Turboplan: Ringflüglermodell aus Österreich

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Aus FLUG REVUE Juli 1982 (Anm. von Cernunnos: Es wäre schön, wenn dieser 35 Jahre alte Artikel heutige Tüftler zur Weiterentwicklung dieses Bauprinzips und zur Auslotung seines Potentials mit heutigen elektronischen Flugregelmöglichkeiten, vielleicht einmal bis hin zu bemannten Versionen, anregen würde.)

DREHSCHEIBE

Jetzt gibt es sie wirklich: Die fliegenden Untertassen, die bislang nur in Filmen über die Landschaft schwebten. Ein österreichischer Erfinder realisierte den Ringflügler mit recht einfachen Mitteln. Nicht ein futuristischer Strahlantrieb, sondern ein einfacher Propeller bewegt das kreisrunde Unikum. Wie ein Kreisel bleibt das Fluggerät in der Luft eigenstabil. Seit einigen Monaten ist „Turboplan“ als kompaktes Flugmodell erhältlich. Die Nachfrage ist enorm. Doch auch bemannte Flüge mit größeren Geräten halten die Hersteller für möglich. Das Flugzeug der Zukunft?

Bis zu 70 Stundenkilometer erreicht das 3,5 kg schwere Flugzeug im Geradeausflug. Leistung beim Vertikalstart: 15 Meter pro Sekunde.

Bis zu 70 Stundenkilometer erreicht das 3,5 kg schwere Flugzeug im Geradeausflug. Leistung beim Vertikalstart: 15 Meter pro Sekunde.

Franz Köhler wird nervös. Starker Wind fegt über die Asphaltpiste, gerade erst hat sich ein Platzregen verzogen. Und jetzt säuft auch noch der Motor ab. Nochmal wird die Glühkerze angeschlossen. Der 47jährige Geschäftsführer tritt nervös von einem Bein auf das andere. Denn gerade verdunkelt wieder eine Regenwolke den Platz. Wir alle starren mehr als gespannt auf das kreisrunde Unikum, das von oben so aussieht wie eine Hutschachtel mit Propeller. Endlich ist es soweit. Das Zweitakt-Motörchen knattert los. Wir eilen zur Seite. Der Pilot greift sich das Steuerpult. Vollgas. Der Ringflügler hebt ab. Die letzten Zweifel sind beseitigt. „Turboplan“, die Erfindung aus Österreich, fliegt tatsächlich. Die Vision der fliegenden Untertasse ist mit einigen Kompromissen Wirklichkeit geworden.

Sorgfältig volltanken: Ohne Sprit gibt’s Bruch

Sorgfältig volltanken: Ohne Sprit gibt’s Bruch

Nachdem sich schon viele Erfinder an der Entwicklung solch eines Gerätes die Zähne ausgebissen haben, hat Heinz Jordan (40), Techniker aus dem Kärntner Land, den voll steuerbaren Ringflügler realisiert. Das Gerät macht Senkrechtstarts, fliegt geradeaus oder steht auch auf der Stelle, ähnlich wie ein Hubschrauber.

Der Hersteller, die Technische Geräte und Entwicklungsgesellschaft (TGE), verspricht spektakuläre Flugeigenschaften für die motorisierte Untertasse. Die Steigleistung wird mit 15 Meter pro Sekunde angegeben, außerdem soll dieses Flugzeug ein Drittel seines Eigengewichts tragen können, nämlich ein Kilogramm.

Ein Leichtgewicht: Der Styropor-Ringkörper

Ein Leichtgewicht: Der Styropor-Ringkörper

Wie funktioniert dieser Ringflügler, der schon auf einigen Ausstellungen für Aufsehen sorgte? Der Aufbau der Flugmaschine ist schnell erklärt. Die zentrale Einheit ist eine Kapsel, in der sich, vertikal eingebaut, der 10-ccm-Motor sowie Akkus und die Steuermotoren befinden. Der Propeller kreist folglich horizontal über dem Gerät. Das größte Bauteil der Erfindung besteht aus Styropor: dem Ring, der um die Kapsel drehbar gelagert ist und auch während des Fluges um die Triebwerks-Einheit rotiert.

Schaufeln bringen den Ring auf Drehzahl

Schaufeln bringen den Ring auf Drehzahl

Um die Funktionsweise des „Turboplan“ zu erklären, sei ein Start durchgespielt. Der Motor wird angeworfen. Der Schub des Propellers läßt über schräg gestellte Luftschaufeln, die mit dem Ring verbunden sind, diesen Styropor-Körper rotieren. Langsam erreicht dieser Außenring seine Idealdrehzahl von 300 bis 400 Umdrehungen pro Minute. Damit ist eine wesentliche Voraussetzung erfüllt: Das gesamte Gerät ist eigenstabil. Der Ring sorgt durch seinen Kreisel-Effekt für diese wichtige Stabilität. Die Drehzahl wird erhöht. Damit nimmt die angesaugte Luftmenge zu. Es strömt eben ein Teil dieser Luft über die Oberfläche des Ringes. Durch dessen Form als Auftriebsprofil entsteht Auftrieb. Dieser Auftrieb addiert sich zum Schub der Luftschraube. Das Gerät startet. „Injektor-Sogeffekt“ nennen die Österreicher diese Auftriebs-Hilfe durch den Luftstrom an der Oberseite des Rings. Der Effekt soll auch wesentlich zur enormen Steigleistung und Tragkraft des Geräts beitragen.

Motor-Check vor dem Start. Das Zweitakt-Triebwerk ist vertikal eingebaut. An ihm hängt die Sicherheit des neuartigen Ringflüglers.

Motor-Check vor dem Start. Das Zweitakt-Triebwerk ist vertikal eingebaut. An ihm hängt die Sicherheit des neuartigen Ringflüglers.

Mit einer Dreikanal-Steuerung läßt unser Pilot die „Turboplan“ über den Platz knattern, abrupt im Schwebeflug verharren oder auch senkrecht in die Höhe schießen. Tatsächlich: Diese runde Untertasse, bei der es scheinbar kein hinten und vorn gibt, ist voll steuerbar. Drei Funktionen an der eigenwilligen Flugmaschine reichen zur Steuerung aus. Zum einen ist da die „Neigungsklappe“. Sie unterbricht den Luftstrom hinter dem Propeller einseitig. Dieses kleine Aluminiumblech neigt den Ringflügler folglich. Die Wirkung: Vorwärtsflug mit gesenkter „Nase“ ähnlich dem eines Hubschraubers.

Eine zweite Klappe, ebenfalls in der Strömung hinter der Luftschraube, dreht das Fluggerät um seine Hochachse. Die wichtigste Steuerungsfunktion übernimmt der Motor. Von seiner Drehzahl ist es abhängig: viel Auftrieb, wenig Auftrieb, Steigen oder Sinken. Sollte das Triebwerk ausfallen, ist alles zu spät. Segeln kann die Flunder nicht. Die Steuerklappen haben zudem ohne den Propeller-Luftstrom keine Wirkung. Eines ist also ganz wichtig: Ständig auf die Uhr schauen. Nach 15 Minuten Flugzeit ist der Tank (0,4 Liter) des „Turboplan“ nämlich leer.

Verbesserungswürdig: Seitenklappe (hinten) und Neigungsklappe (vorn). Das weiße Fähnchen mit dem Logo markiert die „Heckseite“.

Verbesserungswürdig: Seitenklappe (hinten) und Neigungsklappe (vorn). Das weiße Fähnchen mit dem Logo markiert die „Heckseite“.

Knallorange ist die Untertasse lackiert, die Köhler uns auf der Schwäbischen Alb vorfliegen läßt. Das Bild, das Otto Normalverbraucher sich von einem UFO macht, ist fast perfekt. Wäre nur nicht das knatternde Zweitaktgeräusch, das hier statt sphärischem Summen die Geräuschkulisse bildet. Und ganz so elegant, wie die Raumschiffe im Fernsehen um die Kurve schweben, so schafft es das „Turboplan“ noch nicht. „Es ist halt noch nicht ausentwickelt“, entschuldigt sich Köhler, als die Flunder beim Gasgeben in Pendelbewegung gerät.

Der Pilot hat alle Hände voll zu tun. Denn mit einfachem Gasgeben zum Geradeausflug ist es nicht getan. Er muß permanent das Gegendrehmoment, das auf die Flugmaschine wirkt, von Hand mit der Steuerklappe ausschalten. Dazu kommen dann noch die normalen Steuer-Aufgaben. Eine ganz schön schweißtreibende Sache, die Konzentration und Fingerspitzengefühl erfordert.

Köhler gibt zu: Gerade hier kann man, ja, muß man noch sehr viel verbessern. Doch um die Steuerklappen zu verfeinern, muß der gesamte Apparat vergrößert werden. Doch ein nächster Schritt könnte der Einsatz von Mikroprozessoren zur Ausschaltung des Gegendrehmoments sein. Noch ist für die TGE alles offen.

Hinter dem Kürzel TGE steckt nicht etwa eine Vollprofi-Firma; die Technische Geräte und Entwicklungsgesellschaft ist ein Familienbetrieb. Drei Schwäger teilen sich die Arbeit. Heinz Jordan (40) ist der Erfinder und Entwickler, Gerd Six (38) ist zuständig für Material und die patentrechtlichen Seiten. Franz Köhler stellt den Geschäftsführer. Vor vier Jahren gründete das Trio die Gesellschaft. Anlaß war Jordans „Turboplan“-Erfindung. Freunde machten ihnen Mut: „Das müßt ihr auf den Markt bringen.“

Sechs Millionen Schilling hat das Familien-Trio bis jetzt in die Entwicklung des fliegenden Unikums gesteckt. Patentrechtlich haben sie ihre Erfindung fast in aller Herren Länder abgesichert. Das war nötig. Denn im Prinzip ist die Flunder einfach nachzubauen. Mit dem rotierenden Ring fand Heinz Jordan das Ei des Kolumbus. Denn gerade diese Eigenstabilität der fliegenden Untertasse ist es, die Erfinder vor ihm nicht zustande brachten. Ansonsten steckt kaum Neues in der Erfindung.

Doch so einfach das Gerät auch ist, für Schlagzeilen haben die drei Schwäger schon reichlich gesorgt. Auch die Fernsehanstalten drehten einige Streifen über das Unikum.

Den ersten großen Auftritt hatten die TGE-Mannen 1980 in Amerika. Alles begann recht kurios und voller Mißverständnisse. Die drei jetteten ahnungslos zur Airshow nach Oshkosh. Im Gepäck ein Prototyp des „Turboplan“. „Wir hatten gehört, daß da Flug-Neuheiten vorgestellt werden“, lacht Köhler heute. „Daß wir mit einem Modell dort vollkommen deplaziert waren, daran hatten wir nicht gedacht.“ Sie sollten es merken. Doch Glück gehört dazu. „Irgendwie wurden die Leute dann doch auf uns aufmerksam, und wir bekamen Gelegenheit, unser Gerät starten zu lassen.“

Der Werbeerfolg für die Österreicher konnte sich sehen lassen: Prompt lief das Fernsehen hinter ihnen her und drehte einen sechsminütigen Film über den Ringflügler.

Ein Jahr später war es soweit. Köhler gab seinen Beruf als Verwaltungsleiter einer Freiburger Firma auf, drei Mitarbeiter wurden angestellt. Die Serienproduktion in einem kleinen Hangar am Klagenfurter Flughafen begann. Absatzschwierigkeiten kennt die TGE seitdem nicht. In den ersten sechs Monaten wurden allein 2000 Stück in alle Welt verkauft. Ein großer Teil davon ging in die Vereinigten Staaten. 3,5 Kilogramm wiegen die Modelle, die bislang in zwei Versionen erhältlich sind. RW 80 und RW 96 heißen die beiden Typen, wobei die Zahl für den Ringdurchmesser steht. 430 Mark kostet das kleinere Gerät, 70 Mark mehr müssen für die Untertasse mit 96 Zentimetern Ringdurchmesser hingeblättert werden. Der Unterschied liegt neben der Größe in den Flugeigenschaften. Der größere „Turboplan“ fliegt sich träger, hat aber die größere Hubkraft. Bis zu 70 Stundenkilometer im Geradeausflug sollen die Maschinchen schaffen. In einem Prospekt preist die Klagenfurter Firma auch die Schleppflugtauglichkeit im Modell-Bereich.

Auf eines weist Köhler allerdings lächelnd hin: Das Fliegen mit der Untertasse will gelernt sein. Fast alle zwei Wochen heißt’s „Kopf einziehen“ auf den Wiesen rund um Klagenfurt. Händlerschulung. Gut einer Hundertschaft Verkäufer aus der ganzen Welt hat der Erfinder Heinz Jordan das Steuern des „Turboplan“ beigebracht. „Das Fliegen damit ist etwas vollkommen anderes“, warnen die Untertassen-Experten. Den meisten muß erst klar gemacht werden, daß es bei diesem Gerät auch ein hinten und vorn gibt. Bestimmt wird das von der Lage der Steuerklappen. Um das „Hinten“ zu kennzeichnen, ragt dort die Funkantenne mit einem kleinen Fähnchen in den Wind.

Trotz der nicht ganz einfachen Beherrschbarkeit der Flunder finden vor allem Neulinge im Modellflugsport Gefallen an dem neuen Flugprinzip. So auch in der Bundesrepublik. Wohl nicht zuletzt wegen der im wahrsten Sinne des Wortes verblüffenden Wirkung auf die Zuschauer, scheint sich das Gerät zum Marktschlager zu mausern. Der Aufbau eines Vertriebsnetzes in Deutschland bereitet dem Familienbetrieb derzeit noch Kopfzerbrechen.

Auch für erfahrene Modellbauer ist es einfach ein Jux, diese Untertasse zu besitzen und zu fliegen. Doch wird dieses Fluggerät mit seinem neuen Prinzip lediglich ein Spaß für die Freizeit bleiben? Zunächst ja. Noch sollen sich die Neuerungen und Weiterentwicklungen im Modell-Rahmen halten: Da wäre zunächst geplant, einen stärkeren Motor einzubauen. Weitere Schritte wären die Optimierung der Steuereinrichtungen.

Um aber die fliegende Untertasse, wie sie in den Vorstellungen Science-fiction-Kundiger besteht, perfekt zu machen, müßte der Ring des Fluggerätes still stehen. Auch das ist möglich. Die Österreicher haben sich in diesem Sinne schon reichlich Gedanken gemacht. Der Kreisel-Effekt kann nämlich in einer weiteren Entwicklungsstufe auch von einem rotierenden zweiten Ring übernommen werden, der in seinen Dimensionen wesentlich kleiner sein dürfte. Hauptsache, das Gewicht stimmt. Die große Scheibe würde dann lediglich noch die Aufgabe des Auftriebskörpers übernehmen.

„Bemannte Flüge sind nicht ausgeschlossen.“

Doch der Familienbetrieb will nichts überstürzen. „Wir wollen das Gerät so einfach wie möglich belassen.“ Die technischen Möglichkeiten des Klein-Unternehmens sind begrenzt.

Doch es ist eine Frage der Zeit, wann die fliegende Untertasse sich vom Spielzeug zum Nutz-Flugzeug mausert. Das glauben jedenfalls die drei Österreicher. Erste Verwendungs-Vorschläge erreichten schon den Klagenfurter Betrieb. Da kam die Anregung, „Turboplan“ als einen Ersatz für Heißluftballone einzusetzen. Bei geologischen Foto-Flügen zum Beispiel. Oder vielleicht auch zur Flugplatzwetterbeobachtung. TGE-Geschäftsführer Franz Köhler jedenfalls attestiert dem Gerät die besten Chancen für die Zukunft. Er sieht schon jetzt einen klaren Vorsprung der Flunder vor dem Helikopter. „Unsere Flugleistungen beweisen das. Ein gleich motorisierter Modell-Helikopter kann mit unserem Gerät nicht mithalten. Das heißt, daß es wirtschaftlicher arbeitet.“ Doch ist ein bemannter Flug mit solch einem Ringflügler vorstellbar? „Das ist eine reine Sache der Forcierung“, so Köhler selbstbewußt, „wir wissen nicht, warum das nicht möglich sein sollte.“

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Siehe auch diese Videos:

 

Weitere Links:

Der „Turboplan“ oder auch RW80 oder RW96 von Jörg Ostertag

Turboplan-Anleitung deutsch von Jörg Ostertag

Turboplan – CR-Modelltechnik

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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