Selbstverteidigung mit der Flinte (2)

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 10/1994.

Zuvor erschienen: Selbstverteidigung mit der Flinte (1)

Das Beherrschen der Ladetätigkeiten und der Handhabung ist die Grundlage für die Schießausbildung mit der Repetierflinte. Vieles aus diesem Ausbildungsbereich ist für einen effizienten Feuerkampf gleichermaßen wichtig wie für die Sicherheit am Schießstand.

Auch wenn die Handhabung einer Repetierflinte auf den ersten Blick überaus einfach erscheint, gibt es doch eine ganze Reihe von Einzeltätigkeiten und Besonderheiten, die man nicht nur kennen, sondern auch praktisch beherrschen muß, wenn man ernsthaft in Betracht zieht, die Waffe im Notfall zur Verteidigung einzusetzen. Es ist eben ein gewaltiger Unterschied, ob man auf dem Schießstand seine Flinte in Ruhe laden und schußbereit machen kann, um dann ein paar Schuß damit abzugeben, oder ob man seine Waffe im Streß einer Notwehrsituation wirklich beherrscht. Und gerade letzteres muß ja Ziel einer Ausbildung im Verteidigungsschießen sein, wenn eine solche Ausbildung nicht nur zu einer trügerischen Selbsttäuschung führen soll. Abgesehen davon ist eine Beherrschung der Waffenhandhabung unabdingbare Voraussetzung für einen sicheren und unfallfreien Umgang mit der Waffe.

Eine ausreichende Grundfertigkeit im Umgang mit der Flinte muß schon vor der Abgabe des ersten scharfen Schusses bestehen. Das betrifft vor allem das Laden und Entladen, sowie alle Handgriffe, die erforderlich sind, um die unterschiedlichen Grade der Schußbereitschaft an der Waffe zu erstellen oder zu verändern. Andere Tätigkeiten, wie das Beseitigen von Störungen oder das kontinuierliche Nachladen während des Feuergefechtes, können später im Rahmen der eigentlichen Schießausbildung erlernt werden. Beginnen sollte man auf jeden Fall mit dem systematischen Üben der elementaren Handgriffe.

Von den verschiedenen Lade-Methoden, die gelehrt und beschrieben werden, hat sich die folgende am besten bewährt: Die Flinte wird dabei zum Laden mit der rechten Hand am Kolbenhals gehalten, und die Patronen werden mit der linken Hand ins Magazinrohr geschoben. Diese Methode hat u. a. den Vorteil, daß sich die Flinte auf diese Weise unter den unterschiedlichsten Bedingungen am besten handhaben und kontrollieren läßt. Das wird vor allem deutlich, wenn man die Waffe im Liegen, hinter Deckungen oder unter räumlich eingeschränkten Verhältnissen nachladen muß, also etwa immer dann, wenn man Ladetätigkeiten im laufenden Feuergefecht auszuführen hat, wo man sich Platz und Körperhaltung kaum aussuchen kann, und die Zeiträume nutzen muß, die einem der Gegner läßt.

Praxisgerechtes Nachladen

In diesen Situationen wäre die ebenfalls oft beschriebene Methode – die Flinte mit der linken Hand am Vorderschaft zu halten und mit der rechten die Patronen zuzuführen – erheblich umständlicher. Die Tatsache, daß man mit der rechten Hand vielleicht etwas geschickter ist, wenn man die Patronen durch den engen Ladeschacht und gegen den Widerstand der Sperrklinken ins Magazinrohr schiebt, ist in diesem Fall nicht relevant. Wichtiger ist, eine Technik zu beherrschen, die im kampfmäßigen Schießen an alle denkbaren Situationen angepaßt werden kann.

Deshalb scheidet auch die Methode, die zu ladende Flinte mit der linken Hand am Kolbenhals festzuhalten, für das kontinuierliche Nachladen während eines Feuergefechtes aus. Schließlich soll man ja versuchen, die verschossenen Patronen fortlaufend zu ersetzen. Das würde bei der zuletzt beschriebenen Technik aber bedeuten, daß man ständig die Flinte von einer Hand in die andere wechseln müßte. Das ist nicht nur umständlich, sondern führt auch dazu, daß man phasenweise nicht schußbereit ist, und daß sich der Ungeübte mehr auf die Ladetätigkeit konzentriert als auf sein taktisches Umfeld.

Wo die Vor- und Nachteile der verschiedenen Lade-Methoden liegen, kann man leicht selbst ausprobieren, wenn man sie mit seiner Flinte einmal in beengten Verhältnissen durchspielt. Ähnlich wie zum Halten der Flinte beim Nachladen gibt es auch verschiedene Meinungen zur Frage, in welcher Stellung sich der Vorderschaft während des Ladevorganges befinden sollte. Dabei ist völlig unverständlich, warum die Position, in welcher der Vorderschaft zurückgezogen ist, häufig als „Ladestellung“ bezeichnet wird.

Komplizierte Abläufe vermeiden

Ein kontinuierliches Nachladen der Flinte ist in diesem Zustand gar nicht möglich, weil ein Zurückziehen des Vorderschaftes den Verschluß öffnet und die bereits geladene Patrone aus dem Patronenlager zieht. Führt man den Vorgang nicht außerordentlich vorsichtig aus, was unter dem Einfluß von Zeitdruck und Kampfstreß aber kaum zu erwarten ist, wird die Patrone sogar ausgeworfen oder fällt vom Ladelöffel, wenn man diesen hochdrückt, um eine neue Patrone ins Magazinrohr zu schieben.

Aber auch beim Laden der leeren Waffe (sofern man sie nicht sofort benützen will), ist ein solches Vorgehen problematisch, denn irgendwann muß man den Vorderschaft ja wieder nach vorne schieben, und dann ist sie teilgeladen und gespannt: ein überaus unsinniger Ladezustand einer Repetierflinte, denn nun steht man vor der Alternative, sie entweder in gespanntem Zustand wegzustellen oder sie leer abzuschlagen.

Beides kann aber nicht der Weisheit letzter Schluß sein. Im ersten Fall müßte man – um die Flinte wieder schußbereit zu machen – zuerst die Vorderschaftentriegelung betätigen, was eine unnötige Quelle für Bedienungsfehler darstellt. Und im zweiten Fall muß man im Rahmen der Ladetätigkeit den Abzug einer Waffe betätigen, deren Magazin bereits gefüllt ist, was trotz der rationalen Feststellung, daß ja keine Patrone im Lauf sein kann, doch immer etwas Unbehagen hervorruft.

Außerdem gibt es noch einen anderen Grund, warum die sogenannte „Ladestellung“ unzweckmäßig ist. Bei den meisten Repetierflinten kann der Ladelöffel bei zurückgezogenem Verschluß über den oberen Rand des Magazinrohrs ausweichen und wirkt somit nicht mehr als „Zuführrampe“, die das Einführen der Patronen in das Magazin erleichtert. Dadurch wird das Laden schwieriger und für Störungen anfälliger.

Aus all diesen Gründen kann die Standardlösung für das Laden im laufenden Gefecht oder für das Laden der leeren Waffe zuhause oder auf dem Schießstand nur lauten: Der Vorderschaft bleibt in seiner vorderen Position.

Es gibt aber eine Ausnahme: das Nachladen der während eines Gefechts leergeschossenen Waffe. Das sollte zwar nicht passieren, wenn man jede Gelegenheit nutzt, um verschossene Patronen zu ergänzen, es ist aber auch nicht auszuschließen, daß sich keine Möglichkeit dazu bietet und man plötzlich mit leerer Waffe dasteht. In dieser Lage ist dann natürlich der Zeitfaktor entscheidend, bis man wenigstens wieder eine begrenzte Verteidigungsfähigkeit erlangt hat. Hier empfiehlt es sich ausnahmsweise, zum Laden den Vorderschaft zurückzuziehen, und zwar deshalb, weil man bei diesem Zustand der Waffe mit der richtigen Technik wieder relativ schnell schußbereit werden kann: Dazu wird die Waffe genau wie bei der normalen Ladetätigkeit mit der rechten Hand am Kolbenhals gehalten und seitlich abgekippt, sodaß mit der linken Hand eine Patrone durch das Auswurffenster auf den Ladelöffel gelegt werden kann. Danach wird der Vorderschaft nach vorn geschoben, und weitere Patronen werden – sofern es die Situation zuläßt – normal durch den Ladeschacht ins Röhrenmagazin geladen.

Da sich mit dieser Methode die erste Patrone extrem schnell laden läßt, hat man wieder zunächst einen Schuß in kürzest möglicher Zeit zur Verfügung. (Bei Flinten wie der Ithaca oder Brigant geht das natürlich nicht, da diese über kein seitliches Auswurffenster verfügen.) Mit etwas Übung lassen sich diese Handgriffe viel einfacher durchführen, als es die theoretische Beschreibung vermuten läßt. Und es reicht auch nicht aus, sie irgendwie hinzukriegen. Viel wichtiger ist, die richtigen Handgriffe automatisch zu machen, wenn es die Situation gebietet. Dazu ist es zweckmäßig, Parcours zu schießen, in denen zwischen kontinuierlichem Nachladen und dem Zwang, die leergeschossene Flinte wenigstens mit ein oder zwei Patronen wieder schnellstmöglich feuerbereit zu bekommen, gewechselt wird.

Neben dem Laden muß das Entladen der Waffe beherrscht werden. Sei es, um die Waffe vor dem Transport in den vorschriftsmäßigen Zustand zu bringen, oder weil es die Lage im Feuerkampf erfordert.

Grundsätzlich gibt es dazu zwei Möglichkeiten: die Patronen einfach herauszurepetieren oder sie durch Eindrücken der Sperrklinke direkt dem Magazinrohr zu entnehmen. Dabei wird häufig argumentiert, daß die zweite Lösung die sicherere ist, und daß das Herausrepetieren unfallträchtiger wäre.

Vor allem auf Sicherheit achten

Dem vermag ich aber nicht so ohne weiteres zuzustimmen, denn das Gefummel an den meist schlecht zugänglichen Sperrklinken führt gerade bei Anfängern oft dazu, daß sie sich mehr auf das Innenleben der Flinte konzentrieren, als darauf, wo die Waffe hinweist oder ob sich vielleicht doch eine Patrone im Lauf befindet.

Ein konzentriertes und bewußtes Herausrepetieren, bei dem der Lauf konstant in eine sichere Richtung zeigt, ist sicher die Lösung mit dem geringeren Gefährdungspotential, vor allem, wenn man Schützen, die ihre Waffe noch nicht perfekt beherrschen, das Zugeständnis macht, daß die Patronen zu Boden fallen dürfen. Das ist zwar nicht sehr elegant, ermöglicht es dem Anfänger aber, sich voll darauf zu konzentrieren, wohin die Mündung zeigt und daß der Zeigefinger vom Abzug wegbleibt. Man sollte sich dabei von Anfang an angewöhnen, daß man sich zwischendurch nicht nach einzelnen Patronen bückt, bevor an der Waffe Sicherheit hergestellt wurde, da das fast immer dazu führt, daß die Mündung unkontrolliert in der Gegend herumwandert.

Ein ergonomisch günstig angebrachter Entriegelungshebel für den Vorderschaft erleichtert die Sache wesentlich und trägt somit auch zur Sicherheit bei. Beim Fortgeschrittenen muß man natürlich fordern, daß der Bewegungsablauf so eingeschliffen ist, daß keine Patrone mehr den Boden berührt, sondern am Auswurffenster in Empfang genommen und wieder verstaut wird.

Ein Entladen von einzelnen Patronen während eines Feuergefechts kommt z. B. dann in Betracht, wenn man in der momentanen Lage eine andere Munitionssorte benötigt, als im Röhrenmagazin eingefüllt ist, und man zuerst einmal Platz zum Laden schaffen muß. In manchen Situationen wird es am zweckmäßigsten sein, erst einmal zwei oder drei Schuß der bereits geladenen Munition in Richtung des Gegners zu verschießen, um ihn wenigstens niederzuhalten und Zeit zum Einführen wirkungsvollerer Patronen zu gewinnen.

Es sind aber auch Situationen möglich, wo die Umfeldgefährdung oder der angestrebte Überraschungseffekt ein derartiges Verhalten nicht zulassen. Ist z. B. der eigene Standort von einem weit entfernten und gedeckten Gegner noch nicht erkannt worden, und man strebt eine überraschende Feuereröffnung mit Flintenlaufgeschossen an, muß man – wenn das ganze Magazin mit Schrotmunition gefüllt ist – zwangsweise einige Patronen entladen.

Auf die Frage, ob und wann man eine Flinte sichern soll, ist die beste Antwort: gar nicht. Die Möglichkeit, die Flinte teilgeladen aufzubewahren oder zu führen, und sie im Anschlag schußbereit zu machen, ist die zweckmäßigste Sicherheitsvorkehrung. Manuelle Sicherungen führen nur zu Bedienungsfehlern und machen den Umgang mit der Waffe nicht unbedingt sicherer.

Ein anderes Thema, das die Handhabung einer Vorderschaftrepetierflinte betrifft, ist die Entriegelung des Vorderschaftes. Diese ist immer dann erforderlich, wenn man die gespannte Flinte entladen will oder wenn man im Feuerkampf eine bestimmte Munitionssorte, die sich bereits im Lauf befindet, aus irgendwelchen Gründen wieder herausrepetieren muß. Um zu erkennen, wo dabei die Probleme liegen, sollte man mit verschiedenen Flinten die Bewegungsabläufe durchführen, die eine Entriegelung des Vorderschaftes erfordert. Man wird sehen, daß es Entriegelungen gibt, die sich einfach und flüssig bedienen lassen, und andere, die komplizierte und deshalb fehleranfällige Bewegungsabläufe verlangen.

So kann man mit der oben empfohlenen Ladehaltung (rechte Hand am Kolbenhals) und einer Mossberg-Flinte, deren Entriegelungshebel mit dem Mittelfinger der rechten Hand gut erreichbar ist, relativ leicht hantieren, während z. B. die Bedienungselemente einer CBC-Flinte in dieser Waffenhaltung ausgesprochen schwierig zu handhaben sind, denn der Entriegelungshebel der CBC liegt eigentlich nur ergonomisch günstig, wenn man die Waffe mit der linken Hand hält (was aber aus den bereits erwähnten Gründen nicht zweckmäßig ist).

Beherrscht man die bis hierher beschriebenen Tätigkeiten, hat man schon eine solide Grundlage im Umgang mit der Vorderschaftrepetierflinte und kann sich weiteren Themen zuwenden. Bevor man sich aber mit den einschlägigen Techniken hierzu beschäftigt, sollte man sich erst einmal darüber klar werden, was man alles tun kann, um Störungen schon im voraus zu vermeiden, bzw. unwahrscheinlich zu machen.

Das beginnt bereits mit der richtigen Munitionswahl. Nicht jede Patronensorte funktioniert in jeder Flinte gleich gut. Mancher Patronenrand wird nicht von jeder Auszieherkralle mitgenommen, manche Zündhütchen sprechen nicht gleich zuverlässig auf alle Schlagbolzentypen an und manche Verschlußabstände und Toleranzen bei Hülsen und Patronenlagern passen nicht so recht zueinander. Leider läßt sich das nicht mit einigen wenigen Schuß feststellen, man muß schon einiges an Testmunition aufwenden, um für die Auswahl seiner Einsatzmunition eine verläßliche Grundlage zu bekommen.

Andere Störungsursachen liegen in der falschen Handhabung der Waffe. So kann eine zu zaghafte oder nicht vollständige Repetierbewegung mit dem Vorderschaft zu diversen Störungen an der Waffe führen. Doch auch bei noch so sorgfältiger Handhabung ist man gegen das Auftreten von Störungen nie ganz gefeit, obwohl die Repetierflinten prinzipiell eine sehr zuverlässige Waffenart sind.

Automatische Störungsbehebung

Im Falle einer Störung kommt es darauf an, automatisch die richtigen Handgriffe auszuführen, um schnell wieder schußbereit zu werden. Auch hier macht es keinen Sinn, komplizierte Regelwerke zur Behebung von Störungen aufzustellen. Sinnvoller ist, einige wirkungsvolle Handgriffe eingedrillt zu haben, um auf die häufigsten Störungen schnell und automatisch zu reagieren. Erfolgt beim Abdrücken keine Zündung der Patrone, ist die Reaktion darauf ganz einfach: Beherzt durchrepetieren und sofort wieder abdrücken. Hat man ein solches Verhalten auf dem Schießstand geübt, indem ein Partner einem immer wieder einmal leere Hülsen zwischen den Patronen im Magazin geladen hat, verliert man wegen einer derartigen Störung kaum Zeit.

Eine andere Störung kann darin liegen, daß sich der Vorderschaft nach dem Schuß nicht zurückziehen läßt. Hier sieht das zu automatisierende Verhalten so aus, daß man die Flinte mit einer Hand am Vorderschaft und der anderen am Kolbenhals faßt und mit dem Kolben fest auf den Boden stößt. Dies reicht in der Regel aus, um auch hartnäckig im Patronenlager festsitzende Hülsen zu lösen. Schon wenn man diese beiden Techniken beherrscht und automatisiert, kann man einen Großteil der möglichen Störungen relativ schnell beheben.

Nächster Teil: Selbstverteidigung mit der Flinte (4)

(das Heft mit Teil 3 habe ich leider nicht)

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Dipl.-Ing. Manfred Ertl abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s