Frank Herberts „Dune – Der Wüstenplanet“, richtig gelesen

Ornithopter, die in „Dune“ verwendeten Schlagflügelflugzeuge, fliegen durch einen Einschnitt im Schildwall in die offene Wüste von Arrakis hinaus.

Von Lucifex (Original hier), unter Verwendung von Zitaten aus „Dune“ und aus Greg Johnsons Artikel dazu sowie zweier Videos aus David Lynchs Dune-Verfilmung. Die Bilder sind – mit Ausnahme der Karten – Illustrationen von John Schoenherr zu „Dune“.

„Das Fazit der Dune-Trilogie ist: nehmt euch vor Helden in Acht. [Es ist] viel besser, sich auf sein eigenes Urteil und auf seine eigenen Fehler zu stützen.“ („The bottom line of the Dune trilogy is: beware of heroes. Much better [to] rely on your own judgment, and your own mistakes.“

Frank Herbert, 1979.

Dune zielte auf diese ganze Idee vom unfehlbaren Führer ab, denn meine Sicht auf die Geschichte sagt, daß Fehler, die von einem Führer (oder im Namen eines Führers) gemacht werden, durch die Zahlen derer multipliziert werden, die ohne zu fragen folgen.“ („Dune was aimed at this whole idea of the infallible leader because my view of history says that mistakes made by a leader (or made in a leader’s name) are amplified by the numbers who follow without question.“

Frank Herbert, 1985.

Vor Kurzem habe ich Frank Herberts Science-Fiction-Roman „Dune“ („Der Wüstenplanet“) wieder einmal gelesen. Das Buch handelt ganz im Sinne dessen, was George R. R. Martin in Bat Durston, oder: Das Herz im Widerstreit über die Essenz guter Literatur geschrieben hat, von Liebe und Treue, von Ehre und Stolz versus Schändlichkeit, Intrigen und Verrat, von Mitleid und Grausamkeit, Leidenschaft und Opferbereitschaft und vom menschlichen Herz, das mit sich selbst im Widerstreit liegt. Aber es ist eines ganz bestimmt nicht: das Plädoyer für einen angeblich als Regierungsform überlegenen „archäofuturistischen“ Feudalismus, als den Greg Johnson es in Archeofuturist Fiction: Frank Herbert‘s Dune (deutsche Übersetzung hier) interpretiert hat.

Dies hat mich zu meiner eigenen vorliegenden Darstellung veranlaßt. Warnung 1: Darin werden Spoiler enthalten sein, aber das macht nicht allzu viel, da das Werk bei allen sonstigen Qualitäten die erzählerische Schwäche aufweist, selbst zu viel vorab zu verraten: Der Hauptschurke Baron Harkonnen erklärt in Besprechungen mit seinen Leuten und in seinen privaten Gedanken immer wieder, was er vorhat und wie er Dr. Yueh, den Arzt der Familie Atreides, zum Verrat erpreßt hat, und Yueh bestätigt das selbst in seinen gewissensgeplagten Gedanken, sodaß für den Leser nur noch die Einzelheiten neu sind, wenn der Angriff tatsächlich stattfindet. Und am Beginn jedes Kapitels steht ein Zitat aus einer der Schriften der Imperatorstochter Irulan, die darin in offenbarer Unkenntnis des Begriffs „Spoileralarm“ erkennen läßt, was später geschehen wird. Wer dennoch Spoilern ausweichen möchte, überfliegt am besten den Schluß der Inhaltszusammenfassung und scrollt zu „Interpretationen“ hinunter. Warnung 2: Für SF-Muggels wird dieser Artikel definitiv zu lang sein.

Der Kosmos von Dune

„Als mein Vater, der Padischah-Imperator, vom Tode Herzog Letos – und von der Art, auf die er umkam – unterrichtet wurde, bekam er einen Wutanfall, wie wir ihn bis dahin nie gekannt hatten. Er beschuldigte meine Mutter und die Organisation, der sie angehörte, ihm eingeredet zu haben, er müsse eine Bene Gesserit auf den Thron setzen. Er verwünschte die Gilde ebenso wie den tückischen alten Baron. Er verfluchte jeden, der sich in seiner unmittelbaren Nähe aufhielt und nahm nicht einmal mich davon aus und sagte, ich sei eine Hexe wie alle anderen. Als ich versuchte, ihn mit den Worten zu beruhigen, daß dies auf der Basis eines alten Gesetzes der Selbstverteidigung geschehen sei, dem auch die meisten früheren Herrscher ihre Zustimmung nicht versagt hätten, knurrte er mich an und fragte, ob ich ihn für einen Schwächling hielte. Ich verstand schließlich, daß sein Zorn nicht der Tatsache galt, daß Herzog Leto aus dem Leben geschieden war, sondern was dies für den Adel an sich – und sein Ansehen – bedeutete. Aus heutiger Sicht glaube ich zu erkennen, daß er bereits damals schon von Vorahnungen über sein eigenes Schicksal gequält wurde, was darauf zurückzuführen ist, daß er und Muad’dib der gleichen Linie entstammten.“

„Im Hause meines Vaters“, von Prinzessin Irulan (am Beginn von „Zweites Buch: Muad’dib“).

Morgendämmerung beim Palast von Arrakeen, der alten Hauptstadt von Arrakis.

Dune spielt einundzwanzig Jahrtausende in der Zukunft und zehn Jahrtausende nach einer „Butler’s Djihad“ genannten Revolte, seit der ein Verbot von Computern und Robotern mit künstlicher Intelligenz besteht, das verschiedene Organisationen zur Weiterentwicklung der menschlichen Fähigkeiten veranlaßt hat. Die politische Ordnung des von Menschen besiedelten Teils der Galaxis beruht auf einem Gleichgewicht zwischen drei Hauptkräften: der Raumgilde, dem nur aus Frauen bestehenden Orden der Bene Gesserit und einer Feudalaristokratie mit einem Padischah-Imperator an der Spitze.

Die Raumgilde hat das Monopol auf die interstellare Raumfahrt und kontrolliert durch ihre Transportgebühren die Preise für interstellar gehandelte Güter. Alle anderen Akteure, auch die Adelshäuser einschließlich des Imperators, sind darauf angewiesen, ihre nicht mit Überlichtantrieben ausgestatteten Raumschiffe von der Gilde in ihren gigantischen Heighlinern in andere Sonnensysteme mitnehmen zu lassen. Die Gilde garantiert vordergründig ihre Neutralität zwischen den Adelshäusern und bietet Verlierern von Konflikten die Möglichkeit, auf ihren außerhalb des Imperiums liegenden neutralen Planeten Tupile ins Exil zu gehen. Da die Kommunikation zwischen den Sonnensystemen ebenfalls nur über die Gildeschiffe läuft, hat die Gilde auch das Monopol des interstellaren Bankwesens. All dies verschafft der Gilde eine enorme Macht, die es den Aristokraten verunmöglicht, gegen sie vorzugehen. Als Konsequenz des Computerverbots sind die Gildenavigatoren neben ihrer gesteigerten mathematischen Begabung auf die hellseherischen Fähigkeiten angewiesen, die ihnen die bewußtseinserweiternde Droge Melange, meist einfach Gewürz genannt, für die Wahl des richtigen Kurses gibt, wenn sie den Raum mit den Holtzman-Generatoren ihrer Sternenschiffe falten. Dieses Gewürz, das außerdem die menschliche Lebensspanne auf bis zu drei Jahrhunderte verlängern kann und auch von anderen wie den Bene Gesserit und den Mentaten für ihre Zwecke genutzt wird, ist die wertvollste Substanz im bekannten Universum, und da es nicht synthetisiert werden kann und nur auf dem Wüstenplaneten Arrakis alias Dune vorkommt, ist diese Welt eine der wichtigsten und am profitabelsten auszubeutende der Galaxis.

Die Schwesternschaft der Bene Gesserit, ein Orden nicht-zölibatärer Philosophen-Nonnen, nutzt eine andere Art der Steigerung menschlicher Fähigkeiten als Alternative zum Computereinsatz sowie damit verbunden eine andere Art der Ausübung von Macht und Einfluß. Sie betreibt ein über Jahrtausende laufendes Zuchtprogramm zur Förderung von Intelligenz, Wahrnehmungsvermögen, seherischen Fähigkeiten und Kontrolle der Körperfunktionen, und sie schult ihre Mitglieder in der Anwendung dieser Fähigkeiten, auch für die psychische Beeinflussung anderer Menschen sowie im Nahkampf. Als Folge davon haben die Bene Gesserit ein nach heutigen Maßstäben übermenschliches Niveau erreicht und werden häufig für Hexen gehalten, denen man mißtraut.

Nach außen hat der Orden den Anspruch, „bloß zu dienen“, aber er zieht es vor, das wahre Ausmaß seiner Macht zu verbergen und seinen Einfluß aus dem Hintergrund auszuüben. Mit seinem Programm „Missionaria Protectiva“, streut er unter den Bewohnern unterentwickelter Planeten Aberglauben und religiöse Prophezeiungen aus, die von Ordensmitgliedern genutzt werden können, um dort Hilfe und Unterstützung zu gewinnen. Auch werden immer wieder Bene Gesserit mit Aristokraten verheiratet oder als Konkubinen verpaart, sowohl als Teil des Zuchtprogramms sowie zwecks Beeinflussung des Adels bis hinauf zum Imperator. Die Ehrwürdigen Mütter der Bene Gesserit können unter der Wirkung einer Wahrheitsdroge die Erinnerungen ihrer Vorfahrinnen abrufen, aber keine ihrer männlichen Vorfahren, während noch kein Mann den Versuch mit dieser Droge überlebt hat.

Das Fernziel der Schwesternschaft ist daher die Züchtung eines männlichen Bene Gesserit, des sogenannten Kwisatz Haderach – „der an vielen Orten zugleich sein kann“, oder auch „die Abkürzung des Weges“ -, der sowohl in die männlichen wie auch in die weiblichen Vergangenheiten schauen kann. (Die Bezeichnung „Kwisatz Haderach“ ist offensichtlich vom hebräischen Begriff „k’fitzat haderech“ abgeleitet, der ebenfalls „Abkürzung des Weges“ bedeutet und sich in der realen Welt auf heilige Männer der Chassidim bezieht, denen die magische Fähigkeit der Teleportation zugeschrieben wird.) Der Kwisatz Haderach soll den Bene Gesserit helfen, die Menschheit auf den richtigen Weg zu leiten, aber ihre Pläne explodieren ihnen ins Gesicht, als der Erwartete in Gestalt von Paul Atreides um eine Generation zu früh auftritt und ausgerechnet auf der Grundlage der von ihnen unter den Fremen von Arrakis eingeführten Prophezeiungen zu deren Mahdi wird.

Interessanterweise haben die Bene Gesserit und die Raumgilde nach Butlers Djihad in zweierlei Hinsicht zusammengearbeitet, um die galaktische Zivilisation nach ihren Bedürfnissen zu formen: Sie haben die Standardisierung der Religion betrieben, und die Gilde, deren Mitglieder Atheisten waren, hat das nur getan, um eine stabile Gesellschaftsordnung zu fördern, von der sie profitieren konnte. Und statt aktiv und offen die Macht über die Menschheit zu ergreifen und direkt zu herrschen, richteten sie das galaktische Imperium als Feudalsystem ein, in dem sie die Macht vordergründig mit dem Imperator und den Großen Häusern teilten. Paul kommt später zu dem Schluß, daß die Gilde und die Bene Gesserit dies aus dem Glauben taten, daß jedes politische Imperium endlich ist und früher oder später endet, und daß der einzige Weg, um ihre fortgesetzte Existenz zu garantieren, darin bestand, ein „Parasit“ zu sein und eine imperiale Dynastie zu stützen, bis sie zusammenbricht, und dann einfach mit ihrer Unterstützung zur nächsten Dynastie zu wechseln. Also zwei Hintergrundmächte – die eine mit manipulativen soft skills, die auch eine Art Esther-Strategie anwendet, die andere mit zwei wichtigen wirtschaftlichen Monopolen, davon eines im Bankwesen -, die sich eine Aristokratie als vorgeschobenes Herrschaftsmittel halten – genau das, was ich euch bezüglich der realen Aristokratie und der Juden auch immer wieder sage!

Das galaktische Feudalsystem besteht aus dem Herrscherhaus Corrino, das zur Zeit von Dune mit Shaddam IV. bereits den 81. Padischah-Imperator stellt, den anderen Hohen oder Großen Häusern, die ganze Planeten als Lehen haben, und den Kleinen Häusern, deren Territorien nur Teile von Planeten umfassen. Diese Häuser haben ein gemeinsames Forum in Form des sogenannten Landsraad, in dem zwar der Imperator die Oberleitung hat, der aber auch die anderen Häuser davor schützen soll, vom Imperator einzeln mit seinen Sardaukar-Elitetruppen ausgeschaltet zu werden. Die Adelshäuser haben sogenannte Mentaten als Berater, von der Medizinerschule der Bene Tleilax gezüchtete „menschliche Computer“ mit fotografischem Gedächtnis, einer besonderen logischen Begabung und der entsprechenden Ausbildung.

Für die Regelung von Konflikten zwischen einzelnen Häusern, dem Imperium und der Raumgilde gibt es die sogenannte Große Konvention, deren oberste Regel den Einsatz von Atomwaffen gegen Menschen verbietet. Eine weitere Regel namens Dictum Familia verbietet, eine Person königlichen Geblüts oder einen Angehörigen der Großen Häuser auf heimtückische Weise umzubringen, und schreibt vor, unter welchen Umständen persönliche Angriffe zugelassen sind. Die Große Konvention beginnt zwar mit den Worten: „Die Formen müssen gewahrt bleiben…“, aber in der Praxis scheint das eher im Sinne von „Der Anschein der Wahrung der Formen muß gewahrt bleiben“ aufgefaßt und durch die inoffizielle Zusatzregel „Du sollst dich nicht erwischen lassen“ ergänzt zu werden, denn heimtückische Angriffe bis hin zu Giftmorden sind üblich und werden als Berufsrisiko für Aristokraten betrachtet. Also nichts da mit „striktem Ehrenkodex“, wie Greg Johnson meint. Nur das Verbot des Einsatzes von Atomwaffen, die aber trotzdem jedes Haus für alle Fälle bereithält, wird eingehalten, aber auch nicht aufgrund irgendwelcher Ehrenprinzipien, sondern nur aus Angst vor der als Konsequenz angedrohten Vernichtung des eigenen Planeten.

Die Kampfweise in der Welt von Dune wird stark dadurch beeinflußt, daß es Energieschilde gibt, die Fahrzeuge, Gebäude oder einzelne Menschen schützen und nur langsame Objekte durchlassen. Laserstrahlen dringen zwar durch, schließen den Schild aber kurz, was eine subatomare Fusionsexplosion von unvorhersagbarer Stärke bewirkt, die nicht nur das geschützte Objekt vernichtet, sondern auch den Schützen, und manchmal die Wirkung von Atomwaffen erreichen kann. Infolgedessen werden, obwohl es Projektil- und Laserwaffen gibt, im Infanteriekampf hauptsächlich Klingenwaffen verwendet. Die Fremen verwenden jedoch keine Schutzschilde, da deren Ausstrahlung Sandwürmer anlockt und rasend macht.

Die Handlung

„Es gibt keine Rettung – wir haben für die Gewalttätigkeit unserer Vorfahren zu zahlen.“

Aus „Gesammelte Weisheiten des Muad’dib“, von Prinzessin Irulan (am Beginn von Kapitel 17 in „Erstes Buch: Der Wüstenplanet“).

Im Jahr 10.191 nach Gründung der Gilde erhält Herzog Leto Atreides von Imperator Shaddam IV. den Befehl, sein bisheriges Lehen, den fruchtbaren und wasserreichen Planeten Caladan, aufzugeben und stattdessen Arrakis zu übernehmen, das bis dahin von Letos Erzfeind Baron Wladimir Harkonnen beherrscht und ausgebeutet wurde. Das scheint vordergründig ein Gunsterweis zu sein, doch es ist eine Falle, die der Imperator mit dem Baron ausgeheckt hat, weil er Leto loswerden will, der ihm mit seiner Popularität im Landsraad zu gefährlich geworden ist und gegen den er aber nicht offen vorgehen kann. Zuerst soll die Gewürzausbeute durch Sabotage und zurückgelassene Harkonnen-Agenten stark vermindert werden mit der Folge, daß der Gewürzpreis steigt und die Harkonnens, die in den vergangenen zwanzig Jahren eifrig Gewürz gehortet haben, ordentliche Profite machen. Dann will der Baron mit seinen Truppen landen, unterstützt vom Imperator mit zwei Sardaukar-Legionen in Harkonnen-Uniform, den Planeten wieder übernehmen und seine lang gehegte Absicht verwirklichen, die Familie Atreides auszurotten. Man rechnet damit, daß die anderen Hohen Häuser beflissen wegschauen werden, weil ihre Profite und ihre Sicherheit ihnen wichtiger sind als die Große Konvention.

Leto weiß, daß es eine Falle ist, aber ihm bleibt nichts übrig, als seinem Lehnsherrn zu gehorchen. Mit seiner Familie und seinem Truppengefolge reist er nach Arrakis und bezieht Quartier in dessen ehemaliger Hauptstadt Arrakeen. Lady Jessica, eine Bene Gesserit und Mutter seines 15jährigen Sohnes Paul, ist zwar formell nur seine Konkubine, weil er den anderen Häusern aus politischen Gründen die scheinbar weiterhin bestehende Möglichkeit einer dynastischen Heirat vor der Nase baumeln lassen will. Doch er hat nicht die Absicht, eine solche Ehe einzugehen, sondern betrachtet Jessica, mit der ihn eine tiefe Liebe verbindet, als seine eigentliche und einzige Frau. Und Jessica erwidert diese Liebe und dankt sie ihm unter anderem damit, daß sie ihm den ersehnten Sohn schenkt, obwohl ihr von ihrem Orden befohlen worden war, eine Tochter zu gebären (Bene Gesserit können das Geschlecht ihrer Kinder willentlich bestimmen). Diese Tochter hätte später mit Baron Harkonnens Lieblingsneffen Feyd-Rautha verheiratet werden sollen, um die beiden Blutlinien der Atreides und der Harkonnens miteinander zu verbinden, woraus dann den Kwisatz Haderach hervorgehen soll.

Leto Atreides macht sich mit seinen Leuten sofort daran, die Lebensumstände der Bewohner von Arrakis zu verbessern, die von den Harkonnens unterdrückt, gedemütigt und ausgebeutet worden waren und Ähnliches auch von ihm erwarteten, wie es unter den galaktischen Aristokraten üblich ist. Und er versucht die in der Wüste lebenden Fremen, die die Harkonnens hassen und unter den harten Überlebensbedingungen zu überragenden Kämpfern geworden sind, als Verbündete zu gewinnen.

Herzog Leto und sein Stab betrachten eine 3D-Projektion einer Gewürzerntemaschine.

Eine den Herzog charakterisierende Situation ergibt sich, als er mit Paul, seinen Führungsmännern und dem für Arrakis zuständigen imperialen Planetologen Dr. Kynes (der mütterlicherseits von den Fremen abstammt und ihr geheimer Führer ist) in Ornithoptern in die Wüste fliegt, um den Gewürzabbau zu inspizieren. Noch während des Anflugs auf die Erntemaschine sichten sie die Sandwelle eines sich im Untergrund nähernden riesigen Sandwurms, und als der für so eine Situation vorgesehene Carryall nicht kommt, um die Maschine auszufliegen, weil er von Harkonnen-Agenten vernichtet worden ist, landet Leto mit seinen Flugzeugen, um die Erntermannschaft zu retten. Nachfolgend dieser Abschnitt:

Der Herzog betätigte den Aktivator und sprach in das Mikrofon: „Hier spricht der Herzog. Wir gehen hinunter und nehmen die Mannschaft von Delta Ajax Neun auf. Alle Späher werden angewiesen, das gleiche zu tun und auf der Ostseite der Fabrik zu landen. Die Eskorte geht westlich hinunter. Ende.“ Er legte das Mikrofon beiseite. Kynes nahm es an sich, aber ehe er dazu kam, etwas zu sagen, brüllte eine Stimme aus dem Lautsprecher: „Aber wir haben eine volle Ladung! Eine volle Ladung, verstehen Sie? Wir können doch wegen eines einzigen verdammten Wurmes nicht den Ernter verlassen! Bitte kommen!“

„Scheißt auf das Gewürz!“ brüllte der Herzog zurück. Er riß Kynes das Mikrofon aus der Hand und sagte: „Das Gewürz ist nicht unersetzlich! Wir haben Platz für alle, außer drei Personen. Lost unter euch aus, wer die Fabrik verläßt oder trefft eure eigene Entscheidung. Aber ihr werdet die Maschine verlassen, das ist ein Befehl!“ Er gab Kynes das Mikrofon zurück und murmelte: „Verzeihen Sie.“

„Wieviel Zeit haben wir noch?“ fragte Paul.

„Neun Minuten“, sagte Kynes.

Der Herzog meinte: „Unsere Maschine ist stärker als die anderen. Wenn wir vorsichtig zu Werke gehen, könnten wir sogar noch einen weiteren Mann aufnehmen.“

„Der Sand ist sehr weich hier“, bemerkte Kynes.

„Wenn wir noch zusätzlich vier Männer aufnehmen, könnten die Schwingen brechen, Sire“, warf Halleck ein.

„Ach was, nicht bei dieser Maschine.“ Der Herzog konzentrierte sich voll auf die Kontrollen und setzte neben der Fabrik zur Landung an. Die Schwingen bewegten sich sanft. Der Thopter landete knapp zwanzig Meter von der Erntefabrik entfernt.

Der Kriecher lag nun völlig still, und es wurde auch kein Sand mehr aus ihm herausgeschleudert. Ein feines, kaum hörbares Summen ging von ihm aus, das sich verstärkte, als der Herzog die Kanzeltür öffnete. Sofort registrierten ihre Nasen den Zimtgeruch, der sich schwer auf ihre Lungen legte.

Mit klatschenden Schwingen setzte auf der anderen Seite der erste Späher auf. Die Eskorte senkte sich in einer Linie hinter der Maschine des Herzogs dem Boden entgegen. Paul, der die Fabrik jetzt zum ersten Mal aus unmittelbarer Nähe sah, stellte fest, wie klein die Maschinen ihr gegenüber waren. Wie winzige Insekten neben einem urweltlichen Dinosaurier.

„Gurney, du wirfst zusammen mit Paul die Rücksitze hinaus“, ordnete der Herzog an. Er stellte die Schwingen des Thopters auf einen bestimmten Winkel ein und überprüfte die Kontrollen. „Warum, zum Henker, kommen die Leute nicht endlich aus der Maschine heraus?“

„Sie rechnen noch damit, daß der Carryall in letzter Minute eintrifft“, vermutete Kynes. „Und einige Minuten Zeit haben sie ja noch.“ Er schaute nach Osten.

Sie sahen nun alle in die Richtung, aus der sich der Wurm auf sie zubewegte. Von der Stelle aus, an der sie sich befanden, war natürlich nichts zu sehen, aber das beruhigte freilich niemanden.

Der Herzog nahm das Mikrofon, stellte die Frequenz seiner Eskorte ein und sagte: „Zwei von euch schalten sofort ihre Schildgeneratoren aus. Nacheinander. Ihr könnt jeweils einen weiteren Mann aufnehmen. Ich bin nicht bereit, wegen dieses Ungeheuers auch nur einen einzigen Menschen hier zurückzulassen.“ Er ging auf die Arbeitsfrequenz zurück und schrie: „Hört zu, ihr Burschen von Delta Ajax Neun! Ihr kommt jetzt auf der Stelle raus! Das ist ein herzoglicher Befehl! Befolgt ihn sofort, oder ich lasse die Fabrik mit einer Lasgun auseinanderschneiden!“

Eine Luke öffnete sich an der Spitze der Fabrik, dann eine weitere in der Heckgegend – schließlich sogar eine auf der Oberseite. Die Männer sprangen heraus, landeten im Sand. Ein großer Arbeiter erschien als letzter. Er sprang zuerst auf die Raupenkette, dann zum Boden hinunter.

Der Herzog placierte das Mikrofon wieder auf dem Kontrollbord, streckte den Kopf aus der Maschine und donnerte: „Zwei von euch in jeweils einen Späher!“

Der große Arbeiter begann die Leute einzuweisen und schob sie in die Richtungen, in denen die kleineren Maschinen warteten.

„Vier Mann zu uns herüber!“ brüllte der Herzog. „Aber ein bißchen plötzlich!“ Er deutete mit dem Zeigefinger auf einen der direkt hinter seiner Maschine placierten Eskortenthopter, deren Besatzung eben dabei war, den Schildgenerator über Bord zu werfen. „Vier Mann dort hinüber!“ Auch die anderen waren nun soweit, um die Leute aufnehmen zu können. „In jede andere Maschine drei Männer! Lauft, ihr verdammten Sandflöhe, lauft!“

Der große Mann, der jetzt fertig mit der Abzählung seiner Leute zu sein schien, rannte auf die Maschine des Herzogs zu. Drei seiner Leute folgten ihm auf dem Fuße.

„Ich höre den Wurm, aber ich kann ihn nicht sehen“, sagte Kynes.

Auch die anderen hörten jetzt die Geräusche: ein unterirdisches Rumpeln, das die Erde erbeben ließ. Es wurde von Sekunde zu Sekunde lauter.

„Eine elende Schlamperei“, knurrte der Herzog.

Der Sand in ihrer unmittelbaren Umgebung begann sich leise zu bewegen. Die ganze Situation erinnerte den Herzog an ein Erlebnis, das er einst in den Dschungeln seines Heimatplaneten gehabt hatte: beim Auftauchen seiner Jagdgesellschaft hatte sich ein Geschwader von Aasfresservögeln verschreckt vom Kadaver eines toten Ochsen gelöst und war aufgeflattert.

Die Gewürzarbeiter kletterten nun in die Maschine herein. Halleck reichte ihnen nacheinander die Hände, zog sie herauf und schob sie in eine Ecke.

„Rein, Jungs, rein!“ keuchte er. „Aber ein bißchen dalli!“

Paul, der sich plötzlich zwischen schwitzenden Männern eingeklemmt fand, roch ihren Angstschweiß und stellte fest, daß zwei der Männer falsch eingestellte Nackenverschlüsse trugen. Automatisch speicherte er diese Information in seinem Gedächtnis. Er würde seinen Vater später darauf hinweisen müssen, daß es unerläßlich war, Anzugkontrollen durchzuführen. Es war kein Wunder, daß die Männer ihre Kleidung verkommen ließen, wenn niemand darauf achtete.

Der letzte, der einstieg, rief: „Der Wurm! Er ist schon da! Starten Sie!“

Der Herzog lehnte sich in seinen Sitz zurück und sagte: „Wir haben noch drei Minuten bis zur Kollision, stimmt’s, Kynes?“ Er schloß die Luke und prüfte nach, ob das Schloß eingeschnappt war.

„In der Tat, Mylord“, gab Kynes zurück und dachte: Er behält einen kühlen Kopf, dieser Herzog.

„Alles klar hier hinten, Sire“, meldete Halleck.

Der Herzog nickte und wartete, bis die letzte Begleitmaschine gestartet war. Dann stellte er die Zündung ein, warf einen kühlen Blick über die Schwingen und Instrumente und ließ die Motoren aufheulen. Die Startgeschwindigkeit führte dazu, daß der Herzog und Kynes tief in die Sitze gepreßt wurden. Die Leute im hinteren Teil des Thopters klammerten sich aneinander. Kynes musterte aus den Augenwinkeln, wie der Herzog die Kontrollen bediente. Er schien die Ruhe selber zu sein. Die Maschine zog hoch. Die Finger des Herzogs bedienten mechanisch die Instrumente.

„Wir sind zu schwer, Sire“, sagte Halleck besorgt.

„Aber gerade noch tolerabel für die Maschinen, Gurney. Wenn ich mir nicht sicher gewesen wäre… Glaubst du, ich hätte das Risiko dann auf mich genommen?“

Halleck grinste. „Nicht im geringsten Sire.“

Der Herzog steuerte die Maschine in eine lange Kurve und überflog die Erntefabrik. Paul, der genau an einem Fenster stand, sah auf sie hinunter. Reglos lag die Maschine auf dem Sand. In einer Entfernung von etwa vierhundert Metern davor befand sich das Wurmzeichen. Dann schien der Sand vor der Maschine plötzlich in Bewegung zu geraten.

„Der Wurm ist jetzt genau unter ihr“, gab Kynes bekannt. „Sie werden nun Zeuge eines Geschehens werden, das vor Ihnen nur wenige Menschen gesehen haben.“

Dunkle Schatten schienen plötzlich auf der Sandfläche zu liegen. Die große Maschine senkte sich nach rechts, wo nun ein Wirbel entstand, der sich rasch ausbreitete, schneller und schneller. Der Sand ringsherum wirbelte auf, die Luft war stauberfüllt.

Und dann sahen sie es! Eine gigantische Öffnung bildete sich inmitten der Wüste. Das Sonnenlicht spiegelte sich auf etwas Weißem, das sich darin befand. Schließlich war das Loch zweimal so groß wie der Kriecher. Paul sah starr vor Schreck zu, wie die Maschine in das Loch hineinrutschte und darin verschwand. Dann begann die Öffnung sich wieder zu schließen.

„Ihr Götter, welch ein Biest!“ murmelte ein Mann neben Paul.

„Und unsere ganze Ladung ist hin“, grollte ein anderer.

„Irgendjemand wird dafür zu bezahlen haben“, sagte der Herzog, „das verspreche ich euch.“

Die Stimme des Herzogs hatte Paul deutlich gezeigt, daß sein Vater wütend war. Er stellte fest, daß er selbst nicht anders empfand. Irgendjemand hatte in beinahe krimineller Weise Material und Ladung vergeudet.

In der folgenden Stille hörten sie Kynes sagen: „Gesegnet sei der Bringer und sein Wasser. Man segne seine Ankunft und sein Gehen. Sein Besuch möge die Welt reinigen und die Welt erhalten für sein Volk.“

„Was haben Sie gesagt?“ fragte der Herzog.

Aber Kynes antwortete nicht.

[…]

Ohne sich umzuwenden, erwiderte Kynes: „Wenn Gott eine Kreatur dazu auserwählt hat, an einem bestimmten Ort zu sterben, so sorgt er auch dafür, daß sie ihn dort vorfindet.“

Leto sah ihn scharf von der Seite an.

Und Kynes, der den Blick ohne Schwäche erwiderte, stellte fest, daß er eine Tatsache beunruhigend fand: Dieser Herzog ist mehr um das Leben seiner Leute besorgt, als um das Gewürz. Er hat sein Leben und das seines Sohnes aufs Spiel gesetzt, um sie zu retten. Und er hat den Verlust einer Fabrik und einer vollen Ladung mit einer Handbewegung abgetan. Daß seine Männer einer gefährlichen Situation ausgesetzt waren, hat ihn wirklich aufgebracht. Ein Führer wie er produziert fanatische Loyalität. Er würde nur schwer zu schlagen sein.

Gegen seinen eigenen Willen und alle Vorurteile, mußte Kynes sich eingestehen: Ich mag diesen Mann.

Hier ist ein 5:34 min. langes Video dieser Szene aus David Lynchs Dune-Verfilmung von 1984, mit Jürgen Prochnow (Das Boot) als Herzog Leto, Max von Sydow als Dr. Kynes, Kyle MacLachlan als Paul und David Lynch selbst als Funker der Erntemaschine:

In diesem Video fallen auch die ästhetischen Ausstattungsmängel von Lynchs Film auf, denn auch wenn es damals nicht möglich gewesen sein mag, so elegante Ornithopter zu verwirklichen wie in John Schoenherrs Bild ganz oben, so hätten es doch nicht so hässlich-klobige fliegende Kisten sein müssen, und auch anderes hätte man ansprechender gestalten können. Aber die Szene mit dem Auftauchen des Sandwurms ist wirklich episch.

Bald danach kommt es zum Verrat und zum Angriff der Feinde. Yueh schaltet den Schutzschirm des Palasts ab und betäubt Leto, Jessica und Paul. Bevor der Herzog in Bewußtlosigkeit versinkt, tauscht Yueh dessen Stiftzahn durch ein giftgasgefüllltes Duplikat aus und erklärt ihm kurz den Grund für seinen Verrat: der Baron hat seine Frau entführen und von seinem sadistischen Mentaten Piter de Vries foltern lassen, und als Preis für den Verrat solle ihre Folter ein Ende haben und er mit ihr wiedervereinigt werden. Er schärft Leto ein, auf den Giftzahn zu beißen, wenn er vor den Baron gebracht würde, und dadurch das Werkzeug von Yuehs Rache und seiner eigenen zu sein. Als Gegenleistung würde Yueh dafür sorgen, daß Jessica und Paul entkommen können. Diese finale Begegnung zwischen Leto und Baron Harkonnen (Kapitel 21 von „Erstes Buch: Der Wüstenplanet“) ist zwecks Charakterisierung des Letzteren und seiner Umgebung hier wiedergegeben; Baron Harkonnen sieht gerade aus einem Aussichtsraum seines gelandeten Raumschiffs zu, wie seine Artillerie die Höhlen in den Felswänden des Schildwalls beschießt, in die die letzten Männer der Atreides sich zurückgezogen haben:

Er justierte einen der Suspensoren, der es ihm ermöglichte, sich trotz seines fetten Körpers ungezwungen zu bewegen. Ein Lächeln umspielte seine Lippen.

Es ist eine Schande, solche Kämpfer wie die Männer des Herzogs auf solche Weise zu verschwenden, dachte er. Sein Grinsen wurde breiter. Aber solches Mitleid sollte man unter Strafe stellen. Schließlich hatte jeder selbst zu sehen, wo er blieb. Da lag das ganze Universum vor einem, offen, bereit, von jedem in Besitz genommen zu werden, der die richtigen Entscheidungen traf. Es war kein Wunder, daß es nicht den schüchternen Kaninchen gehörte, die unfähig waren, ihren Besitz zu verteidigen. Entweder war man in der Lage, sein Eigentum zu verteidigen, oder man war es nicht. Er verglich seine Männer mit einem angriffslustigen Bienenschwarm und dachte: Es ist ein herrliches Gefühl, wenn man genügend fleißige Leutchen hat, die einem die Kastanien aus dem Feuer holen.

Hinter ihm öffnete sich eine Tür. Der sich auf der Wandung spiegelnde Lichtreflex zeigte dem Baron, auch ohne daß er sich umdrehen mußte, wer gekommen war. Hinter ihm erschien Piter de Vries, gefolgt von Umman Kudu, dem Führer seiner Leibgarde. Von draußen drangen die Geräusche anderer Leute an seine Ohren, und für einen Moment sah er die Schafsgesichter seiner Leibwächter, die ihn mit hündischer Ergebenheit anstarrten. Der Baron wandte sich um.

Piter salutierte, indem er einen Finger gegen die Stirn legte. „Gute Nachrichten, Mylord“, meldete er. „Die Sardaukar haben den Herzog gebracht.“

„Natürlich haben sie das“, brummte der Baron.

Er studierte das maskenhafte Gesicht seines Gegenübers. Und dessen Augen: schattenhafte Schlitze, in denen nichts als Blau zu sehen war.[Anm. Lu.: vom Gewürz, das die Augäpfel blau färbt.]

Ich muß ihn beseitigen, dachte er. Das, was ich von ihm erwarten konnte, hat er geliefert. Jetzt hat er eine Stellung erreicht, in der er mir nur noch gefährlich werden kann. Aber zuerst werde ich ihn noch benutzen, die Bevölkerung von Arrakis Haß zu lehren. Anschließend werden sie umso lieber meinen Liebling Feyd-Rautha willkommen heißen.

Er wandte sich dem Führer seiner Leibwache zu: Captain Umman Kudu. Ein Mann mit unbeweglichen Gesichtsmuskeln und einem viereckigen Kinn. Ihm konnte man trauen, denn seine Laster waren allgemein bekannt.

„Ich möchte zuerst wissen, wo der Verräter ist, der uns den Herzog ausgeliefert hat“, sagte der Baron. „Schließlich soll er seinen wohlverdienten Lohn bekommen.“

Piter drehte sich auf dem Absatz herum und gab dem Posten an der Tür einen Wink. Etwas Schwarzes bewegte sich hinter der Tür, und Yueh trat ein. Seine Bewegungen waren steif und marionettenhaft, sein Schnauzbart hing herab. In seinem Gesicht schienen nur die alten Augen zu leben. Er machte drei Schritte in den Raum hinein und blieb stehen, als erwartete er eine Anweisung von Piter, der ihm zunickte, woraufhin Yueh drei weitere Schritte machte und vor dem Baron stehenblieb.

„Ah, Dr. Yueh.“

„Zu Ihren Diensten, Mylord Harkonnen.“

„Sie haben uns den Herzog verschafft, höre ich.“

„So lautete meine Hälfte der Abmachung, Mylord.“

Der Baron warf Piter einen Blick zu.

Piter nickte.

Der Baron wandte sich wieder Yueh zu. „Die Abmachung, wie? Und ich…“ Er spuckte die Worte beinahe aus: „Was sollte doch gleich meine Gegenleistung sein?“

„Daran erinnern Sie sich sehr gut, Mylord.“

Irgendwo im Innern Yuehs begann laut eine Uhr zu ticken. Die Art, in der Harkonnen sich ihm gegenüber gab, zeigte, daß er betrogen worden war. Wanna war wirklich tot. Sie konnten ihre Hälfte der Abmachung gar nicht mehr erfüllen. Sie hatten ihn nur in dem Glauben gelassen, um Druck auf ihn ausüben zu können. Es war keine Frage mehr; sie hatten ihn hereingelegt.

„Schulde ich Ihnen wirklich etwas?“ fragte der Baron.

„Sie haben versprochen, Wanna von ihren Qualen zu erlösen.“

Der Baron nickte. „Oh ja, jetzt erinnere ich mich. Ich habe es wirklich versprochen, damit wir die imperiale Konditionierung durchbrechen konnten, der Sie unterworfen waren. Leider konnten Sie nicht miterleben, wie diese Bene-Gesserit-Hexe ihr Leben in Piters Schreckenskammern verlor. Nun, der Baron Harkonnen pflegt sein Versprechen immer zu halten. Und ich habe Ihnen versprochen, sie von ihren Qualen zu erlösen, und die Erlaubnis erteilt, daß Ihnen das gleiche widerfährt. So sei es.“ Er gab Piter einen Wink.

Piters blaue Augen wurden glasig. Er bewegte sich mit der Geschmeidigkeit eines Raubtiers. Das Messer in seiner Hand blitzte wie eine Kralle, als es sich in Yuehs Rücken senkte. Der alte Mann richtete sich auf, ohne den Baron aus den Augen zu lassen.

„Sie werden Ihre Frau bald treffen“, zischte dieser.

Yueh blieb aufrecht stehen. Seine Lippen bewegten sich mit vorsichtiger Präzision, dann sagte er in leicht schwankendem Tonfall: „Sie… glauben… mich… besiegt… zu… haben… Sie glauben, daß… ich… nicht… damit… gerechnet… habe… was… meiner… Wanna… bevorstand.“ Er stürzte wie ein gefällter Baum zu Boden.

„Ich hoffe, Sie treffen sie“, wiederholte der Baron, aber seine Worte klangen nur noch wie ein schwaches Echo. Yuehs Tod hatte ihn mit Mißtrauen erfüllt. Langsam wandte er sich Piter zu, und achtete darauf, wie der Mann seine Klinge aus dem Rücken des Toten zog. Piters Augen leuchteten in tiefer Befriedigung.

Auf diese Art mordet er also, dachte der Baron. Es ist gut, daß ich das jetzt weiß.

„Er hat uns wirklich den Herzog ausgeliefert?“ fragte er.

„Aber natürlich, Mylord“, erwiderte Piter.

„Dann lassen wir ihn doch hereinbringen.“

Piters Blick ließ den Führer der Leibwache sofort gehorchen. Der Baron starrte den gefallenen Yueh an. „Ich habe niemals in meinem Leben einem Verräter Vertrauen geschenkt“, sagte er. „Nicht einmal dann, wenn er für mich arbeitete.

Er schaute auf das nächtliche Panorama hinaus. Die Stille, die nun dort herrschte, war von ihm erzeugt worden. Man hatte das Feuer eingestellt und war jetzt sicher schon dabei, die vom Steinschlag verschütteten Höhlensysteme zu versiegeln. Die absolute Schwärze, die sich im Bewußtsein des Barons ausbreitete, erschien ihm plötzlich als die schönste Farbe überhaupt.

Aber immer noch nagten Zweifel an ihm.

Was hatte der närrische alte Arzt gesagt? Natürlich, vielleicht hatte er vorausgeahnt, was im Endeffekt mit ihm geschehen würde. Aber dieser merkwürdige Ausspruch: „Sie glauben, mich besiegt zu haben.“

Was hatte er damit gemeint?

Herzog Leto Atreides betrat den Raum. Man hatte seine Arme mit Ketten gefesselt. Sein adlerhaftes Gesicht war schmutzig. An der Stelle, wo jemand die Insignien abgerissen hatte, war seine Uniform zerfetzt. Man hatte seinen Schildgurt entfernt, ohne ihn durch die Schlaufen zu führen. In den Augen des Herzogs stand ein glasiger, geistesabwesender Ausdruck.

„Nun“, sagte der Baron gedehnt. Er zögerte und holte tief Luft. Er wußte, daß er zu laut gesprochen hatte. Irgendwie hatte dieser Moment etwas von dem langerwarteten Triumph verloren.

Zum Teufel mit dem Geschwätz dieses Arztes!

„Ich nehme an, daß der gute Herzog unter Drogen steht“, erklärte Piter. „Dadurch hat Yueh ihn kampfunfähig gemacht.“ Er wandte sich dem Herzog zu und fragte: „Sind Sie betäubt, mein guter Herzog?“

Die Stimme kam aus weiter Ferne. Leto fühlte nichts als die Ketten, schmerzende Muskeln, aufgesprungene Lippen, brennende Wangen und einen ausgetrockneten Mund. Alle Geräusche um ihn herum klangen gedämpft, als würden sie durch ein Filter von ihm abgehalten. Die Personen vor ihm erschienen wie Schatten.

„Was ist mit der Frau und dem Jungen, Piter?“ fragte der Baron. „Schon was gehört?“

Piters Zunge glitt über seine Lippen.

„Du weißt etwas!“ sagte der Baron barsch. „Rede schon!“

Piter warf dem Führer der Leibwache einen kurzen Blick zu und schaute dann den Baron an. „Die Männer, die den Auftrag hatten, Mylord, sie… äh… man hat… sie gefunden.“

„Es ist also alles gelaufen?“

„Sie sind tot, Mylord.“

„Natürlich sind sie das! Aber was ich wissen will, ist…“

„Sie waren bereits tot, als man sie fand, Mylord.“

Der Baron wurde blaß. „Und die Frau und der Junge?“

„Keine Spur von ihnen, Mylord. Aber es trieb sich ein Wurm dort herum, Mylord. Er tauchte auf, während man die Landestelle untersuchte. Vielleicht ist es nun so gekommen, wie wir es von vornherein hätten planen sollen. Ein Unfall. Möglicherweise…“

„Auf Möglichkeiten können wir uns nicht verlassen, Piter. Und was ist mit dem verschwundenen Thopter? Kann mein Mentat wenigstens daraus einen konkreten Schluß ziehen?“

„Vermutlich ist einer der Männer des Herzogs damit entkommen, Mylord. Er hat unseren Piloten umgebracht und ist entwischt.“

„Welcher von des Herzogs Leuten könnte das gewesen sein?“

„Es war ein sauberer, lautloser Überfall, Mylord. Ich tippe auf Hawat, vielleicht auch auf Halleck. Möglicherweise aber auch Idaho. Oder jeder andere fähige Unterführer.“

„Möglichkeiten“, knirschte der Baron. Er musterte die leicht taumelnde Gestalt des Herzogs.

„Wir haben alles in der Hand, Mylord“, fügte Piter hinzu.

„Lächerlich! Wo steckt dieser verrückte Planetologe? Wo hat sich dieser Kynes verkrochen?“

„Es läuft alles auf Hochtouren, ihn ausfindig zu machen und herbeizuschaffen, Mylord.“

„Mir paßt es nicht, wie dieser kaiserliche Bedienstete uns aus dem Wege geht“, schnaubte der Baron.

Obwohl die Worte Letos Bewußtsein nur am Rande erreichten, drangen einige doch zu ihm durch. Die Frau und der Junge – keine Spur. Also waren Paul und Jessica entkommen. Und das Schicksal von Hawat, Halleck und Idaho war zumindest unbekannt. Es gab also noch eine Hoffnung.

„Wo steckt der herzogliche Siegelring?“ verlangte der Baron zu wissen. „Er trägt ihn nicht.“

„Der Sardaukar sagte, er hätte ihn schon in dem Moment nicht mehr gehabt, als er uns ausgeliefert wurde, Mylord“, wandte der Führer der Leibwache ein.

„Du hast den Arzt zu früh umgebracht“, meinte der Baron zu Piter. „Das war ein Fehler. Du hättest mich vorher warnen sollen, Piter. Du warst ein bißchen zu voreilig, finde ich.“ Er fluchte. „Möglichkeiten!“

Der Gedanke zog sich nun wie ein roter Faden durch Letos Bewußtsein. Paul und Jessica sind entkommen! Und noch etwas machte ihm unterbewußt zu schaffen. Richtig: die Abmachung. Aber welche war es gewesen?

Der Zahn!

Allmählich kam das Wissen zurück: In meinem falschen Zahn befindet sich eine Giftkapsel. Irgend jemand hatte ihn gebeten, sich an den Zahn zu erinnern Er war in seinem Mund. Er konnte ihn mit der Zunge fühlen. Und alles, was er tun mußte, war fest darauf zu beißen.

Noch nicht!

Jemand hatte ihm geraten, so lange zu warten, bis er dem Baron nahe genug war. Aber wer war das gewesen? Er konnte sich nicht erinnern.

„Wie lange wird er in diesem halbbetäubten Zustand verbleiben?“ hörte er den Baron fragen.

„Vielleicht noch eine Stunde, Mylord.“

„Vielleicht“, murmelte der Baron. Er schaute aus dem Bullauge in die tiefschwarze Nacht hinaus. „Ich habe Hunger.“

Dieser graue, zerfließende Schatten da ist der Baron, dachte Leto. Die Umrisse tanzten vor seinen Augen hin und her und zeigten seine Bewegung innerhalb des Raumes an. Und dieser Raum wurde von Minute zu Minute größer und heller. Gegenstände begannen sich abzuzeichnen. Ich muß noch warten.

Dort war ein Tisch. Leto sah ihn beinahe völlig klar. Und ein dicker, fetter Mann auf der anderen Seite des Tisches, vor dem die Überreste einer Mahlzeit standen. Leto fühlte plötzlich, daß auch er in einem Sessel saß, mit Ketten gefesselt und an die Sitzgelegenheit angebunden. Ihm wurde klar, daß einige Zeit vergangen sein mußte, aber ihm wurde nicht bewußt, wieviel.

„Ich glaube, er kommt jetzt zu sich, Baron.“

Eine seidige Stimme. Das war Piter.

„Das sehe ich, Piter.“

Ein rumpelnder Baß: der Baron.

Immer deutlicher wurde jetzt die Umgebung. Der Sessel, auf dem Leto saß, war hart. Er fühlte die Enge seiner Fesseln.

Und dann sah er den Baron in aller Schärfe. Leto beobachtete die Handbewegungen des ihm gegenübersitzenden Mannes: wie er mit dem Besteck spielte, an den Tischrand griff. Er schaute der Hand mit einem faszinierten Gefühl zu.

„Sie hören mich jetzt, Herzog Leto“, sagte der Baron. „Ich weiß genau, daß Sie mich hören können. Wir wollen von Ihnen wissen, wo wir Ihre Konkubine und das Kind, das Sie ihr gemacht haben, finden werden.“

Obwohl er sich nicht das Geringste anmerken ließ, rasten diese Worte durch Letos Kopf wie eine Flamme. Es ist also wahr; sie sind ihnen entwischt.

„Wir sind hier nicht im Kindergarten“, polterte der Baron. „Sie sollten das am besten wissen.“ Er beugte sich vor und studierte Letos Gesicht. Im Grunde genommen bedauerte er, daß sich diese Sache nicht unter vier Augen regeln ließ. Es war keine gute Sache, wenn das gemeine Volk einen Adeligen bei einer solchen Tätigkeit zu Gesicht bekam.

Leto fühlte, wie seine Kräfte zurückkehrten. Und mit der Kraft kam auch die Erinnerung an den falschen Zahn, die alle anderen Gedanken zu überschwemmen drohte. Das Nervengift, das in seinem Mund verborgen war, führte dazu, daß er sich an den Mann erinnerte, der ihnmit dieser tödlichen Waffe ausgestattet hatte.

Yueh.

Er wußte, es war Yueh gewesen.

„Hören Sie den Lärm, Herzog Leto?“ fragte der Baron. Von irgendwoher drang das Stöhnen eines Menschen an seine Ohren.

„Wir haben einen Ihrer Leute geschnappt, der ich als Fremen verkleidet hatte“, erklärte der Baron. „Wir durchschauten seine Verkleidung aber recht schnell, müssen Sie wissen. Anhand seiner Augen, verstehen Sie? Er behauptete, man hätte ihn zu den Fremen geschickt, um dort herumzuspionieren. Auch ich habe eine gewisse Zeit auf dieser Welt gelebt, mein werter Cousin, und ich weiß daher, daß es unmöglich ist, diese Leute in der Wüste zu unterwandern. Ich nehme an, Sie haben sich die Unterstützung der Fremen gekauft, nicht wahr? Haben Sie etwa auch Ihre Frau und Ihren Sohn dort hingeschickt?“

Leto spürte, wie sich sein Brustkorb verengte. Wenn Yueh sie zu den Wüstenbewohnern geschickt hat… dann werden sie nicht eher aufgeben, bis sie sie gefunden haben.

„Los, reden Sie schon“, forderte der Baron ungeduldig. „Wir haben nicht viel Zeit, und Schmerzen kommen schnell. Lassen Sie es nicht darauf ankommen, werter Herzog.“ Er sah zu Piter hinauf, der neben Leto stand. „Piter hat zwar nicht all seine Folterinstrumente bei sich, aber ich bin sicher, daß er auch, was das Improvisieren angeht, seine Fähigkeiten hat.“

„Improvisationen bringen meistens die besten Ergebnisse, mein Baron.“

Diese schreckliche Stimme! Sie erklang genau neben Letos Ohr.

[…]

„Schau dir diesen Kerl an, Piter, der von sich glaubt, er sei nicht herumzukriegen. Schau ihn dir nur an.“ Und er dachte: Jawohl! Schaut ihn euch an, diesen Mann, der von sich glaubt, nicht käuflich zu sein. Wenn man daran denkt, wieviel von seiner Ehre bereits von anderen unter der Hand verhökert wurde… Wenn ich ihn aus seinem Sessel zerre und schüttele, wird es in seinem Inneren nicht mal mehr klingeln. Er ist leer. Nichts ist von ihm übriggeblieben. Welchen Unterschied macht es da für ihn noch, auf welche Weise er stirbt?

Die Geräusche im Nebenraum verstummten.

Der Baron sah Umman Kudu, den Führer seiner Leibwache, in der Tür auf der anderen Seite auftauchen und den Kopf schütteln. Der Gefangene hatte also nichts gesagt. Noch ein Versager. Es wurde Zeit, ernsthaft auf diesen närrischen Herzog einzureden, damit er endlich begriff, wie nahe er der Hölle war. Ihn trennte praktisch nur noch ein Nervenstrang von ihr.

Der Gedanke führte dazu, daß der Baron sich wieder etwas beruhigter vorkam. Immerhin hatte er die Macht, mit einem Adeligen anzustellen, was ihm beliebte: er fühlte sich plötzlich wie ein Chirurg, der die unverständlichen Gedankengänge seiner Opfer bloßlegte, diesen Narren die Masken wegschnitt, damit sie in die Lage versetzt wurden, zu sehen, wie nahe sie der ewigen Verdammnis waren.

Diese Kaninchen!

Und wie sie kuschten, wenn sie den Käfig sahen!

Leto starrte über die Tischplatte und wunderte sich, daß man immer noch auf seine Antwort wartete. Der Zahn würde für ein rasches Ende sorgen. Und damit war sein Leben doch nicht völlig sinnlos gewesen. Die Erinnerungen an Caladan drangen plötzlich auf ihn ein. Er sah sich, wie er eine Antenne unter dem blauen Himmel errichtet hatte und Paul sich darüber freute. Aber auch der Sonnenaufgang hier auf Arrakis war nicht aus seinem Unterbewußtsein gewichen: in der Ferne der Schildwall im Nebel.

„Zu schade“, murmelte der Baron. Er stieß sich von seinem Tisch ab, fühlte sich von den Suspensoren emporgehoben. Er zögerte, als er im Gesicht des Herzogs eine Veränderung bemerkte. Ihm fiel auf, daß sein Gegenüber einen tiefen Atemzug machte und die Zähne zusammenbiß.

Wie er mich fürchtet! zuckte es durch sein Gehirn.

Leto hatte plötzlich Angst, daß der Baron ihm doch noch entkommen könnte, und biß zu. Die Kapsel zerbrach. Er öffnete den Mund und spürte den beißenden Geschmack des Giftes auf der Zunge. Der Baron wurde plötzlich kleiner, wie eine Person, die in einem endlosen Tunnel zurückblieb. Neben Letos Ohr röchelte jemand. Es war der Mann mit der seidigen Stimme: Piter.

Ich habe ihn auch erwischt!

Die tiefe Stimme entfernte sich immer mehr. Die Umwelt versank in einem unidentifizierbaren Gewirr aus Farben, Geräuschen und Bewegungen. Die Kabine, der Tisch, der Baron, zwei in heller Panik aufgerissene Augen – alles versank um ihn herum in graue Wolken des Vergessens.

Da war ein Mann mit einem viereckigen Kinn, der wie eine Marionette umfiel. Seine Nase war gebrochen und zeigte ein wenig nach links. Leto hörte sanftes Knirschen. Es war weit weg. Dann brüllte jemand in der Höhe seiner Ohren auf. Sein Bewußtsein war ein Gewinde ohne Ende, sein Gehör nahm alles auf, was aufzunehmen war: jeden Schrei, jedes noch so leise Gewisper… und auch die Stille.

Der Baron stand mit dem Rücken gegen die Geheimtür gelehnt, die er für alle Fälle in die Kabine hatte einbauen lassen. Er hatte sie zugeschlagen, weil der hinter ihm liegende Raum voller toter Männer lag. Mit fahrigem Blick nahm er die Männer wahr, die sich um ihn drängten. Habe ich es eingeatmet? dachte er. Was immer es auch gewesen ist, hat es mich auch erwischt?

Er merkte schließlich, daß man um ihn herum nicht untätig geblieben war. Jemand brüllte Befehle… Gasmasken anlegen.., die Schotten dicht… die Ventilation einschalten.

Die anderen fielen sofort um, dachte er. Und ich stehe immer noch. Gnadenlose Hölle! Das war knapp.

Jetzt wurde ihm bewußt, was ihn gerettet hatte. Sein Schildgürtel war eingeschaltet, zwar nicht auf die Höchststufe, aber immerhin hoch genug, um zu verhindern, daß etwas zu ihm durchdringen konnte. Er hatte sich gerade rechtzeitig von der Tischplatte abgestoßen… und war von Piters entsetzlichem Röcheln gewarnt worden. Dem Führer seiner Leibwache hatte die späte Erkenntnis nichts mehr genützt. Und er selbst hatte sein Leben nur der versteckten Warnung im Todesröcheln eines anderen zu verdanken.

Paul und Jessica sind tatsächlich zu den Fremen entkommen, bei denen sie sich unter Ausnützung der von der Missionaria Protectiva ausgestreuten Legenden und Prophezeiungen etablieren: Prophezeiungen über einen Lisan al-Gaib – „Stimme der Außenwelt“ – genannten Mahdi, der von einer Bene Gesserit geboren wurde und die Fremen zum Sieg über ihre Unterdrücker führen wird. Zuvor muß Paul noch ein tödliches Duell gegen einen der Wüstenbewohner bestehen, der anzweifelt, daß sie die sind, die sie zu sein behaupten, und um endgültig als Anführer akzeptiert zu werden, muß er sich als Reiter eines Shai-Hulud, eines arrakisischen Sandwurms beweisen.

Die Filmversion dieser Szene sieht so aus (5:17 min.; auch hier wieder die grottige Ausstattung mit dem unpraktisch klobigen Bringerhaken und Plumpser, aber die Szene selbst ist wieder episch):

Unter dem internen Namen Usul – „Basis der Säule“ – und dem externen Kampfnamen Muad’dib einigt Paul Atreides die Fremenstämme unter seiner Führung, und in dieser Zeit stellt sich auch heraus, daß er tatsächlich bereits der Kwisatz Haderach ist – und daß er nicht nur in die Vergangenheit schauen kann, sondern auch in die sich ständig verändernden möglichen Zukünfte. Immer wieder hat er dabei Visionen von fanatischen Fremenhorden, die unter dem grünen(!) Banner der Atreides und in seinem Namen wie ein Sturm durch die Galaxis fegen, und er sucht verzweifelt nach Möglichkeiten, diesen Djihad zu verhindern.

Schließlich landet der Imperator mit fünf Legionen seiner Sardaukar und unterstützt von sieben Raumschiffen der Harkonnens auf dem Raumhafen von Arrakeen, während von den anderen Hohen Häusern je ein Truppenkontingent als Reserve in den um den Planeten kreisenden Gildeschiffen wartet. Pauls vierjährige Schwester Alia, die in der Wüste geboren wurde und durch das sogenannte „Wasser des Lebens“ bereits im Mutterleib zu vollem Erwachsenenbewußtsein kam, wird als scheinbare Gefangene vor den Imperator gebracht, um ihm die Botschaft ihres Bruders zu überbringen. Dieser sprengt mit den versteckten Atomwaffen seines Vaters eine Bresche in den Schildwall (setzt sie somit nicht gegen Menschen ein), durch die die Fremen auf den Sandwürmern an die Stadt heranreiten können, um die Sardaukar zu vernichten. Während der Imperator in sein Raumschiff flieht, tötet Alia ihren Großvater, den Baron Harkonnen, mit einer Giftnadel.

Die Niederlage der Sardaukar.

Am Abend nach diesem Sieg kehrt Paul in den Palast von Arrakeen zurück, läßt den Imperator mit seinem Gefolge zu sich bringen und stellt ihm die Forderung: Abdankung, seine Tochter Irulan als Gattin (nur pro forma, um selbst Imperator zu werden und nicht nur die Hohen Häuser unter seine Autorität zu bringen, sondern auch den befürchteten Djihad zu verhindern), und Abflug der Gildeflotte – andernfalls er die Gewürzproduktion auf Arrakis vernichten lasse, was das Ende der interstellaren Raumfahrt zur Folge hätte. Er bekommt seinen Willen.

Interpretationen

„Typisch Counter-Currents: Beliebige Inhalte von Fantasy, Science-Fiction, Popkultur etc. rauspflücken und, sei es auch entgegen der Intention in der Vorlage, so hinzudrehen, dass man daraus irgendeinen Altright-Honig saugen kann. Klar ist es nicht per se verkehrt, zu erörtern, inwieweit auch noch beim multibuntesten Marvel-Klamauk weiße Archetypen aufgegriffen wurden, allerdings auf Dauer eher ermüdend.“

(B-Mashina am Schluß dieses Kommentars als Antwort auf meinen ersten Kommentar zu Greg Johnsons Sicht auf Dune).

Baron Wladimir Harkonnen, mit einem Globus von Arrakis.

Sehen wir uns nun Greg Johnsons Kernaussagen zu Frank Herberts Dune-Romanen an:

Kurz gesagt: Wir finden in der Welt von Dune ein Feudalsystem vor.

Herbert beklagt des Weiteren dieses System nicht als repressiv und ungerecht. Tatsächlich betrachtet er den Feudalismus als eine überlegene Form der Regierung und allein dafür geeignet, der Menschheit die Expansion zu den Sternen zu erlauben und sich in der Galaxie auszubreiten. Im Gegensatz zur liberalen Demokratie ist Feudalismus ein stark dezentralisiertes System, das sich für die Regierung von weit verstreuten Planeten eignet und dafür, die daraus resultierenden hohen Transportkosten zu tragen. Weiterhin ermöglicht Feudalismus, im Gegensatz zur liberalen Demokratie, große Strategien über weite Zeitspannen zu verfolgen, was unablässig für Raumfahrt und die Kolonisierung der Sterne ist.

Aufgrund der Dezentralisierung der Macht und der hohen Transportkosten entwickelten die verschiedenen Planeten des Imperiums sehr unterschiedliche Kulturen, einige frei, martialisch, und galant (wie das Caladan der Atreiden), andere despotisch, genusssüchtig und grausam (wie das Giedi Prime der Harkonnen). Aber alle Planeten haben hierarchische und aristokratische Regierungsformen. Herbert hat dabei nie ein gutes Wort für Liberalismus und Demokratie.

Im Dune-Universum sind martialische und aristokratische Werte dominant, und auf kommerzielle, wenngleich sie unvermeidlich und weit verbreitet sind, wird mit aristokratischer Verachtung herabgeschaut.

Große (Adels-)Häuser konkurrieren miteinander und schließen sich in Bündnissen zusammen, im Einklang mit ihrem strikten Ehrenkodex. Atomwaffen sind geächtet. Laser und Projektilwaffen sind selten wegen der Existenz von Energieschilden, die jedes Projektil stoppen und sogar sowohl Angreifer als auch Ziel zerstören, wenn sie in Kontakt mit einem Laser kommen. Schilde sind jedoch nicht in der Lage, langsame Klingen im Nahkampf abzuwehren, und so befördern diese High-Tech-Energieschilde verwegene Kämpfe mit Schwertern und Messern.

Nun, bevor ich auf die wichtigsten Charaktere und die Handlung von Dune zu sprechen komme, müssen wir innehalten, um uns zu fragen, warum diese Romane eine so starke Anziehungskraft auf die Rechte haben. Die Antwort ist natürlich, dass Frank Herbert politisch nicht links stand. Kein linker Autor hebt Feudalismus über Demokratie, Hierarchie über Gleichheit und kriegerische Tugenden über bürgerliche – aber Frank Herbert tut dies. Kein linker Autor legt großes Gewicht auf Vererbung, spricht von einem rassischen Gedächtnis, lobt Eugenik und erklärt die darwinistischen Vorteile, in deren „Genuss“ menschlichen Populationen kommen, die in einer rauen Umgebung leben, der viele zum Opfer fallen. Frank Herbert tut genau dies.

Herberts Romane sind zutiefst anti-humanistisch und anti-individualistisch. Er denkt in Formen der Evolution der menschlichen Spezies über weite Zeitspannen. Er schaut auf die Geschichte wie ein General auf ein Schlachtfeld, wobei er kaltblütig individuelle Leben für eine größere Sache opfert.

Angesichts des bereits von mir präsentierten Materials einschließlich der beiden Aussagen von Frank Herbert sollte schon erkennbar sein, wie sehr diese Interpretation daneben liegt. Allein schon die Behauptung, Herbert würde „den Feudalismus als überlegene Regierungsform und allein dafür geeignet, der Menschheit die Expansion zu den Sternen zu erlauben und sich in der Galaxie auszubreiten“ betrachten, ist eine glatte Lüge, denn weder kommt in Dune eine direkte Aussage in diesem Sinne vor, noch läßt sich das aus der Präsentation der Aristokratie ableiten, die im Gegenteil als zum Großteil degeneriert, korrupt, materialistisch, verlogen, heimtückisch und zudem noch von zwei Hintergrundmächten, den Bene Gesserit und der Raumgilde, manipuliert beschrieben wird. Sogar Baron Harkonnen bezeichnet den pompösen Hofstaat des Imperators, in dessen improvisierten Audienzraum auf dem Raumhafen von Arrakeen er in einem der letzten Kapitel gerufen wird, in seinen Gedanken als Parasiten:

Er hat alles mitgebracht, vom Pagen bis zur Konkubine. Unter seinen Leuten sind Diener und Friseure, Schneider und deren Anhang und Frauen. Die ganzen höfischen Parasiten und Speichellecker. Alle sind sie hier, intrigieren und schmarotzen, weil sie darauf warten, daß er dieser Affäre ein Ende bereitet, damit sie anschließend darüber auf ihren idiotischen Partys schwätzen können.

Daß Herbert „dieses System nicht als repressiv und ungerecht beklagt“ und „nie ein gutes Wort für Liberalismus und Demokratie hat“, geht auch an der Sache vorbei, denn erstens tut er das in diesem Abschnitt sehr wohl:

Herzog Leto Atreides lehnte an der Brüstung des Ladekontrollturms außerhalb von Arrakeen. Der erste Mond, eine leuchtende Silbermünze, hing voll am nächtlichen Himmel des südlichen Horizonts. Darunter leuchteten die Klippen des Schildwalls wie bizarre Gletscherformationen durch eine Nebelwand. Links von ihm leuchteten die Lichter der Stadt: gelb… weiß… blau.

Er dachte an die Proklamationen, die jetzt an allen öffentlichen Plätzen des Planeten ausgehängt wurden und seine Unterschrift trugen: „Unser Erhabener Imperator hat mich dazu ausersehen, Arrakis zu übernehmen und alle herrschenden Streitigkeiten zu beenden.“

Der rituelle Formalismus dieser Worte erfüllte ihn mit Einsamkeit. Wer würde sich von diesen lächerlichen Phrasen beeinflussen lassen? Ganz bestimmt nicht die Fremen. Und erst recht nicht die Kleinen Häuser, die den Binnenhandel von Arrakis kontrollierten… und die bis zum letzten Mann auf der Harkonnen-Seite standen.

Sie haben versucht, meinen Sohn zu ermorden!

Er konnte seine Wut nur mühsam beherrschen.

Von Arrakeen her tauchten die Lichter eines herankommenden Fahrzeugs auf. Möglicherweise war es der Wagen, der Paul brachte. Die Verzögerung war ärgerlich, obwohl er wußte, daß es nur an den Sicherheitsvorkehrungen gelegen hatte, die Hawats Leutnant einzuhalten hatte.

Sie haben versucht, meinen Sohn zu ermorden!

Als wollte er die pochende Wut aus dem Kopf vertreiben, schüttelte Leto Atreides den Kopf. Er sah auf das Landefeld hinaus, wo fünf seiner eigenen Fregatten wie monolithische Figuren aufgereiht standen.

Besser eine Verzögerung, als…

Er erinnerte sich daran, daß der Leutnant ein fähiger Mann war. Er würde ihn bald befördern, das gebot die Loyalität.

„Unser Erhabener Imperator…“

Er wünschte sich, die Einwohner dieser verstaubten Garnisonsstadt könnten den Brief sehen, den er an seinen „Edlen Herzog“ geschickt hatte. Er war voll mit verächtlichen Anspielungen auf die verschleierten Männer und Frauen: „…was kann man schon von diesen Barbaren erwarten, die offenbar der Meinung sind, nichts im Leben sei wichtiger als die Ablehnung der einer Ordnung unterworfenen Sicherheit der Faufreluches*?“

Es wurde ihm plötzlich bewußt, daß es in diesem Moment sein größter Wunsch war, alle Klassenunterschiede zu beseitigen und sich nie wieder mit dieser tödlichen Ordnung zu beschäftigen. Er hob den Kopf, sah zu den Sternen auf und dachte: Um eines dieser kleinen Lichter kreist Caladan… aber ich werde meine Heimat nie wiedersehen. Die Einsamkeit und das Heimweh erzeugte Schmerzen in seiner Brust. Er hatte das untrügliche Gefühl, daß diese Pein nicht von ihm selbst kam, sondern von Caladan aus bis zu ihm herüberdrang. Er zweifelte daran, daß er fähig war, in Arrakis jemals seine Heimat zu sehen.

(*Faufreluches: das strenge Klassensystem des Imperiums, das von jedem Sohn verlangt, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten.)

Zweitens läßt Frank Herbert im Unterschied zu manch anderen Autoren (z. B. Robert Heinlein) seine Protagonisten nicht seine Ansichten in Lehrvorträgen oder langen inneren Monologen predigen. (Am extremsten in dieser Hinsicht war übrigens Ayn Rand, die in Atlas Shrugged ihren Protagonisten John Galt eine 60 Seiten lange Radioansprache halten läßt [80 Seiten in der Taschenbuchausgabe] und ihrem anderen Helden Howard Roark in The Fountainhead eine Gerichtssaalrede gibt, die selbst in der gekürzten Filmfassung noch 60 Minuten dauert.)

Was Herbert von der Aristokratie und anderen Dingen hält, kommt vielmehr in dem zum Ausdruck, was seine Sympathiecharaktere (d. h., die Atreides und ihre Gefolgsleute sowie die Fremen) tun oder nicht tun, wie sie sich verhalten, was sie in verschiedenen Situationen empfinden, und wie das bei den unsympathischen Figuren aussieht, also vor allem beim restlichen Adel, unter dem die Harkonnens nur die Schlimmsten und Bösesten sind, aber nicht prinzipiell anders als die anderen. Dabei kann Demokratie gar nicht zur Sprache kommen, weil die Menschen des Imperiums schon seit zehn Jahrtausenden unter einem Feudalsystem leben und nichts anderes mehr kennen.

Leto Atreides gewinnt die Treue seiner Leute, indem er seinerseits ihnen gegenüber loyal ist und sich um sie sorgt, und die fanatische Loyalität, die er damit nach den Worten von Dr. Kynes gewinnt, erweisen seine Männer ihm noch in der Niederlage und sogar über seinen Tod hinaus, sodaß man annehmen kann, daß es dieses Treueverhältnis auch dann gäbe, wenn er gar kein Herzog oder sonstiger Adeliger wäre.

Die anderen „Aristokraten“ betrachten ihr Personal und sogar ihre Lehnsmänner kalt vom bloßen Nützlichkeitsstandpunkt, trachten sie zu beseitigen, wenn sie ihre Nützlichkeit überlebt haben oder ihnen vermeintlich gefährlich zu werden drohen, sodaß diese ihrerseits Gegenpläne machen, und beherrschen sie allgemein mit Einschüchterung bis Terror und unter Ausnützung ihrer Laster. Daß dies eine allgemeine Praxis und nicht nur bei den Harkonnens so ist, geht aus einer Stelle im Kapitel 2 von Dune/Der Prophet hervor, wo Thufir Hawat, der ehemalige Mentat Herzog Letos mit dem Baron Harkonnen spricht:

In einem milden Tonfall erwiderte Hawat: „Werden Ihre eigenen Truppen nicht ebenfalls ständig unterdrückt?“

„Nun… ich… aber…“

„Unterdrückung ist eine relative Sache“, fuhr Hawat fort. „Ihre Kämpfer wissen genau, daß es den Legionären anderer Adeliger ebenfalls nicht besser geht, nicht wahr? Und daß es für sie keine Alternative gibt, ist ihnen auch klar.“

Für die imperialen Aristokraten ist es normal, die ihnen unterstehenden Bevölkerungen auszubeuten und zu unterdrücken. Nur Leto Atreides tut dies nicht und ist bestrebt, die von seinen Vorgängern auf Arrakis geschaffenen Mißstände (nicht nur die materielle Not, sondern auch demütigende Praktiken) abzuschaffen.

Leto ist anständig und ehrenhaft, und die anderen Mitglieder des Landsraads nennen ihn Leto den Gerechten und wollen ihn zu ihrem Sprecher machen, aber als der Imperator ihn im Bündnis mit seinem Feind Harkonnen auszuschalten bestrebt ist, weil er ihn wegen seiner Popularität und seiner im Aufbau befindlichen schlagkräftigen Truppe fürchtet, halten die anderen sich feige abwartend zurück.

Im Imperium ist Sklaverei akzeptierte Praxis, einschließlich der sexuellen Versklavung beider Geschlechter (Baron Harkonnen ist ein schwuler Lustmolch, der sich gern Sklavenjungen zuführen läßt). Die Atreides halten keine Sklaven, und Gurney Halleck, einer ihrer Unterführer, wurde vom Herzog aus der Sklaverei bei den Harkonnens befreit.

Besonders illustrativ in dieser Hinsicht ist auch der im Kapitel 13 von Buch 2 geschilderte Kampf, bei dem Feyd-Rautha Harkonnen an seinem siebzehnten Geburtstag seinen hundertsten Sklaven-Gladiator in der Arena tötet: Bei solchen Kämpfen ist es üblich, den Sklaven unter Drogen zu setzen, um seinen Selbsterhaltungstrieb ebenso zu mindern wie seine Kampftauglichkeit. Sein „adeliger“ Gegner ist im Gegensatz zu ihm nicht nur mit einem halbseitig wirksamen Schutzschild ausgerüstet, sondern ihm stehen auch noch wie einem Torero Helfer und Ablenker zur Verfügung, und eine seiner beiden Klingen ist vergiftet. Zusätzlich hat er die Möglichkeit, notfalls durch eine sogenannte Prudenztür zu flüchten, die mit einem Energieschild verschlossen ist, der nur den Träger eines Identifikationsbandes durchläßt. Ein manipuliertes reines Selbstinszenierungsschauspiel also, das nichts mit „aristokratischer Tapferkeit und Mannesmut“ zu tun hat und vor einem Publikum von Standesgenossen abgehalten wird, die das goutieren. Die Atreides würden so etwas nie tun, und das zeigt erneut, was Herbert vom Adel in seinem Buch hält.

John Schoenherr, „The Sardaukar Warriors“.

Auch die Sardaukar, die gefürchteten Elitesoldaten des Imperators, sind alles andere als Sympathieträger, wie schon ihre erste Erwähnung verdeutlicht:

„Sardaukar!“ Feyd-Rautha schnappte nach Luft. Vor seinem geistigen Auge marschierten sie auf, die hartgesichtigen, gnadenlosen Mörder, die militaristischen Fanatiker des Padischah-Imperators.

In dem vorher erwähnten Gespräch zwischen Thufir Hawat und Baron Harkonnen wird klar, was es mit den Sardaukar auf sich hat: Sie werden auf dem Planeten Salusa Secundus (intereSSanter Name) ausgebildet, der eine Strafkolonie des Imperators ist und eine extrem feindliche Umwelt hat, wo die Sterblichkeitsrate neu dorthin verbannter Personen über 60 % liegt. Dort werden die „abgefeimtesten Halsabschneider“ hingeschickt, wie der Baron es ausdrückt, und aus den Überlebenden werden kleine Gruppen in Zugsstärke gebildet, die aus ihrer schlimmen Lage befreit und indoktriniert werden, daß ihr Gefängnisplanet in Wirklichkeit ein geheimes Trainingslager für Elitekämpfer ist und man sie dazu auserwählt hat, dieser Elite anzugehören. Dann zeigt man ihnen, was einen Angehörigen dieser Truppen in der Zukunft erwartet: ein Leben im Wohlstand, schöne Frauen, luxuriöse Unterkünfte. Nach einer Weile beginnen die Rekrutierten zu glauben, daß Salusa Secundus heilig ist, weil der Planet sie hervorgebracht hat – die Elite. Und verstärkt wird das dadurch, daß sich noch der gemeinste Sardaukar bewußt ist, ein Leben zu führen, wie es sonst nur einem Angehörigen eines Hohen Hauses zusteht. Daher gehen sie bereitwillig überall hin, wohin der Imperator sie schickt, und töten gnadenlos, wen er ihnen zu töten befiehlt.

Gegen die Fremen ziehen sie jedoch den Kürzeren, denn die sind nicht nur noch bessere Kämpfer, sondern sie setzen dem überheblichen Söldnertum der Sardaukar auch ihren Zusammenhalt und ihre Opferbereitschaft für eine Volksgemeinschaft entgegen.

Weiter mit Gregs Gesülze:

Im Dune-Universum sind martialische und aristokratische Werte dominant, und auf kommerzielle, wenngleich sie unvermeidlich und weit verbreitet sind, wird mit aristokratischer Verachtung herabgeschaut.

Abgesehen davon, daß auch historische Aristokraten wie die in Dune materiellen Wohlstand als solchen nie verachtet haben und es sich als die glorifizierten Räuber und Schutzgelderpresser, die sie immer waren, auch leisten konnten, die Schaffung von Wohlstand zu verachten, gibt es im Dune-Kosmos auch die sogenannte MAFEA-Gesellschaft („Merkantile Allianz für Fortschritt und Entwicklung im All“), die universale Entwicklungs- und Handelsgesellschaft, die von den Hohen Häusern und dem Imperator zusammen mit der Gilde und den Bene Gesserit (als stillen Teilhabern) kontrolliert wird. Aktienanteile an dieser profitablen Gesellschaft und Aufsichtsratsposten darin sind unter den Mitgliedern des Landsraad sehr begehrt.

G.J.; Herberts Romane sind zutiefst anti-humanistisch und anti-individualistisch.

Vergleicht das mit dieser Stelle am Beginn des 6. Kapitels von Buch 3 „Der Prophet“:

Wenn das Gesetz und die Pflicht eins sind und vereinigt durch eine Religion, wirst Du niemals mißtrauisch werden und Dich selbst erkennen. Du wirst stets etwas weniger als ein Individuum sein.
Aus „Muad’dib: Die neunundzwanzig Wunder des Universums“ von Prinzessin Irulan
.

…und mit dieser im Kapitel 10 von Buch 2 „Muad’dib“, wo Paul Atreides und seine Mutter Jessica gerade vom Fremen-Führer Stilgar in ihren Unterschlupf aufgenommen worden sind (Dialog zwischen Stilgar und Lady Jessica):

Ein Mann, der sorgfältige Entscheidungen trifft und deren Konsequenzen im voraus berechnet, dachte Jessica.

Unter unseren jungen Leuten gibt es einige, die sich gerade in den wilden Jahren befinden“, fuhr Stilgar fort. „Sie durchqueren eine Lebensphase, in der sie sorgsamer Anleitung bedürfen. Ich darf ihnen deswegen keine Motive liefern, die sie dazu verleiten könnten, mich herauszufordern. Die Wildheit der Jugend ist ähnlich wie die Blindheit. Ich könnte jeden in diesem Zustand lebenden jungen Mann töten, aber das will ich nicht. Es wäre ein Weg, den ein guter Führer vermeiden sollte. Ich habe eine ausgleichende Funktion wahrzunehmen und muß gleichzeitig darauf achten, daß die individuelle Entwicklung des einzelnen einen positiven Verlauf nimmt. Wenn ein Volk nicht aus individuellen Charakteren besteht, ist es kein Volk, sondern ein Mob.“

Nochmal Greg:

Im Gegensatz zur liberalen Demokratie ist Feudalismus ein stark dezentralisiertes System, das sich für die Regierung von weit verstreuten Planeten eignet und dafür, die daraus resultierenden hohen Transportkosten zu tragen.

Quatsch! Dezentralisierung hängt nicht vom Feudalismus ab, sondern ist in einem System aus dem weit gefaßten „Demokratiespektrum“ mindestens genauso möglich, wofür nicht nur das alte Amerika ein Beispiel ist, sondern auch das im Wildwuchs unter rauhen Bedingungen entstandene isländische System. Und wieso gerade der Feudalismus eher in der Lage sein soll, hohe interstellare Transportkosten zu tragen, bleibt auch unerklärt, sofern damit nicht gemeint ist, daß es einfach durch verstärkte Ausbeutung aller Nicht-Aristokraten möglich ist.

aber er zeigt auch, wie aufrichtiger religiöser Fanatismus

Das ist genau das, was Frank Herbert mit den Fehlern meint, die von einem Führer oder im Namen eines Führers begangen werden und durch die Zahl derer multipliziert werden, die kritiklos folgen: Im zweiten Roman der Trilogie, „Der Herr des Wüstenplaneten“ (Dune Messiah) kommt es doch zu dem galaktischen Djihad, den Paul „Muad’dib“ Atreides immer vermeiden wollte. Die Folge laut Pauls eigener konservativer Schätzung: einundsechzig Milliarden Tote, neunzig Planeten sterilisiert, fünfhundert andere völlig demoralisiert, die Anhänger von vierzig Religionen ausgelöscht, die Fremen vergewaltigen viele Frauen auf den von ihnen überfallenen Planeten… und das von einem Volk, das sich selbst immer über jahrhundertelange ungerechte Unterdrückung beklagt hat.

Und das schau‘ ich mir an, wie viele der Rechten, die von den darwinistischen Vorteilen schwärmen, in deren „Genuss“ menschlichen Populationen kommen, die in einer rauen Umgebung leben, der viele zum Opfer fallen, so etwas für sich selbst oder für ihre Kinder wollen würden.

Ich glaube, ich habe jetzt mehr als ausreichend aufgezeigt, was für ein von alphapavianistischem Wunschdenken geprägter Quatsch Johnsons Artikel ist. Da meine letzte Lesung von Dune schon sehr lange zurücklag, habe ich das bisher nur ungefähr gewußt, aber jetzt, wo ich das Buch wieder gelesen habe, ist mir das Ausmaß der verzerrten Fehlinterpretation erst so richtig klar.

Und diese von B-Mashina in seinem oben zitierten Kommentar treffend beschriebene Tendenz von Greg Johnson und anderen Autoren von Counter-Currents stört mich schon länger. Sei es bei Superhelden-Comics (z. B. „Dark Right: Batman seen from the Right“) oder japanischen Animes, für die der Darth-Vader-Fan Buttercup Dew der Experte ist, von dem es unter dem Titel „My Nationalist Pony“ sogar ein eigenes Buch mit Essays über die Zeichentrickserie „My Little Pony: Friendship is Magic“ gibt, weil darin angeblich „arische Werte“ wie Hierarchie und Kastenteilung in Aristokraten/Krieger, Priester und Arbeiter vermittelt werden, oder „The Mandalorian“… immer geht es um Aristokratiefetischismus, „Traditionalism“ und Hierarchiewixerei. Ich mag keine Rezensionen von Greg Johnson oder anderen CC-Autoren mehr übersetzen, wo ich nicht das behandelte Werk selbst gelesen oder gesehen habe und die Richtigkeit der Rezension beurteilen kann.

„Nachdem Hierarchie dazu tendiert, selbstverstärkend zu sein, je steiler sie wird (und je größer das Staatswesen ist, und je mehr dort materiell zu holen ist), kann diese Fehlentwicklung sich nur verschärfen, wenn sie einmal eingesetzt hat. Je mächtiger und autoritärer ein Regime wird, desto interessanter wird es auch für die Juden als Hebel, um das Volk in eine Richtung zu bewegen, in die es nicht will. Mit der Zeit werden die unteren Ränge der Hierarchiepyramide ebenfalls abgekoppelt und nach unten abgedrängt, zum Vorteil der Spitze, bis diese von den Juden abgesägt und unter den Bus gestoßen wird. Aber das wollen die Hierarchiebesoffenen ja nie wahrhaben.“

Aus „Gesammelte Weisheiten des Lucifex“ von Deep Roots.

*   *  *   *   *   *   *   *

Leselinks:

Archeofuturist Fiction: Frank Herbert‘s Dune von Greg Johnson

Archäofuturistische Fiktion: Frank Herberts Dune (deutsche Übersetzung davon)

David Lynch‘s Dune von Trevor Lynch (Greg Johnson)

Deutscher Wiki-Artikel über Dune

Spacing Guild: Dune (Wikipedia)

Literature / Dune auf TV Tropes

Dune auf goodreads

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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Eine Antwort zu Frank Herberts „Dune – Der Wüstenplanet“, richtig gelesen

  1. Lucifex schreibt:

    Inzwischen habe ich den zweiten Roman der ursprünglichen Dune-Trilogie, „Der Herr des Wüstenplaneten“ (Dune Messiah), der nach zwölf Jahren Djihad beginnt, auch wieder gelesen, und da ist mir gleich in Kapitel 1, einer Wiedergabe von „Historische Analysen: Muad’dib“ des Historikers Bronso as Zahir, der wegen seiner „ketzerischen“ Schriften zum Tod verurteilt wird, diese Stelle über Paul Muad‘dib aufgefallen:

    Dieser Messias, dieser Prophet, dieser Mann, durch den die Bene Gesserit das Menschheitsschicksal zu beherrschen hofften – dieser Mann wurde Muad’dib, Begründer und Herrscher eines Reiches, Nachfolger des geschlagenen Kaisers Shaddam IV., mit dessen Tochter er eine Vernunftehe einging.

    Es kann nicht überraschen, daß eine solche Konstruktion von Anfang an den Keim des Mißerfolgs in sich trug. Zu zahlreich und zu warnend sind die historischen Beispiele vergangener Zeitalter. Erstaunlich erscheint dem nüchternen Betrachter allenfalls die tiefe Naivität eines genialen Mannes, der, den seherischen Blick in die Zukunft gerichtet, die Lehren einer vieltausendjährigen Geschichte übersah und in seiner Eigenschaft als Reichsgründer mit fast zwanghaft anmutender Folgerichtigkeit die Fehler der alten feudalen Alleinherrscher wiederholte – bis hin zum unausweichlichen Ende. Seine hinreichend bekannten Siege und politischen Entscheidungen seien an dieser Stelle nur erwähnt, weil sie mit gespenstischer Deutlichkeit die Parallelität in den Entwicklungen feudaler Herrschaftssysteme aller Zeiten aufzeigen.

    Frank Herbert „beklagt den Feudalismus nicht als repressiv und ungerecht und betrachtet dieses System als eine überlegene Form der Regierung und allein dafür geeignet, der Menschheit die Expansion zu den Sternen zu erlauben und sich in der Galaxie auszubreiten“?

    Von wegen!

    Daß Frank Herbert die Bene Gesserit, die Raumgilde und die Bene Tleilax nicht als positive Kräfte gedacht hat, kommt nicht nur über die ersten beiden Bücher hinweg darin zum Ausdruck, wie die Sympathiefiguren diese Organisationen sehen, sondern zeigt sich zum Schluß von „Der Herr des Wüstenplaneten“ auch darin, wie sie mit ihren Plänen scheitern und wie ihre Hauptakteure in diesem Buch, die Ehrwürdige Mutter Gaius Helen Mohiam, der Tleilaxu Scytale und der Gildenavigator Edric, ihre gerechte Strafe bekommen. Dagegen wird Prinzessin Irulan trotz ihrer Rolle im Komplott der drei Organisationen gegen Paul verständnisvoll gezeichnet, als Mittäterin zwar, aber doch auch als von Mohiam benutztes Werkzeug, das wegen dieser Pläne auf Mutterglück verzichten mußte. Paul hat Mitleid mit ihr und trägt seiner Schwester Alia auf, nach seinem Tod Irulans Leben zu schützen, und Irulan ist außer sich vor Trauer um Paul, verflucht die Bene Gesserit und fällt von ihnen ab, um ihr Leben fortan Pauls Kindern zu widmen.

    Übrigens hatte ich lange geglaubt, daß die Darstellung der Gildenavigatoren in David Lynchs Film auf künstlerischer Freiheit der Filmemacher beruht, denn im ersten Roman „Dune“ wird nur kurz von Paul spekuliert, daß die Navigatoren, deren Aussehen kein Außenstehender kennt, mutiert und nicht mehr menschlich sind, während zum Schluß angedeutet wird, daß zwei normal menschlich aussehende Gildeagenten in Wirklichkeit Navigatoren sind, die ihre vom Gewürz schwarzblauen Augen mit Kontaktlinsen getarnt haben.

    Nun habe ich „Der Herr des Wüstenplaneten“ zum ersten Mal seit ca. 1980 wieder gelesen, und darin wird Edric tatsächlich als vage humanoide Molchgestalt mit Flossenfüßen und breitgefächerten Händen mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern beschrieben, die in einem mit orangem Gas gefüllten durchsichtigen Behälter schwimmt.

    Noch zwei Betrachtungen:

    Greg Johnson interpretiert Dune offenbar als Bestätigung seiner Sicht, daß der Feudalismus ein System ist, das sich in überlegener Weise für die dezentralisierte Regierung weit verstreuter Planeten eignet – also für ein Imperium, das im Buch aus allen mehrfach miteinander verschmolzenen und wieder aufgespaltenen Völkern der Menschheit besteht. Ein wirklich voll dezentrales System wäre jedoch eines aus souveränen Planeten separater Völker, das Johnsons sonstigem Bekenntnis zum Ethnopluralismus entsprechen würde. Wozu also ein System aus autoritären Lokalherrschern unter einem Imperator als gemeinsamen Lehnsherrn?

    Und Nicholas R. Jeelvy, für mich das Brechmittel unter den CC-Autoren, sieht in den Sardaukar offenbar etwas Positives und vergleicht in seinem Artikel „American Sardaukar“ deren moralbefreites, selbstzweckhaft hartes Herumgekriegere mit dem gleichermaßen sinnlosen Kriegertum der amerikanischen Soldaten im Nahen Osten und überall sonst, wo ihr Oberster Befehlshaber von jüdischen Gnaden sie hinschickt. Im selben Artikel schwärmt er von der Kultur der Südstaaten-Rednecks, die diese Art von Soldatentum hervorbringe und die Jeelvys Herkunftskultur auf dem Balkan darin ähneln soll, daß angeblich da wie dort Väter ihre Söhne schon als Jungen dazu anhalten, aufeinander loszugehen – auf ihre eigenen Brüder, mit der Absicht zu verletzen! -, und die Mütter mit dem Hosengürtel schnalzen, wenn diese mildernd einzugreifen versuchen.

    Ich weiß nicht, ob es diese Gepflogenheit unter Südstaaten-Rednecks oder Balkanesern wirklich gibt, aber dieser Arsch findet das bewundernswert!

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