinsam? Um mit dem Einfachsten und Offensichtlichsten zu beginnen – sie waren beide menschliche Wesen vom Planeten Erde. Wo also würde diese elementare Tatsache alles andere in den Schatten stellen? Wo sonst als in den öden Wüsten des Mondes? Oder Hunderte von Millionen Kilometern entfernt in der Leere des Alls? Und jetzt schien alles besser geklappt zu haben, als er zu hoffen gewagt hatte.

„Ich habe es ja immer gesagt“, stellte Lyn Garland fest, als Hunts Assistent ihr eine Kopie des Berichts zeigte, „wenn es darum geht, mit Menschen umzugehen, ist Gregg ein Genie.“

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Es war ein großer Augenblick für die Veteranen des Jupiter-Vier-Unternehmens, als die sieben Raumschiffe von der Erde in den ganymedischen Orbit einschwenkten. Besonders für jene, deren Dienstzeit sich dem Ende näherte und die sich nun darauf freuen konnten, bald nach Hause zurückzukehren. In den folgenden Wochen mußte ein umfangreiches Arbeitsprogramm abgewickelt werden. Die Versorgungs- und Ausrüstungsgüter würden von den Schiffen zu den Oberflächenanlagen transportiert werden, und über Ganymed würde das gleiche Chaos herrschen wie über dem Mond während der Startvorbereitungen. Während der nächsten zwei Monate verblieben die beiden Leitschiffe im Orbit, etwa zwanzig Kilometer voneinander entfernt. Dann würde Jupiter-Vier in Begleitung von zwei der gerade angekommenen Frachter aufsteigen, in einen Orbit um Kallisto einschwenken und den ersten auf der Oberfläche bereits befindlichen Stützpunkt ausbauen. Jupiter-Fünf würde so lange über Ganymed bleiben, bis die Saturn-Zwei angekommen war, für deren Start von Luna gerade die letzten Vorbereitungen getroffen wurden und die in fünf Monaten eintreffen sollte. Nach dem Rendezvous über Ganymed würde eines der beiden Schiffe (welches, mußte noch entschieden werden) Kurs auf den Ringplaneten nehmen und den längsten bemannten Raumflug beginnen, der bis jetzt versucht worden war.

Die stolzen Tage der Jupiter-Vier waren vorüber. Gemessen am Standard der jüngsten Neuentwicklungen war sie zu langsam. Wahrscheinlich sah ihr weiteres Schicksal vor, sich zu einer permanenten Orbitalbasis über Kallisto zu entwickeln. Nach ein paar Jahren würde sie das unehrenhafte Schicksal erleiden, für den Bau von Oberflächenanlagen zerlegt und demontiert zu werden.

Angesichts der Betriebsamkeit und des Verkehrsgetümmels am Himmel Ganymeds dauerte es drei Tage, bevor die Gruppe der UNWO-Wissenschaftler zur Oberfläche transportiert werden konnte. Nachdem er sich über Monate hinweg an das Schiff und die Lebensweise an Bord gewöhnt hatte, überkam Hunt beim Zusammenpacken seiner Habseligkeiten ein Anflug von Nostalgie. In einer Schlange stehend, wartete er darauf, an Bord der Wega-Fähre gehen zu können, die an den mittschiffs gelegenen, muldenartigen Dockankern festgemacht hatte. Es war wahrscheinlich das letzte Mal, daß er das Innere dieser gewaltigen Stadt aus Metall zu Gesicht bekam. Wenn er zur Erde zurückkehrte, dann an Bord eines der kleinen, schnellen Kreuzer, die im Zuge des Unternehmens mit auf die Reise gegangen waren.

Eine Stunde später schrumpfte die von einem Netz aus Geräte- und Ausrüstungsteilen umgebene Jupiter-Fünf auf dem Kabinenbildschirm der Wega rasch zusammen. Dann änderte sich das Bild plötzlich, als das düstere, eisige Antlitz Ganymeds vor ihnen anschwoll.

Der Raum im Barackenblock Nummer drei der Ganymed-Hauptbasis war spartanisch eingerichtet. Hunt saß auf dem Rand seiner Koje und beförderte den Inhalt seiner Reisetasche methodisch in den Aluminiumschrank neben ihm. Hinter dem Luftaustauschgitter über der Tür rasselte es. Die Luft, die durch die Zufuhrklappen dicht über dem Boden geblasen wurde, war warm und stank nach Maschinenöl. Die stählernen Bodenplatten vibrierten zu dem Summen schwerer Aggregate, die sich irgendwo weiter unten befanden. Danchekker hatte sich auf der gegenüberliegenden Koje gegen das Kopfkissen gelehnt und durchblätterte einen Aktenordner voller Faksimiles und Farbillustrationen. Er schnatterte so aufgeregt wie ein kleiner Junge am Weihnachtsabend.

„Stellen Sie sich vor, Vic: Noch einen Tag, und wir sind da. Tiere, die vor fünfundzwanzig Millionen Jahren wirklich über die Erde spazierten! Jeder Biologe gäbe seinen rechten Arm, um sie sehen zu können.“ Er hielt den Aktenordner in die Höhe. „Sehen Sie sich das an. Ich halte es für ein perfekt erhaltenes Exemplar der Gattung Trilophodon – ein Miozän-Mammut mit vier Stoßzähnen, über fünf Meter groß. Können Sie sich etwas Aufregenderes als das vorstellen?“

Hunt betrachtete mißmutig die Pin-up-Sammlung, die die gegenüberliegende Wand bedeckte und von einem früheren Besitzer zurückgelassen worden war.

„Ehrlich gesagt, ja“, murmelte er. „Aber das ist völlig anders beschaffen als so ein verdammtes Trilophodon.“

„Wie? Was sagten Sie?“ Danchekker blinzelte verständnislos durch seine Brille. Hunt tastete nach seinem Zigarettenetui. „Nicht weiter wichtig, Chris“, seufzte er.

22

Der Flug zum nördlichen Schacht dauerte nicht ganz zwei Stunden. Nach ihrer Ankunft kam die Gruppe von der Erde in der Offiziersmesse der Einsatzleitungszentrale bei einem Kaffee zusammen. Wissenschaftler von der Jupiter-Vier unterrichteten sie von den neuesten Erkenntnissen hinsichtlich der Ganymeder.

Das ganymedische Raumschiff war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für eine weite, lange Reise vorgesehen gewesen und nicht für so etwas wie eine begrenzte Forschungsexpedition. Einige hundert Ganymeder waren mit ihrem Schiff untergegangen. Umfang und Mannigfaltigkeit der Depots und Versorgungsgüter, der Ausrüstung und des lebenden Inventars, das sie mit auf die Reise genommen hatten, deuteten darauf hin, daß sie ihr Ziel – wo auch immer es gelegen hatte – nicht erreicht hatten.

Alles an Bord des Schiffes, besonders was Instrumentierung und Kontrollsysteme anbelangte, offenbarte einen weit fortgeschrittenen Stand wissenschaftlicher Kenntnisse. Der größte Teil der Elektronik stellte immer noch ein Rätsel dar. Und einige Spezialbauteile ähnelten nichts, was den UNWO-Technikern jemals zu Augen gekommen war. Die Funktionsweise der ganymedischen Computer beruhte auf einer Massen-Integrationstechnologie. Millionen verschiedener Komponenten waren miteinander verknüpft. Schicht um Schicht formten sie einen einzelnen monolithischen Siliziumblock. Die im Innern freiwerdende Hitze wurde durch elektronische Schaltungsnetze abgeleitet, die mit den Funktionskreisen verflochten waren. An bestimmten Stellen – man nahm an, daß sie Teil des Navigationssystems waren – näherte sich die Verschaltungsdichte der Komponenten der des menschlichen Hirns. Ein Physiker hielt eine Tafel in die Höhe, die offenbar aus Silizium bestand und von den Ausmaßen eines großen Wörterbuchs war. Was die direkte Verarbeitungskapazität betraf, so behauptete er, konnte sie die aller Computer in der Navkomm-Zentrale zusammengenommen übertreffen.

Die Konstruktion des Schiffes war stromlinienförmig und stabil. Offenbar war es auch dafür vorgesehen gewesen, durch die Atmosphäre zu fliegen und auf Planeten zu landen, ohne unter dem eigenen Gewicht zu zerbrechen. Die ganymedische Technik schien einen Stand erreicht zu haben, in dem die Funktionen einer Wega-Fähre und eines interorbitalen Fernraum-Transporters in einem Schiff miteinander kombiniert worden waren.

Das Antriebssystem war revolutionär. Es gab keine großen Düsenöffnungen und keine erkennbaren Brennkammern, die darauf hindeuteten, daß das Schiff durch irgendeine Art thermodynamischen oder photonischen Schub beschleunigt wurde. Das Hauptsystem der Brennstofftanks versorgte eine Reihe von Konvertern und Generatoren, die gewaltige Mengen elektrischer und magnetischer Energie erzeugten. Sie speisten mehrere neunzig Zentimeter dicke supraleitende Stromzuführungsschienen und ein Labyrinth aus durchschossenen Spulenwicklungen, die aus massiven Kupferbarren bestanden und das umgaben, was die Motoren des Hauptantriebs zu sein schienen. Obwohl bereits einige verwegene Theorien existierten, war sich niemand ganz sicher, wie diese Anordnung in einer Bewegung des Schiffes resultieren konnte.

Könnte dies ein wirkliches Sternenschiff gewesen sein? Hatten die Ganymeder in Massen das Sonnensystem verlassen? In einem interstellaren Exodus? War dieses besondere Schiff auf der Flucht aus dem Sonnensystem havariert, kurz nachdem es von Minerva gestartet war? Diese Frage wartete mit noch tausend anderen auf eine Antwort. Eins aber stand fest: Die Entdeckung Charlies hatte den größten Teil Navkomms für zwei Jahre beansprucht. Hier waren genug Informationen, um die halbe wissenschaftliche Welt auf Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte hinaus zu beschäftigen.

Einige Stunden verbrachte die Gruppe in der kürzlich errichteten Laboratoriumskuppel und betrachtete die Gegenstände, die aus den Tiefen unter dem Eis hochgebracht worden waren. Darunter waren auch einige ganymedische Skelette und eine Menge irdischer Tiere. Zu Danchekkers Enttäuschung war sein spezieller Liebling – der Anthropoide, den er vor vielen Monaten Hunt und Caldwell auf einem Bildschirm in Houston gezeigt hatte – nicht darunter. „Cyrill“ war für eine detaillierte Untersuchung zu den Laboratorien des Jupiter-Vier-Leitschiffes überführt worden.

Nach dem Mittagessen in der Kantine des Stützpunkts suchten sie die Kuppel auf, die einen der Schachtzugänge bedeckte. Fünfzehn Minuten später befanden sie sich tief unter der Oberfläche des ewigen Eises und starrten ehrfürchtig auf das Schiff selbst.

Völlig freigelegt lag es in der riesigen, weißen und hell erleuchteten Höhle. Mit der Unterseite berührte es noch immer sein Eisgrab. Die Außenhülle schnitt eine gerade Schneise in den Wald aus massiven Stahlgestellen und Eispfeilern, auf denen das Gewicht der Decke lastete. Unter dem Gewirr aus Rampen und Gerüsten, das an der Seite haftete, waren Sektionen der Hülle entfernt worden, um die Abteilungen im Innern freizulegen. Überall war der Boden mit Maschinenteilen übersät, die von den Hochkränen heruntergelassen worden waren. Die Szene erinnerte Hunt an die Zeit, als Borlan und er das riesige Boeing-Werk nahe Seattle besucht hatten, wo die 1017-Skyliner montiert wurden. Aber hier besaß alles eine weit größere Dimension.

Sie machten eine Rundreise durch das Netz aus Laufplanken und Leitern, das durch das ganze Schiff gezogen worden war – vom Kommandodeck mit dem fünf Meter langen Panoramabildschirm durch die Kontrollräume, Wohnbereiche und Krankenstationen bis hin zu den Laderäumen und Käfigreihen. Die Hauptsektion der Energiekonverter und -generatoren war genauso eindrucksvoll und komplex wie das Innere des thermonuklearen Kraftwerks. Als sie durch das Schott dahinter schritten, waren sie nur noch Zwerge unter den Wölbungen der bloßgelegten Teile zweier gewaltiger Toroide. Der sie führende Techniker deutete hinauf zu den kolossalen gekrümmten Metallflächen.

„Die Wände dieser Außenverkleidung sind mehr als fünf Meter dick“, informierte er sie. „Sie bestehen aus einer Legierung, die Wolframkarbid-Stahl wie Sahnekäse schneiden würde. Die Massenkonzentration im Innern ist phänomenal. Wir glauben, daß sie ineinandergeschlossene Kreise enthalten, in denen hochkonzentrierte Materie in periodische oder oszillierende Resonanz gezwungen und in Wechselwirkung mit hochenergetischen Kraftfeldern gebracht wird. Es ist möglich, daß die daraus resultierende Folge von raschen Veränderungen des Gravitationspotentials irgendwie nutzbar gemacht wurde, um in dem das Schiff umgebenden Raum eine kontrollierte Verzerrung zu induzieren. Mit anderen Worten: Das Schiff bewegte sich dadurch vorwärts, indem es kontinuierlich in ein Loch fiel, das es selbst vor dem Bug erzeugte – so eine Art vierdimensionale Panzer-Laufkette.“

„Sie meinen, es hüllte sich selbst in eine Raum-Zeitblase ein, die sich irgendwie durch den Normalraum ausbreitete?“ fragte jemand.

„Wenn Sie wollen, ja“, bestätigte der Techniker. „Ich glaube, die Blase ist so gut wie jede andere Analogie. Der interessante Punkt ist der: Wenn es so funktioniert, dann unterliegt jedes Atom des Schiffes und alles, was sich im Innern befindet, exakt der gleichen Beschleunigung. Deshalb können keine Gravitationsveränderungseffekte auftreten. Sie könnten das Schiff innerhalb einer Mikrosekunde mit einem Schlag von, sagen wir, anderthalb Millionen Stundenkilometer auf Null abbremsen – und niemand im Innern würde den Unterschied bemerken.“

„Wie steht’s mit der Höchstgeschwindigkeit?“ fragte ein anderer. „Gibt es eine relativistische Grenze?“

„Wir haben keine Ahnung. Die Kollegen von der Theorie oben in der Jupiter-Vier haben sich darüber mächtig den Kopf zerbrochen. Die konventionellen Gesetze der Mechanik wären auf keine Bewegung des Schiffes mehr anwendbar, da es sich in dem lokalen Universum im Innern der Blase nicht wirklich bewegen würde. Das Problem, wie sich die Blase durch den Normalraum ausbreitet, steht auf einem ganz anderen Blatt. Eine ganz neue Feldtheorie muß ausgearbeitet werden. Vielleicht werden vollkommen neue physikalische Gesetze wirksam – aber wie ich schon sagte, wir wissen es einfach nicht. Nur eines scheint klar zu sein: Diese photonenbetriebenen Raumschiffe, die man in Kalifornien konstruiert, könnten sich, noch bevor sie gebaut sind, als veraltet herausstellen. Wenn wir genug über die Funktionsweise dieses Schiffes herauszufinden vermögen, dann bringt uns dieses Wissen möglicherweise um hundert Jahre nach vorn.“

Am Ende dieses Tages konnte Hunt keinen klaren Gedanken mehr fassen. Die neuen Informationen drangen schneller auf ihn ein, als er sie verarbeiten konnte. Die Fragen in seinem Kopf vermehrten sich tausendmal schneller, als sie überhaupt beantwortet werden konnten. Mit jeder neuen Enthüllung wurde das Rätsel des ganymedischen Raumschiffes verblüffender. Aber dahinter lag noch immer das ungelöste Lunarier-Problem. Er benötigte Zeit, um sich in sich selbst zurückzuziehen und nachdenken zu können. Zeit, seine Gedanken zu entwirren und das mentale Durcheinander in logische Gedanken aufzulösen, die er in den ordnungsgemäßen Schubladen seines Bewußtseins ablegen konnte. Dann hätte er besser erkennen können, welche Frage wovon abhing und was zuerst in Angriff genommen werden mußte. Doch das Durcheinander türmte sich schneller auf, als er es abtragen konnte.

Nach dem Abendessen wurde das Scherzen und Gelächter in der Messe bald unerträglich. Als er allein in seinem Zimmer war, allein zwischen den Wänden, bekam er Platzangst. Eine Zeitlang marschierte er durch die verlassenen Korridore zwischen den Kuppeln und Gebäuden. Sie waren beklemmend. Zu lange hatte er in Metallbüchsen gelebt. Schließlich erreichte er die Kuppel des Kontrollturms. Er starrte hinaus auf die den Stützpunkt umgebende hellglänzende, graue Wand. Sie wurde von dem Scheinwerferlicht geschaffen, das durch die Methan-Ammoniaknebel der ganymedischen Nacht sickerte. Nach einer Weile war selbst die Anwesenheit des Aufsichtsbeamten, dessen Gesicht durch den reflektierenden Glanz der Konsole aus der Dunkelheit herausstach, nicht mehr auszuhalten. Auf dem Weg zur Treppenspindel blieb er an der Geräteeinheit stehen.

„Tragen Sie mich für einen Oberflächenausflug ein.“

Der Aufsichtsbeamte sah zu ihm herüber. „Sie wollen nach draußen?“

„Ich brauche frische Luft.“

Der Kontrolleur schaltete einen seiner Bildschirme ein. „Ihr Name, bitte?“

„Hunt, Dr. V. Hunt.“

„Identifikationsnummer?“

„730289C/EX4.“

Der Kontrolleur vermerkte die Details, sah auf die Uhr und tastete die Zeit ein.

„Erstatten Sie über Funk Bericht, wenn Sie nach einer Stunde noch nicht zurück sind. Halten Sie auf 24,328 Megahertz ständig einen Empfangskanal offen.“

„Mach ich“, bestätigte Hunt. „Gute Nacht.“

„Nacht.“

Der Kontrolleur sah zu, wie Hunt in Richtung Erdgeschoß verschwand, zuckte mit den Achseln und wandte seine Aufmerksamkeit automatisch den Schirmen vor ihm zu. Es sah nach einer ruhigen Nacht aus.

Im Vorraum des Oberflächenzugangs auf der Nullebene entnahm Hunt der Schrankreihe zu seiner Rechten einen Raumanzug. Ein paar Minuten später marschierte er im Schutzanzug und mit gesichertem Helm zur Luftschleuse. Er tastete seinen Namen und ID-Code in das Terminal am Schott und wartete ein paar Sekunden, bis sich das Innenschott öffnete.

Er tauchte in den wirbelnden und silberfarbenen Dunst hinein und wandte sich nach rechts, um der Front der undeutlich sichtbar werdenden schwarzen Metallklippe des Kontrollgebäudes zu folgen. Durch die dünnen Dunstwolken klang das Knirschen seiner Stiefel auf dem pulvrigen Eis schwach und weit entfernt. Als die Wand endete, marschierte er langsam geradeaus weiter, ins offene Terrain hinaus und der Grenze des Stützpunkts entgegen. Gespenstische stählerne Gestalten tauchten auf und verschwanden in den schweigenden Schatten um ihn herum. Die Düsternis voraus wurde dunkler, als Inseln aus diffusem Licht zu beiden Seiten an ihm vorbeiglitten. Das Eis begann anzusteigen. Unregelmäßige Flecken kahler, schroffer Felsen häuften sich. Wie in Trance marschierte er weiter.

Bilder aus der Vergangenheit schwebten an seinem inneren Auge vorbei: ein Junge, der Bücher las, eingeschlossen im Schlafzimmer des oberen Stocks, irgendwo in den Londoner Slums… ein Halbwüchsiger, der jeden Morgen mit dem Fahrrad durch die engen Gassen von Cambridge fuhr. Das, was er gewesen war, war nicht wirklicher als das, was er sein würde. Und hinter jeder neuen Welt lockte eine weitere. Und immer waren die ihn umgebenden Gesichter unbekannt – sie trieben in sein Leben wie die flüchtigen Schatten der Felsen, die sich nun aus dem Dunst vor ihm herausschälten. Wie die Felsen schienen die Menschen eine Weile zu existieren und Gestalt und Substanz anzunehmen. Dann verschwanden sie und lösten sich hinter ihm im Nebel der Vergangenheit auf, als habe es sie nie gegeben. Forsyth-Scott, Felix Borlan und Rob Gray existierten bereits nicht mehr. Würden Caldwell, Danchekker und der Rest bald verblassen, um sich ihnen hinzuzugesellen? Und welche neuen Gestalten würden heraustreten aus den unbekannten Welten, die hinter den Schleiern der Zukunft verborgen lagen?

Mit gelinder Überraschung stellte er fest, daß die Nebelschwaden um ihn herum wieder heller wurden. Er konnte auch plötzlich wieder weiter sehen. Über eine gewaltige Eisscholle, die nun eben und frei von Felsen war, kletterte er hinauf. Das Licht glühte schaurig und drang zu beiden Seiten durch die Dunstwolken, als leuchte der Nebel selbst. Er kletterte höher. Mit jedem Schritt erweiterte sich sein Sichthorizont. Das Leuchten sickerte aus dem ihn umgebenden Dunst und vereinigte sich in einem einzelnen Fleck, der von Sekunde zu Sekunde heller über seinem Kopf erstrahlte. Und dann sah er über die Nebelbank hinweg. Es war nur eine Wolke, die in der Vertiefung des ausgedehnten Beckens gefangen war, in der man den Stützpunkt errichtet hatte. Dieser Standort war natürlich deshalb gewählt worden, um die Länge des Schachtes zu verkürzen, der zur Erreichung des ganymedischen Schiffes erforderlich war. Der Hang über Hunt endete knapp fünfzehn Meter voraus in einem langen, abgerundeten Kamm. Er änderte die Richtung ein wenig und nahm die steilere Flanke, die direkt zum Gipfel des Grates führte. Die letzten zaghaften Nebelschleier fielen zurück.

Hier oben war die Nacht kristallklar. Er stand auf einem Eisstrand, der sich zu seinen Füßen einem See aus Watte entgegenneigte. Am gegenüberliegenden Ufer des Sees erhoben sich die Gipfel der Felstürme und Eisklippen, die sich jenseits der Basis befanden. Kilometerweit um ihn herum schwammen gespenstische weiße Berge aus ganymedischem Eis auf einem Wolkenozean, der in die Dunkelheit der Nacht leuchtete.

Aber da war keine Sonne.

Hunt hob den Blick und schnappte unwillkürlich nach Luft. Über ihm schwebte die volle Scheibe Jupiters, fünfzehnmal so groß wie die des Mondes von der Erde aus gesehen. Kein Foto, das er jemals gesehen hatte, noch irgendeine Wiedergabeprojektion auf einem Bildschirm ließ sich mit der Pracht dieses Anblicks vergleichen. Jupiter füllte den Himmel mit seinem Glanz. In den irisierenden Lichtstreifen waren alle Regenbogenfarben miteinander verflochten. Schicht um Schicht türmten sie sich vom Äquator aus auf. Sie verblaßten, als sie den Rand erreichten, verschmolzen zu einem rosafarbenen Ring, der den ganzen Planeten umgab. Aus Rosa wurde Violett und schließlich Purpur, das in einer deutlichen, scharf umrissenen Linie endete, die einen gewaltigen Kreis am Himmel beschrieb. Unwandelbar, unveränderlich, ewig… der mächtigste der Götter. Und der winzige, schwache, kurzlebige Mensch war auf einer fast achthundert Millionen Kilometer langen Pilgerfahrt hierhergekrochen, um ihm zu huldigen.

Vielleicht vergingen nur Sekunden, vielleicht Stunden. Hunt konnte es nicht sagen. Den Bruchteil einer Ewigkeit lang stand er bewegungslos da, ein verlorener Fleck unter den stillen Türmen aus Eis und Fels. Auch Charlie hatte auf der Oberfläche einer öden Wüste gestanden und zu einer Welt hinaufgestarrt, die von Licht und Farbe eingehüllt war – aber die Farben waren die des Todes gewesen.

In jenem Augenblick kamen Hunt die Szenen, die Charlie gesehen hatte, eindringlicher zu Bewußtsein als jemals zuvor. Er sah Städte, die von fünfzehn Kilometer durchmessenden Glutbällen verzehrt wurden; er sah klaffende Schluchten, verbrannte und geschwärzte Asche, wo einst Ozeane gewesen waren, Feuerseen, wo sich Berge befunden hatten. Er sah Kontinente platzen und auseinanderbrechen, überschwemmt von Höllenfluten aus weißer Hitze, die von unten herauf explodierte. So deutlich, als geschähe es wirklich, sah er den riesigen Globus über ihm anschwellen und auseinanderbersten, bizarr anzusehen in der trügerischen Langsamkeit, in der gewaltige Ereignisse aus der Ferne betrachtet stattfinden. Tag um Tag würde sich der Glutball weiter in den Raum ausdehnen, mit unersättlicher Gefräßigkeit einen Mond nach dem anderen verzehren, bis seine Kraft erschöpft war. Und dann…

Der Schock warf Hunt mit einem Schlag in die Wirklichkeit zurück.

Plötzlich war die Antwort da, nach der er gesucht hatte. Sie war aus dem Nirgendwo gekommen. Er versuchte, sie bis zu ihren Wurzeln zurückzuverfolgen, indem er seine Gedanken kontrollierte – aber da war nichts. Die Wege, die von den unteren Bereichen seines Bewußtseins hinaufführten, hatten sich ihm für eine Sekunde eröffnet. Aber jetzt waren sie ihm wieder versperrt. Die Illusion war enthüllt, das Paradoxon verschwunden. Natürlich war darauf noch nie jemand zuvor gestoßen. Wem würde es in den Sinn kommen, eine Tatsache in Frage zu stellen, die so selbstverständlich und älter als die menschliche Rasse selbst war?

„Schachteingang-Kontrolle ruft Dr. V. Hunt. Dr. Hunt, bitte melden.“ Die plötzliche Stimme in seinem Helm erschreckte ihn. Er betätigte eine Taste der Kontrolleinheit auf seiner Brust.

„Hunt spricht“, meldete er sich. „Ich höre.“

„Routinecheck. Ihr Bericht ist fünf Minuten überfällig. Alles in Ordnung?“

„Entschuldigung, habe die Zeit vergessen. Ja, alles in Ordnung… sehr in Ordnung. Ich komme jetzt zurück.“

„Danke.“ Ein Klicken, und die Stimme war verschwunden.

War er schon so lange draußen? Er stellte fest, daß ihm kalt war. Die eisigen Finger der ganymedischen Nacht begannen sich ihren Weg ins Innere des Anzugs zu ertasten. Er drehte die Heizungskontrolle ein wenig auf und beugte die Arme. Bevor er sich umdrehte, sah er noch einmal hinauf, um dem Riesenplaneten einen letzten Blick zuzuwerfen. Aus irgendeinem seltsamen Grund schien Jupiter zu lächeln.

„Danke, Kumpel“, murmelte Hunt mit einem Zwinkern. „Vielleicht kann ich eines Tages auch etwas für dich tun.“

Damit begann er vom Grat herunterzuklettern und versank alsbald im Wolkenozean.

23

Eine Gruppe aus rund dreißig Leuten – hauptsächlich Wissenschaftler, Techniker und UNWO-Direktoren – marschierte im Gänsemarsch in den Konferenzsaal der Navkomm-Zentrale. Die nach hinten ansteigenden Sitzreihen waren dem großen, leeren Bildschirm an der der Doppeltür gegenüberliegenden Wand zugewandt. Caldwell stand auf einem erhöhten Podest vor dem Bildschirm und beobachtete, wie die verschiedenen Gruppen und Personen ihre Plätze einnahmen. Bald hatte jedermann einen Sessel gefunden, und der Türsteher im Hintergrund signalisierte, daß der Korridor draußen leer war. Caldwell nickte bestätigend, bat mit erhobener Hand um Ruhe und trat mit einem Schritt auf das Mikrofon vor ihm zu.

„Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit, meine Damen und Herren… Ruhe, bitte…“ die Baritonstimme dröhnte aus den Lautsprechern an den Wänden. Das Gemurmel verklang.

„Ich danke Ihnen, daß Sie so kurzfristig kommen konnten“, fuhr er fort. „Sie alle beschäftigen sich jetzt einige Zeit mit diesem oder jenem Aspekt des Lunarierproblems. Wie Sie wissen, hat es von Anfang an mehr als nur ein paar Streitfragen und Meinungsverschiedenheiten gegeben. Berücksichtigt man jedoch das Gesamtbild, dann schneiden wir nicht so schlecht ab. Begonnen haben wir mit einer Leiche und ein paar Fetzen Papier, und darauf aufbauend haben wir eine ganze Welt rekonstruiert. Aber es gibt immer noch einige elementare Fragen, die bis zum heutigen Tag unbeantwortet geblieben sind. Ich glaube, ich muß sie Ihnen nicht extra in Erinnerung rufen.“ Er hielt inne. „Jetzt aber scheinen wir Antworten auf diese Fragen zu haben. Die neuen Entwicklungen, die mich dies behaupten lassen, sind so überraschend, daß es mir zweckdienlich erschien, Sie alle zusammenzurufen. Gleich können Sie das mit eigenen Augen betrachten, was ich vor erst ein paar Stunden zum erstenmal gesehen habe.“ Er hielt erneut inne und gab der Versammlung Gelegenheit, die den Vorbemerkungen entgegengebrachte Aufmerksamkeit auf ein Maß zu erhöhen, das den nun folgenden bedeutenden Dingen angemessen war.

„Wie Sie alle wissen, hat uns vor vielen Monaten eine Gruppe von Wissenschaftlern im Zuge des Jupiter-Fünf-Unternehmens verlassen, um die Entdeckungen auf Ganymed zu untersuchen. Unter ihnen war auch Vic Hunt. Heute morgen erhielten wir seinen neuesten Bericht über den Stand der Forschungen. Wir lassen die Aufzeichnung jetzt für Sie abspielen. Ich glaube, das wird Sie interessieren.“

Caldwell warf einen Blick zum Projektionsfenster im Hintergrund des Raumes und hob die Hand. Die Lichter begannen zu verblassen. Er stieg vom Podest hinunter und nahm seinen Platz in der ersten Sitzreihe ein. Für kurze Zeit herrschte Dunkelheit. Dann erhellte sich der Bildschirm und zeigte in einer Einzelaufnahme Titel sowie Kennung einer Akte im UNWO-Standardformat. Für ein paar Sekunden verblieb die Überschrift an Ort und Stelle, dann verschwand sie und wurde vom Abbild Hunts ersetzt, der über einen Schreibtisch hinweg in die Kamera blickte.

„Navkomm-Spezialuntersuchung auf Ganymed, V. Hunt berichtet; 20. November 2029 Erd-Standardzeit“, sagte er. „Gegenstand der Sendung: Eine Hypothese hinsichtlich des Ursprungs der Lunarier. Was folgt, erhebt in diesem Stadium keinen Anspruch darauf, eine exakt nachgewiesene Theorie zu sein. Der Zweck besteht darin, eine Erklärung für eine mögliche Folge von Ereignissen zu bieten, die zum erstenmal den Ursprung der Lunarier ausreichend begründet und zudem alle derzeit ermittelten Fakten berücksichtigt.“ Hunt legte eine Pause ein und betrachtete einige vor ihm auf dem Schreibtisch liegende Notizen. Im Konferenzsaal herrschte absolute Stille.

Hunt hob den Kopf und sah vom Schirm herunter. „Bis jetzt habe ich dazu geneigt, keine besondere der im Umlauf befindlichen Ideen den anderen gegenüber zu bevorzugen. Hauptsächlich deshalb, weil ich, wie schon erwähnt, nicht genügend davon überzeugt war, daß sie all das ausreichend erklären, was wir aus gutem Grund für Tatsachen halten. Die Situation hat sich geändert. Ich bin nun zu der Überzeugung gekommen, daß es eine Erklärung gibt, die alle Fakten berücksichtigen kann. Diese Erklärung lautet folgendermaßen:

Ursprünglich bestand das Sonnensystem aus neun Planeten, Minerva eingeschlossen, und es erstreckte sich bis zum Neptun. Minerva war so wie die inneren Planeten beschaffen, befand sich jenseits des Mars und war der Erde in mehrfacher Hinsicht ähnlich. Minerva war von vergleichbarer Größe und Dichte und aus einer Mischung der gleichen Elemente zusammengesetzt. Sie kühlte ab und entwickelte eine Atmosphäre, eine Hydrosphäre und eine Oberflächenstruktur.“ Hunt zögerte eine Sekunde. „Daraus ergibt sich ein Problem – wir mußten die Oberflächenbedingungen in dieser Entfernung von der Sonne mit der Existenz von Leben, so wie wir es kennen, in Einklang bringen. Als Beweis dafür, daß diese Faktoren tatsächlich in Übereinstimmung gebracht werden können, verweise ich auf die Arbeiten von Professor Fuller, die er während der letzten Monate an der Londoner Universität durchgeführt hat.“ Im unteren Bereich des Bildschirms erschienen Textzeilen, die Details über Titel und Zugangscodes der betreffenden Veröffentlichungen Professor Fullers angaben.

„Kurz gesagt, Fuller hat ein Modell über den Gleichgewichtszustand verschiedener atmosphärischer Gase und vulkanisch hinzugefügtem Wasserdampf entwickelt, das mit den bekannten Daten übereinstimmt. Wenn die Atmosphäre den Stand von ungebundenem Kohlendioxid und Wasserdampf aufrechterhalten soll und zudem die Existenz großer Mengen von Wasser im flüssigen Zustand postuliert wird, ist nach dem Modell eine sehr starke vulkanische Aktivität auf dem Planeten vorauszusetzen, zumindest in seiner jüngeren Vergangenheit. Da dies offensichtlich der Fall war, könnte man darauf schließen, daß die Kruste Minervas im Vergleich zur Größe des Planeten außergewöhnlich dünn und die Struktur dieser Kruste instabil war. Dies ist später noch von Bedeutung. Fullers Modell entspricht zudem den neuesten Ergebnissen der Asteroiden-Untersuchungen. Die dünne Kruste könnte das Resultat einer durch die große Entfernung zur Sonne relativ rasch erfolgten Oberflächenabkühlung gewesen sein, wobei der glutflüssige Zustand des Inneren durch Hitzequellen unter der Oberfläche verlängert wurde. Nach den Berichten der Asteroiden-Untersuchungen sind viele Proben analysiert worden, die reich an radioaktiven, Hitze produzierenden Substanzen sind.

Minerva kühlte also rasch zu einer durchschnittlichen Oberflächentemperatur ab, die ein wenig unter der der Erde lag, aber nicht so kalt war, wie Sie vielleicht glauben. Mit der Abkühlung ging die Entstehung von immer komplexeren Molekülen einher, und schließlich entwickelte sich Leben. Mit dem Leben kam Veränderung, gefolgt von Wettbewerb, gefolgt von Auslese – Evolution also. Nach vielen Millionen Jahren gipfelte die Evolution in der Entstehung einer Rasse intelligenter Wesen, die zur dominierenden Lebensform auf dem Planeten wurden. Dies waren die Lebewesen, die wir Ganymeder genannt haben.

Die Ganymeder errichteten eine fortgeschrittene technologische Zivilisation. Vor ungefähr fünfundzwanzig Millionen Jahren erreichten sie dann ein Entwicklungsstadium, das nach unseren Schätzungen dem unsrigen um hundert Jahre voraus war. Diese Schätzung basiert auf der Konstruktion des ganymedischen Schiffes, das sich hier befindet, sowie der Geräteausstattung, auf die wir im Innern gestoßen sind.

Irgendwann zu dieser Zeit kam es auf Minerva zu einer großen Krise. Irgend etwas brachte den empfindlichen Mechanismus durcheinander, der das Gleichgewicht zwischen den Mengen des im Gestein gebundenen Kohlendioxids und dem im ungebundenen Stadium kontrollierte. Der Kohlendioxidbestandteil der Atmosphäre begann sich zu erhöhen. Über die Ursachen können wir nur spekulieren. Eine Möglichkeit ist die, daß irgend etwas die in Minervas Struktur inhärente Tendenz zu hoher vulkanischer Aktivität verstärkte – vielleicht natürliche Ursachen, vielleicht etwas, das die Ganymeder anstellten. Eine andere Möglichkeit ist die, daß die Ganymeder ein ehrgeiziges Programm zur Kontrolle des Klimas begannen, die ganze Angelegenheit aber völlig danebenging. Bis jetzt haben wir keine befriedigende Antwort auf diese Frage. Aber unsere Untersuchungen hinsichtlich der Ganymeder haben gerade erst begonnen. Allein, was den Inhalt des Schiffes betrifft, warten noch Jahre voller Arbeit auf uns. Und ich bin ziemlich sicher, daß unter dem Eis hier noch weitaus mehr zu entdecken ist.

Nun ja, im Augenblick ist nur wichtig, daß irgend etwas geschah. Chris Danchekker hat nachgewiesen“, ein anderes Aktenzeichen leuchtete am unteren Bildschirmrand auf, „daß alle höherentwickelten, luftatmenden minervianischen Lebensformen mit ziemlicher Sicherheit eine sehr niedrige Toleranzgrenze gegenüber einer Zunahme der Kohlendioxidkonzentration besessen haben. Das ergibt sich aus dem grundlegenden mikrochemischen System, das sie von den frühesten Vorfahren dieser genetischen Linie erbten. Dies bedeutet natürlich, daß die Veränderung der Oberflächenbedingungen Minervas die Existenz der meisten Landlebewesenarten bedrohte, einschließlich die der Ganymeder. Wenn wir diese Situation akzeptieren, haben wir auch einen plausiblen Grund für die Annahme, daß die Ganymeder eine Zeitlang im großen Maßstab ein ausgewogenes Ökosystem aus pflanzlichem und tierischem Leben von der Erde importierten. Vielleicht verfügte Minerva aufgrund der großen Entfernung von der Sonne über nichts, was sich mit Qualität und Mannigfaltigkeit des Lebens vergleichen ließ, von dem es auf dem viel wärmeren Planeten Erde wimmelte.

Offensichtlich schlug das Experiment fehl. Obgleich das importierte Leben Bedingungen vorfand, die günstig genug waren, um darunter zu gedeihen, erbrachte es nicht das gewünschte Resultat. Aufgrund verschiedener Informationen nehmen wir an, daß die Ganymeder die ganze Angelegenheit als verlorene Sache aufgaben und auswanderten, um irgendwo außerhalb des Sonnensystems eine neue Heimat zu finden. Ob sie damit Erfolg hatten oder nicht, wissen wir nicht. Vielleicht bringen weitere Untersuchungen der Schiffsladung mehr Licht in diese Sache.“

Hunt legte eine Pause ein, griff nach dem Etui auf dem Schreibtisch und zündete sich eine Zigarette an. Die Unterbrechung wirkte zeitlich abgestimmt genug, um den Zuhörern eine Möglichkeit zu geben, über diesen Teil seines Berichts nachzudenken. Leises Gemurmel erfüllte den Saal. Hier und dort flammten Feuerzeuge auf, während die Anwesenden die ganze Tragweite des Berichts vom Schirm zu erfassen versuchten. Hunt fuhr fort:

„Die auf dem Planeten zurückbleibenden einheimischen Landspezies starben bald aus. Aber die von der Erde eingeführten Arten erfreuten sich einer besseren Anpassungsfähigkeit und überlebten. Und nicht nur das. Sie konnten nun ungehindert umherschweifen und sich frei über alle Landstriche Minervas ausbreiten. Jede einheimische Konkurrenz war plötzlich verschwunden. Die Neuankömmlinge konnten deshalb ohne Einschränkung den Prozeß der evolutionären Entwicklung fortsetzen, der Millionen Jahre zuvor in den Ozeanen der Erde begonnen hatte. Aber natürlich dauerte zur gleichen Zeit der gleiche Prozeß auf der Erde selbst an. Isoliert auf zwei verschiedenen Welten, entwickelten sich zwei Gruppen von Tierarten, die von ihren gemeinsamen Vorfahren die gleiche genetische Erbschaft übernommen hatten und mit dem gleichen evolutionären Potential ausgestattet waren.

Nun, erlauben Sie mir, denjenigen unter Ihnen, die bisher noch nicht das Vergnügen hatten, Cyrill vorzustellen.“ Hunts Abbild verschwand, und ein Bild des im ganymedischen Schiff entdeckten Menschenaffen erschien.

Hunts Stimme fuhr mit dem Kommentar fort: „Chris‘ Team hat diesen Burschen in den Jupiter-Vier-Laboratorien sorgfältig untersucht. Chris‘ eigene Zusammenfassung ihrer Ergebnisse lautet, Zitat Anfang: ‚Dieses Wesen steht unserer Meinung nach näher an der direkten genetischen Linie, die zum modernen Menschen geführt hat, als alles, was wir vorher untersucht haben. Auf der Erde sind viele Fossilien von Geschöpfen gefunden worden, die verschiedene Entwicklungszweige von den frühen weiterentwickelten Affen in die allgemeine Richtung des Menschen repräsentieren. Bisher sind jedoch alle Funde als zu Nebenlinien des Hauptstrangs zugehörig klassifiziert worden. Ein Exemplar eines direkten Glieds in der Kette, die zum Homo sapiens geführt hat, hat sich immer beharrlich einer Entdeckung widersetzt. Hier haben wir ein solches Glied.‘ Zitat Ende.“ Das Abbild Hunts kehrte zurück. „Wir können deshalb ziemlich sicher sein, daß sich unter den sich auf Minerva entwickelnden irdischen Lebensformen auch eine Anzahl von Primaten befanden, die in ihrer Evolution genauso weit fortgeschritten waren wie die auf der Erde befindlichen Arten.

Die Besonderheit der auf Minerva schneller ablaufenden Evolution wiederholte sich, möglicherweise aufgrund des strengeren Klimas und der rauheren Umwelt. Millionen von Jahren vergingen. Auf der Erde kam und ging eine Aufeinanderfolge menschenähnlicher Wesen: Manche stellten einen Schritt nach vorn, manche eine Fehlentwicklung dar. Die Eiszeit kam und erreichte vor rund fünfzigtausend Jahren ihre letzte und kälteste Phase. Zu dieser Zeit repräsentierten primitive Humanoide auf der Erde die Spitze des Fortschritts – primitive Höhlenbewohner, Jäger, Produzenten von einfachen Waffen und Werkzeugen aus behauenem Stein. Aber auf Minerva existierte bereits eine neue technologische Zivilisation: die der Lunarier, die von den importierten Lebensformen und den gleichen frühen Vorfahren wie auch wir abstammten; menschenähnlich in jedem anatomischen Detail.

Ich will mich nicht über die Probleme auslassen, mit der die sich entwickelnde lunarische Zivilisation konfrontiert wurde – sie sind inzwischen gut bekannt. Ein ganzes Volk stand im Wettlauf mit der Zeit, um von der sterbenden Welt zu entkommen, und während dessen war seine Geschichte eine lange Aneinanderreihung von Kriegen und Mühsal. Ihre Schwierigkeiten wurden von einem chronischen Mangel an Mineralien verstärkt, vielleicht deshalb, weil der Planet von Natur aus rohstoffarm war, oder deshalb, weil er von den Ganymedern vollkommen ausgebeutet worden war. Jedenfalls kristallisierten sich aus den kriegführenden Parteien zwei Supermächte heraus, und in der folgenden Kraftprobe vernichteten sie ihren Planeten und sich selbst.“

An diesem Punkt legte Hunt erneut eine Pause ein, um seinem Publikum eine zweite Möglichkeit zum Nachdenken zu geben. Diesmal jedoch blieb es vollkommen still. Nichts von dem, was er bisher gesagt hatte, war neu. Aber er hatte aus den tausend Theorien und Spekulationen, über die man sich bei Navkomm bereits so lange stritt, wie man sich zurückerinnern konnte, ein einheitliches Bild entworfen. Die schweigenden Zuschauer im Saal spürten, daß jetzt die wirklichen Neuigkeiten kamen.

„Lassen Sie uns einen Augenblick innehalten und prüfen, wie gut diese Erklärung zu dem vorhandenen Tatsachenmaterial paßt. Erstens: das ursprüngliche Problem von Charlies menschlichem Äußeren. Nun, das ist gelöst: Er war menschlich – er stammte von den gleichen Vorfahren wie wir selbst ab. Etwas so Unwahrscheinliches wie eine parallele Evolutionslinie ist für die Erklärung nicht notwendig. Zweitens: das Fehlen irgendwelcher Spuren der Lunarier auf der Erde. Nun, der Grund ist vollkommen klar: Sie waren niemals auf de Erde. Drittens: Alle Versuche, die Oberflächengeographie von Charlies Welt mit der der Erde in Einklang zu bringen, werden durch diese Erklärung überflüssig, da es tatsächlich zwei verschiedene Planeten waren.

So weit, so gut. Dies allein erklärt jedoch nicht alle Fakten. Es gibt einige zusätzliche Punkte, die in die Erklärung jeder Theorie eingefügt werden müssen, die den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Sie können durch die folgenden Fragen kurz umrissen werden:

Eins: Wie war es möglich, daß Charlies Reise von Minerva zu unserem Mond nur zwei Tageg dauerte?

Zwei: Wie erklären wir unter Berücksichtigung des Standes der lunarischen Technik die Existenz eines Waffensystems, das über die Entfernung von unserem Mond bis zu Minerva exakt auf ein Ziel ausgerichtet werden konnte?

Drei: Wie konnte die Treffer-Bestätigungsmeldung an das Feuerleitsystem in wesentlich weniger als dem Minimum von sechsundzwanzig Minuten erfolgen, das über eine solche Entfernung nötig gewesen wäre?

Vier: Wie konnte Charlie Oberflächenstrukturen auf Minerva erkennen, wenn er auf unserem Mond stand?“

Hunt sah vom Schirm herunter und gab seinem Publikum reichlich Zeit, über diese Fragen nachzudenken. Er drückte seine Zigarette aus, lehnte sich in Richtung der Kamera vor und stützte seine Ellenbogen auf den Schreibtisch.

„Meiner Ansicht nach gibt es nur eine Erklärung, die in der Lage ist, eine befriedigende Antwort auf diese offensichtlich unsinnigen Umstände zu geben. Und die nenne ich Ihnen jetzt. Der Mond, der Minerva seit unvorstellbaren Zeiten bis zu diesen Ereignissen vor fünfzigtausend Jahren umkreiste… und der Mond, der heute am Himmel der Erde glänzt… ist ein und derselbe!“

Etwa drei Sekunden lang regte sich gar nichts.

Dann erhoben sich ungläubige Rufe in dem verdunkelten Raum. Einige Leute gestikulierten in Richtung ihrer Nachbarn, während sich andere der Reihe hinter ihnen zuwandten und Meinungsäußerungen einholten. Plötzlich herrschte im ganzen Saal ein Tohuwabohu aus gemurmelten Bemerkungen.

„Unmöglich!“

„Himmel – er hat recht!“

„Natürlich… natürlich…“

„Es muß so sein…“

„Quatsch!“

Hunt starrte ruhig vom Bildschirm herunter, als betrachte er die Szenerie. Die Pause für die zu erwartende Reaktion auf seine Worte war zeitlich gut gewählt. Er begann in dem Moment wieder zu sprechen, als das Durcheinander der Stimmen erstarb.

„Wir wissen, daß der Mond, auf dem sich Charlie befand, unser Mond war – weil wir ihn dort gefunden haben, weil wir die von ihm beschriebenen Abschnitte des Terrains identifizieren können, weil wir genügend Beweise für eine umfangreiche lunarische Präsenz dort haben und weil wir nachgewiesen haben, daß auf ihm ein ausgedehnter Einsatz von nukleonischen und nuklearen Waffen stattfand. Aber der gleiche Ort muß auch der Satellit Minervas gewesen sein. Vom Planeten aus war es nur ein Flug von zwei Tagen – das behauptet Charlie, und wir sind sicher, seine Zeitangaben richtig zu interpretieren. Waffen waren dort stationiert, die Ziele auf Minerva vernichten konnten, und die Treffer konnten fast unmittelbar darauf beobachtet werden. Und falls dies alles noch nicht genug sein sollte: Charlie brauchte keine drei Meter weit von der Stelle, wo wir ihn gefunden haben, wegzugehen, um Einzelheiten der Oberfläche Minervas erkennen zu können. Dies alles konnte nur dann zutreffen, wenn der fragliche Ort nicht mehr als etwa siebenhunderttausend Kilometer von Minerva entfernt war.

Logischerweise bleibt nur eine einzige Erklärung. Beide Monde sind ein und derselbe. Wir haben uns lange Zeit gefragt, ob sich die lunarische Zivilisation auf der Erde oder auf Minerva entwickelte. Nun, nach meiner Erklärung war es offensichtlich Minerva. Wir glaubten, zwei verschiedene Beweispakete zu haben, von denen das eine darlegte, es sei die Erde, und das andere, die könne es nicht sein. Aber wir haben die Daten falsch interpretiert. Sie sagten uns überhaupt nichts über die Erde oder Minerva – sondern über den irdischen oder minervianischen Mond! Aus einigen Fakten schlossen wir, wir hätten es mit dem Erdmond zu tun, aus anderen, wir hätten es mit dem minervianischen Mond zu tun. Solange wir darauf beharrten, die – völlig unbewußte – Annahme hinzuzufügen, es seien zwei verschiedene Monde, konnte der Widerspruch zwischen diesen Tatsachen nicht gelöst werden. Wenn wir aber – ausschließlich im Rahmen des durch die Situation verursachten Zwanges zur Logik – das Postulat hinzufügen, beide Monde seien ein und derselbe, dann verschwindet der Widerspruch vor unseren Augen.“

Das Publikum schien völlig verblüfft zu sein. Vorne murmelte jemand halblaut: „Natürlich… natürlich…“

„Eines bleibt noch übrig: Wir müssen diese Feststellung mit der Situation in Übereinstimmung bringen, wie sie sich uns heute darstellt. Wiederum ist nur eine Erklärung möglich: Minerva explodierte, trieb auseinander und wurde zum Asteroidengürtel. Der größte Teil ihrer Masse wurde mit ziemlicher Sicherheit in die äußeren Regionen des Sonnensystems geschleudert und wurde zu Pluto. Minervas Mond blieb ganz, auch wenn er ein wenig durchgeschüttelt wurde. Als sein Mutterplanet auseinanderbrach, kam es zu gravitationellen Umwälzungen. Das Orbitalmoment des Satelliten reduzierte sich, und er begann, auf die Sonne zuzustürzen.

Wir wissen nicht, wie lange der verwaiste Mond der Sonne immer näher kam. Vielleicht währte die Reise Monate, vielleicht Jahre. Als nächstes kam es zu einer dieser Unwahrscheinlichkeiten, die sich manchmal in der Natur ereignen. Die Flugbahn des Mondes brachte ihn nahe an die Erde heran, die seit Anbeginn der Zeit ihre eigene einsame Bahn zog!“ Hunt zögerte für ein paar Sekunden. „Ja, ich wiederhole: einsame Bahn! Wissen Sie, wenn wir das akzeptieren, was meiner Meinung nach die einzige uns mögliche und zufriedenstellende Erklärung ist, dann müssen wir auch ihre Konsequenzen akzeptieren: Bis zu diesem Zeitpunkt vor rund fünfzigtausend Jahren hatte die Erde keinen Mond! Die beiden Himmelskörper kamen sich nahe genug, daß sich ihre beiden Gravitationsfelder bis zum Punkt des gegenseitigen Einfangens beeinflußten; der neue gemeinsame Orbit erwies sich als stabil, und die Erde adoptierte einen Findling, den sie bis zum heutigen Tag behalten hat.

Wenn wir diese Erklärung akzeptieren, ergeben viele der anderen Dinge, die uns Kopfzerbrechen bereitet haben, einen Sinn. Nehmen Sie zum Beispiel das überschüssige Material, das den größten Teil der Mondrückseite bedeckt und nachgewiesenermaßen jüngeren Ursprungs ist. Und verbunden damit die Datierung aller Krater auf der erdab- und einiger auf der erdzugewandten Seite, nach der sie in der fraglichen Zeit entstanden sind. Nun haben wir eine Erklärung zur Hand. Als sich Minerva aufblähte, stand unser heutiger Mond all den Trümmern genau im Weg. So kam es zu dem Meteoritensturm. Und so wurden praktisch alle Hinweise auf die lunarische Präsenz auf Luna ausgelöscht. Wahrscheinlich warten überall die Überbleibsel ihrer Basen, Anlagen und Fahrzeuge darauf, ausgegraben zu werden – dreihundert Meter unter der Oberfläche der Mondrückseite. Wir glauben, daß sich die Annihilator-Stellung von Seltar auf der Rückseite befand. Das legt nahe, daß das, was heute die erdabgewandte Seite ist, die minervazugewandte Seite war. Folglich ist jetzt klar, warum der größte Teil des Meteoritensturms auch dort herunterkam.

Charlie scheint sich auf der Mondoberfläche auf andere Himmelsrichtungen als wir bezogen zu haben, was auf eine andere Nord-Süd-Achse hindeutet. Jetzt wissen wir, warum. Einige Leute haben gefragt, wie es kommen konnte, daß der Mond einem solch ausgedehnten Bombardement ausgesetzt war, auf der Erde aber zu jener Zeit keine Zeichen für ein Ansteigen der Meteoritenaktivität zu finden sind. Auch das ergibt nun einen Sinn: Als Minerva auseinanderplatzte, war der Mond in ihrer unmittelbaren Nähe, nicht aber die Erde. Und zum Schluß noch die Beschaffenheit des Mondes: Wir wissen seit einem halben Jahrhundert, daß der Mond aus Felsgestein besteht, dessen chemische Zusammensetzung sich von dem der Erde unterscheidet. Es ist arm an volatilem und reich an Schamottematerial. Wissenschaftler haben lange Zeit spekuliert, daß der Mond möglicherweise in einem anderen Teil des Sonnensystems entstand. Dies ist tatsächlich der Fall, wenn meine Behauptungen richtig sind.

Einige Erklärungen haben die Meinung nahegelegt, daß die Lunarier auf unserem Mond vorgeschobene Brückenköpfe errichteten. Dadurch kann ihre offensichtliche Anwesenheit dort mit einem evolutionären Ursprung auf Minerva in Einklang gebracht werden, aber es wirft gleichfalls eine problematische Frage auf: Warum sollten sie versuchen, die Technologie der interplanetaren Raumfahrt zu entwickeln, wenn sie sie doch offensichtlich bereits beherrschten? In der von mir beschriebenen Erklärung verschwindet dieses Problem. Sie hatten ihren eigenen Mond erreicht, waren aber immer noch weit davon entfernt, große Bevölkerungsgruppen zu einem so entfernten Ort wie der Erde bringen zu können. Auch besteht keine Notwendigkeit, die unbestätigte Annahme hinzuzufügen, auf Mond und Erde hätten lunarische Kolonien existiert. Das würde in jedem Fall die gleiche Frage aufwerfen.

Und schließlich ergibt ein ungelöstes Rätsel der Ozeanografie in diesem Licht betrachtet ebenfalls einen Sinn. Untersuchungen der Gezeitenmechanik haben ergeben, daß es ungefähr zu dieser Zeit zu katastrophalen Umwälzungen im weltumspannenden Maßstab auf der Erde kam. Sie resultierten in einer abrupten Zunahme der Tageslänge und der Rate, mit der der Tag durch Gezeitenreibung weiter verlängert wird. Nun, die Ankunft des minervianischen Mondes hätte ganz bestimmt zu gewaltigen Gravitations- und Gezeitenstörungen geführt. Obgleich die genaue Mechanik bis jetzt noch nicht ganz klar ist, scheint die vom Minervamond durch den Fall auf die Sonne erlangte kinetische Energie dadurch absorbiert worden zu sein, indem sie einen Teil der Rotationsenergie der Erde neutralisierte, was einen längeren Tag verursachte. Auch kann dadurch ab diesem Zeitpunkt eine erhöhte Gezeitenreibung erwartet werden. Bevor der Mond auftauchte, war die Erde nur Sonnen-Gezeiten ausgesetzt, wohingegen es von dieser Zeit an bis heute solare und lunare Gezeiten waren.“

In einer abschließenden Geste hob Hunt seine leeren Hände und lehnte sich wieder in seinen Sessel zurück. Er ordnete den Stapel aus Notizen auf seinem Schreibtisch, bevor er schloß:

„Das wär’s. Wie ich vorher schon sagte, ist es in diesem Stadium nicht mehr als eine Hypothese, die alle Fakten berücksichtigt. Aber wir haben einige Möglichkeiten, ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

Zuerst einmal haben wir einen großen Batzen minervianischen Materials, das sich auf der Mondrückseite auftürmt. Dieses jüngere Material ähnelt dem ursprünglichen Mondgestein so sehr, daß es dreißig Jahre gedauert hat, bevor irgend jemand feststellte, daß es erst vor kurzer Zeit hinzugefügt worden war. Dies erhärtet die Vermutung, daß der Mond und die Meteoriten aus dem gleichen Teil des Sonnensystems stammen. Ich möchte vorschlagen, einen detaillierten Vergleich zwischen der Zusammensetzung des Mondrückseitenmaterials und der der Asteroiden durchzuführen. Wenn die Ergebnisse nahelegen, daß beides aus dem gleichen Stoff besteht und gemeinsamen Ursprungs zu sein scheint, dann wäre die ganze Hypothese gut abgestützt.

Weiterhin müßte man sich mit der Erarbeitung eines mathematischen Modells über den Prozeß des gegenseitigen Einfangens von Mond und Erde beschäftigen. Wir wissen eine ganze Menge über die ursprünglichen Bedingungen, die vorher existiert haben müssen – und natürlich eine Menge mehr über die, denen wir uns heute gegenübersehen. Es wäre beruhigend zu wissen, daß für die entsprechenden Gleichungen Lösungen existieren, die die Aufeinanderfolge der Ereignisse unter Berücksichtigung der bekannten physikalischen Gesetze zulassen. Zumindest wäre es nett zu beweisen, daß die ganze Idee nicht unmöglich ist.

Schließlich haben wir hier natürlich noch das ganymedische Schiff. Ohne Zweifel warten eine Menge neuer Informationen darauf, entdeckt zu werden – weitausmehr, als wir bisher erhalten haben. Ich hoffe, irgendwo im Schiff befinden sich astronomische Aufzeichnungen, die uns etwas über das Sonnensystem zur Zeit der Ganymeder sagen. Wenn wir zum Beispiel bestimmen könnten, ob der dritte Planet des Zentralgestirns ihres Sonnensystems einen Satelliten hatte oder nicht, oder wenn wir genug über ihren Mond herausfinden könnten, um ihn als Luna zu identifizieren – vielleicht durch das Erkennen von Oberflächenstrukturen der erdzugewandten Seite -, dann wäre die ganze Theorie so gut wie bewiesen.

Damit schließt der Bericht.

Persönlicher Nachtrag an Gregg Caldwell…“ Das Abbild Hunts wurde von einer Landschaft ersetzt, die eine Wüste aus Fels und Eis zeigte. „Hierher haben Sie uns geschickt, Gregg – der Postdienst verkehrt noch nicht regelmäßig genug, als daß ich Ihnen eine Postkarte schicken könnte. Es ist mehr als hundert Grad Celsius unter Null. Es gibt keine Atmosphäre, die der Rede wert wäre, und was da ist, ist giftig. Man kann nur mit einer Wega zurück, und die nächste Wega ist tausend Kilometer entfernt. Ich wünschte, Sie wären hier und könnten das Vergnügen mit uns teilen Gregg – ich habe wirklich Spaß daran!

V. Hunt von Schachtbasis Ganymed. Ende der Sendung.“

24

Die lang erwarteten Antworten auf die Fragen, woher und wie die Lunarier dahin gekommen waren, wo man sie gefunden hatte, sandten Wellen der Aufregung durch die wissenschaftliche Welt und verursachten erneut hektische Aktivität in den Nachrichtenmedien. Hunts Erklärungen erschienen vollständig und einleuchtend. Es gab kaum noch Einwände oder Meinungsverschiedenheiten. Die Erklärung ließ nicht viel übrig, wogegen man Einwände erheben oder verschiedener Meinung sein konnte.

Hunt hatte also die Erfordernisse seines Auftrags voll erfüllt. Obgleich die einzelproblemorientierte, interdisziplinäre Arbeit auf der ganzen Welt noch lange andauern würde, war die offizielle Verantwortlichkeit der UNWO mehr oder weniger vorüber. So wurde das Projekt Charlie zu den Akten gelegt. Damit blieb das Ganymeder-Projekt, das gerade seinen Anfang nahm. Obgleich er noch keine entsprechende offizielle Direktive von der Erde erhalten hatte, fühlte Hunt, daß Caldwell gerade jetzt, wo sich die Aufmerksamkeit von den Lunariern den Ganymedern zuwandte, nicht die gute Gelegenheit nutzlos verstreichen lassen würde, die Hunts Anwesenheit auf Ganymed darstellte. Mit anderen Worten: Es würde noch einige Zeit dauern, bis er sich an Bord eines in Richtung Erde fliegenden Kreuzers wiederfand.

Einige Wochen nach der Veröffentlichung des vorläufigen Abschlußberichts der UNWO luden die Navkomm-Wissenschaftler auf Ganymed in der Offiziersmesse der Schachtbasis zu einem Festessen ein, um die erfolgreiche Beendigung des größten Teils ihrer Aufgabe zu feiern. Der Abend hatte seine gelockerte und gemütliche Phase erreicht, die mit Zigarren und Likören kommt, nachdem der letzte Gang abgeräumt ist. An den Tischen und der Bar saßen und standen Gesprächsgruppen verschiedenster Zusammensetzung, und man begann allerseits, Bieren, Brandys und Rotweinen großzügig zuzusprechen. Hunt stand mit einer Gruppe von Physikern nahe der Bar und diskutierte über die letzten Neuigkeiten bei der Untersuchung des ganymedischen Feldantriebs, während hinter ihnen ein anderer Kreis über die Wahrscheinlichkeit debattierte, daß innerhalb der nächsten zwanzig Jahre eine Weltregierung entstehen würde. Danchekker wirkte den ganzen Abend lang außergewöhnlich ruhig und in sich selbst zurückgezogen.

„Stellen Sie sich das vor, Vic: Daraus könnte sich die ultimate Waffe der interplanetaren Kriegführung entwickeln“, sagte einer der Physiker. „Sie würde auf den gleichen Funktionsprinzipien wie der Schiffsantrieb basieren, wäre aber wesentlich energiereicher und würde weitaus intensivere und konzentriertere Auswirkungen hervorrufen. Sie würde ein Schwarzes Loch erzeugen, das selbst dann noch weiterbestünde, wenn der Generator, der es erzeugte, hineingefallen ist. Stellen Sie sich das vor – ein künstlich erzeugtes Schwarzes Loch. Auf einen Planeten abgefeuert, fiele es bis zum Zentrum und würde den ganzen Planeten verzehren – und es gäbe keine Möglichkeit, den Untergang aufzuhalten.“

Hunt machte einen verblüfften Eindruck. „Sie meinen, das würde funktionieren?“

„Die Theorie behauptet es.“

„Himmel, wie lange würde es dauern… einen ganzen Planeten auszulöschen?“

„Das wissen wir noch nicht, daran arbeiten wir noch. Aber da ist noch mehr als das. Es gibt keinen Grund, warum man nicht einen Stern auf die gleiche Weise vernichten könnte. Wenn man es sich als Waffe vorstellt – eine Schwarzlochbombe könnte ein ganzes Sonnensystem zerstören. Nukleonische Waffen sind dagegen Kinderspielzeuge.“

Hunt setzte zu einer Erwiderung an, doch eine Stimme aus der Mitte des Raumes unterbrach ihn, schwoll an, um sich über das Gesprächsgeraune hinweg Gehör zu verschaffen. Sie gehörte dem Commander der Schachtbasis, der Ehrengast des Abends war.

„Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit!“ rief er. „Ich bitte um einen Augenblick um Ihre Aufmerksamkeit.“ Das Gemurmel erstarb, als sich alle Gesichter ihm zuwandten. Er blickte sich um, bis er festgestellt hatte, daß ihm alle zuhörten. „Sie haben mich heute abend eingeladen, damit ich mit Ihnen zusammen den erfolgreichen Abschluß dessen feiern kann, was wahrscheinlich die schwierigsten, verwirrendsten und lohnendsten Bemühungen gewesen sind, die Sie jemals unternommen haben. Sie hatten mit Schwierigkeiten, Widersprüchen und Unstimmigkeiten zu kämpfen, aber das alles gehört nun der Vergangenheit an. Die Arbeit ist getan. Ich gratuliere Ihnen.“ Er warf einen Blick auf die Uhr über der Bar. „Es ist Mitternacht – der passende Zeitpunkt, glaube ich, einen Toast auf das Wesen auszubringen, das die ganze Sache in Bewegung gesetzt hat, wo immer es sich befinden mag.“ Er hob das Glas. „Auf Charlie.“

„Auf Charlie“, ertönte es im Chor.

„Nein!“

Die Stimme erscholl aus dem Hintergrund des Raums. Sie klang fest und bestimmt. Alle drehten sich um und starrten Danchekker überrascht an.

„Nein“, wiederholte der Professor. „Darauf können wir gerade jetzt noch nicht trinken.“

In seiner Ausdrucksweise fand sich keine Spur von Unsicherheit oder Verlegenheit. Offensichtlich war sein Einwand begründet und wohlüberlegt.

„Was ist los, Chris?“ fragte Hunt und trat von der Bar fort.

„Ich fürchte, damit ist es noch nicht zu Ende.“

„Wie meinen Sie das?“

„Die ganze Charlie-Sache… Da ist noch mehr… mehr als ich irgend jemandem gegenüber erwähnte, da ich keinen Beweis habe. Wie auch immer, im bisher Ermittelten steckt noch eine weitere Bedeutung… eine, die noch schwieriger zu akzeptieren ist als selbst die Enthüllungen der letzten paar Wochen.“

Die festliche Atmosphäre war verschwunden. Plötzlich ging es wieder um ihre Arbeit. Danchekker schritt langsam in die Mitte des Raumes, hielt an und stützte die Hände auf die Rückenlehne eines Sessels. Für einen Augenblick starrte er auf den Tisch, dann atmete er tief durch und blickte auf.

„Das Problem mit Charlie und dem Rest der Lunarier, das noch nicht angesprochen wurde, lautet: Sie sind ganz einfach zu menschlich.“

Verwirrte Blicke tauchten überall auf. Jemand wandte sich seinem Nachbarn zu und zuckte mit den Achseln. Alle sahen Danchekker schweigend an.

„Vergegenwärtigen wir uns für einen Augenblick lang einige der elementaren Prinzipien der Evolution“, sagte er. „Wie entstehen verschiedene Tierarten? Nun, wir wissen, daß Variationen einer gegebenen Art durch Mutationen entstehen, die durch verschiedene Einwirkungsfaktoren verursacht werden. Einem elementaren Grundsatz der Genetik zufolge hat jedes neue Charakteristikum in einer frei gemischten und sich kreuzenden Population die Tendenz, abgeschwächt zu werden. Es wird innerhalb relativ weniger Generationen verschwinden.“ Der Tonfall des Professors war sehr ernst geworden. „Wenn jedoch Teile der Population wiederholt von anderen isoliert werden – durch geographische Trennung zum Beispiel, durch die Entwicklung anderer Verhaltensweisen oder durch jahreszeitliche Unterschiede während der Paarungszeit etwa -, dann wird die Abschwächung durch die Kreuzung verhindert. Wenn ein neues Charakteristikum in einer isolierten Gruppe auftaucht, wird es auf diese Gruppe beschränkt bleiben und sich darin verstärken. Deshalb wird diese Gruppe Generation auf Generation von der anderen Gruppe oder Gruppen, von denen sie isoliert war, divergieren. Schließlich wird eine neue Spezies entstehen. Dies ist ein elementares Prinzip in der ganzen Vorstellung von der Evolution: Bei einer Isolation wird Divergenz eintreten. Der Ursprung aller Arten auf der Erde kann darauf zurückgeführt werden, daß es zu einer bestimmten Zeit zu irgendeiner Form von Isolation zwischen Variationen einer einzelnen Spezies kam. Das besondere tierische Leben in Australien und Südamerika zum Beispiel macht deutlich, wie schnell es zu einer Divergenz kommt, selbst wenn die Isolation nur kurze Zeit andauert.

Wir scheinen uns dessen jetzt sicher zu sein, daß für den größten Teil von fünfundzwanzig Millionen Jahren zwei Gruppen terrestrischer Tiere – eine auf der Erde, die andere auf Minerva – getrennt waren und sich in vollständiger Isolation entwickelten. Als ein Wissenschaftler, der die Stichhaltigkeit des gerade von mir beschriebenen Prinzips akzeptiert, kann ich ohne zu zögern behaupten, daß es zu einer Divergenz zwischen diesen beiden Gruppen gekommen sein muß. Das trifft natürlich ebenso auf die Linie der Primaten zu, die auf beiden Planeten entstanden und gewachsen ist.“

Er legte eine Pause ein, sah seine Kollegen der Reihe nach an, gab ihnen Zeit zum Nachdenken und wartete auf eine Reaktion. Sie kam vom gegenüberliegenden Ende des Raums.

„Ja, jetzt verstehe ich, was sie meinen“, sagte jemand. „Aber warum spekulieren? Was ergibt es für einen Sinn zu sagen, sie sollten sich auseinanderentwickelt haben, obwohl das ganz offensichtlich nicht der Fall ist?“

Danchekker strahlte und zeigte die Zähne. „Was veranlaßt Sie zu der Annahme, daß es nicht der Fall ist?“ rief er herausfordernd.

Der Fragesteller hob appellierend die Arme. „Was meine beiden Augen mir sagen… Ich kann sehen, daß es nicht der Fall ist.“

„Was sehen Sie?“

„Ich sehe Menschen. Ich sehe Lunarier. Sie sind gleich. Also divergierten sie nicht.“

„Wirklich nicht?“ Danchekkers Stimme schnitt wie eine wirbelnde Peitschenschnur durch die Luft. „Oder machen Sie unbewußt die gleiche Annahme wie alle anderen? Lassen Sie mich noch einmal die Fakten durchgehen, und zwar ausschließlich von einem unvoreingenommenen Standpunkt aus. Ich zähle einfach nur die von uns beobachteten Dinge auf und äußere keine bewußten oder unbewußten Vermutungen darüber, wie sie zu dem passen, was wir bereits zu wissen glauben.

Erstens: Die zwei Populationen waren isoliert. Faktum.

Zweitens: Heute, fünfundzwanzig Millionen Jahre später, erkennen wir zwei Gruppen von Individuen, uns selbst und die Lunarier. Faktum.

Drittens: Wir und die Lunarier sind identisch. Faktum.

Wenn wir nun das Prinzip akzeptieren, daß es zu einer Divergenz gekommen sein muß: Was müssen wir schließen? Fragen Sie sich selbst… Was würde ein Wissenschaftler folgern, der nur mit diesen Fakten und nichts anderem konfrontiert wäre?“

Danchekker sah sie an, schürzte die Lippen und wippte auf den Absätzen auf und nieder. Stille hüllte den Raum ein und wurde nach ein paar Sekunden unterbrochen, als er leise und tonlos vor sich hin summte.

Himmel…!“ Der Ausruf kam von Hunt. Er starrte den Professor in offenem Unglauben an. „Sie konnten nicht voneinander isoliert gewesen sein“, brachte er schließlich langsam und mit schwankender Stimme hervor. „Sie müssen beide von der gleichen…“ Die Worte verklangen.

Danchekker nickte in offensichtlicher Zufriedenheit. „Vic hat begriffen, was ich meine“, informierte er die Gruppe. „Sehen Sie, der einzige logische Schluß, der aus den gerade von mir aufgezählten Punkten gezogen werden kann, ist dieser: Wenn heute zwei identische Arten erkennbar sind, dann müssen sie von der gleichen isolierten Gruppe stammen. Mit anderen Worten: Wenn zwei Linien getrennt waren und sich verzweigten, dann müssen beide Arten dem gleichen Zweig angehören!“

„Wie können Sie so etwas behaupten, Chris?“ entrüstete sich jemand. „Wir wissen, daß sie verschiedenen Zweigen entstammen.“

„Was wissen Sie?“ flüsterte Danchekker.

„Nun, ich weiß, daß die Lunarier von dem Zweig stammen, der auf Minerva isoliert war…“

„Einverstanden.“

„…Und ich weiß, daß der Mensch von dem Zweig stammt, der auf der Erde isoliert war.“

„Woher?“

Wie ein Pistolenschuß hallte das Echo dieser Frage von den Wänden wider.

„Nun… ich…“ Der Sprecher vollführte eine hilflose Geste. „Wie soll ich eine solche Frage beantworten? Es… ist offensichtlich.“

„Genau!“ Danchekker zeigte erneut seine Zähne. „Sie nehmen es an… genau wie alle anderen! Das ist Teil der Konditionierung, mit der Sie aufgewachsen sind. Während der ganzen Geschichte der menschlichen Rasse ist es angenommen worden, und es war ganz selbstverständlich – es hat nie einen Grund gegeben, etwas anderes zu vermuten.“ Danchekker richtete sich auf und betrachtete die Anwesenden mit einem festen Blick. „Nun wird Ihnen vielleicht die Bedeutung der ganzen Sache klar. Aufgrund der gerade erläuterten Anhaltspunkte stelle ich fest, daß sich die menschliche Rasse überhaupt nicht auf der Erde entwickelte. Sie entstand auf Minerva.“

„Oh Chris, wirklich…“

„Das wird aber langsam zu dumm…“

Danchekker fuhr unerbittlich fort: „Wenn wir akzeptieren, daß es zu einer Divergenz gekommen sein muß, dann müssen auch die Lunarier am gleichen Ort entstanden sein. Und wir wissen bereits, daß sie sich auf Minerva entwickelt haben!“

Aufgeregtes Murmeln, in das sich Proteste mischten, erfüllte den Raum.

„Ich stelle fest, daß Charlie nicht nur ein entfernt verwandter Vetter des Menschen ist – er ist unser direkter Vorfahre!“ Danchekker wartete nicht auf einen Kommentar, sondern fuhr im gleichen eindringlichen Tonfall fort: „Und ich glaube, ich kann Ihnen eine Erklärung für unseren eigenen Ursprung geben, die in voller Übereinstimmung mit diesen Folgerungen steht.“ Abrupt breitete sich Stille im Raum aus. Einige Sekunden lang beobachtete Danchekker seine Kollegen. Als er wieder sprach, hatte seine Stimme einen ruhigeren und sachlicheren Tonfall angenommen.

„Aus Charlies Bericht über seine letzten Tage wissen wir, daß auf dem Mond einige lebende Lunarier zurückblieben, nachdem die Gefechte vorüber waren. Charlie selbst war einer von ihnen. Er überlebte nicht sehr lange, aber wir können vermuten, daß es noch andere gab – verzweifelte Gruppen, so wie er sie beschrieb -, über die ganze Mondoberfläche verstreut. Viele sind in dem Meteoritensturm auf der Rückseite umgekommen, aber einige waren, wie auch Charlies Gruppe, auf der erdzugewandten Seite. Als Minerva explodierte, entgingen sie der schlimmsten Phase des Bombardements. Selbst viel später, als der Mond schließlich eine stabile Umlaufbahn um die Erde einschlug, war eine Handvoll Überlebender übrig. Sie starrte zur neuen Welt hinauf, die über ihr am Himmel hing. Vermutlich waren einige ihrer Schiffe noch immer einsatzfähig – vielleicht nur eines oder zwei oder ein paar. Es gab nur einen Ausweg. Ihre Welt existierte nicht mehr, also beschritten sie den einzigen Pfad, der ihnen zur Verfügung stand. In einem letzten verzweifelten Versuch starteten sie, um die Oberfläche der Erde zu erreichen. Es gab keinen Weg zurück – es gab keinen Ort, wohin sie hätten zurückkehren können.

Wir müssen also davon ausgehen, daß ihr Versuch erfolgreich war. Wir werden wahrscheinlich niemals sicher wissen, welche Ereignisse ihrem Erscheinen in der erbarmungslosen Eiszeit folgten. Aber vermutlich standen sie über Generationen hinweg kurz vor der Grenze zum Aussterben. Ihr Wissen und ihr Geschick gingen verloren. Allmählich fielen sie in die Barbarei zurück, und vierzigtausend Jahre lang waren sie mitten im allgemeinen Überlebenskampf gefangen. Aber sie überlebten. Und sie überlebten nicht nur, sondern schlossen sich zusammen, breiteten sich aus, vermehrten sich. Heute dominieren ihre Nachkommen so auf der Erde wie einst auf Minerva – Sie, ich und der Rest der menschlichen Rasse.“

Langes Schweigen folgte, bevor jemand sprach. Und als jemand sprach, war seine Stimme ernst. „Einmal angenommen, Chris, daß alles so war, wie Sie sagen. Eine Sache ist mir noch nicht ganz klar: Wenn wir wie auch die Lunarier von der minervianischen Linie kommen, was geschah dann mit der anderen Linie? Wohin entwickelte sich der Zweig, der auf der Erde isoliert war?“

„Gute Frage.“ Danchekker nickte zustimmend. „Aufgrund der Fossilienfunde auf der Erde wissen wir, daß während der Periode, die sich an den Besuch der Ganymeder anschloß, verschiedene Entwicklungen in der menschlichen Grundrichtung stattfanden. Wir können die Fossilienfunde ganz genau bis zur fraglichen Zeit vor fünfzigtausend Jahren zurückverfolgen. Zu dieser Zeit wurde die fortschrittliche Lebensform auf der Erde vom Neandertaler repräsentiert. Nun, die Neandertaler waren schon immer so etwas wie ein Rätsel für uns. Sie waren zäh, robust und intelligenter als alles, was vor und während ihrer Zeit existierte. Sie waren bestens angepaßt, um im Wettbewerb unter Eiszeitbedingungen zu überleben und müßten, sollte man meinen, in der darauf folgenden Ära eine dominierende Position errungen haben. Aber dazu kam es nie. Aus seltsamen, fast mysteriösen Gründen starben sie vor vierzig- bis fünfzigtausend Jahren abrupt aus. Offensichtlich waren sie nicht in der Lage, mit einem neuen und weitaus höherentwickelten Menschentyp zu konkurrieren, der plötzlich und wie aus dem Nichts auftauchte und ein weiteres ungelöstes Rätsel für die Wissenschaft gewesen ist: der Homo sapiens – wir!“

Danchekker las die Ausdrücke auf den Gesichtern vor ihm und nickte langsam, um ihre Gedanken zu bestätigen.

„Nun wissen wir natürlich, wie es dazu kam. Er erschien tatsächlich aus dem Nichts. Wir wissen, warum es keine ununterbrochene Fossilienkette im Erdboden gibt, die den Homo sapiens mit der der früheren, irdischen Menschenaffen verbindet: Er entwickelte sich nicht hier. Und wir wissen, wer die Neandertaler so mitleidslos und vollkommen besiegte. Wie konnten sie hoffen, gegen eine hochentwickelte Rasse zu bestehen, die der kriegerischen Natur Minervas entstammte?“

Danchekker legte eine Pause ein und ließ seinen Blick langsam über den Kreis aus Gesichtern hinweggleiten. Jedermann schien an den Nachwirkungen geistiger Boxhiebe zu leiden.

„Wie ich bereits sagte, ergibt sich dies alles als eine Kette von Schlußfolgerungen aus den Fakten, mit denen ich begann. Ich kann keine Beweise erbringen, die sie erhärten. Ich bin jedoch überzeugt, daß diese Beweise existieren. Irgendwo auf der Erde müssen die Überbleibsel des lunarischen Raumfahrzeugs, das jene letzte Reise vom Mond zur Erde machte, noch vorhanden sein. Vielleicht unter dem Schlamm am Grund eines Meeres begraben, vielleicht unter dem Sand einer Wüstenregion. Auf der Erde müssen Ausrüstungsteile und Artefakte existieren, mitgebracht von der winzigen Schar, die den Rest der lunarischen Zivilisation darstellte. Wo auf der Erde, fragt sich nun jeder. Ich würde als erfolgversprechendste Region den Nahen Osten vorschlagen, erweitert auf das östliche Mittelmeer oder die östlichen Teile Nordafrikas. Und eines Tages wird der Beweis für die Richtigkeit meiner Behauptungen zum Vorschein kommen.“

Der Professor schritt um den Tisch herum und schenkte sich ein Glas Cola ein. Die Stille im Raum löste sich langsam in einer anschwellenden Flut aus Stimmen auf. Nach und nach kehrte das Leben in die Statuen zurück, die ihm zugehört hatten. Danchekker nahm einen langen Schluck und stand eine Weile schweigend da, während er sein Glas ins Auge faßte. Dann drehte er sich um und wandte sich wieder seinem Publikum zu.

„Plötzlich kommt all den Dingen, die wir immer als selbstverständlich erachtet haben, eine neue Bedeutung zu.“ Die Aufmerksamkeit konzentrierte sich erneut auf ihn. „Haben Sie sich jemals Zeit genommen, darüber nachzudenken, was den Menschen von den anderen Tieren auf der Erde so unterscheidet? Klar, wir haben größere Hirne, beweglichere Hände und so weiter. Ich meine aber etwas anderes. In einer hoffnungslosen Situation resignieren die meisten Tiere, ergeben sich in ihr Schicksal und kommen schmachvoll um. Der Mensch aber weiß nicht, wie man aufgibt. Er ist in der Lage, zusätzliche Kräfte aus Hartnäckigkeit und Spannkraft zu beziehen, was auf diesem Planeten einzigartig ist. Er ist fähig, alles anzugreifen, was sein Überleben bedroht. Und das mit einer Aggressivität, die auf der Erde ihresgleichen sucht. Dies hat ihn in die Lage versetzt, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen und König aller Raubtiere zu werden. Es half ihm, sich die Winde, Flüsse, Gezeiten und selbst die Kraft der Sonne untertan zu machen. Die Hartnäckigkeit hat die Ozeane überwunden, den Himmel, die Herausforderung des Alls. Und hin und wieder resultierte sie in einigen der grausamsten und blutigsten Perioden in der Geschichte des Menschen. Aber ohne diesen Teil seiner Natur wäre der Mensch so hilflos wie die Kuh auf der Weide.“

Herausfordernd beobachtete Danchekker die Gesichter. „Nun, woher kam dieser Charakterzug? Er scheint gar nicht zu dem ruhigen und gelassenen Evolutionsmuster auf der Erde zu passen. Jetzt wissen wir, woher: Er tauchte als eine Mutation unter den sich entwickelnden Primaten auf, die auf Minerva isoliert waren. Er breitete sich in der Population aus, bis er zu einem rassischen Charakteristikum wurde. Er erwies sich als solch verheerende Waffe im dortigen Überlebenskampf, daß jede wirkliche Konkurrenz verschwand. Die von ihm initiierte innere Antriebskraft war so stark, daß die Lunarier in Raumschiffen flogen, während ihre Zeitgenossen auf der Erde noch mit Steinen spielten.

Dieselbe Antriebskraft erkennen wir im heutigen Menschen. Der Mensch hat sich als unüberwindlich gegenüber jeder Herausforderung erwiesen, die ihm das Universum entgegenschleuderte. Vielleicht hat sich diese Kraft in der Zeit, die seit ihrem ersten Auftauchen auf Minerva verging, ein wenig abgeschwächt. Wir erreichten den Rand des gleichen Abgrundes, der zur Selbstvernichtung führt, traten aber zurück. Die Lunarier stürzten sich achtlos hinunter. Vielleicht kam es deshalb dazu, weil sie keine Lösung durch Zusammenarbeit suchten – ihre angeborene Tendenz zur Gewalt machte es ihnen einfach unmöglich, sich eine solche Lösungsformel vorzustellen.

Aber dies ist typisch für die Art und Weise, in der die Evolution funktioniert. Die Kräfte der natürlichen Auslese wirken immer so, daß sich eine neue Mutation anpassen kann. Und sie schützen diejenige Variation, die der Spezies als Ganzes die besten Überlebensaussichten bietet. Die unausgereifte Mutation, die das aus den Lunariern machte, was sie waren, war zu extrem und führte zu ihrem Niedergang. Die Verbesserung geschah in Form einer Abschwächung, die in einer größeren psychologischen Stabilität der Rasse resultierte. Deshalb überlebten wir, wo sie umkamen.“

Danchekker hielt inne und trank sein Glas aus. Die Statuen blieben Statuen.

„Was für eine Rasse müssen sie gewesen sein“, sagte er. „Denken Sie im besonderen an jene Handvoll, die dazu bestimmt war, zu den Ahnherren der Menschheit zu werden. Sie hatten einen Holocaust durchgemacht, den wir uns nicht einmal ansatzweise vorzustellen vermögen. Sie hatten zugesehen, wie ihre Welt und alles, was ihnen vertraut war, am Himmel über ihren Köpfen explodierte. Sie blieben in einer luftleeren, wasserlosen, leblosen, radioaktiven Wüste zurück. Sie wurden von Milliarden Tonnen minervianischer Trümmer hingeschlachtet, die vom Himmel stürzten und die Zerstörung all ihrer Hoffnungen und die totale Vernichtung all dessen, was sie erreicht hatten, vervollständigten.

Einige wenige überlebten und kehrten nach dem Bombardement an die Oberfläche zurück. Sie wußten, daß sie nur so lange am Leben bleiben konnten, wie ihr Proviant reichte und ihre Maschinen liefen. Es gab keinen Ort, wohin sie zurückkehren, nichts, was sie für die Zukunft planen konnten. Aber sie gaben nicht auf. Sie wußten nicht, wie man aufgab. Es müssen einige Monate vergangen sein, bis sie feststellten, daß ihnen eine Laune des Schicksals eine kleine Überlebenschance einräumte.

Können Sie sich die Empfindungen dieser letzten winzigen Schar Lunarier vorstellen, als sie inmitten der Trostlosigkeit des Mondes stand und zur neuen Welt hinaufstarrte, die über ihren Köpfen am Himmel glänzte? Im Bewußtsein, daß um sie herum, wahrscheinlich sogar im ganzen Universum, kein anderes Leben war? Welche Mühsal nahmen sie auf sich, um jene Reise ohne Wiederkehr ins Unbekannte zu machen? Wir können versuchen, es uns vorzustellen, aber wir werden es niemals wissen. Was auch immer sie auf sich nahmen, sie griffen nach dem ihnen dargebotenen Strohhalm und starteten zu dieser Reise.

Selbst das war nur der Anfang. Als sie aus ihren Schiffen in die fremde Welt hinaustraten, fanden sie sich auf der Erde inmitten einer der unbarmherzigsten Perioden des Konkurrenzkampfes und der Vernichtung wieder. Die Natur reagierte mit unbeugsamer Hand. Wilde Tiere durchstreiften den Planeten. Das Klima war aufgrund der gravitationellen Umwälzung durch die Ankunft des Mondes ein einziges Chaos. Möglicherweise wurde ihre Zahl durch unbekannte Krankheiten dezimiert. Es war eine Umwelt, auf die sie durch keine ihrer Erfahrungen vorbereitet wurden. Aber sie weigerten sich immer noch, aufzugeben. Sie lernten, wie man in der neuen Welt zurechtkam: Sie lernten, sich durch Jagen und Fallenstellen zu ernähren, mit Speer und Keule zu kämpfen. Sie lernten, die Sprache der Wildnis zu verstehen, und zu interpretieren, wie man sich vor den Elementen schützte. Und als sie in diesen neuen Künsten erfahren waren, wurden sie stärker und wagten sich weiter fort. Der Lebensfunke, den sie mitgebracht und bis dicht an die Grenze des Aussterbens getragen hatten, begann ein zweites Mal hell zu erstrahlen. Schließlich loderte dieser Glanz zu der Flamme auf, die vorher Minerva im Sturm erobert hatte. Sie wurden zu einem fürchterlicheren und schrecklicheren Gegner als alles, was die Erde je gesehen hatte. Die Neandertaler hatten niemals eine Chance – sie waren in dem Augenblick zum Untergang verurteilt, als der erste Lunarier seinen Fuß auf die Erde setzte.

Heute können Sie um sich herum das Ergebnis sehen. Wir sind unbestrittene Herren des Sonnensystems und stehen an der Schwelle des interstellaren Raums, genau wie sie vor fünfzigtausend Jahren.“ Danchekker stellte sein Glas vorsichtig auf den Tisch und schritt langsam zur Mitte des Saales. Sein ruhiger Blick glitt von Auge zu Auge. Er schloß: „Und deshalb, meine Herren, erben wir die Sterne.

Lassen Sie uns also hinausgehen und unser Erbe antreten. Wir gehören einer Tradition an, in der das Wort Niederlage keine Bedeutung hat. Heute die Sterne und morgen die Galaxien. Keine Macht im Universum kann uns aufhalten.“

Epilog

Professor Hans Jakob Ziebelmann vom Fachbereich für Paläontologie an der Universität von Genf beendete die Tageseintragung in seinem Tagebuch, schloß das Buch und legte es an seinen Platz in der Blechkassette unter seinem Bett zurück. Er stemmte seine zweihundert Pfund Lebendgewicht in die Höhe, zog die Pfeife aus der Brusttasche seines Tropenhemdes und trat ein paar Schritte durch das Zelt, um die Asche an dem Metallpfosten an der Tür auszuklopfen. Während er eine neue Tabakfüllung in den Pfeifenkopf stopfte, blickte er über die Landschaft des Nordsudans.

Die Sonne hatte sich direkt über dem Horizont in eine klaffende Wunde verwandelt, aus der blutrote, flüssige Lichtstreifen sickerten, die sich kilometerweit über den nackten Fels ergossen. Das Zelt war eines von dreien, die dicht aneinandergedrängt auf einem schmalen, sandbedeckten Sims standen. Der Sims befand sich nahe der Sohle eines tiefen und steilen Felstales, das mit Ansammlungen von rauhem Gestrüpp und Wüstengras übersät war. Letzteres bildete am Talgrund entlang Büschel, die sich jedoch rasch lichteten, ohne die Hänge zu beiden Seiten erobert zu haben. Unten, auf einem breiteren Sims, standen die zahlreicheren Zelte der einheimischen Arbeiter. Aus dieser Richtung wehten seltsame Düfte herüber, die signalisierten, daß die Zubereitung des Abendessens begonnen hatte. Von noch weiter unten kam das beständige Rauschen des Flusses, der stürzend und brausend und drängend unterwegs war, um sich mit den Wassern des fernen Nils zu vereinigen.

In der Nähe ertönte das Knirschen von Stiefeln auf Kies. Ein paar Sekunden später tauchte Jörg Hutlauer auf, Ziebelmanns Assistent. Sein Hemd war dunkel und mit Schweißflecken und Schmutz bedeckt.

Puh!“ Der Neuankömmling hielt inne und wischte sich mit etwas die Stirn ab, das einmal ein Taschentuch gewesen war. „Bin ich kaputt. Ein Bier, Abendessen und dann ins Bett – das ist mein Programm für heute abend.“

Ziebelmann grinste. „Anstrengender Tag?“

„Haben keine Pause gemacht. Wir haben Sektor Fünf bis zur unteren Terrasse ausgedehnt. Der Untergrund ist da überhaupt nicht so schlecht. Wir haben ganz schön Fortschritte gemacht.“

„Irgendwas Neues?“

„Ich habe das hier mitgebracht… dachte, es könnte Sie interessieren. Da unten ist noch mehr. Es wird aufbewahrt, bis Sie morgen runterkommen.“ Hutlauer reichte die Dinge herüber, die er getragen hatte, und schritt weiter ins Zelt hinein, um sich aus dem Stapel von Kisten und Kartons eine Bierdose zu holen.

Hmm…“ Ziebelmann drehte den Knochen in seiner Hand hin und her. „Menschlicher Oberschenkelknochen… schwer.“ Er studierte die ungewöhnliche Wölbung und maß mit seinem Blick die Größe. „Neandertaler, würde ich sagen… oder sehr nahe verwandt.“

„Das habe ich auch gedacht.“

Der Professor legte das Fossil vorsichtig auf ein Tablett, bedeckte es mit einem Tuch und legte das Tablett auf die Truhe, die direkt im Zelteingang stand. Dann nahm er eine handliche Feuersteinspitze auf, die auf einfache, aber wirkungsvolle Weise durch das Abschlagen von langen, dünnen Splittern hergestellt worden war.

„Was halten Sie hiervon?“ fragte er.

Hutlauer trat aus dem Schatten heraus und hielt inne, um einen langen, großzügigen Schluck aus der Dose zu nehmen.

„Nun, die Form weist auf spätes Pleistozän hin, ich würde auf spätes Paläolithikum schließen – die Art der Herstellung paßt dazu. Wahrscheinlich ein Schaber zum Abhäuten. Am Griff befinden sich mikrolithische Bereiche, ebenso am Ende der Spitze. Berücksichtigt man den Fundort, dann würde ich es der Capsien-Kultur ziemlich nahe zuordnen.“ Er ließ die Dose sinken und warf Ziebelmann einen fragenden Blick zu.

„Nicht schlecht“, gab der Professor nickend zurück. Er legte den Feuerstein auf ein Tablett neben dem ersten und fügte den Identifikationszettel hinzu, den Hutlauer ausgeschrieben hatte. „Morgen, wenn das Licht ein bißchen besser ist, sehen wir uns das mal näher an.“

An der Tür trat Hutlauer zu ihm. Das Geplapper und Geschrei vom unteren Sims sagte ihnen, daß bei den Einheimischen erneut über irgend etwas eine der endlosen kleinen Familienstreitereien entbrannt war.

„Tee fertig, wenn’s jemanden interessiert!“ rief eine Stimme hinter dem nächsten Zelt.

Ziebelmann hob die Augenbrauen und befeuchtete seine Lippen. „Was für eine prächtige Idee“, sagte er. „Kommen Sie, Jörg.“

Sie schritten zur Behelfsküche hinüber, wo Rudi Warendorf auf einem Felsen saß und Löffel voll Teesatz aus einer Büchse in einen großen Topf mit blubberndem Wasser schaufelte.

„Hallo Prof… hallo Jörg“, begrüßte er die beiden, als sie zu ihm traten. „Ist in ein oder zwei Minuten aufgekocht.“

Ziebelmann wischte sich seine Hände auf der Brustseite seines Hemdes ab. „Prima. Genau das brauche ich jetzt.“ Ganz automatisch suchten seine Augen umher und bemerkten die mit Tüchern bedeckten Tabletts, die auf dem Zeichentisch an der Seite von Warendorfs Zelt abgelegt waren.

„Aha, Sie sind also auch recht fleißig gewesen“, stellte er fest. „Was haben wir denn da?“

Warendorf folgte seinem Blick.

„Jomatto hat sie vor einer halben Stunde heraufgebracht. Sie stammen von der unteren Terrasse, Sektor Zwei – östliches Ende. Sehen Sie es sich an.“

Ziebelmann schritt zum Tisch hinüber und nahm das Tuch von einem Tablett herunter, und während er die säuberlich angeordnete Sammlung inspizierte, murmelte er gleichzeitig geistesabwesend vor sich hin.

„Aha, noch mehr Schaber… Hmmm… Das könnte eine Handaxt sein. Ja, ich glaube, das ist eine… Teile von Kieferknochen, menschlich… sehen aus, als könnten sie recht gut zusammenpassen. Schädeldecke… Knöcherne Speerspitzen… Hmmm…“ Er nahm das Tuch vom zweiten Tablett herunter und ließ seinen Blick flüchtig über den Inhalt gleiten. Plötzlich und abrupt erstarrte die Bewegung seines Kopfes, als er eindringlich auf etwas am einen Ende des Tabletts starrte. Ungläubig runzelte er die Stirn.

„Was, zum Teufel, soll denn das?“ brüllte er. Er erhob sich, schritt zum Kocher zurück und trug das Objekt, das seinen Ärger erregt hatte, vor sich her.

Warendorf zuckte mit den Achseln und verzog das Gesicht. „Ich dachte, Sie sollten sich das besser ansehen“, meinte er und fügte dann hinzu: „Jomatto sagt, es befand sich beim Rest dieser Sammlung.“

„Jomatto sagt was?“ Ziebelmann schrie so laut er konnte, während er zuerst Warendorf und dann das Objekt in seiner Hand anblickte. „Oh, um Himmels willen! Der Kerl sollte doch zumindest einen Funken Verstand haben. Dies ist eine seriöse wissenschaftliche Expedition…“ Erneut betrachtete er das Objekt, und seine Nasenflügel bebten vor Empörung. „Offenbar hat sich einer der Burschen einen dummen Witz oder etwas in der Art erlaubt.“

Es hatte ungefähr die Größe einer dicken Zigarettenpackung, das Armband nicht eingerechnet, und wies auf seiner oberen Seite vier Fenster auf, die man für kleine elektronische Displays hätte halten können. Es sah wie ein Chronometer oder Rechner aus. Vielleicht hatte es beide Funktionen erfüllt und außerdem noch andere. Hinterer Teil sowie Inhalt waren verschwunden. Nur die Metallhülle war übriggeblieben, ein wenig zerkratzt und verbeult, aber doch überraschend wenig vom Rost angegriffen.

„Auf dem Armband ist so eine komische Inschrift“, sagte Warendorf und rieb sich skeptisch die Nase. „Solche Zeichen habe ich vorher noch nie gesehen.“

Ziebelmann schnaubte und sah kurz auf die Beschriftung. „Pah! Russisch oder so.“ Sein Gesicht hatte eine noch rosafarbenere Tönung als jene angenommen, die die Sonne des Sudans dort bereits hinterlassen hatte. „Kostbare Zeit zu verschwenden mit… mit Tand aus einem Hökerladen.“ Er holte aus und schleuderte das Armband hoch über den Fluß. Für einen Augenblick blitzte es im Sonnenlicht auf, bevor es senkrecht in den Schlamm am Ufer hinunterfiel. Einige Sekunden lang starrte ihm der Professor nach, dann drehte er sich nach Warendorf um, und sein Atem ging wieder normal. Warendorf bot ihm einen Becher mit einer dampfenden, braunen Flüssigkeit an.

„Ah, großartig“, sagte Ziebelmann, dessen Stimme plötzlich wieder liebenswürdig klang. „Genau das richtige.“ Er machte es sich auf einem leinenen Faltstuhl bequem und nahm den ihm angebotenen Becher ungeduldig entgegen. „Wissen Sie, Rudi, die eine Sache da ist interessant“, fuhr er fort und nickte in Richtung des Tisches. „Das Schädelteil auf dem ersten Tablett – Nummer neunzehn. Haben Sie die Struktur de Augenbrauenwülste bemerkt? Nun, es könnte gut ein Beispiel sein für…“

Im Schlamm am Ufer des Flusses unter ihnen schaukelte die Armbandeinheit im Takt der anrollenden, alle paar Sekunden anschwellenden Wellen vor und zurück. Sie störten das empfindliche Gleichgewicht der Lage, in die sie gefallen war. Nach einer Weile wurde eine darunter gelegene Sandrippe fortgewaschen. Das Armband kippte zur Seite und fiel in eine Mulde, wo es vom strudelnden, trüben Wasser in Empfang genommen wurde. Bei Einbruch der Nacht war der untere Teil der Hülle bereits in Schlamm eingebettet. Am folgenden Morgen war die Mulde verschwunden. Nur ein Teil des Armbandes war übriggeblieben und ragte aus dem Sand unter der sich kräuselnden Wasseroberfläche heraus. Dieser Teil trug eine Inschrift. Übersetzt hätte sie gelautet: KORIEL.

*     *     *

Wer sich dieses Buch besorgen möchte, kann es in der Originalausführung hier gebraucht bestellen (Ansicht links unten). Wie ich erst heute erfahren habe, gibt es seit ganz kurzer Zeit wieder eine überarbeitete Neuauflage unter dem Titel Das Erbe der Sterne, die ab 30. Dezember 2016 ausgeliefert wird:

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Es gibt auch zwei Fortsetzungen davon, Die Riesen vom Ganymed und Stern der Riesen, von denen gebrauchte Originalausgaben über Amazon erhältlich sind. Auch hiervon sind bei Heyne für die nähere Zukunft überarbeitete Neuauflagen geplant, welche jedoch die Titel der deutschen Erstausgaben beibehalten werden.

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Von „Inherit the Stars“ gibt es auch eine japanische Manga-Version in englischer Sprache, die hier ab dem ersten Kapitel Inherit the Stars 1: The Corpse in the Moon angeklickt werden kann:

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Offenbar aufgrund japanischer Textkonventionen ist die Lesefolge der Sprechblasen normalerweise von rechts nach links. Es handelt sich um eine ziemlich freie Nacherzählung mit einigen Zugeständnissen an die heutige Political Correctness. Statt der UNWO gibt es hier die UNSA (United Nations Space Army), deren Navkomm-Abteilung von einer Frau namens Grace Caldwell geleitet wird. Professor Danchekker heißt zunächst Dunchakre und wird dann über Dunchaker allmählich doch zu Danchekker, Lyn Garland fliegt an Bord von Jupiter-5 mit, es gibt finstere Verschwörer im Internationalen Friedenskorps der UNO…

Dies sind die bisher erschienenen Kapitel (Geschichte noch nicht vollständig veröffentlicht):

1: The Corpse in the Moon; 2: Up in Smoke; 3: Fish from Another World; 4: Minerva; 5: Jupiter-5; 6: Spacecraft on Ganymede; 7: War at Minerva; 8: A Planet Disappears; 9: The Windswept World; 10: The Dinosaur Paradox; 11: Cave Dwellers; 12: The Spaceship From One Million Years Ago

 

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Online-Quelle hier

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