Der Woodward-Antrieb: Mit „seltsamem Schub“ in die Zukunft? (1) Charles Platts Artikel

Von Deep Roots (Eigentext, Übersetzungen und CAD-Grafiken); ursprünglich erschienen Ende 2015 auf „As der Schwerter“, hier in der aktualisierten Fassung vom 14. April 2017, wegen der Länge in drei Teilen nachveröffentlicht.

Dies ist ein für „As der Schwerter“ sehr ungewöhnlicher Beitrag, der thematisch weitab von den Themen liegt, die hier sonst meist behandelt werden. (Es ist auch ein sehr technischer und vor allem sehr langer, LANGER Beitrag.) Und doch paßt er zu unserer allgemeinen Ausrichtung, denn es soll darin ein Raumflugantriebsprinzip samt Konzepten zu seiner praktischen Anwendung vorgestellt werden, das – sollte die zugrundeliegende Physik bestätigt werden und eine technische Umsetzung mit geeignetem Wirkungsgrad und Leistungsgewicht machbar sein – künftigen Generationen der weißen Völker die Erforschung, Erschließung und Inbesitznahme des Sonnensystems in viel wirtschaftlicherer, bequemerer und schnellerer Weise ermöglichen könnte, als es mit chemischen, nuklearen, thermonuklearen oder elektrischen Raketenantrieben machbar wäre.

Hierbei handelt es sich um den Woodward-Antrieb, eine Anwendung des Woodward-Effekts, welcher auf einem der vorhergesagten Mach-Effekte beruht. Zur Erläuterung des theoretischen Hintergrundes und Vorstellung der bisher getätigten praktischen Arbeiten von Dr. James Woodward habe ich nachfolgend meine Übersetzungen eines Artikels von Charles Platt sowie des darin verlinkten Wikipedia-Eintrags eingefügt, woran sich meine eigenen, darauf aufbauenden Überlegungen und Zukunftsvisionen anschließen. Es wäre schön, wenn dieser Beitrag Tüftler und Theoretiker – womöglich künftige Wernher von Brauns und Hermann Oberths – zu eigenen Arbeiten in dieser Richtung anregen würde, auf denen die praktische Umsetzung für echte Raumfahrzeuge einmal aufbauen könnte.

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Seltsamer Schub: die unbewiesene Wissenschaft, die unsere Kinder im Weltraum antreiben könnte

Von Charles Platt (Original: Strange thrust: the unproven science that could propel our children into space, erschienen auf boingboing.net)

Seit vielen Jahrzehnten ist es eine Fantasie unter Weltraumenthusiasten gewesen, ein Gerät zu erfinden, das einen Nettoschub in eine Richtung produziert, ohne daß eine Reaktionsmasse nötig wäre. Natürlich ist ein reaktionsloser Weltraumantrieb dieses Typs unmöglich. Oder doch nicht? Von Charles Platt.

Seit ich alt genug war, um Science Fiction zu lesen, wollte ich den Mars besuchen. Sogar der Mond wäre besser als nichts. Leider ist es unwahrscheinlich, daß mich die Raketentechnologie innerhalb meiner Lebenszeit dorthin bringt.

Das Problem ist, daß Raketen ein schlechtes Mittel dafür sind. Selbst wenn sich ihre Sicherheitsbilanz verbessert, sind sie von Natur aus durch das Grundkonzept der Rückstoßmasse begrenzt. Heiße Gase müssen aus dem Heck schießen, damit ein Raumfahrzeug sich vorwärts bewegt, und dies bedingt die Mitführung einer Treibstoffzuladung, die Hunderte Male schwerer ist als die Nutzlast.

Seit H. G. Wells sich in „The First Men in the Moon“ ein schwerkraftabschirmendes Material vorstellte, haben Weltraumenthusiasten über Möglichkeiten fantasiert, um Schub ohne Notwendigkeit einer Reaktionsmasse zu erzielen. Leider scheint das unmöglich zu sein.

Oder doch nicht?

James Woodwards Büro, umgewidmet zu einem Labor zur Untersuchung der Verringerung der trägen Masse. Woodwards Werkbank befindet sich unten links, und die Torsionswaage befindet sich oben rechts.

Ich persönlich bin nicht mehr so bereit, das Wort „unmöglich“ noch zu verwenden. Im Oktober dieses Jahres beobachtete ich im Labor von Dr. James Woodward an der California State University in Fullerton (oben) ein Experiment in sehr kleinem Maßstab, das überraschend überzeugend war. Anders als all die Schwindeleien um die „freie Energie“, die man online sieht, verletzt Woodwards Apparat keine physikalischen Grundgesetze (er produziert nicht mehr Energie, als er verbraucht, und verletzt nicht Newtons drittes Gesetz). [Anm. d. Ü.: Newtons drittes Gesetz ist das Wechselwirkungs- oder Reaktionsgesetz: „Kräfte treten immer paarweise auf. Übt ein Körper A auf einen anderen Körper B eine Kraft aus (actio), so wirkt eine gleich große, aber entgegen gerichtete Kraft von Körper B auf Körper A (reactio).“] Auch hält Woodward keine Informationen über seine Methoden zurück. Er hat ein bei Springer veröffentlichtes Buch geschrieben, das in schonungslosem Detail erläutert, wie genau seine Anlage funktioniert – unter der Annahme, daß sie tatsächlich funktioniert. Er veröffentlichte seine Theorie in Foundations of Physics Letters, Band 3, Nr. 5, 1990, und es gelang ihm sogar, ein U.S.-Patent zu bekommen – Nummer 5.280.864, erteilt am 25. Januar 1994.

Ich hörte erstmals 1997 von ihm, als ich ihn für das Magazin Wired interviewte. Seine Ergebnisse waren damals vorläufig, und er war vorsichtig damit, irgendwelche Behauptungen zu machen. „Ich habe alle zwei Wochen Paranoia-Anfälle“, sagte er mir, „und dann versuche ich etwas anderes, um zu sehen, ob ich diesen Effekt zum Verschwinden bringen kann.“

Fast zwanzig Jahre später hat sich die Situation verändert. Dr. Heidi Fearn, eine theoretische Physikerin, die sich in Fullerton auf Quantenoptik spezialisiert, hat die Mathematik erarbeitet, von der sie glaubt, daß sie Woodwards experimentellen Beweis rechtfertigen kann. Wikipedia hat jetzt einen umfangreichen Eintrag über den Woodward Effect. [Anm. d. Ü.: Meine Übersetzung dieses Wikipeda-Artikels folgt weiter unten.] Das Space Studies Institute setzt sich für die Sache ein und lädt zu steuerlich absetzbaren Spenden ein.

Falls wirklich ein geringer Schub erzeugt werden kann, indem man Energie einsetzt, aber keine Rückstoßmasse, dann könnte das Prinzip angewandt werden, um Orbitabweichungen von Satelliten zu korrigieren. Falls der Effekt sich als vergrößerbar erweist, würde er eine bedeutende Wende für den menschlichen Raumflug bringen. Natürlich ist das ein großes „falls“; aber ich denke, daß Woodwards Idee mehr verspricht als alle anderen alternativen Antriebssysteme. Sie wäre unendlich attraktiver als Raketenmotoren.

Das Konzept beruht auf der Möglichkeit, die Masse eines Objekts zu verändern. Masse verändern? Wie kann das Sinn ergeben? Die Antwort ist mit der Allgemeinen Relativitätstheorie verbunden.

Masse ist nicht absolut

Wir neigen dazu, uns Masse als eine feststehende Menge vorzustellen, aber das ist nicht notwendigerweise so. Wir wissen bestimmt, daß Masse in Energie umwandelbar ist, wie dies täglich in Kernspaltungsreaktoren geschieht. Die Allgemeine Relativitätstheorie beschreibt auch eine Massenzunahme, die mit der Geschwindigkeit stattfindet, wenngleich der Effekt im Alltagsleben vernachlässigbar ist.

Wichtiger noch, laut dem verstorbenen Ernst Mach (1836 – 1916) hängt die träge Masse von einer Wechselbeziehung mit anderen Objekten im Universum ab.

Mach war ein österreichischer Physiker, dessen Name als Geschwindigkeitsmaß verwendet wird, wie „Mach 1“, die Schallgeschwindigkeit auf Meereshöhe. Er war ein Zeitgenosse von Einstein, dem er ein Gedankenexperiment vorschlug: Was, wenn es nur ein Objekt im Universum gäbe? Mach argumentierte, daß es keine Geschwindigkeit haben könnte, weil man laut der Relativitätstheorie mindestens zwei Objekte braucht, bevor man ihre Geschwindigkeit relativ zueinander messen kann.

Um dieses Gedankenexperiment einen Schritt weiter zu führen: Wenn ein Objekt allein im Universum wäre, und es keine Geschwindigkeit hätte, könnte es keine meßbare Masse haben, weil die Masse mit der Geschwindigkeit variiert.

Mach schlußfolgerte, daß es träge Masse nur gibt, weil das Universum mehrere Objekte enthält. Wenn ein Kreisel rotiert, widersetzt er sich Verschiebungen, weil er mit der Erde, den Sternen und fernen Galaxien wechselwirkt. Falls diese Objekte nicht existieren würden, hätte der Kreisel keine Trägheit.

Einstein war von diesem Konzept fasziniert und nannte es „Machs Prinzip“. Es ist nie widerlegt worden, aber es schien keine Anwendung zu haben, bis James Woodward zur Überzeugung kam, daß Masse sich unter bestimmten Umständen vorübergehend ändern kann.

Der unkonventionelle Professor

Woodward ist ein ungewöhnlicher Charakter. Nun in seinen Siebzigern, reicht sein Interesse am Finden einer Alternative zum raketengetriebenen Raumflug bis in seine Jugend zurück. „Ich erhielt einen Bachelorabschluß in Physik“, erklärt er, „und ging weiter an eine Hochschule für Physik, und an diesem Punkt war es offensichtlich, daß ich nie einen Job als Physikergeselle bekommen würde, wo irgend jemand mich an so etwas arbeiten lassen würde. Daher änderte ich meinen Beruf auf Wissenschaftsgeschichte, in dem ich angestellt sein konnte, während ich meine Ziele in meiner Freizeit verfolgte.“ Anscheinend nahm er an, daß er solo daran arbeiten könnte. „Wenn man nicht an einem Problem arbeitet, löst man es nicht“, sagt er lakonisch.

Er erhielt sein Doktorat in Geschichte an der University of Denver, wo seine These die Gravitation zum Thema hatte. Er bemerkt nachdenklich: „Ich dachte nie, daß es bis 1989 dauern würde, um herauszufinden, daß das einzig Sinnvolle Machs Prinzip war, das besagt, daß Aktion auf Distanz die Art ist, wie die Realität ist.“

Er begann Bauteile und Ausrüstung mit seinem eigenen Geld zu kaufen und richtete allmählich ein Labor in seinem Büro in Fullerton ein. Wenn er kleine Teile brauchte, die es nicht gab, lernte er sie sich selbst zu bauen, mit Hilfe eines freundlichen Maschinisten, der die Universitätswerkstatt leitete. Nach vielen Durchläufen und einer Menge mühsamer Anfertigungsarbeit hat er nun einen Tischdemonstrator, den er für mich laufen ließ, als ich ihn besuchte.

Dr. James Woodward und Dr. Heidi Fearn vor den Datenüberwachungs- und Datenerfassungssystemen.

Heidi Fearn – die Physikerin, die seine Mathematik überprüfte – erhielt ihren Doktorgrad in Physik an der Essex University in England und unterrichtet seit 1991 Physik in Fullerton, wo sie Woodward seit mehr als zwanzig Jahren gekannt hat. (Die beiden sind oben zu sehen.) Sie interessierte sich nicht ernsthaft für seine Arbeit, bis sie entdeckte, daß Stapel seiner Ausrüstung unerwartet in ihr internes Büro übersiedelt worden waren, während sie in Urlaub war. Da sie um Woodwards Projekt nun nicht herumkam, begann sie die Experimente zu beobachten. „Ich sah, daß es nicht nur experimenteller Lärm war“, erinnert sie sich. „Es war ein sehr deutlicher Effekt, bei jedem Durchlauf. Es war ein riesiges Signal, relativ gesprochen. Man kann solch ein Signal nicht von nichts bekommen. Etwas geschah offenkundig, und es war nichts, das ich sehr leicht erklären konnte.“

Fearn hat immer noch einen britischen North-Country-Akzent und kommt als sehr praktische, pragmatische Persönlichkeit rüber – überhaupt nicht der Typ, von dem man erwartet, daß es ihn zu unkonventioneller Wissenschaft hinzieht. Tatsächlich war sie skeptisch bezüglich Woodwards Ideen und war überrascht, als sie an der theoretischen Grundlage nichts Falsches fand.

Sie wurde, wie sie es ausdrückt, „zu neunundneunzig Prozent überzeugt“, und begann informell an dem Projekt mitzuarbeiten, während sie immer noch an der Universität Physik unterrichtet. Sie kaufte mit ihrem eigenen Geld etwas Testausrüstung, zusammen mit Modellierungssoftware, die sie für die Konstruktion des nächsten Prototyps verwenden möchte. „Zur Zeit bin ich eine Theoretikerin, aber ich ertappe mich dabei, wie ich Versuch und Irrtum anwende“, sagt sie. „Ich fühle mich damit nicht wohl. Jim hat mehr als zwanzig Jahre lang herumgebastelt. Ich möchte dorthin kommen, wo ich etwas Optimales vorschlagen kann.“

Ihr Ziel ist, den Effekt um eine Größenordnung hochzuskalieren.

Die Methode

Und wie genau funktioniert das? Die Idee ist, ein kleines Objekt zu beschleunigen, während man seine Energie verändert. Wenn zum Beispiel das kleine Objekt ein Kondensator ist, der mit relativ hoher Frequenz vibriert, und die elektrische Ladung darin mit dem Doppelten dieser Frequenz fluktuiert, sollte die Masse des Kondensators ebenfalls fluktuieren. Als Woodward mir 1997 davon erzählte, fragte ich ihn, warum solch ein leicht zu beweisendes Phänomen nie von irgend jemand anderem bemerkt worden ist. „Vielleicht weil die Leute normalerweise nicht herumgehen und Kondensatoren abwiegen“, sagte er.

Im Prinzip könnte man das selbst ausprobieren, indem man einen Stereoverstärker verwendet, um einen Lautsprecher zu betreiben, der für den Zweck umgewidmet wurde, einen Kondensator mit, sagen wir, 20 kHz vibrieren zu lassen, während man gleichzeitig den Kondensator mit 40 kHz auflädt und entlädt. Dies wäre solch ein einfaches Experiment, daß man es um vielleicht 50 Dollar aufbauen könnte, aber die Herausforderung wäre die Messung der kleinen Masseveränderungen, die auftreten sollen. Man hätte auch ein großes Problem mit der Ausschließung äußerer Faktoren wie elektromagnetische Felder, Vibrationen, Luftströmungen, Temperaturveränderungen und vieles mehr.

Ein Stapel piezoelektrischer Scheiben, der in einem von Woodwards Experimenten verwendet wird. Der Raster im Hintergrund hat eine Teilung von 1/10“ (2,54 mm).

Zur Bewältigung dieser Probleme verwendete Woodward eine Vakuumkammer, in die er piezoelektrische Elemente mit einem Durchmesser von etwa 3/4“ (ca. 19 mm) plazierte, die sich biegen, wenn sie elektrischem Strom ausgesetzt werden. Zwischen den Elementen befinden sich Metallscheiben, und die Kondensatorkapazität zwischen den Scheiben verändert sich, während sie vibrieren. Die resultierende Kraft ist winzig, aber er ist davon überzeugt, daß sie meßbar ist. Eines seiner Schubgeräte ist oben abgebildet.

Die Anwendung

Warum sollte dies einen Raumflugantrieb ermöglichen? Hier ist ein weiteres Gedankenexperiment: Wenn zwei Kisten auf Rädern durch eine Stange verbunden sind und eine der Kisten einen Motor enthält, der eine Kurbel dreht, welche die Stange hin- und her zieht und stößt, dann werden die Kisten sich voneinander weg und wieder aufeinander zu bewegen. Wenn sie gleich viel wiegen, dann wird das Stoßen und Ziehen die Kisten in gleichem Maß bewegen, und sie werden nirgendwohin kommen. Diese Abfolge wird hier gezeigt:

Gedankenexperiment 1 zur Trägheit: In diesem Gedankenexperiment dreht ein Motor in der linken Kiste eine Kurbel, die mit der rechten Kiste verbunden ist. Da beide Kisten von gleichem Gewicht und auf Rädern montiert sind, bewegen sie sich auseinander und dann wieder aufeinander zu und landen an derselben Stelle.

Nehmen wir jedoch an, daß das Gewicht der Kiste, die den Motor enthält, kurzzeitig verringert wird, während sie die andere Kiste zieht. Nun ist sie vorübergehend leichter, sie bewegt sich weiter auf die zweite Kiste zu, und die beiden landen ein wenig von der Ausgangsstelle entfernt. Dies wird hier gezeigt:

Gedankenexperiment 2 zur Trägheit: Wenn das Gedankenexperiment so verändert wird, daß die linke Kiste eine kurzzeitige Massenverringerung erfährt, sind die beiden Kisten am Ende leicht nach rechts verschoben.

Stellen Sie sich schlußendlich vor, daß die beiden Kisten sich in einem Raumschiff befinden, wo die zweite Kiste am Boden festgeschraubt ist. Das Ergebnis ist ein Schub, der eine periodische Nettokraft in eine Richtung ausübt.

Dies verletzt nicht Newtons drittes Gesetz; es paßt einfach die Folgen an, indem die träge Masse variiert wird. Genausowenig verletzt es das Prinzip der Erhaltung der Energie, denn das System benötigt Energie zu seinem Betrieb. Es könnte diese Energie von Solarpaneelen oder von einem kleinen nuklearen Bordreaktor beziehen.

Der Apparat

Der Demonstrationsapparat, der in Woodwards Büro steht, enthält eine sehr empfindliche Torsionswaage. Die Waage ist ein horizontaler Balken, der auf senkrechten E10 C-Flex Festkörpergelenken montiert ist. Jede Querkraft an einem Ende des Balkens wird es ein wenig bewegen, bis die entgegengesetzte Kraft durch die Verdrehung der beiden dünnen Metallstreifen in den Festkörpergelenken gleich groß ist.

Die Torsionswaage befindet sich in einem luftleer gepumpten Acrylglaszylinder. Der Hartholzrahmen ist nivelliert und wird durch Bleigewichte (die grauen Ziegel im Bild) stabilisiert, um Vibrationen zu minimieren.

Die Torsionswaage ist völlig von einer etwa zwei Fuß (ca. 61 cm) langen, zylindrischen Vakuumkammer aus Acrylglas umschlossen, wie oben gezeigt. Die Kammer wird von einem komplizierten Holzrahmen gestützt, der durch ziegelgroße Bleiplatten stabilisiert wird, um äußeren Vibrationen zu widerstehen. Der Apparat ist so empfindlich, daß ihn die kleinsten seismischen Ereignisse auslösen können.

Als ich das Labor besuchte, sah ich zu, wie Woodward die Apparatur für eine Vorführung einrichtete. Es ist ein liebenswürdiger, bescheidener Mann, der Momente des selbstironischen Humors genießt, aber eine stille, unerbittliche Entschlossenheit zeigt. Er hat immerhin dieses Projekt ohne äußere Hilfe ein paar Jahrzehnte lang verfolgt.

„Die Idee ist, einen Durchgang zu machen, wo die Kraft in eine Richtung wirkt, dann die Schubrichtung umzukehren und es wieder laufen zu lassen“, erläutert er. „Dies eliminiert fast alle offenkundigen äußeren Faktoren.“

Weil das Schubgerät, das er von Hand gebaut hat, so klein ist, übt es nur eine geringe Kraft aus. „Die Leute sagten, ich bräuchte 100 Mikronewtons, oder ein Millinewton“, bemerkt er, während er sich vor ein paar Videomonitore und Oszilloskope setzt. „Ich sagte, für eine rationale Person braucht man nur eine Schubstärke, die man im Bereich von drei bis fünf Sigma sehen kann.“ Dennoch würde er gern eine dramatischere Vorführung machen. „Wir gehen langsam zu etwas über, das genauso sehr eine technische Entwicklung ist wie eine fortlaufende wissenschaftliche Untersuchung. Die wahren Probleme drehen sich jetzt mehr darum, die Technik richtig hinzukriegen, als zu verifizieren, daß der Effekt existiert.“

Ist er also völlig zuversichtlich bezüglich der Theorie?

„Die Theorie befindet sich jetzt schon seit mehr als fünfzehn Jahren in der von Experten geprüften Literatur, wenn also offenkundig etwas daran falsch wäre, hätte wahrscheinlich mehr als eine Person gesagt, daß sie nicht stimmt. Sie hat etwas Kritik auf sich gezogen, aber nicht die Art, die sich darüber beschwert, daß etwas Bestimmtes falsch ist, und zeigen kann, daß tatsächlich etwas Bestimmtes falsch ist.“

Datenüberwachung und –erfassung.

Er löst einen Stromimpuls in das Schubgerät aus. Er muß kurz sein, weil der Strom bedeutende Wärme erzeugt. Ein optischer Sensor spürt die Bewegung der Waage auf. Eine Linie auf dem Bildschirm vor mir zuckt hoch und fällt dann auf ihr vorheriges Niveau zurück, als der Puls endet. Sein Aufbau aus Überwachungs- und Erfassungsausrüstung ist oben dargestellt.

„Jetzt“, sagt Woodward, „werde ich die Schubrichtung umkehren.“

Nach einem Durchgang wird die Waage teilweise aus dem Zylinder gezogen, damit das Kästchen aus Mu-Metall, das das Schubgerät enthält, umgedreht werden kann. Dann wird das Kästchen aus Mu-Metall umgedreht, um zu verifizieren, daß der nächste Durchgang eine Kraft erzeugt, die annähernd gleich und entgegengesetzt jener im vorherigen Durchgang ist.

Dies ist keine triviale Prozedur. Er muß den Zylinder öffnen und das Kästchen aus Mu-Metall händisch umdrehen, wie oben gezeigt. Dann muß er den Zylinder wieder abdichten und das Vakuum wiederherstellen, was eine Menge Pumpzeit erfordert.

Während die Pumpe läuft, gehen wir für eine Stunde essen, und er plaudert etwas mehr über seine Arbeit. Er lacht, als ich ihn frage, ob er versucht habe, Geld aus der privat finanzierten Weltraum-Gemeinschaft zu erhalten. Dann hält er inne, um seine Antwort sorgfältig zu formulieren. „Diejenigen, die Mitspieler im Bereich fortschrittlicher Antriebe sind“, sagt er, fühlen sich aus welchem Grund auch immer dazu verpflichtet, den Leuten die Erwägung ernsthafter Alternativen zu ihrem bestimmten Vorhaben auszureden. Ich denke, sie haben vielleicht echt das Gefühl, der Öffentlichkeit einen Dienst zu erweisen, wenn sie sagen: ‚Gebt kein Geld für das aus, das kann auf keinen Fall funktionieren’“. Er schenkt mir ein schiefes Lächeln. „Aber ihre eigenen Projekte sind alle gescheitert.“

Als wir wieder zurück ins Büro kommen, ist genug Luft aus dem Zylinder gepumpt worden, um einen weiteren Durchgang zu ermöglichen, und wirklich ist der Effekt gegensätzlich und annähernd gleich. „Die rote Linie ist die Spannung im ganzen Gerät“, erläutert Woodward. „Dies hier ist das Antriebssignal, das in den Verstärker geht. Die gelbe Linie ist der Beschleunigungsmesser, die blaue Linie ist die Wellenform der Spannung im Kondensator.“ Er zuckt die Achseln. Er hat dieses Phänomen Tausende Male gesehen.

Der nächste Schritt

Naheliegenderweise wäre der Woodward-Effekt unmittelbarer überzeugend, wenn er soweit skaliert werden könnte, daß man die Waage schwingen (oder noch besser, die Kraft fühlen) kann. Deshalb beharren er und Heidi Fearn eisern darauf, daß das verbleibende Problem eines der technischen Verfeinerung ist. Die Piezo-Scheiben, die Woodward verwendet, waren nur zufällig billig erhältlich, als er nach überzähliger Elektronik suchte. Haben sie die optimale Größe? Er ist nicht sicher. Ist der Effekt proportional dem Quadrat der Stromfrequenz, wie es die Theorie behauptet? Fearn denkt das, aber solange ihre Modellierung nicht fertig ist, weiß sie es nicht wirklich.

Was, wenn sie bloß einen Nebeneffekt des Spannungspulses messen? „Nun, es ist nichts Thermisches, und es ist keine Vibration“, sagt sie. „Wir haben bei dieser Waage alle Arten von Dämpfung vorgenommen. Wir haben alles eliminiert, das uns einfällt.“

Sie haben mit dem Konzept des Crowdfunding gespielt. Als Prämie könnten sie ein paar piezoelektrische Schubgeräte aus früheren Iterationen des Experiments herschenken. Vielleicht würden diese mühsam handgemachten Module eines Tages, falls der Woodward-Effekt es Menschen ermöglicht, zu anderen Planeten abzuheben, einen bedeutenden historischen Wert haben. Das Problem ist, daß Crowdfunding eine erhebliche Investition von Zeit erfordert, die produktiver für Forschungen verwendet werden könnte.

Ein paar unabhängige Anstrengungen sind unternommen worden, um Woodwards Arbeit zu replizieren, mit vorläufigen Ergebnissen, die ermutigend zu sein scheinen. Mehr werden benötigt. Dies sollte keine zu große Herausforderung sein, nachdem der Herstellungsprozeß in seinem Buch so detailliert beschrieben ist. Es ist interessant, daß, während Raketen immer noch mit Technik auf hohem Niveau und einem unattraktiv hohen Risiko verbunden sind, ein alternatives Prinzip von einer einzelnen Person in einem kleinen Büro erprobt werden kann, unter Verwendung von Teilen, die entweder im Handel erhältlich oder relativ leicht herzustellen sind. Die Kosten sind relativ bescheiden. Die potentiellen Vorteile könnten bedeutend sein.

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Ende des übersetzten Artikels von Charles Platt. Als Nächstes folgt meine Übersetzung des darin verlinkten Wikipedia-Eintrags über den Woodward-Effekt:

Der Woodward-Antrieb: Mit „seltsamem Schub“ in die Zukunft? (2) Übersetzung des Wikipedia-Artikels

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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