Selbstverteidigung mit der Flinte (1)

Winchester „Defender“, eine typische Vorderschaftrepetierflinte zur Selbstverteidigung.

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 8-9/1994 (Titelbild von mir – Cernunnos – eingefügt, restliche Bilder aus dem IWM-Artikel).

Will man sich eine Flinte zu Verteidigungszwecken zulegen, ist man schnell mit einer solchen Vielfalt an angebotenen Modellen konfrontiert, daß die Wahl zur Qual wird. Ähnlich wie bei anderen Waffen, ist es auch hier schwierig festzulegen, was grundsätzlich und für alle Fälle das ideale und allein seligmachende Modell ist, denn fast jedes weist eine andere Kombination von Eigenschaften auf, welche sich unter verschiedenen Einsatzbedingungen mal als Vor- und mal als Nachteil erweisen können. Nur eines ist mehr oder weniger sicher – eine Verteidigungsflinte sollte zumindest eine Repetierflinte sein.

Auch bei der Wahl einer Verteidigungsflinte sollte man bedenken, daß es ideale Verteidigungswaffen kaum gibt. Manche vermeintlich nachteilige Eigenschaften lassen sich jedoch durch ein Mehr an Ausbildung kompensieren, andere Nachteile sind durch geeignetes Zubehör zu beheben und andere Eigenschaften äußern sich nur unter ganz bestimmten Randbedingungen als ausgeprägte Vor- oder Nachteile. Die Wahl einer Verteidigungswaffe ist immer ein individueller Entscheidungsprozeß. In einem Beitrag, in dem es darum geht, Auswahlkriterien für eine Repetierflinte zu Verteidigungszwecken darzustellen, kann es also nicht Ziel sein, „die Flinte des Jahres“ zu wählen, sondern eher, die entscheidenden Waffeneigenschaften deutlich zu machen und zu bewerten. Dabei ist es auch wichtig, herauszustellen, welche Eigenschaften einer Flinte im Ernstfall entscheidend sind und welche weniger ins Gewicht fallen.

Ein Merkmal, das bei Repetierflinten der meisten großen Hersteller relativ variabel ist, ist die Lauflänge. Vor allem Mossberg und Remington bieten ein breites Sortiment an Läufen für ihre Flinten an, wobei für Verteidigungsflinten vor allem die kurzläufigen, kompakten Varianten – meist 46 cm bis 51 cm – in Frage kommen.

Flinten mit langen Läufen zu unhandlich

70 cm- bis 76 cm-Läufe bringen durch ihre längere Visierlinie nur bei bestimmten Einsatzzwecken, z. B. der Jagd auf hochfliegendes Flugwild, Vorteile, nicht jedoch in Verteidigungssituationen.

Waffen mit einer Gesamtlänge von über 1,2 m sind in den meisten realistischen Verteidigungslagen einfach zu sperrig. Bei der Annäherung an Ecken oder beim Anschlag hinter Deckungen und unter räumlich engen Verhältnissen macht sich jeder Zentimeter überflüssiger Lauflänge unangenehm bemerkbar. Und ballistisch bringen ein paar Zentimeter Lauflänge mehr oder weniger auch keine gravierenden Unterschiede.

Mit der Verwendung von Wechselläufen kann man aber nicht nur die Lauflänge, sondern auch andere Waffeneigenschaften variieren, wie etwa die Würgebohrung, welche die Breite der Streuung beeinflußt, oder die Visierung, deren Elemente, seien es Schiene, Perlkorn oder Büchsenvisierung, bei Repetierflinten in der Regel unmittelbar und ausschließlich am Lauf angebracht sind.

Für eine Verteidigungsflinte ist eine Büchsenvisierung, bestehend aus Korn und verstellbarer Kimme, wohl am ehesten zu empfehlen. Diese Kombination ist zwar nicht optimal für den extrem schnellen Schuß auf kleine, bewegte Ziele, aber das ist in den meisten Verteidigungslagen auch gar nicht gefragt. Beim Einsatz von Flintenlaufgeschossen auf größere Entfernungen oder kleine Zielflächen (gedeckte Gegner) ist eine brauchbare Visierung aber Voraussetzung für eine akzeptable Trefferwahrscheinlichkeit, und beim instinktiven Schrotschuß auf kurze Entfernungen stört sie auch nicht. Bis zu einer gewissen Grenze läßt sich zwar auch über Schiene und Korn recht präzise visieren, doch wenn Haltepunkt und Treffpunkt bei Slugs deutlich auseinanderklaffen, wird die bei der Schiene fehlende Justiermöglichkeit schnell zu einem Problem.

Ist eine Flinte nur mit einem einfachen Korn ausgestattet, und ist darüber hinaus das Oberteil ihres Systemkastens noch glatt und abgerundet, kann man damit zwar instinktiv über den Lauf visierend auf die üblichen Kampfentfernungen noch ganz passable Trefferergebnisse mit Schrot erzielen, ein präziser Schuß mit Flintenlaufgeschossen ist mit so einer Waffe aber kaum möglich.

Die meisten Kompaktläufe sind mit einer einfachen Zylinderbohrung ausgestattet. Würgebohrungen oder Wechselchokes werden meist nur bei den längeren Jagdläufen verwendet. Es gibt aber einige Modelle, wie manche Franchi- oder Imperator-Flinten, die verengende Choke-Einsätze auch für kürzere Läufe vorsehen. Für einen Einsatz als Verteidigungswaffe spielt die Veränderbarkeit der Würgebohrung aber keine große Rolle. Die Zylinderbohrung ist in den meisten Fällen die beste Lösung.

Auf kurze Entfernung führt sie zu einer frühen Entfaltung der Schrotladung, und dennoch deckt eine Buckshot-Garbe eine Mannscheibe auf 20 bis 30 Meter noch hinreichend ab. Für weitere Entfernungen ist das Flintenlaufgeschoß ohnehin die bessere Lösung.

Als nächstes stellt sich die Frage nach dem zweckmäßigen Kaliber einer Verteidigungsflinte. Hat man keine unüberwindlichen Probleme mit dem Rückstoß des 12er-Kalibers, sollte man auch keine Flinte mit einem geringeren Kaliber wählen. Schließlich liegt einer der Vorteile der Flinte ja darin, ein besonders großes Geschoß- oder Schrotvolumen ins Ziel zu bringen. Außerdem kann man durch die verschiedenen Längen der 12er-Patrone aus einer breiten Palette von Treibladungsstärken und Schrotmassen auswählen. Um diesen Vorteil voll zu nutzen, sollte man eine Flinte im Kaliber 12/76 (12/3“) wählen, mit welcher man das ganze Angebot der 12er-Patronen nutzen kann.

Für munitionsaufwendige Übungsserien kann man dann die billigeren Patronen der Kaliber 12/70 (12/2 3/4“) oder 12/67 (12/2 ½“) verwenden und als Einsatzladungen auf die Magnumlaborierungen zurückgreifen, die in der Regel eine bessere Deckung als die Normalpatronen bringen. So enthält z. B. die Federal 00 Buckshot-Patrone in der 12/76er-Hülse 16 Posten (vom Durchmesser 8,4 mm) im Gegensatz zur 12/70er mit 9 Schrotkugeln, also über 50 % mehr. Allerdings sollte man auch im Training immer wieder einmal mit den stärkeren Magnumpatronen üben, um im Ernstfall von dem kräftigen Rückstoß nicht überrascht zu sein.

Die Entscheidung, Normal- oder Magnumpatronen zu laden, hat bei längeren Röhrenmagazinen auch Auswirkungen auf die Anzahl der Patronen, die man maximal unterbringen kann. Und wenn in manchen Fällen die Verwendung der 12/70er Hülsen nicht ausreicht, um eine zusätzliche Patrone ins Magazin zu bekommen, hat man die Möglichkeit, auf Ausführungen im Kaliber 12/65 zurückzugreifen.

Alternativen bei der Munitionswahl

Somit ergibt sich die Alternative, entweder auf eine Patrone zu verzichten, aber dafür mehr Schrote pro Schuß ins Ziel zu bringen, oder eine kürzere, d. h. leistungsschwächere Patrone zu laden, und dafür einen zusätzlichen Schuß zur Verfügung zu haben. Nicht zuletzt wegen dieser Möglichkeit, neben den Magnumpatronen auch alle kürzeren Patronen aus der gleichen Waffe zu verschießen, hat sich das Kaliber 12/76 heute als Standardkaliber der Repetierflinten durchgesetzt. Repetierflinten im Kaliber 12/70 findet man heute auch nur noch ausgesprochen selten.

Ob die Magazinkapazität für die Wahl der Flinte ein entscheidendes Kriterium ist, hängt vor allem davon ab, auf was für ein Szenario man sich einstellen will. In typischen privaten Notwehrlagen wird es in der Regel kaum zu einem sechsten oder siebten Schuß kommen, so daß der Wunsch nach einer extrem hohen Magazinkapazität für diesen Personenkreis sicher nicht an erster Stelle stehen dürfte. Anders kann es aussehen, wenn man in gewissen Ländern mit Überfällen durch ganze Banden rechnen muß. Hier bekommt die Feuerkraft einen gänzlich anderen Stellenwert.

In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach den Vor- und Nachteilen von Röhren- bzw. Kastenmagazinen. Dabei ist allerdings anzumerken, daß Kastenmagazine bei Repetierflinten (z. B. ATIS Trusty) eher selten zu finden sind, am ehesten gibt es sie noch bei den von manuell auf halbautomatisch umschaltbaren Polizei- bzw. Militärflinten, z. B. von Franchi oder Beretta. Grundsätzlich liegen die Vorteile abnehmbarer Kastenmagazine darin, daß damit sehr schnell nachgeladen werden kann und die Möglichkeit gegeben ist, durch einen Magazinwechsel sofort eine größere Menge einer anderen Munitionssorte zur Verfügung zu haben.

Behinderliche Kastenmagazine

Allerdings trifft dies nur dann zu, wenn man eine genügende Menge von Magazinen unterschiedlicher Bestückung mit sich führt, was beim Privatmann, der einem verdächtigen Geräusch im Kellerbereich seines Hauses nachgehen will, wohl kaum der wahrscheinlichste Fall sein dürfte.

Das Röhrenmagazin hat dafür den Vorteil, daß es auch mit einzelnen Patronen kontinuierlich nachgeladen werden kann, daß es nicht sperrig hervorsteht und daß es sich auch nicht lösen und somit zu einer Störungsursache werden kann. Im privaten Bereich, wo die Feuerkraft eine eher untergeordnete Rolle spielt und einfache Lösungen entscheidend sind, scheint mir eine Flinte mit Kastenmagazin keine zweckmäßige Lösung zu sein.

Wichtiger als Lauflänge und Magazinkapazität ist bei einer Verteidigungswaffe deren Zuverlässigkeit. Betrachtet man dabei nur die rein technische Zuverlässigkeit, also die Wahrscheinlichkeit, daß es bei richtiger Handhabung zu keiner Waffenstörung kommt, so kann man feststellen, daß praktisch alle gängigen Repetierflinten recht verläßlich funktionieren. Zumindest, wenn man einige Grundregeln einhält: So darf man eine Pump Gun nicht zu zaghaft anfassen, sondern muß die Repetierbewegungen mit Kraft und Schwung ausführen. Man sollte auch erst einmal mehrere Munitionssorten ausprobieren, um nicht gerade die Sorte zu seiner Einsatzmunition zu wählen, die ausgerechnet in dieser Waffe nicht hundertprozentig funktioniert.

Es gibt aber noch einen zweiten Aspekt der Zuverlässigkeit, und zwar das Ausmaß der bei einem bestimmten Waffenmodell bestehenden Möglichkeit eines Bedienungsfehlers. Obwohl sich die Bedienungselemente der verschiedenen Vorderschaftrepetierflinten grundsätzlich stark ähneln, gibt es im Detail doch Unterschiede, die sich unter Streß und Zeitdruck negativ auswirken können.

Praktische und unpraktische Sicherungen

Mossberg-Flinte mit gut plazierter Schiebesicherung am Kolbenhals.

Das beste Beispiel hierzu sind die Sicherungen in ihren verschiedenen Formen. Eine Repetierflinte überhaupt mit einer manuellen Sicherung auszustatten, ist eigentlich schon ein Unsinn, da gerade diese Waffenart durch die Möglichkeit des unterladenen Aufbewahrens und Führens (volles Magazin, keine Patrone im Lauf) bei gleichzeitiger schneller Schußbereitschaft ein zweckmäßigeres Maß an Sicherheit bietet, als dies eine manuelle Sicherung überhaupt könnte. Wenn Sicherungen dann noch – wie das leider fast die Regel ist – als kleine Druckknöpfe seitlich am Abzugsbügel so angebracht sind, daß man sie bei angeschlagener Flinte nicht mehr sehen kann, und sie darüber hinaus so konstruiert sind, daß auch die entspannte Waffe gesichert werden kann, ist die Möglichkeit einer Fehlbedienung schon recht groß.

Ungünstige Anordnung der Bedienungselemente bei einer CBC-Flinte.

Ähnliche Überlegungen kann man auch für den obligatorischen Hebel zum Lösen der Vorderschaftverriegelung anstellen. Im Gegensatz zur Sicherung ist dieser aber grundsätzlich erforderlich, um z. B. die gespannte Waffe entladen zu können. Hier stellt sich vielmehr die Frage, wie ergonomisch günstig oder ungünstig dieser Hebel angebracht ist. Neben den üblichen Bedienungselementen, der Sicherung und der Vorderschaftentriegelung, findet man bei manchen Repetierflinten aber auch Besonderheiten, die man jeweils speziell betrachten muß.

So hat die CBC-Flinte zum Beispiel ein drittes Hebelchen, das die Magazinsperrklinke löst und somit das lästige Fummeln beim Entladen erleichtern soll. Praktisch kompliziert es den Entladevorgang aber eher. Denn paßt man nicht auf, was unter Streß schnell passieren kann, werden zwei Patronen gleichzeitig freigegeben, und die erste Hülse wird von der folgenden gegen den Verschlußboden gedrückt. Die Konsequenz ist, daß beide Patronen festsitzen und sich in der engen Öffnung nur schwer wieder lösen lassen. Das Lösen der Vorderschaftverriegelung nach dem Schuß funktioniert bei verschiedenen Vorderschaftrepetierflinten auf unterschiedliche Weise.

Probleme bei der Vorderschaftentriegelung

Auch bei der Imperator-Flinte kann der Vorderschaftentriegelungshebel nur durch Umgreifen erreicht werden.

Löst sich die Verriegelung nach dem Schuß automatisch, wie bei den Winchester- oder Imperator-Flinten, besteht die Gefahr, daß der Repetiervorgang ungewollt nur teilweise durchgeführt wird und es so zu Störungen kommt, man wird durch die plötzliche Freigabe des Vorderschafts nach dem Schuß überrascht, und da man die Flinte im Anschlag ja fest in die Schulter gezogen hat, nicht nur mit der Schießhand, die den Kolbenhals bzw. den Pistolengriff umgreift, sondern mit der Hand am Vorderschaft, repetiert man sozusagen spontan.

Dies erscheint zwar zunächst gar nicht als störend, sondern sogar als logische Konsequenz der Regel, die Waffe im Feuergefecht sofort nach jedem Schuß – und nicht erst, wenn man ein neues Ziel erkannt hat – wieder durchzuladen und feuerbereit zu machen, hat aber durchaus Nachteile. Die plötzliche Freigabe des Vorderschaftes im Moment des Schusses führt zu keinem bewußten Repetiervorgang, sondern ist eher eine unkontrollierte Bewegung, die nur durch Training in den eigentlichen Durchladevorgang integriert werden kann. Man muß sich beim Schießtraining anerziehen, unmittelbar nach der Schußabgabe die Zugkraft am Vorderschaft bewußt bis zur vollen Ausführung des Repetiervorgangs zu verstärken.

Ausgesprochen lästig ist die automatische Lösung der Vorderschaftverriegelung beim Präzisionsschuß mit Flintenlaufgeschossen, weil dadurch die Waffe schon im Moment der Schußabgabe in Bewegung gerät, was einem präzisen Treffer nicht gerade förderlich ist. Wenn man versucht, im liegenden Anschlag oder hinter gewissen Deckungen, wo wenig Bewegungsfreiheit herrscht, ohne Veränderung der Körperhaltung einen kompletten Repetiervorgang durchzuführen, wird dies noch offensichtlicher.

Günstiger verhalten sich hier die Mossberg-, CBC- oder Remington-Flinten. Bei diesen Flinten bleibt die Verriegelung des Vorderschaftes so lange bestehen, als man diesen fest in die Schulter zieht. Erst wenn man diesen Zug für einen kurzen Moment unterbricht, wird der Vorderschaft entriegelt, und die Waffe kann durchrepetiert werden. Dies kostet kaum mehr Zeit als ein Repetiervorgang, der sich quasi automatisch an die Schußabgabe anschließt, ist aber günstiger für den präzisen Schuß und verringert die Wahrscheinlichkeit von Störungen durch unvollständige Repetierbewegungen.

Neben all diesen verallgemeinernden und auf die Funktion bezogenen Merkmalen gibt es natürlich auch subjektive Gründe für die Wahl einer Verteidigungsflinte. Nicht jede Flintenform eignet sich für den potentiellen Nutzer aufgrund seiner körperlichen Proportionen gleich gut. Ästhetische Kriterien sollte man in diesem Fall lieber außer acht lassen, die Wahl einer Flinte zur Selbstverteidigung sollte ausschließlich vor dem Hintergrund der im jeweiligen Fall wahrscheinlichen Einsatzoptionen erfolgen.

Nächster Teil: Selbstverteidigung mit der Flinte (2)

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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