Schießtraining mit reaktiven Zielen

Luftballons an Mannscheiben erleichtern das sofortige Erkennen von Treffern.

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 10-1995.

Reaktive Ziele, bei denen jeder Treffer sofort erkennbar ist, machen das Training des Verteidigungsschießen nicht nur interessanter, sondern auch in vielen Bereichen effektiver. Als Ziele eignen sich Blechdosen genauso wie Luftballons oder „Pepper Popper“ und „Steel Plates“.

Das ernstfallorientierte Training mit der Schußwaffe ist zwar im wahrsten Sinne des Wortes eine todernste Angelegenheit, dennoch spricht nichts dagegen, daß dieses Training auch gelegentlich Spaß machen darf. Erst recht dann nicht, wenn mit unterhaltsamen Schießübungen konkrete Ausbildungsziele zielgerichtet verfolgt werden. Manche Ausbildungsziele lassen sich übrigens sogar mit unorthodoxen Trainingsmethoden wesentlich besser erreichen als mit einem phantasielosen Durchlöchern der bekannten Silhouettenscheiben. Die einfache Schlußfolgerung, in der das kampfmäßige Schießen mit dem Beschießen von Mannscheiben gleichgesetzt wird, ist ohnehin purer Unsinn und taugt bestenfalls dazu, ansonsten unverständliche Verwaltungsentscheidungen zu begründen oder für Combatschießkurse zu werben, die ihr Geld nicht wert sind. Damit soll natürlich nicht in Frage gestellt werden, daß einfarbige oder bunte Mannscheiben ein wichtiges Ausbildungsmittel für das Training von Gebrauchswaffenträgern darstellen.

Der Einsatz bestimmter Ausbildungsmittel garantiert aber weder die Qualität der mit ihrer Hilfe durchgeführten Ausbildung noch das Erreichen des angestrebten Ausbildungserfolgs. Wichtiger als eine effektvolle Ausgestaltung der Schießbahn ist, sich immer wieder deutlich zu machen, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten man bei einer Schießausbildung erlangen will und mit welchen Methoden und Mitteln man dies am besten erreicht. Dabei wird man häufig feststellen, daß sich zur Erreichung vieler Ausbildungsziele auch Schießübungen eignen, die auf den ersten Blick mehr nach „Fun Shooting“ oder „Plinking“ aussehen, oder aus anderen Gründen nicht in die landläufige stereotype Vorstellung vom ernstfallorientierten Schießen passen.

Augenblickliche Trefferwahrnehmung

Eine ganze Reihe von Beispielen hierzu läßt sich unter den Schießübungen finden, bei denen Ziele beschossen werden, die auf Treffer deutlich bemerkbar reagieren, im einfachsten Fall kann es sich dabei um Übungen handeln, bei denen Blechbehälter, wie sie z. B. für Farben oder Essiggurken verwendet werden, als Ziele dienen. Diese zeigen jeden Treffer sowohl optisch, durch die Bewegung des Ziel beim Einschlag, als auch akustisch an. Dadurch merkt der Schütze sofort, ob er getroffen hat, und kann sich in seinem Verhalten und Schießrhythmus auf die Bekämpfung weiterer Ziele einstellen. Beim Schießen auf Papierscheiben ist dies kaum möglich, da die kleinen Löcher auf der Scheibe in schnell ablaufenden Schießübungen und unter realistischen Beleuchtungsbedingungen nur sehr schlecht zu erkennen sind und eine Ermittlung der Treffer meist erst nach dem jeweiligen Durchgang möglich ist. In realen Feuergefechten ist es für das weitere Verhalten aber durchaus von Bedeutung, ob z. B. ein Revolverschütze, der drei unterschiedlich weit entfernten Gegnern gegenübersteht, nach den ersten zwei oder drei abgegebenen Schüssen mehrere Treffer verbuchen kann oder nur danebengeschossen hat. Im letzteren Fall wird gerade beim Revolver das Verhältnis von noch verfügbarer Munition zur Anzahl der weiteren kampffähigen Gegner schon recht ungünstig. Hier ist dann zu prüfen, ob z. B. die nächste Deckung nicht so nahe liegt, daß man lieber diese nutzt, als sich darauf zu verlassen, daß man mit den letzten Patronen schon noch treffen wird. Solche Entscheidungen müssen aber in Sekundenbruchteilen während des momentanen Schußwaffeneinsatzes fallen, und daher in den Schießübungen auch immer wieder vom Schützen abgefordert werden.

Eine Diskussion dieses Themas nach Abschluß des Durchgangs an Hand der Treffer auf der Papierscheibe ist zwar besser, als wenn das Thema überhaupt nicht behandelt wird, bringt aber nicht denselben Nutzen wie Trainingssituationen, in denen der Schütze laufend und unter Zeitdruck reagieren muß.

Im einfachsten Fall kann man derartige Entscheidungsprozesse so üben, daß man drei Blecheimer auf drei unterschiedlich weit entfernte Pfähle steckt und der Schütze auf diese Anordnung zugeht, bis er vom Ausbilder das Feuerkommando erhält. Danach beschießt er alle drei Ziele schnellstmöglich so lange, bis er sie sicher getroffen hat. Dabei fließen natürlich noch keine taktischen Überlegungen in das Verhalten des Schützen ein, aber er muß zumindest die Reaktionen der Ziele beobachten und bei Fehlschüssen schnell reagieren.

Beschießen kombinierter Zielscheiben

Schöner und auch effektiver ist natürlich, wenn man die Blechgefäße am Torso einer farbigen Mannscheibe anbringt. Die „Gefährlichkeit“ der Ziele wird durch die Bewaffnung bestimmt, die auf der jeweiligen Scheibe abgebildet ist. Der Schütze muß die Ziele dann in der Reihenfolge ihrer Gefährlichkeit bekämpfen (z. B. das Ziel mit „Maschinenpistole“ vor dem „Pistolenträger“). Da sich bei derartig präparierten Scheiben eine sofort registrierbare Trefferwirkung nur bei ganz bestimmter Treffpunktlage auf der Scheibe ergibt, kann man so auch zwischen wirksamen und unwirksamen Treffern unterscheiden. Wobei natürlich klar ist, daß in der Realität nicht nur Treffer im Brustbereich, sondern auch in die Extremitäten oder in den Kopf wirksam sein können.

Für die Ausbildung ist es aber zunächst einmal wichtiger, den Prozeß der ständigen Beurteilung der Wirksamkeit der eigenen Treffer und die daraus resultierenden Verhaltensänderungen zu verinnerlichen, als sich Gedanken darüber zu machen, welche anatomischen Zonen des menschlichen Körpers besonders empfindlich auf Treffer aus Faustfeuerwaffen reagieren. Im übrigen kann man die Ausgestaltung der Scheiben ja noch weiter treiben und z. B. am Kopf der Mannscheibe einen Luftballon oder eine tönerne Wurftaube anbringen, die auch sehr deutlich auf Treffer reagieren. Und wem der metallische Klang und die leichten Bewegungen der Blechdose als Reaktion auf einen Körpertreffer zu gering ist, der kann auch in der sogenannten vitalen Zone der Mannscheibe einen größeren Dachziegel anbringen, der bei großkalibrigen Einschlägen in der Regel zerspringt und in Bruchstücken zu Boden fällt. (Allerdings wird das Erneuern der Tonteile nach jedem Durchgang schnell lästig.)

Blechdosen als bevorzugte Ziele

Blechdosen eignen sich aber auch für andere Ausbildungsziele als das bis dahin geschilderte. So kann man mit verschieden großen Blechdosen recht gut die Technik des adaptiven Schießens trainieren. Dabei kommt es ja vor allem darauf an, die Intensität des Visiervorgangs, und damit die Zeit bis zur Schußabgabe, optimal an die nutzbare Trefferfläche anzupassen. Stellt man z. B. eine normale Konservendose neben einen Blecheimer fünf Meter vor sich auf und versucht dann, abwechselnd mit vier bis sechs Schuß diese Ziele so schnell wie möglich zu treffen, übt man diese Schießtechnik fast automatisch. Dabei wird man das größere Ziel auf diese Entfernung nahezu nur nach Körpergefühl anvisieren, während man bei der kleineren Dose in der Regel die Visierung nutzen wird. Einen ähnlichen Effekt kann man natürlich auch erzielen, wenn man gleich große Ziele benutzt und diese in verschiedenen Entfernungen aufstellt.

Statt Blechzielen kann man zum Üben der adaptiven Zielerfassung aber auch Ziele aus massivem Stahl verwenden. Gut eignen sich dazu z. B. die Stahlziele, die von den IPSC-Schützen benutzt werden. Gebräuchlich sind hier in erster Linie die sogenannten „Pepper Popper“ und „Steel Plates“. Die ersteren sind ca. 1 m hohe Stahlsilhouetten, deren Form ursprünglich von der des menschlichen Körpers abgeleitet wurde. „Steel Plates“ sind runde Stahlscheiben mit einem Durchmesser von ca. 20 cm. Da sich die Größe dieser beiden Ziele deutlich unterscheidet, sind sie natürlich auch unterschiedlich schwer zu treffen und eignen sich daher, nebeneinander aufgestellt, auch gut, um die adaptive Zielerfassung zu üben. Der Treffer wird dabei durch ein Abklappen des jeweilige Zieles angezeigt. Darüber hinaus kann man den genauen Trefferort jedes einzelnen Schusses auch deutlich machen, wenn man die Stahlziele nach einem oder mehreren Durchgängen mit einem Farbspray besprüht. Das geht schneller als das Abkleben der Papierscheiben und erfüllt denselben Zweck.

Neben dem adaptiven Schießen gibt es aber noch viele andere Themen aus dem Bereich der reinen Schießtechnik, bei denen die Stahlziele verwendet werden können. So eignen sie sich z. B. zum Training des schnellen Hüftschusses genauso, wie zum Üben des Schießens aus der Drehung. Und auch Standardübungen, wie das Ziehen auf Kommando und schnelle Beschießen zweier „Pepper Popper“ mit je einer Dublette, können mit diesen Zielen hervorragend durchgeführt werden.

Lassen sich die Ziele nach einem Treffer durch eine ferngesteuerte pneumatische Hilfe wieder aufrichten, so kann man derartige Übungsserien wesentlich schneller absolvieren als mit Papierscheiben, bei deren Verwendung die meiste Zeit nicht zum Schießen, sondern für den Gang zur Scheibe und das Abkleben verbraucht wird. Dies wirkt sich vor allem bei Kursen mit einer größeren Teilnehmerzahl negativ aus. Man muß sich aber immer darüber im klaren sein, daß man ohne Abkleben oder Absprühen lediglich feststellen kann, ob man getroffen hat, nicht aber, wie der Treffer im Ziel lag. Daher sollte man auch unter Zeitdruck und bei größeren Gruppen nie ganz auf die Auswertung der Scheibe verzichten, um nicht zum unsauberen Schießen zu erziehen, bei dem nur noch festgestellt wird, ob getroffen wurde, nicht aber, woran es lag, wenn die Scheibe nicht kippte.

Stahlziele und Papierscheiben

Stahlziele lassen sich aber auch mit beliebigen anderen reaktiven Zielen oder Papierscheiben kombinieren, um den Zielbau optimal auf ein bestimmtes Ausbildungsziel hin auszurichten. So kann man z. B. eine Papierscheibe auf einen „Pepper Popper“ kleben, der zusammen mit der Papierscheibe nur dann abklappt, wenn die Scheibe an einer der Stellen getroffen wurde, hinter der sich das Stahlziel befindet. Da ein „Pepper Popper“ bei den üblichen Silhouettenscheiben ungefähr die vitale Zone abdeckt, ergibt sich so wieder die Möglichkeit, unmittelbar nach der Schußabgabe zwischen wirksamen und unwirksamen Treffern zu unterscheiden und sein weiteres Verhalten danach auszurichten. Man kann „Pepper Popper“ aber auch so einstellen, daß sie bei Verwendung eines bestimmten Kalibers gerade noch kippen und somit nicht auf jeden Treffer reagieren, was auch wieder zum Training des Verhaltens bei nicht wirksamen Treffern genutzt werden kann.

Luftballons sind schwer zu bekämpfen

Andere Kombinationsmöglichkeiten der Stahlziele liegen auch hier wieder in der zusätzlichen Verwendung von Luftballons. Diese haben den großen Vorteil, daß sie sich bei entsprechender Befestigung ausgesprochen unruhig verhalten. Schon leichter Wind auf einem Außenschießstand oder die Luftströmung von Belüftungsanlagen in Schießkellern reicht aus, um die bunten Ballons in sehr unregelmäßige Bewegungen zu versetzen und sie so zu schwierig bekämpfbaren Zielen zu machen. Zwar entspricht das hektische Zucken der Ballons im Wind nicht unbedingt dem Ablauf menschlicher Bewegungen, doch die gleichförmige Bewegung entlang einer geraden Bahn, wie sie sonst von den üblichen beweglichen Zielen ausgeführt wird, tut dies schließlich auch nicht. Und um sich auf das reale Bewegungsverhalten von Gegnern einzustellen, sind Simulationswaffen, wie z. B. die Farbmarkierungswaffen, ohnehin besser geeignet. Da man das Schießen auf bewegliche Ziele aber natürlich auch einmal mit der Originalwaffe üben sollte, sind Ballons gar keine so schlechte Alternative. Außerdem ist es für die Schulung der Fähigkeit, jedes Ziel in optimaler Zeit zu treffen, sehr vorteilhaft, wenn man immer wieder in einer zusammenhängenden Übung auf Ziele unterschiedlicher Größe und mit unterschiedlichem Verhalten schießen muß. Wie flexibel ein Schütze in seiner Zielerfassung ist und wie einwandfrei er die schnelle Schießtechnik wirklich beherrscht, kann man z. B. gut sehen, wenn er in einer Übung unter Zeitdruck zuerst drei „Pepper Popper“ auf fünf Meter Entfernung und unmittelbar anschließend einen Luftballon auf zwanzig Meter treffen soll. An der Zeit und an der Zahl der abgegebenen Schüsse zeigt sich dann sehr deutlich, wer die Umstellung vom schnellen Schießen auf große, nahe Ziele zum gezielten Schuß auf den Ballon wirklich beherrscht. Häufig läßt sich bei dieser Standardübung beobachten, daß der Schuß auf das kleine Ziel viel zu schnell abgegeben wird, und dann zu schnell weitergeschossen wird, bis das Magazin oder die Trommel leer ist, ohne daß der Ballon zerplatzt wäre. Gerade Anfänger im schnellen Schießen die eben ihre ersten Erfolgserlebnisse hinter sich haben, müssen sich regelrecht zwingen, nach der ersten schnellen Serie auf das präzise Zielen „zurückzuschalten“, um das kleine Ziel zu treffen.

Derartige Übungen lassen sich natürlich auch mit Papier- oder Pappscheiben gestalten; der Lerneffekt ist, wie ich meine, aber größer, wenn gerade bei solchen Übungen die Fehler unmittelbar sichtbar werden.

Auch wenn hier eine ganze Reihe von Beispielen aufgeführt wurde, wie man das Erlernen von Combat-Schießtechniken interessanter und oft auch effektiver gestalten kann, als durch ewiges Dublettenschießen auf die Mannscheibe, sollte dennoch nicht der Eindruck entstehen, man könnte eine gesamte Ausbildung im Verteidigungsschießen mit Blechdosen und Luftballons durchführen.

Bezug zum Ausbildungsziel

Jedes Ausbildungsmittel muß immer in der richtigen Dosierung und an der richtigen Stelle zur Anwendung kommen, um ein bestimmtes Ausbildungsziel optimal zu erreichen. Hier sollte vor allem gezeigt werden, wie sich auch ernsthafte Ausbildung mit einfachen Mitteln interessanter und effektiver gestalten läßt. Dabei sind der Phantasie zwar keine Grenzen gesetzt, man muß allerdings aufpassen, daß sich bei derartigen Schießübungen immer ein klarer Bezug zu einem zweckmäßigen Ausbildungsziel ergibt und daß in den etwas freieren Übungen keine Verhaltensweisen erlernt werden, die sich zu anderen Ausbildungszielen kontraproduktiv verhalten, sondern man sollte sogar bewußt zusätzliche Elemente in die Übungen einbauen, die weitere Fertigkeiten schulen.

Eine Möglichkeit hierzu besteht z. B. darin, daß die Waffe nach der eigentlichen Übung nicht einfach überprüft und weggesteckt wird, sondern daß die Übung mit dem Nachladen der Waffe endet. Wird dies regelmäßig durchgeführt, eignet man sich ganz nebenbei die notwendige Routine im Nachladen an. Solche Elemente lassen sich natürlich ebenso in einen konventionellen Zielbau integrieren. Die Verwendung von reaktiven Zielen bringt aber auf vielen Ausbildungsgebieten einen Zusatzgewinn, den man doch zumindest gelegentlich nutzen sollte. Schließlich bringt dies gerade für einen Personenkreis, der ein hohes Schießpensum absolviert, auch eine gewisse Auflockerung in der Ausbildung.

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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