Feuerfall (2): Babylon 6

Ein Science-Fiction-Roman aus dem Galciv-Universum, von Deep Roots alias Lucifex. Dies ist Kapitel 2 von 17, und es gibt zur Begriffs- und Hintergrunderläuterung auch das Glossar zum „Galciv“-Kosmos.

Zuvor erschienen: (1) Reiter auf dem Sturm

Kapitel 2:  B A B Y L O N   6

Achtzehn Tage später saßen wir in einem der langen Beiboote und flogen über eine Monsunwolkendecke ostwärts über das Südchinesische Meer hinaus, auf die aufgehende Mondsichel zu. Irgendwo links unter uns lag das Mekongdelta. Beschleunigung und Steigrate waren mäßig, denn wir hatten reichlich Zeitreserve bis zum Rendezvous im Orbit.

Wir – Julani, mein langjähriger Freund und Waffenbruder Frido und ich – hatten im Morgengrauen eine junge Thailänderin namens Mayuree, die von Maik und Deniz versklavt worden war, in ihrer Heimatprovinz Krabi abgesetzt und danach die erste Morgenstunde mit Baden im Meer verbracht, ehe wir wieder gestartet waren. Ich hatte Mayuree eine Geldsumme aus dem Nachlaß der Verbrecher auf ein für sie eingerichtetes Konto überwiesen, und wir hatten ihr geraten, sich eine Zeitlang zu verstecken, weil schwer abzuschätzen war, was das Wiener Ehepaar unternehmen würde, an das sie bis vier Tage zuvor vermietet gewesen war.

Diese Leute hatten nicht gerade erfreut gewirkt, als sie bei Mayurees Rückgabe auf einer Waldstraße nahe Breitenfurt erfahren hatten, daß jemand anders ihre Geschäftspartner getötet und alles übernommen hatte, was diese besaßen, einschließlich der Informationen über illegale Geschäftsbeziehungen. Sie hatten uns als Nicht-Verbrecher erkannt, als „Pfadfinder“, wie die Frau uns genannt hatte, und sie hatten sich in dieser Einschätzung wohl dadurch bestätigt gesehen, daß ich ihnen Mayuree nicht verkaufen wollte. Ihr Problem mit uns war, daß nun jemand, der keinen Dreck am Stecken hatte, von einem Teil ihrer Machenschaften wußte. Zwar waren alle Kontakte nur über Decknamen gelaufen, so wie ich auch ihnen nur meinen „Trugnamen“ genannt hatte, aber das Ehepaar war zuvor einmal mit Maik und Deniz nach Delpavo im System von Delta Pavonis gereist und konnte nicht sicher sein, ob dabei nicht Aufnahmen von ihren Gesichtern gemacht worden waren.

Nun, wo das über Shom-Earth registrierte Geschäft beendet war, bestand auch der damit verbundene Schutz durch das Galciv-Gesetz nicht mehr, und Frido und ich würden uns sehr in Acht nehmen müssen, daß die beiden uns nicht beseitigten. Da ich über sie mehr wissen wollte als ihre Decknamen Elias Roki (kurz Elirok) und Daleth Talewa, hatte ich ihren Wagen auf der Heimfahrt von einer Flugsonde beschatten lassen, bis sie bei ihrer Villa im Nordwesten Wiens angekommen waren.

Ich hatte Frido – neben meinem Bruder und ein paar weiteren Vertrauenspersonen, die sich in meiner Abwesenheit um das Haus und meine Angelegenheiten kümmern würden – in die Sache mit Nouris und der Galaktischen Zivilisation eingeweiht, weil ich jemanden brauchte, der mir bei den kommenden, möglicherweise gefährlichen Unternehmungen den Rücken freihielt, und wegen seiner im Vergleich zu mir höheren Umsicht und Wachsamkeit. Bei Kampfübungen, die wir in den heimischen Wäldern durchgeführt hatten, war es mir nie gelungen, mich überraschend an ihn anzuschleichen, während er mich manchmal schon überrascht hatte. Fast so groß wie ich und etwas schlanker und jünger, würde er mir eine gute Unterstützung sein. Julani kannte ich noch nicht lange, sie gehörte einer anderen Zivilisation an und würde auch nicht auf Dauer meine Beraterin bleiben.

Nachdem ich in der Nacht nach dem Besuch von Deniz und Maik ihre Leichen in der Hochatmosphäre hatte verglühen lassen, hatte ich meinen kleinen Kreis von Vertrauten informiert. In dieser Zeit hatte es doch zwei Meldungen wegen Nouris‘ Landung gegeben: Jemand hatte aus der Ferne eine Videoaufnahme von ihrem Start gemacht, und ein Bauer hatte leichte Flurschäden in seinem Feld gemeldet, nämlich niedergedrücktes und versengtes Getreide. Da dort jedoch auch meine Spuren gefunden worden waren und das Goldhaube-Überwachungssystem nichts geortet hatte, war das als digitaler Fake des Videozeugen abgetan worden, der auch den angeblichen Landeplatz präpariert habe.

Später hatte ich Vorkehrungen für eine längere Abwesenheit getroffen, und nachdem die Rücknahme von Mayuree erst neun Tage später stattfinden sollte, war ich mit meiner kleinen Runde zur Shomhainar-Basis auf der Mondrückseite geflogen, um mich als Nouris‘ Besitzer registrieren zu lassen – unter dem Decknamen Draco Flint, während Frido das Pseudonym Leo Strasskat wählte – und uns eine erste Bioauffrischung zukommen zu lassen. Eine umfassendere Bioregeneration würde warten müssen, bis mehr Galciv-Verrechnungseinheiten verdient waren, denn diese Behandlungen sind sehr teuer. Julani hatte uns erklärt, daß sie für Galciv-Bürger zur Bevölkerungskontrolle und als Leistungsansporn ebenfalls teuer gehalten werden und für Shomhainar außerdem bewilligungspflichtig sind, und ich hatte mir Gedanken darüber gemacht, wie man das handhaben würde, wenn die Erde einmal Mitglied der Galaktischen Zivilisation wäre, zumal Menschen damit mehrere Jahrhunderte alt werden können.

„Alles klar bei euch?“ meldete sich Nouris über Lasercom. „Ihr seid so schweigsam.“

„Alles klar“, bestätigte ich. „Wir sind nur sehr müde. Bring‘ uns rein.“

Ich hatte die Maschine bei den Starts und Landungen und bei den Manövern in der Troposphäre schon mit den hubschrauberanalogen Lenkelementen gesteuert, aber die Flugballistik für den Aufstieg bis zum Rendezvouspunkt hatte ich lieber der KI des Bootes überlassen, und es war am schnellsten und bequemsten, wenn Nouris uns in eine ihrer Beibootschleusen manövrierte. Wir konnten sie gegen die Weltraumschwärze und die Sonne kaum sehen, während sie uns entgegensank, obwohl ihre Position mit einem grünen Leuchtring auf dem Frontbildschirm angezeigt wurde, samt Entfernungsangabe daneben. Erst als ihr Rumpf die Sonne zu verdecken begann, nahmen wir sie direkt wahr und konnten erkennen, wie nahe sie schon war. Sie flog mit dem Bug voran, den Rumpfrücken der Erde zugewandt, und in ihrer braunen, vom bläulichen Widerschein der Erde erhellten Außenhülle hatte sich schon die Beibootbucht geöffnet. Das Boot näherte sich der Luke, richtete sich mit dem Bug zur Erde aus, sodaß wir tief unter uns zwischen den Wolken die Philippinen sehen konnten, und dann schwebte es rückwärts an das Mutterschiff heran, bis der ausgefahrene Greifer es packen und hineinziehen konnte. Als der Einschleusungsvorgang beendet war, stiegen wir aus und gingen in unsere Quartiere, um uns das Meersalz von der Haut zu duschen und bequeme, leichte Bordkleidung statt der Außeneinsatzmonturen anzuziehen.

Wir hatten unsere Quartiere alle drei auf demselben Deck: ich hatte das steuerbordseitige übernommen, das Maik bewohnt hatte, Frido jenes von Deniz, und Julani hatte ihres am Ende des Ganges behalten. Noch auf dem Weg dorthin wies ich Nouris an, mit dem geplanten Mondflug zu beginnen, der die erste Etappe auf der interstellaren Reise sein würde, zu der wir nun aufbrachen. Auch dabei konnten wir uns Zeit lassen, denn ich wollte das Wurmlochportal zwecks Gebühreneinsparung gleich nach einem anderen Raumschiff passieren, das erst in zehn Stunden von der anderen Seite her erwartet wurde. Wenn mehrere Schiffe ein Wurmloch kurz nacheinander durchfliegen, können sie sich die Gebühren für das Hochfahren der Anlage teilen, und jedem werden darüber hinaus nur die Kosten für das Offenhalten des Wurmlochs während der Zeit seiner Passage verrechnet. Danach läßt man das Wurmloch wieder auf seinen Standby-Mindestquerschnitt schrumpfen, der erhalten bleiben muß, weil Wurmlöcher nicht auf Distanz zwischen den Portalstationen aufgebaut werden können. Nouris beschleunigte also mit nur zwölf Prozent eines g aus dem Erdorbit, sodaß wir den Mond kurz vor dem Erscheinen des anderen Schiffes erreichen würden.

In den vergangenen zweieinhalb Wochen hatte ich mich nicht nur über die Galaktische Zivilisation und ihr Erdprogramm informiert, sondern auch über mein Drachenschiff. Eines seiner Antriebssysteme besteht aus vielen kleinen Einheiten, die Schub ohne Ausstoß eines Treibmittels erzeugen und deshalb überall im Schiff verteilt eingebaut sein können. Die meisten sind beweglich montiert, was eine hohe Manövrierfähigkeit ermöglicht. Auch die Beiboote haben diesen Antrieb, dessen Galciv-Bezeichnung übersetzt Inertialfluktuationsantrieb, kurz Influxantrieb, lautet. Sein Grundprinzip entspricht dem Woodward-Antrieb. Der Überlichtantrieb ist ein Warpantrieb ähnlich den Konzepten, die schon seit einiger Zeit auch auf der Erde theoretisch formuliert wurden. Das System erzeugt eine raumgeometrische Blase um das Schiff, um die die äußere Raumzeit herumbewegt wird, was eine überlichtschnelle Versetzung des in der Blase ruhenden Schiffes durch den Raum ermöglicht.

Die Energie für die Antriebsanlagen kommt von Massekonvertern, die Materie durch Destabilisierung der elementarsten Teilchen unterhalb der Ebene der Quarks zerstrahlen. Es gibt neun Hauptkonverter, die die meisten chemischen Elemente verarbeiten, und neun Hilfskonverter, die nur mit leichteren Elementen funktionieren. Je drei Haupt- und drei Hilfskonverter sind zusammengefaßt und stoßen ihr unzerstrahltes Restplasma durch eine der drei Düsen aus, die außen um das Heck sichtbar sind. Zur Schubsteigerung kann Wasser in das Plasma eingespritzt und verdampft werden. Die langen und mittleren Beiboote sind mit einfachen Wasserstoffkonvertern ausgestattet sowie mit Brennstoffzellen als Hilfsenergiequellen. Die zwei kurzen Boote, die ich am ersten Tag gesehen hatte, besitzen nur Brennstoffzellen und eignen sich bei Planeten von der Größe der Erde nur für Verbindungsflüge zwischen dem Boden und dem Mutterschiff im Orbit.

Bewaffnet ist Nouris ebenfalls, wie ich mit Erstaunen erfahren hatte. Einsatzfähig waren damals aber nur die vier elektromagnetischen Linearbeschleunigerwaffen an den Seiten des Rumpfes. Das sind Gauß-Kanonen, die Kupferringe mit variabler Mündungsgeschwindigkeit verschießen, und zwar in beide Richtungen, denn sie haben Geschoßzuführungen und Mündungen an beiden Enden. Von der Shomhainar-Erdbehörde waren sie funktionsfähig belassen worden, damit man Raketen irdischer Kampfflugzeuge oder notfalls auch die Flugzeuge selbst abschießen konnte, um zu verhindern, daß das Schiff in die Hände einer irdischen Regierung gerät. Dabei war mir aber von den Shom-Earth-Beamten bei der Registrierung sehr deutlich klargemacht worden, daß solch ein Waffengebrauch, vor allem bei Abschuß eines Flugzeugs, von ihrer Behörde sehr genau darauf untersucht würde, ob er nicht von dem Raumschiffeigner fahrlässig provoziert worden war, in welchem Fall hohe Strafen drohten.

Zusätzlich ist eine Ionenkanone eingebaut, die fast so lang wie das Schiff selbst ist und Pulse von Quecksilberplasma annähernd lichtschnell verschießen kann. Auch diese Waffe ist dafür eingerichtet, in beide Richtungen zu feuern, wofür der viel kürzere Elektronenbeschleuniger doppelt vorhanden sein muß, einer unter dem Bug und einer im Heck, deshalb war der Sporn mit der Zugangsröhre außermittig angeordnet worden. Wie Nouris mir jedoch sagte, hatten die Shomhainar bei ihrer Reaktivierung die Treibersoftware für die Ionenkanone aus ihrem System gelöscht. Die beiden kurzen, dicken Laserwaffen unter den ovalen Abdeckungen beiderseits der Aussichtskuppel waren überhaupt entfernt worden. Außerdem hatte man ein Kontrollprogramm installiert, das der KI eine Anzahl von Verhaltensnormen und Verboten im Sinne der Galciv-Politik auferlegte und es der Shomhainar-Polizei im Bedarfsfall ermöglichte, die Kontrolle über sie zu übernehmen. Ähnliche Kontrollprogramme gab es in den KIs der Beiboote, in deren rechter Rumpfseite je eine Gauß-Kanone eingebaut ist, in den kurzen und mittleren Booten nur vorwärtsfeuernde, in den langen solche, die in beide Richtungen schießen können.

Die Laderäume waren leer gewesen, und für einen davon würde ich bald Verwendung haben. Denn wir hatten das Problem, daß wir nur entweder tief in der Nacht mit den Beibooten beim Haus landen und starten konnten, was ich wegen der Entdeckungsgefahr nicht mehr riskieren wollte, oder damit auf entlegene Waldlichtungen ausweichen mußten, was auch nur nachts möglich war und Autofahrten plus Fußmärsche zu diesen Landestellen erforderte. Außerdem konnten die Beiboote dort nicht bleiben, sodaß sie für das Herunterkommen aus dem Orbit und den Aufstieg dorthin jedes Mal extra hin und zurück fliegen mußten. Der uns dadurch aufgezwungene unregelmäßige Lebensrhythmus mit teilweiser Nachtaktivität setzte uns zu und konnte nicht auf Dauer so weitergehen.

Abhilfe boten als irdische Autos getarnte Zubringermaschinen, die von halblegal tätigen Shomhainar für solche Zwecke angeboten werden und mit Influx-Antrieben und Brennstoffzellen ausgestattet sind, wie man sie auch für Flugwagen in der Galciv verwendet. Sie eignen sich zwar nicht als Orbitalzubringer, auch weil bei ihnen keine Druckkabinen möglich sind und sie daher Menschen selbst bei reiner Sauerstoff-Innenluft nur bis in acht Kilometer Höhe bringen können. Aber es würden unauffällige Fahrzeuge sein, mit denen wir zu Stellen fahren konnten, wo uns niemand beim Abheben sah, um dann in Dunkelheit oder Schlechtwetter auf Gipfelhöhe zu fliegen und uns von Nouris im Laderaum aufnehmen zu lassen. Und bei der Rückkehr nach Hause würden wir sie einfach in die Garage stellen können.

Nouris‘ Vorbesitzer waren noch nicht dazu gekommen, sich so etwas zuzulegen, weil sie sich mit dem Kauf des großen Raumschiffs, das sie aus Protzgründen unbedingt haben wollten, etwas übernommen hatten. Zuletzt hatten sie jedoch genug GVE für zwei Flugwagen besessen und bei einem Shomhuman Angebote eingeholt. Diesen Mann hatte ich dann kontaktiert und zwei Fahrzeuge bestellt, die dem Elektro-Golf beziehungsweise dem Opel Zafira nachgebildet waren. Am Vortag war die Nachricht gekommen, daß sie fertig waren, abzuholen beim Lieferanten in einem Verkehrs- und Handelszentrum der Galciv auf einem Mond im vierundzwanzig Lichtjahre entfernten Sonnensystem Beta Hydri. Dorthin waren wir jetzt unterwegs.

Als ich nach dem Duschen fertig angezogen war, verließ ich mein Quartier und ging über die Wendeltreppe zum nächsthöheren Deck hinauf, wo Frido sich im Salon gerade gähnend mit seinem Essen an einen Tisch setzte. Ich war ebenfalls sehr müde, denn nach unserer gewohnten Zeit war es zwei Uhr morgens, und wir waren um zehn Uhr abends unserer Zeit von zu Hause gestartet. Am Strand in Thailand hatten wir mitgebrachten Kaffee und einen Imbiß gehabt, und nun war das unser zweites Abendessen, ehe wir zu Bett gingen. Bis ich mein Essen zubereitet hatte, kam auch Julani zu uns, und wir saßen bei einer wortkargen Mahlzeit zusammen. Obwohl wir unseren Tag/Nacht-Rhythmus in den Tagen davor auf spät verschoben hatten, waren wir dem Einschlafen nahe und nahmen kaum Notiz von der bereits zehntausend Kilometer entfernten Erde, die auf einem der raumhohen Wandbildschirme zu sehen war. Schweigend räumten wir nach dem Essen ab und gingen dann nach unten.

Acht Stunden später trafen wir uns nach ausgiebigem Schlaf wieder im Salon. Wir schalteten die Bildschirmwände auf Außensicht, um den Anblick des schon sehr nahen Mondes genießen zu können, während wir frühstückten. Unser Kurs verlief leicht nach Westen versetzt über den Nordpol des Mondes zu dessen Rückseite. Das flach einfallende Licht in diesen hohen Breiten warf lange Schatten und ließ das Relief der Mondlandschaft besonders plastisch erkennen. Am westlichen Horizont verschwand gerade der sonnenbeschienene Rand des ansonsten noch in Dunkelheit liegenden Kraters Philolaus, während wir dem Boden immer näher kamen.

Mit abnehmender Höhe wurde unsere Bewegung immer deutlicher sichtbar. Obwohl das nun stärker bremsende Schiff mit dem Heck voran flog, waren die Aufnahmen der Außenkameras so auf den Wandschirmen orientiert, daß wir den Eindruck hatten, in einem aufrecht über die Mondoberfläche fliegenden Turm zu sitzen. Unter uns zog der Krater Anaxagoras vorbei, und die Erde sank dem Horizont entgegen. Fünf Minuten später begann sie hinter den fernen Mondbergen zu verschwinden, und nach einer weiteren Minute war sie weg. Wir waren nun über der Mondrückseite, nur noch Minuten von unserem ersten Etappenziel entfernt, einem Lavatunnel-Skylight, unter dem sich das Wurmlochportal nach Proxima Centauri befindet. Die ständig im Schatten liegende Senke, die es umgibt, war bereits in Sicht. Sechs Minuten betrug die angezeigte Zeit bis zur Ankunft des Raumschiffs von jenseits des Wurmlochs, und da wir mit unserem Frühstück fertig waren, gingen wir in die Zentrale hinunter.

Kurz nachdem wir dort angelangt waren, erschien das Schiff aus dem Loch im Mondboden. Es flog in horizontaler Rumpflage heraus, ein weißer, eiförmiger Körper mit einer großen durchsichtigen Kuppel an der Oberseite, auf der ein hoher Mast emporragte. Vier Flossen oder Flächen waren an seinen Seiten angeklappt und entfalteten sich, dann neigte es sich nach vorn und beschleunigte mit der Kuppel voran in Richtung Mondnordpol, wahrscheinlich mit Ziel Erde.

Nun waren wir dran. Nouris stellte sich auf den Kopf, was für uns irritierend war, weil der Mond draußen um uns rotierte, ohne daß unsere Schwererichtung sich änderte. Dann flog sie langsam auf das Einsturzloch der Lavaröhre zu. Die Bauten der Galciv-Basis, die in dem Tunnel lagen, bewegten sich durch unser Sichtfeld, aber da wir sie bereits kannten, achteten wir nicht darauf. Wir passierten das Wurmloch und stiegen jenseits davon über der nachtseitigen Oberfläche eines Asteroiden auf, der außerhalb der Bahn des Planeten Proxima Centauri b umläuft und von einem Mond umkreist wird. Auf dem Weg zu diesem Mond, auf dem sich das Wurmlochportal nach Epsilon Indi befindet, begegnete uns ein graubraunes Raumschiff mit zwei ineinander geschachtelten Warpantriebsringen, das nach Schnelligkeit aussah. Julani identifizierte es als Shomhainar-Kurierschiff aus dem Inneren der Galaktischen Zivilisation.

„Das ist ungewöhnlich, daß so ein Schiff so weit hier herauskommt“, sagte sie. „Da muß etwas Besonderes im Gange sein, entweder im Zusammenhang mit der Politik gegenüber der Erde oder mit irgendeinem Fehlverhalten bei Shom-Earth. Vielleicht machen sie aber auch nur eine Generalinspektion des bisherigen Projektverlaufs.“

„Oder irgendwelche hohen Tiere von weiter drinnen in der Galciv wollen sich auch einmal hier draußen bei uns Barbaren amüsieren“, meinte ich.

„Hohe Tiere?“

„Eine Redensart bei uns für wichtige Leute. Hochrangige Shomhumans, meinte ich.“

„Ach so. Ja, das wäre auch möglich.“

Kurz darauf erreichten wir den Asteroidentrabanten, tauchten in das Wurmloch ein und kamen über der Kraterlandschaft eines Mondes heraus, über dem eine von Wolkenbändern überzogene Supererde mit ihrem Gefolge aus weiteren Monden schwebte. Diese schnell rotierende Welt hat eine dicke Atmosphäre und ist fast ganz von Wasser bedeckt. Sie ist unbewohnt, und nur selten landet jemand auf einer ihrer Inseln, um die Lebensformen ihrer stürmischen Meere und verstreuten Landflecken zu erforschen, und noch seltener aus touristischen Gründen.

Das Wurmloch für die letzte Etappe nach Beta Hydri war noch aktiviert, deshalb konnten wir sofort hindurch. In einer ballistischen Kurve flogen wir auf das Portal zu, das gleich hinter dem Horizont der kleinen Welt lag, umgeben von einer eingeebneten Landefläche, aus der Andocktürme hervorstanden. Unser Ziel im nächsten Sonnensystem war der innerste Mond des vierten Planeten, einer Welt, die wie eine erdgroße Version des Mars in seiner wasserreichen Frühzeit aussieht und doppelt so weit wie die Erde von ihrer Sonne entfernt ist. Da Beta Hydri sich schon zum Roten Riesen zu entwickeln begonnen hat, ist der vierte Planet dennoch nicht viel kühler als die Erde, jedoch dauert sein Jahr zweieinhalb Erdenjahre. Die Lwaong hatten dort ein Habitabilisierungsprojekt begonnen, die Eisdecke aufgetaut und die Meere mit Plankton besiedelt, sodaß die Atmosphäre nun atembar ist. Die Landflächen sind aber immer noch fast vegetationslos, und überall sind die Krater zu sehen, wo sich die im Krieg zerstörten Kuppelstädte der Lwaong befunden hatten. Die Galciv-Spezies hatten sich noch auf keinen Namen für diese Welt geeinigt, daher war vorläufig der Name Dhroxharkh in Gebrauch, wie die Xhankh sie nennen.

Der innerste Mond hieß Bethyda, angelehnt an die irdische Bezeichnung der Sonne des Systems. Er war ein eingefangener Asteroid, der auf einer elliptischen Bahn umlief, im Mittel nur elftausend Kilometer über der Oberfläche seines Planeten. Weiter draußen gibt es noch einen größeren Mond mit großen Eiskappen an den Polen und jenseits davon einen dritten, der ganz von einer Eiskruste bedeckt ist.

Als wir aus dem Wurmlochportal von Bethyda kamen, zog der Mond gerade in rund sechstausend Kilometer Höhe über das trockene Hochland des größten Kontinents von Dhroxharkh hinweg. So trocken und klar war die Luft da unten, und so kahl die Landschaft, daß es genauso gut der Mars hätte sein können. Erst wenn man den Blick zur Seite wandte, sah man die Meere und Wolkenwirbel, die diese Wüstenei umgaben.

Das Portal, das wir passiert hatten, war mit seinen Nebenanlagen in einen Kavernenkomplex eingebaut worden, den die Lwaong hoch im Norden von Bethyda geschaffen hatten, während für das Verkehrs- und Handelszentrum, zu dem wir wollten, ein viel ausgedehnteres Untergrund-Hohlraumsystem der Lwaong genutzt worden war, das am Äquator des Mondes lag. Auf einer hohen Suborbitalbahn flogen wir dorthin, und nach einer Viertelstunde kam unser Reiseziel in Sicht.

Es war umgeben von helleren Kratern aus dem Lwaong-Krieg, und seine Peripherie bildete das Bethyda-Dreieck, eine regelmäßige Anordnung von drei Wurmlochportalen. Eines davon führte zum nächsten Etappenziel auf der Route zur Galaktischen Zivilisation, dem Sternsystem HD 102365 alias 66 G. Centauri, ein anderes zum 6,7 Lichtjahre entfernten Zeta Tucanae, wo die Sontharr gerade die ehemalige Lwaong-Welt Hwaoung-an unter dem neuen Namen Ssrranth kolonisierten. Aus diesem Portal erschien gerade ein Raumschiff des gleichen Typs, den wir aus dem Lunaportal kommen gesehen hatten, und nahm Kurs auf das Portal zur Erdroute. Das dritte Wurmloch führte zum Planeten Kyerak im System Gamma Pavonis, wo es eine „wilde“ Menschenpopulation gibt und die Sontharr dabei waren, einen einst von den Lwaong bewohnten Tropenkontinent zu kolonisieren. Zwischen diesen drei Wurmlochportalen lagen Außenlandeplätze und Landeschächte für Raumschiffe, und überall auf dem fünf Kilometer durchmessenden Areal standen Andock- und Kontrolltürme, Kommunikationsmasten, Lagerbauten und Tankanlagen. In der Mitte wölbten sich sechs große durchsichtige Kuppeln, und eine siebente war im Bau. Der Verkehr war lebhaft; während der Zeit unseres Anflugs kamen drei weitere Schiffe an; zwei flogen durch andere Portale weiter, eines landete.

Dies war der Verkehrsknotenpunkt zwischen den vier Sternenrouten, hier war der Hauptsitz der Shomhainar-Erdbehörde, und hierher kamen viele Earthins, um Produkte der Galciv zu kaufen oder Vergnügungen und Geschäften nachzugehen, die ihnen anderswo nicht oder nur schwer möglich waren. Von Julani wußten wir, daß viele von ihnen hier sogar einen Nebenwohnsitz oder ein Geschäft hatten. Für diese Residenten und für geschäftliche und touristische Besucher von der Erde war die Möglichkeit geschaffen worden, sich gegen eine Gebühr einen befristeten Status als geschützte Gäste zu erkaufen. Denn normalerweise ahndet die Galciv auch dann nichts, das Nichtbürger einander antun, wenn das in ihrem Rechtsbereich stattfindet, sofern nicht ein bei ihr registriertes Vertragsverhältnis zwischen den Konfliktparteien besteht. Es gab hier auch gestrandete Existenzen, die mit gewagten Geschäftsvorhaben von der Erde hergekommen, dann aus diversen Gründen gescheitert waren und sich nicht einmal mehr die Rückreise zur Erde leisten konnten. Für diese Leute war auch der Schutzstatus unerschwinglich, und so bildeten sie einen kriminellen Bodensatz.

Die Wohnbereiche waren nach Spezies getrennt, und die Shomhumans wohnten separat von den Erdenleuten, aber im öffentlichen Raum mischten sich die Arten, wenngleich es auch hier Einrichtungen und Bereiche gab, die von manchen davon bevorzugt und von anderen kaum bis gar nicht besucht wurden. Jede Galciv-Kultur hatte einen eigenen Namen für ihren jeweiligen Sektor, aber sie hatten sich nicht auf eine Bezeichnung für die gesamte Anlage einigen können. Schließlich war ein Name offiziell angenommen worden, der immer populärer geworden war, nachdem ihn irgendein Erdenmensch ursprünglich als Spitzname aufgebracht hatte: Babylon 6.

Wir flogen einen Landeplatz an und setzten bei einem Andockturm auf. Dann fuhren wir bis zum Ende von Nouris‘ Zugangsröhre hinunter, wo nur Bethydas Minischwerkraft von zweieinhalb Prozent der irdischen herrschte. In dieser Andeutung von Gravitation schwebten wir durch den flexiblen Andockrüssel, der aus der linken Seite der Endkammer gewachsen war, in die durchsichtige Verbindungsröhre des Andockturms, die sich auf die passende Höhe über dem Boden abgesenkt hatte. Dort fanden wir wieder künstliche Schwerkraft vor, die bis zum Turm von zehn auf zwanzig Prozent der irdischen zunahm. Auf dem Weg dorthin sahen wir über uns die riesige Wölbung des Planeten, der den Großteil des Gesichtsfeldes ausfüllte und bereits einen etwas anderen Anblick bot. Daß der kleine Mond selbst wie der Merkur in einer Spin-Orbit-Resonanz von drei Umdrehungen pro zwei Umläufen rotierte, konnten wir noch nicht erkennen, doch ich wußte, daß wir eine andere Aussicht haben würden, wenn wir wieder zum Schiff zurückkehrten.

Im Turm fuhren wir mit einem Aufzug zum Einreisekontrollamt hinunter, wo schon ein Viertel der Erdschwerkraft herrschte, denn die Schwerkraftgeneratoren von Babylon 6 befanden sich auf der untersten Ebene, sodaß die Gravitation zu den obersten Ebenen hin allmählich abnahm. Julanis dichtes Haar, das sie zum ersten Mal offen trug, seit ich sie kannte, zeigte in dieser geringen Schwere noch mehr Fülle als sonst.

Nachdem wir uns ausgewiesen hatten, kontrollierten zwei Shomhainar-Polizisten – ein Mensch und ein bulliges graugrünes Fremdwesen mit ungefähr humanoider Gestalt, Reptilschuppen und Facettenaugen – welche Waffen Frido und ich trugen. Ich führte Maiks Standardblaster an der rechten Hüfte und seinen Kompaktblaster in einem Schulterholster an der linken Seite. Frido trug gleichartige Waffen aus dem Nachlaß von Deniz. Diese Ausrüstung war hier notwendig, weil nach den Ausgaben für die Bioauffrischung und die Wurmlochpassagen nicht mehr genug GVE vorhanden waren, um uns die Galciv-Schutzgebühr leisten und auch noch die bestellten Flugwagen bezahlen zu können. Für Letztere hatte ich mit dem Lieferanten ohnehin eine teilweise Bezahlung in Dollars und Euros vereinbaren müssen, natürlich gegen Aufpreis. Gegen eventuelle Aktionen von Daleth und Elirok würden wir uns selbst vorsehen müssen, und daß wir dafür Laserpistolen trugen, war für die Shomhainar-Bullen in Ordnung. Sie sahen es nur nicht gern, wenn man Projektilwaffen führte, weil die Umfeldgefährdung damit größer war. Julani, die ihre Shom-Earth-Uniform trug, kontrollierten sie nicht.

In der Lounge außerhalb des Einreisekontrollamts wartete schon unser Lieferant, den ich von Epsilon Indi aus angerufen hatte, als unsere genaue Ankunftszeit abschätzbar gewesen war. Er saß in einem gepolsterten Schalensessel, und seine Aufmachung entsprach dem, was in einer bestimmten Subkultur der Shomhumans gerade in Mode war: silbrigweiße Elastikhosen und ein langärmeliges Oberteil von gleicher Färbung und Material, bei dem die Brustseite aus einem fast durchsichtigen Stoff bestand, der seine braune Haut und seine durchtrainierte Figur erkennen ließ. Auf dem Kopf trug er einen der Helme, die zu dieser Mode gehörten, weiß mit einem schwarzen Visier, das sein Gesicht ganz verdeckte. Aus dem Helm hörte ich leise Musik und unidentifizierbare Geräusche. Wahrscheinlich sah er sich irgendein Video an.

„Herr Gahoriam?“ sprach ich ihn an.

Er hob eine Hand an seine Helmseite. Die Geräusche verstummten, das Visier wurde halb durchsichtig und öffnete sich dann. „Ah, Herr Flint und Herr Strasskat“, sagte er, „und natürlich Frau Ghaseyon. Meine Verehrung, wie man bei Ihnen in Österreich sagt.“ Sein Akzent war ganz passabel, aber anders als jener von Julani.

„Sind die Wagen abholbereit?“ fragte ich.

„Ja, wir können gleich hingehen und den Kauf abschließen. Dann können Sie sie in Ihr Schiff bringen.“ Er stand auf und nahm den Helm ab, und ich sah mir sein Gesicht an. Es war von hellerem Braun als bei einem Mulatten und sah nach einer undefinierbaren Mischung aus europäischen, asiatischen, orientalischen und vielleicht auch afrikanischen Elementen aus.

„In diese Richtung bitte“, sagte er und deutete auf eine Seite des breiten Korridors, an dem die Lounge lag. „Es sind nur ein paar Minuten.“

Julani verabschiedete sich, da sie die Shom-Earth-Zentrale aufsuchen wollte, um Zwischenbericht zu erstatten und sich über Aktuelles zu informieren. Wir anderen marschierten los. Beiderseits des Korridors gab es Tore, die an Werkstätten oder Lagerhallen denken ließen. Als linker Hand eine besonders breite Toröffnung in Sicht kam, wandte Gahoriam sich an mich und sagte: „Falls Sie irgendwann einmal daran denken, Ihr großes Schiff durch ein kleineres, nach Ihren Vorstellungen konstruiertes zu ersetzen oder zu ergänzen, so kann ich Ihnen einen Geschäftsfreund empfehlen, der da vorne interessante Sachen baut. Er ist da, falls Sie mit ihm sprechen wollen.“

Beim Näherkommen sahen wir schon ein wenig in die Halle hinter dem Tor und erspähten eine vertraute Steuerkanzel, und schließlich erkannten wir, daß dort tatsächlich eine Nachbildung der Millennium Falcon aus den Star-Wars-Filmen stand. An einem Rollcontainer hinter dem Eingang lehnte ein Mann, den ich von seinem Erscheinungsbild her nicht für einen Shomhai gehalten hätte. Nicht nur, weil er ein Weißer zu sein schien, was unter den Shomhumans eher selten ist, sondern auch, weil er einen konservativen schwarzen Anzug irdisch-westlichen Stils über einem weißen Hemd trug. Gahoriam stellte ihn uns als Herrn Aizharo vor.

Nach der Begrüßung sagte Aizharo, der meine Verwunderung über seine Aufmachung offenbar bemerkt hatte: „Das war ursprünglich nur meine Verkleidung für meine Aufenthalte auf der Erde. Sie hat mir zu gefallen begonnen, und vielleicht kann ich damit unter meinen Leuten einen neuen Trend auslösen.“ Er sprach mit einem ähnlichen Akzent wie Julani. Aus der Nähe erinnerte er mich an den jüdischen Disney-Chef Bob Iger.

„Ist dieses Ding wirklich voll funktionsfähig?“ fragte ich.

„Ja. Wir haben schon fünf von diesem Typ gebaut. Es hat auch einen Warpantrieb, wie Sie es nennen würden. Wir konnten geeignete Teile günstig aus Depots der Lwaong erwerben, die Schiffe mit ähnlich flacher Form hatten, wo der Warpantrieb um den Rand herum angeordnet sein mußte. Es war schwierig, die Warpanlage und alles andere auf diese Schiffsgestaltung abzustimmen und dabei ein sinnvolles inneres Layout zu ermöglichen. Aber mit der Unterstützung fähiger Partner und Lieferanten ist uns ein optimales Produkt gelungen.“ Ich konnte mir denken, daß er wie Gahoriam die Rechen- und Konstruktionsleistungen ebenso „schwarz“ bei diversen Instituten und Firmen zukaufte wie die Teilefertigung.

„Warum wollen die Käufer eigentlich gerade Nachbildungen der Millennium Falcon?“ fragte Frido. „Nur weil es ein Filmraumschiff ist?“

„Nicht nur, obwohl das auch eine Rolle spielt“, antwortete Aizharo. „Der erste Kunde, der so ein Schiff bei uns bestellte, hatte die Idee, daß es sich genau deswegen gut für Landungen auf der Erde eignen würde. Denn jeder Zeuge, der melden würde, daß er die Millennium Falcon aus Star Wars gesehen habe, würde sich als Spinner oder Hoaxer lächerlich machen. Auch Fotos würden als computergrafische Fälschungen angesehen werden.“ Er holte ein Fernbedienungsgerät aus seiner Jackentasche und aktivierte einen großen Bildschirm an der Wand neben dem Hallentor. „Das ist die Falcon dieses Erstkunden auf seinem Privatgrund auf der Erde“, erklärte er zu dem Bild, das nun erschien.

„Zu diesem funktionsfähigen Schiff hat der Auftraggeber sich eine Attrappe bauen lassen, die normalerweise auf dem Grundstück steht und in die Halle hinter dem Kamerastandpunkt geschafft wird, wenn das echte Raumschiff da ist.“

„Raffiniert“, sagte ich. Ich hatte mir beim Anblick der Falcon hinter uns sofort gedacht, daß so eine Filmraumschiff-Nachbildung aus den genannten Gründen vorteilhaft wäre.

„Auch wegen der handlichen Größe und der flachen Form ist dieser Entwurf für Erdlandungen günstig“, fuhr Aizharo fort. „Er ist in Atmosphären gut manövrierfähig, und der Zugang am Boden ist praktischer als bei einem Hecklander.“

„Sind die Kanonen auch funktionsfähig?“ wollte Frido wissen.

„Ja, es sind elektromagnetische Kinetik-Waffen. Für Raumkämpfe haben sie eine etwas zu geringe Mündungsgeschwindigkeit, aber man ist damit jedem irdischen Jagdflugzeug überlegen.“ Er zoomte den Vorderteil des Schiffes näher heran. „In diesen Bughörnern sind aber zusätzlich viel längere Kinetik-Kanonen eingebaut, mit denen sich auch im Weltraum etwas anfangen läßt. Die entsprechen unserem modernsten militärischen Standard. Sie sind schwer zu bekommen; auf die Exemplare für das Schiff hinter uns warten wir noch. Deshalb ist es noch hier, und weil die Eignerkabine noch nicht fertig ausgestattet ist. Auch der Warpantrieb muß noch endgetestet werden.“

„Der ist jetzt fertig abgestimmt für den ersten Testflug“, rief jemand mit fremdartiger Stimme hinter uns. Wir drehten uns um.

„Sehr gut“, sagte Aizharo. „Meine Herren, dies ist Sirunn, mein technischer Partner.“

Vor der Zugangsrampe des Schiffes stand eine hagere, grauhäutige Gestalt in einem lockeren, blaßblauen Overall. Es war der erste Arrinu, dem ich persönlich begegnete. Ich wunderte mich, daß er Aizharos Erwähnung des Warpantriebs auf diese Entfernung verstanden hatte, aber dann fiel mir ein, daß die Arrinyi ein sehr feines Gehör haben.

Wir gingen zu ihm hin, Aizharo stellte uns vor, und Sirunn redete in einer fremden Sprache auf ihn ein. Ich betrachtete ihn neugierig, nach diesen Wochen immer noch fasziniert davon, hier einem leibhaftigen humanoiden Außerirdischen gegenüberzustehen. Er war selbst für einen Arrinu hochgewachsen, gut einen Kopf größer als ich, aber sehr schlaksig, mit langen Krallenfüßen, auf deren verdickter, schwieliger Entsprechung zu menschlichen Fußballen er ging. Sein fremdartiges graues Gesicht war lang, schmal und faltig, sein Kopf haarlos. Ein Paar der vier Höröffnungen lag seitlich hinter den großen Augen, umgeben von Knorpelmuscheln, die wie kleine Hörner nach vorn standen, und das zweite lag weiter hinten und tiefer am Kopf. Die Pupillen waren vertikal geschlitzt wie bei einer Katze und ermöglichten eine Anpassung an sehr große Helligkeitsunterschiede, ideal für Wesen wie die Arrinyi mit ihrem über Tageslicht und Dunkelheit ihres langen Tages verteilten Aktivitätsrhythmus.

Als Sirunn fertig war, lud Aizharo uns zu einer Schiffsbesichtigung ein, die wir annahmen, wobei jedoch Gahoriam dazu mahnte, sie kurz zu halten, da er nach der Fahrzeugübergabe noch einen Termin hatte. Wir gingen die Rampe hinauf in den Korridor. Dort fiel mir als erstes auf, daß das helle Innendesign von Lando Calrissians Falcon in Solo: A Star Wars Story verwendet worden war. Im Unterschied zur Film-Falcon befand sich der eigentliche Kontrollraum jedoch in der Mitte des Schiffes, zwischen den beiden Waffenlafetten, und war von rechts hinten zugänglich. Er hatte eine Bildschirmkuppel wie bei Nouris und enthielt zwei Pilotenplätze, zwei Waffenkontrollstationen und vier Gästesitze.

„Eigentlich finde ich es erstaunlich, daß Shom-Earth sogar bei neu für Erdenmenschen gebauten Raumschiffen den Einbau von Bewaffnung zuläßt“, sagte ich, nachdem Aizharo kurz erklärt hatte, wie die Waffen eingesetzt werden konnten.

„Ach, da sieht man kein Problem“, antwortete Aizharo. „Die Schiffsgehirne werden mit einer Kontrollsoftware versehen, die unzulässigen Waffengebrauch verhindert. In kontrolliertem Verkehrsraum wie hier über Babylon 6 sind die Waffen sowieso blockiert. Und wie beim Tragen von persönlicher Bewaffnung auf Galciv-Territorium will man euch Erdlingen Freiraum für ein gewisses Wildwest-Verhalten ermöglichen, weil wir zahmen Shomhumans euch gern dabei zusehen. Wie bei einer Raubtierfütterung im Zoo. Aufzeichnungen davon sind in unseren Medien recht populär.“

„Ausserdem ist das ein soziales Eksperiment“, fügte Sirunn hinzu. Er klang seltsam, weil der Stimmapparat der Arrinyi jenem von Vögeln ähnelt und ihre Sprachmodulation auch durch die Nasenschlitze erfolgt. „Man will wissen, wie zivilisierte Erdenmenschen sich verhalten, wenn soziale Kontrollen gegen Gewalt verringert sind.“

Das waren zwei interessante Aspekte, und ich wurde dadurch daran erinnert, daß wir von den Galciv-Leuten, einschließlich der Menschen, als Barbaren angesehen wurden. Ich wunderte mich aber, wozu sie unsere Gewaltneigung erforschen wollten und wieso Sirunn Deutschkenntnisse hatte. Daß seine Umgangsformen relativ wenig von der fremdartigen Psychologie und Kultur seiner Spezies erkennen ließen, lag daran, daß er ein überdurchschnittlich intelligentes Individuum war und sich deshalb aufgrund seiner Erfahrung mit Menschen gut auf diese einstellen konnte. Seinem Aussehen nach stammte er anscheinend hauptsächlich von den Alkallinn ab, jener Arrinyi-Rasse, die seine Zivilisation lange dominiert hatte und nun in unvermischter Form eine Minderheit ist.

„Sehen wir uns jetzt die anderen Bereiche an“, schlug ich vor.

Wir verließen die Zentrale und schauten in die fertige Gästekabine hinter der Einstiegsrampe und in die Eignersuite, die hinter der Zentrale lag und noch eine Baustelle war. Dann gingen wir durch den Ringtunnel nach vorn, wo der Cockpitzugang abzweigte.

Das Außencockpit enthielt sechs Sitze statt vier – zwei Pilotensitze und vier Rücksitze – und war optisch im Stil der Filmvorlage gestaltet, aber technisch anders und einfacher ausgestattet. „Wenn sich das hier so vom Original unterscheidet“, fragte ich, „dann heißt das wohl, daß es keine bloße Attrappe ist?“

„Richtig“, bestätigte Aizharo und schaltete die Steueranlage ein, „man kann das Schiff auch von hier aus fliegen. Das Cockpit ist aber nur als Zweitsteuerraum und Aussichtskanzel vorgesehen, denn die Zentrale ist besser eingerichtet und geschützter.“

Sirunn setzte sich auf den linken Pilotensitz, stellte die Füße auf die Seitensteuerpedale und griff nach dem Steuerknüppel. Mit dem Auftriebshebel an seiner linken Seite ließ er das Schiff ein Stück abheben, drehte es ein wenig nach links und rechts und setzte es dann wieder auf. „Nur mit gespeicherter Energie, ohne Massekonverter“, sagte er, schaltete das Cockpit wieder ab und erhob sich.

Auf dem Rückweg durch die Röhre zeigte Aizharo uns die rechte vordere Gästekabine, deren Tür dort lag. Wie die hintere Kabine lag sie zwei Stufen unter dem Tunnelniveau, hatte ein Doppelbett und eine eigene kleine Naßzelle und war trotz Anlehnung an den Lando-Stil besser gestaltet und eingerichtet als die aus Solo bekannten Teile des Schiffes. Das dritte Gästequartier entsprach demselben Standard und lag vor dem Gemeinschaftsraum, der wieder wie in der Lando-Falcon gestaltet war, einschließlich der Innendesignmängel, die bei der schönen Optik nicht sofort auffielen. Anders als beim Vorbild wies die Computerkonsole an der Rückwand neben dem Eingang einen riesigen, bis zur Decke reichenden Bildschirm auf, und in der Schrägfläche darunter gab es Hilfsbildschirme.

Zu den Designmängeln gehörte die unsinnige runde Sitzbank links hinten im Raum, auf der man sich nirgends anlehnen konnte, sodaß einem nur eine vorgebeugte Sitzposition mit auf die Knie gestützten Ellbogen übrigblieb, und wo die dort Sitzenden im Kreis nach außen schauen mußten, ohne einander ansehen zu können.

Auch die Original-Galley war mit allen Designfehlern übernommen worden, wie die abgerundete Arbeitsplatte der Kücheninsel mit den reinigungsfeindlichen Rillen am Rand. Auf meine Frage dazu sagte Aizharo, daß der Kunde diesen Bereich so gewollt hatte, um Gästen ein authentisches Falcon-Erlebnis bieten zu können. Auf den Dejarik-Tisch in der Sitzecke konnte man jedoch eine größere Platte aufsetzen. In der Wand neben der Kücheninsel gab es eine Tür, hinter der die linke vordere Gästekabine lag. Der gekrümmte Tunnel neben der Galley führte zu einem Beibootschacht im linken Querwulst.

Dies alles in einem relativ kleinen Sternenschiff unterzubringen und dabei auch noch das Aussehen eines Filmvorbilds zu wahren, hatte Kompromisse erfordert, wie Sirunn und Aizharo erläuterten. So war die Maschinerie sehr gedrängt angeordnet, mit wenig Spielraum für Wartung dazwischen, sodaß Komponenten oft nur nach Entfernung von Hüllenteilen ausgebaut werden konnten. Das Wasser für die Konverter mußte in vielen kleinen, im ganzen Schiff verteilten Hohlräumen mitgeführt werden, die eher einem Blutgefäßsystem ähnelten als einer Tankanlage. Die Außenseite war mit Attrappen bestückt. Die Leistung dieser Falcon entsprach guten Reiseschiffen in der Galciv: zwölfhundert Licht im Warp, acht g Beschleunigung, wofür man sich allerdings in die Zentrale begeben mußte, denn nur dort war die Gravoanlage stark genug für einen ausreichenden Andruckausgleich.

Als wir wieder im Gemeinschaftsraum waren, sagte Gahoriam: „Ich glaube, wir machen uns jetzt besser wieder auf den Weg. Wir müssen den Kauf der Wagen abschließen, bevor ich zu meinem Termin muß.“

„Sie haben Recht“, stimmte ich ihm zu. „Wir haben hier genug gesehen. Herr Aizharo, vielen Dank für die interessante Führung. Ich bin zwar sehr zufrieden mit meinem Schiff und habe keinen Bedarf für ein anderes. Falls ich aber doch einmal Mittel und Verwendung für ein kleineres Zweitschiff habe, werde ich Sie kontaktieren.“

Aizharo deutete eine Verbeugung an. „Sehr gerne. Wir haben auch andere Typen im Angebot, Nachbildungen weiterer irdischer Filmraumschiffe und auch Eigenentwürfe nach Kundenwünschen. Sirunn, können wir das Schiff jetzt gleich probefliegen?“

„Klar, Partner; sobald du willst“, sagte der Arrinu vom Ringtunnel her. Das Tappen seiner bloßen, hornigen Füße auf dem glatten Boden entfernte sich in Richtung Cockpit.

Im Heck des Schiffes begann ein leises Grummeln, während wir hinausgingen, und sobald wir wieder auf dem Boden der Halle waren, hob sich die Rampe. Durch die Cockpitscheiben sahen wir, daß Aizharo und Sirunn bereits dort saßen. Das Schiff hob mannshoch vom Boden ab und schwebte auf die breite Öffnung zu, die in der Wand vor seinem Bug entstanden war. Dahinter verlief ein großer Querkorridor, in den es nach links einbog, auf den Startschacht zu, der sich irgendwo da draußen befinden mußte.

Wir verließen die Halle, deren Tor sich hinter uns schloß, und Minuten später waren wir in Gahoriams Werkstatt. Dort übernahmen wir den silbernen Zafira und den schwarzen Golf, ließen uns in die Handhabung einweisen und erledigten die Zahlung. Auf dem Weg, den wir gekommen waren, fuhren wir im Fußgängertempo zurück, nahmen im Andockturm den Lastenaufzug zur Frachtbrücke, die sich mit ihrem Frontstück an eine von Nouris‘ Laderaumluken drückte, und schafften die Fahrzeuge hinüber. Nachdem wir sie gesichert hatten, fuhren wir zur Lounge vor dem Einreisekontrollamt hinunter und warteten dort auf Julani.

Eine halbe Stunde später kam sie, und wir verließen diesen auf Verkehr und Industrie ausgerichteten Außenbereich, um das belebtere Innere von Babylon 6 zu besuchen. Dazu fuhren wir zunächst etliche weitere Stockwerke hinunter und marschierten zu einem Knotenpunkt, wo sich die Korridore von mehreren Andocktürmen sternförmig trafen.

Dort war die Endstation einer nach rechts verlaufenden Zubringerbahn ins Zentrum, von wo gerade ein Zug angekommen war. Viele Menschen waren dort unterwegs, und noch mehr Sontharr. Auch diese Wesen sah ich zum ersten Mal persönlich, und anders als bei den Arrinyi war ihr Anblick mir ein wenig unheimlich: exoskeletale Krabbler mit rotbraunem Panzer, deren Gestalt mit dem vorne ansteigenden Kopfbruststück ein wenig an menschengroße Garnelen mit kurzem, stumpfem Hinterleib und heuschreckenähnlichem Kopf erinnert. Mit ihren vier Beinpaaren erzeugten sie ein ständiges Klicken und Kratzen auf dem harten Boden, und ihre jeweils vier Greifgliedmaßen unter dem Vorderkörper trugen oft Gegenstände. Die großen Facettenaugen beiderseits des stumpfen Kopfendes trugen zu dem Unbehagen bei, das ich in ihrer Gegenwart empfand, weil man nie wissen konnte, ob sie einen gerade bewußt ansahen. Die meisten wurden von Robot-Selbstfahrkoffern begleitet, die neben ihnen her rollten. Zu unserer Linken endete die Kaverne in einer Transferhalle, an deren Stirnwand sich ein Wurmlochportal mit einem nutzbaren Querschnitt von gut sechs Metern befand. Ich fragte Julani danach.

„Das ist das Personen- und Stückgut-Wurmloch nach Ssrranth im Zeta-Tucanae-System. Die Sontharr haben ihr Kolonieprojekt dort intensiviert, und weil der Verkehr deshalb so zugenommen hat, ist dieses Portal jetzt durchgehend in Betrieb. Ebenso das Wurmloch nach Kyerak und jenes nach… 66 Centauri, über das dieser ganze Verkehr hier ankommt.“

„Warum forcieren sie die Kolonisierung dieser Welten jetzt so stark?“ fragte ich.

„Aus strategischen Gründen. Die Galciv-Spezies in der Nachbarschaft wollen sich alle hier draußen Positionen schaffen für den Fall, daß die Erde aufgenommen wird.“ Sie schien noch etwas sagen zu wollen, unterließ es dann aber.

Nachbarschaft, dachte ich, ein guter Ausdruck für hunderte Lichtjahre Entfernung… Laut sagte ich: „Und welche anderen Fuß-in-die-Tür-Projekte gibt es noch?“

„Die Arrinyi sind vorsichtig und konservativ; sie machen gerade einen Mond im Harann-System habitabel, das ist achtzig Lichtjahre von hier entfernt. Die Xhankh interessieren sich für Dhroxharkh; sie kommen ja von einem erdähnlichen Planeten eines Sterns, der eurer Sonne ähnelt. Ein Motiv ist auch die strategische Nähe zu Ssrranth und Kyerak, wegen ihrer Rivalität mit den Sontharr. Ihr Anspruch ist aber von der Galciv noch nicht genehmigt, weil sie unbeliebt sind. Trotzdem haben sie schon riesige Wurmlochportale auf dem zweiten Mond, um Schmelzwasser von den Polkappen nach Dhroxharkh hinunterzuleiten. Sie haben ihre Basis auf diesem Mond, aber keinen Sektor hier in Babylon 6. Von dort aus haben sie auch eine eigene Wurmlochkette in ihr Reich.“

Die Masse der Ankömmlinge hatte sich verlaufen, und wir stiegen in den Zug ein. Die Fahrt durch den Tunnel dauerte nur etwa eine Minute, dann waren wir im Menschensektor des Zentrums von Babylon 6 und stiegen aus. Die Schwerkraft entsprach auf dieser Ebene ungefähr jener des Mars.

Hier gab es einen Publikumsverkehr wie in belebten Einkaufszentren. Großteils waren es Menschen, der Kleidung nach teils Shomhainar und teils von der Erde, viele scheinbar Juden mit Hüten und langen Mänteln. Dazwischen sah man immer wieder auch Arrinyi und andere Aliens, die ich nicht kannte. Ähnlich vielfältig war auch die Sicherheitsstruktur auf Babylon 6, wie ich erfahren hatte, und bestand aus einer Anzahl öffentlicher und privater Wachkörper, deren Zuständigkeitsbereiche nicht überall klar geregelt und teils sogar umstritten waren, zum Vorteil von Korruption und Kriminalität. Große Anzeige- und Werbebildschirme zeigten fremdartige Szenerien, Raumschiffe und Städte. Die Informationsanzeigen waren in verschiedenen irdischen und nichtirdischen Schriftsystemen gehalten und wechselten teilweise zwischen diesen. Stil, Technik und Bauausführung waren ein Mischmasch aus irdisch und Galciv. Ich kam mir vor wie Crocodile Dundee in New York. Alpenmolch-Dundee mußte das in meinem Fall heißen.

Trotz der Faszination dieser exotischen Umwelt hatte ich gemischte Gefühle. Eigentlich war es toll, daß ich jetzt die Galaxis bereisen konnte und die Allgemeinheit auf der Erde diese Möglichkeit wahrscheinlich auch in nicht zu ferner Zukunft haben würde. Dennoch war ich irgendwie enttäuscht. Dies war nicht so, wie ich mir die Zukunft gewünscht hatte, mit einem selbstbestimmten Weg zu den Sternen für die Menschheit, wenigstens für den weißen Teil davon. Das war so nicht mehr möglich.

Vielleicht hätte ein Polynesier des achtzehnten Jahrhunderts ähnlich empfunden, wenn er die Fortschritte seines Volkes im Segelbootbau mitverfolgt und davon geträumt hätte, daß man in der Zukunft richtig große Katamarane bauen würde, mit denen man die Welt erforschen und kolonisieren konnte – und dann erfahren hätte, daß das die Europäer schon jahrhundertelang taten und daß es auch in anderen Ländern fortschrittlichere Kulturen als die seine gab. Aber vielleicht dachte ich da nur zu „eurozentrisch“ und projizierte Wünsche auf Polynesier, auf die sie nie gekommen wären. Jedenfalls stand uns nun früher oder später eine Galaktisierung bevor, die weit schlimmer sein würde als die gegenwärtige Globalisierung. Ich löste mich von diesen Gedanken und wandte meine Aufmerksamkeit wieder voll der Umgebung zu.

Wir hatten inzwischen einen Abschnitt erreicht, wo die Bausubstanz zum Teil von irdischen Auftragnehmern errichtet worden war und einen etwas heruntergekommenen Eindruck machte. Die Technik war teils irdisch, teils aus der Galciv, und von etwas billigem Stil. Auch die Menschen hier paßten dazu und schienen überwiegend von der Erde zu sein.

„Wieso sind hier eigentlich keine Sexarbeiterinnen zu sehen?“ fragte Frido.

„Das liegt an einer Änderung der Galciv-Politik, seit ich das letzte Mal hier war“, erklärte Julani. „Ich habe das vorhin in der Zentrale erfahren.“ Sie überlegte kurz und fuhr dann fort: „Sagt das niemandem weiter, und schon gar nicht, daß ihr es von mir habt: Es wird jetzt ernsthaft erwogen, die Erde doch schon bald aufzunehmen. Das war einer der Gründe für den Besuch des Kurierschiffs, das dann zur Erde weitergeflogen ist, um nähere Untersuchungen und Konsultationen durchzuführen.“

Das war ein Schock für mich. Jetzt würde das, worüber ich vorhin nachgedacht hatte, also wahrscheinlich noch früher kommen. „Und welchen Zusammenhang hat diese Änderung mit dem Sexgeschäft?“ fragte ich sie.

„Man hat Bedenken wegen der Optik, wenn nach einem Anschluß der Erde noch zu sehr in Erinnerung ist, daß sexuelle Versklavung von Erdenmenschen hier von der Galciv geduldet wurde und menschliche Shomhainar sogar Nutznießer davon waren. Deshalb darf das hier nicht mehr direkt betrieben werden. Stattdessen fliegen ankommende Schiffe mit Sklavinnen oder Sextouristen entweder nach Dhroxharkh hinunter, wo diese Sachen dann außerhalb des Rechtsbereichs der Galciv stattfinden, oder sie fliegen weiter zu den lizenzierten neuen Earthin-Städten auf primitiven Menschenkoloniewelten wie Kyerak, Hektalassa oder Nayotakin.“

Vor uns lag nun ein großer, runder Lichtschacht mit vielleicht fünfzig Meter Durchmesser, der sich nach oben konisch erweiterte und ganz oben von einer viel größeren, durchsichtigen Kuppel überdacht war, durch die man eine Hälfte des schon merklich nach Westen gewanderten Planeten sah. Am Rand der Öffnung entlang verlief die Zubringerbahn, die hier aber außer Betrieb war, wie eine Leuchtschrift mitteilte. Daß es kein Geländer als Absturzsicherung zur vier Meter tiefer liegenden nächsten Ebene gab, sah beunruhigend aus, aber bei der geringen Schwerkraft wäre ein Fall dorthin nur wie einer aus eineinhalb Metern Höhe auf der Erde gewesen. Das nächste Geschoß vier Meter über uns war bis auf drei breite, geländerlose Öffnungen zum Lichtschacht durch eine geneigte Wand abgeschlossen, und vier Meter darüber gab es wieder eine offene Galerie, an deren Innenrand gerade ein Zug vorbeifuhr.

Von diesem offenen Zentrum gingen sternförmig breite Gänge oder Gassen ab, die von Lokalen und Geschäften mit bunten Fassaden und irdischen Aufschriften wie MICHAEL SAMUELS BAR oder OPTICALS JOHNSON gesäumt waren. Wir gingen in eine dieser Gassen hinein. Viele Menschen waren dort unterwegs oder saßen auf Gästeterrassen; die meisten machten einen schäbigen Eindruck, etliche der jüdisch aussehenden Hut-und-Mantelträger waren wieder dabei, und alle waren Männer. Eine hochgewachsene Blondine in einem langen, schwarzweißen Kleid und langen weißen Handschuhen, die einmal unseren Weg kreuzte und in ein Lokal hineinging, stach aus diesem Umfeld geradezu heraus. Ich wunderte mich, was sie hier tat. Eine Sexarbeiterin?

Nach einer Weile sagte Julani: „Jungs, was haltet ihr davon, jetzt schon ins Chakarionnis zu gehen? Ich brauch‘ jetzt einfach ein Shomhuman-Lokal; die Umgebung hier deprimiert mich.“

Wir waren einverstanden, und Julani führte uns zu dem Restaurant, das nicht weit entfernt war. Mit einem Aufzug fuhren wir zur nächsten Ebene hoch, gingen wieder ein Stück in Richtung des Lichtschachts zurück und betraten eine ganz andere Welt.

Das Chakarionnis war kein Lokal exklusiv für Shomhumans, aber Erdlinge kamen nur selten dorthin. Als wir eintraten, sahen wir nur Shomhainar, die alle derselben Subkultur angehörten wie Gahoriam. Im Eingangsbereich zeigten Bildschirmwände Abendszenen auf der zweihundertsechs Lichtjahre von Sol entfernten Arrinyi-Welt Chakarionn, wo es auch Kolonien von Shomhumans gibt. Beim Eintreten fielen wir den Anwesenden sofort als Fremdlinge auf, obwohl Julani in ihrer schwarz-silbernen Uniform mit harnischähnlichem Oberteil, metallischen Applikationen, silberglänzenden Ärmeln und Gürteltaschen als Shomhaya erkennbar war. Über dem Stimmengewirr lag leise, exotische Musik.

In seltsam weichem, zwischen rosa und bläulich wechselndem Licht ließen wir uns von einer behelmten Kellnerin durch die Partyzone des Lokals nach hinten in einen ruhigeren Bereich führen, wo die von uns gebuchte Sitznische mit Abschirmung nach drei Seiten schon frei war. Dort ließen wir uns nieder.

Die Kellnerin nahm sogleich unsere Getränkebestellungen auf. Was unterhalb ihres Helmvisiers von ihrem hellhäutigen Gesicht erkennbar war, sah nach gemischter eurasischer Abstammung aus. Sie sprach Englisch mit einem seltsamen Akzent, der sich von jenem Julanis unterschied. Wir bestellten Alhauri, ein herb-fruchtiges Getränk mit nur sechs Prozent Alkoholgehalt, das Julani uns empfohlen hatte. Nachdem die Kellnerin gegangen war, sprach ich Julani auf die Akzentunterschiede zwischen den Shomhainar an.

„Die Shomhumans sprechen verschiedene Sprachen“, erklärte sie. „Eine davon ist eine Kunstsprache, die sich für mehrere Spezies mit Lautbildung ähnlich der menschlichen eignet und für die Interspezies-Verständigung entwickelt wurde. Eine stammt aus Ostasien, eine weitere aus Südasien und wieder eine andere aus dem Raum, den ihr Vorderer Orient nennt. Ein Teil von uns spricht eine für Menschen optimierte Variante von Arrinyak. All diese Sprachen haben sich über Jahrtausende weiterentwickelt und einander beeinflußt und Fremdwörter aus nichtmenschlichen Sprachen aufgenommen.“

„Und welche davon ist deine Muttersprache?“ fragte ich und griff nach einer der runden lila Früchte – Kseraki hatte Julani sie genannt -, die in einer Schale auf dem Tisch standen und in Konsistenz und Geschmack an Litschis erinnerten.

„Keine. Meine Muttersprache ist Takharin und entwickelte sich aus einer Frühform des Tocharischen, falls dir das etwas sagt.“

Ich nickte. „Ja, das ist mir ein Begriff. Eine ausgestorbene indoeuropäische Sprache eines europäischen Volkes, das vor Jahrtausenden in Westchina lebte.“

Julani schien erstaunt zu sein, daß ich das wußte. „Dorthin wurden sie anscheinend nach dem Lwaong-Krieg von den Proto-Chinesen verdrängt“, fuhr sie fort. „Als die Lwaong vor achttausend Jahren eurer Zeit zur Erde kamen, lebte nämlich ein Volk namens Takhari am Unterlauf des südlicheren der beiden großen Flüsse Chinas…“

„Am Jangtsekiang?“ half ich ihr aus. Die Kseraki waren wirklich gut.

„Ja, so heißt er. Dort hatten sie eine kriegerische Bauern- und Fischerkultur entwickelt, die auch ihre asiatischen Nachbarn beherrschte. Sie wurden zur Führungsschicht der Menschenkultur, die von den Lwaong auf der Erde als Hilfspersonal entwickelt wurde.“

In diesem Moment kam die Kellnerin mit den Getränken, die sie in reifüberzogenen Glaskelchen vor uns hinstellte. Frido, der unserem Gespräch nur mit halbem Ohr zugehört und stattdessen die Tablet-artige Speisekarte studiert hatte, wußte als einziger, was er essen wollte, und wählte eine Art pikantes Geflügelrisotto. Julani fragte, ob sie Hokkiar hätten, und bestellte eine kleine Portion, als die Kellnerin bejahte.

„Was ist das?“ fragte ich.

„Ein Wassertier von Chakarionn, mit für Menschen verdaulichem Fleisch. Es hat eine Rückenschale und fleischige Beine und wird traditionell in Butter geschmort. Dazu gibt es eine Beilage aus gemischtem Wurzelgemüse.“

„Klingt nach einem interessanten kulinarischen Experiment. Falls es mir nicht schmeckt, kann ich ja ein paar Desserts nachschieben.“ Ich nahm eine große Portion. Die Kellnerin ging, und wir prosteten uns mit dem Alhauri zu. Das goldgrüne Getränk war gut, erfrischend kalt und von mild-herbem Geschmack.

„Wie ging es danach mit den Takhari weiter?“ fragte ich dann.

„Die blühten zwar auf, aber die Lwaong schickten ständig welche von ihnen auf andere Welten, sodaß ihre Zahl in Ostasien nicht so stark wuchs. Manche von ihnen vermischten sich mit den asiatischen Nachbarvölkern. Im Krieg gegen die Galciv wurden viele getötet, und nach der Niederlage der Lwaong wurde ihnen und anderen Menschen angeboten, als neue Shomhainar-Population in die Galciv zu übersiedeln. Ein Teil nahm das Angebot an, um weiter in einer hochtechnisierten Zivilisation leben zu können. Weil die von den Lwaong rekrutierten Menschen in deren Imperium schon eine ähnliche Rolle wie die Shomhainar in der Galciv gehabt hatten, nämlich als neutrale Exekutivschicht zwischen den drei Lwaong-Rassen und den von ihnen beherrschten Spezies, haben sie auch leicht in die Rolle als Shomhainar gefunden. Der Rest blieb auf der Erde oder auf den Koloniewelten. In den ersten Jahrhunderten danach schickte die Galciv noch Beobachtungsexpeditionen zur Erde. Da dort das Kulturniveau wieder auf ein jungsteinzeitliches abgefallen war, mit Ausnahme der Takhari, die weiter begrenzt Bronze und Eisen verarbeiteten, wurden die Expeditionen beendet. In dieser Zeit war die Galciv mit anderen Problemen beschäftigt, daher wissen wir nicht, was mit den Takhari in den folgenden zwei Jahrtausenden geschah. Als danach wieder eine Expedition zur Erde kam, lebten ihre Nachfahren schon im Tarimbecken, wo eure Archäologen dann ihre Mumien gefunden haben.“

„Und von diesen Takhari stammst du also ab“, warf ich ein. „Mir gefällt der Gedanke, daß du vielleicht gemeinsame Vorfahren mit der Schönheit von Loulan hast – Loulani Ghaseyon.“

Sie lächelte und fuhr fort: „Man fand nur Indizien dafür, daß sie am Jangtsekiang durch Kriege mit ihren Nachbarn geschwächt und dann nach Westen vertrieben worden waren. Und selbst die fortschrittlichsten Kulturen hatten erst Bronzezeitniveau erreicht.“ Sie nippte von ihrem Alhauri.

„Ich finde das alles hochinteressant“, sagte ich. „Wieso weißt du denn so viel darüber? Ist das Allgemeinwissen bei euch? Oder gehört das zur Ausbildung für deinen Job?“

„Weder noch“, sagte sie. „Eigentlich bin ich Historikerin, mit Spezialgebiet menschliche Geschichte. Der Menschen unter den Shomhainar und auf der Erde.“

„Historikerin! Das hätte ich nicht gedacht. Wie bist du dann dazu gekommen, Agentin für Shom-Earth zu werden?“

Julanis Blick wurde traurig. „Jetzt hast du mich zuviel gefragt“, sagte sie nach kurzem Schweigen und nahm einen weiteren Schluck.

„Tut mir leid. Ich habe nicht erwartet, daß diese Frage dich unangenehm berührt.“

„Schon gut, das konntest du nicht wissen.“

Es folgte eine Verlegenheitspause, während der mir auffiel, daß das Lokal sich nun ziemlich mit Gästen gefüllt hatte. Die meisten Neuankömmlinge waren Shomhumans, aber es waren auch ein paar Erdlinge dabei. Die Hintergrundmusik kam kaum gegen die vielen Stimmen an. Schließlich brach Frido unser Schweigen, indem er Julani fragte: „Wie alt bist du eigentlich?“

„Vierzig“, sagte sie und lächelte hintergründig.

„Was? So a…“ Er unterbrach sich. „Ich dachte, du hättest noch keine Bioregeneration gehabt?“

„Chakarionn-Jahre“, klärte sie uns auf und lächelte noch mehr. „Ich stamme von dort. Unsere Sonne ist ein oranger Zwergstern, deshalb sind die Jahre viel kürzer als bei euch. Nach irdischer Zeitrechnung bin ich vierundzwanzig Jahre alt.“

Das zeigte mir wieder, wie wenig wir immer noch über Julani wußten. In den knapp drei Wochen, die wir sie kannten, war sie zwar immer freundlich und kooperativ gewesen, aber verschlossen, was ihr persönliches Leben betraf. Sie hatte auch kaum die Hälfte dieser Zeit mit uns auf der Erde verbracht und sich viel in ihrem Quartier an Bord aufgehalten. Ich beschloß, die aufgelockerte Stimmung zu nutzen, um sie näher kennenzulernen. Abwechselnd erzählten Frido und ich ihr Anekdoten aus unserem Leben und brachten sie so dazu, auch mehr über sich mitzuteilen.

Als unser Essen serviert wurde, bestellte Julani gleich noch ein Glas Alhauri. Die Hokkiar, von denen auf meinem Teller drei lagen, sahen ein bißchen wie länglichere braune Pfeilschwanzkrebse mit dreiteiligem Rückenpanzer und ohne Schwanzstachel aus. Frido schaute skeptisch, als ich nach Julanis Beispiel eines der Beinchen ausriß, um das Fleisch von der nur außenseitig vorhandenen Panzerung zu nagen. Das Beinfleisch ähnelte in Geschmack und Biß ungefähr Shrimps, mit einer eigenen zusätzlichen Geschmacksnote. Jedes Tier hatte zehn Beine, die es über die Lücken zwischen seinen Bauchspangen klappen konnte, wenn es auf den Rücken gedreht wurde. Die Viecher schmeckten ganz vorzüglich. Allerdings war das Essen in dieser geringen Schwerkraft ebenso gewöhnungsbedürftig wie das Trinken, denn alles ging etwas langsamer als auf der Erde die Speiseröhre hinunter. Das förderte den Getränkekonsum.

Als ich den ersten Hokkiar verspeist hatte, fiel mir etwas ein, das ich Julani hatte fragen wollen. „Julani“, begann ich und riß dem nächsten Tier ein Bein ab, „auf dem Weg hierher sind mir viele Menschen aufgefallen, die orthodoxe Juden zu sein schienen. Weißt du, ob das wirklich welche sind, und warum so viele davon hier sind?“

„Ja, das sind Juden“, sagte sie. „und die mit den Hüten und Mänteln sind nicht alle. Es gibt noch mehr davon hier.“ Sie legte eine leere Hokkiar-Rückenschale zu den Beinchenpanzergliedern in die Schüssel zwischen uns und fuhr fort: „Juden machen einen auffallend großen Anteil der Earthins aus, die hier Nebenwohnsitze haben. Eigentlich ist das sogar eine kleine Kolonie. Sie betreiben verschiedene Geschäfte und vermieten ihre irdischen Nebenwohnsitze oft an Shomhumans. Auch in Israel.“

Ich spülte das Beinchen mit einem Schluck Alhauri hinunter und fragte nach: „Das heißt, sie versuchen sich mit den Shomhainar gut zu stellen?“

„Offensichtlich. Sie bekommen dadurch Privilegien und Vorzugsbehandlung. Aber es fällt auch auf, daß sie mit den Sontharr ebenfalls gute Kontakte pflegen. Von Kollegen in der Erdbehörde weiß ich, daß sie häufig durch die Wurmlöcher nach Ssrranth und Kyerak reisen und Container dorthin bringen lassen.“

Mir kam eine Idee. „Nachdem du Historikerin bist: weißt du auch, ob es zur Zeit der Lwaong-Präsenz auf der Erde schon Juden oder eine Vorform davon gegeben hat?“

Sie überlegte kurz und sagte dann: „Nein, uns ist keine Ethnie aus dieser Zeit bekannt, die man den späteren Juden zuordnen könnte. Aber in Ostasien hatte sich unter der Herrschaft der takharischen Aristokratie ein Volk entwickelt, das aus Mischlingen verschiedener Ethnien entstanden war und in seiner Kultur und seinem Verhalten erstaunliche Ähnlichkeiten zu dem aufwies, was Juden traditionell zugeschrieben wurde.“

„Du sagst das so vorsichtig“, warf ich ein. „Gibt es dieses Volk immer noch?“

„Ja, sie nennen sich Khenalai. Ein Teil von ihnen ging mit in die Galciv und wurde zu einer einflußreichen Fraktion der Shomhumans. Sie pflegten weiter ihre eigene Sprache, Religion und Kultur, einen Überlegenheitsdünkel gegenüber uns anderen Shomhumans und einen Opfermythos als ewig Verfolgte. Sie behaupteten, von den Tahkari in deren Reich verschleppt worden zu sein, so wie später von der Galciv auf ihre Welten. Heute geben sie sich als bloße Subkultur aus, was durch ihr variierendes Aussehen aufgrund der vielen Einkreuzungen aus anderen Völkern erleichtert wird. Nachdem es seit eineinhalb Jahrhunderten eurer Zeit verpönt war, sie als Volk zu thematisieren oder auf jemandes Khenalai-Identität hinzuweisen, ist in der Öffentlichkeit vergessen worden, daß sie ein Volk sind, und manche der Historiker, die das noch wissen, nennen sie deshalb die Unsichtbaren. Sie haben seit langer Zeit ein Naheverhältnis zu den Arrinyi-Eliten.“

Das waren hochinteressante Parallelen. Ich schaute zu Frido, der rechts von mir in der Nische saß und die Konversation nur als mäßig interessierter Zuhörer verfolgt hatte. Deshalb hatte er auch seine Mahlzeit schon großteils aufgegessen, im Gegensatz zu Julani und mir, die wir dauernd redeten. Julani sprach zwar am meisten, aber sie war auch routinierter als ich im Zerteilen der Hokkiar. Ich genoß es, sie beim Reden anzusehen, wie sie mir so gegenübersaß und lebhaft über ein Wissensgebiet referierte, das ihre berufliche Leidenschaft war.

„Was wurde aus den Khenalai, die auf der Erde geblieben sind?“ fragte ich schließlich.

„Sie sind verschwunden, und das ist ein ungelöstes Rätsel. Ihre Geschichte in den ersten zwei Jahrtausenden nach dem Lwaong-Krieg ist schlecht überliefert, und auch aus der Zeit bis zum nächsten Besuch von Galciv-Schiffen eineinhalb Jahrtausende später. Aber man weiß, daß sie mit den frühen Yayoi aus Südchina nach Japan einwanderten. Danach halfen sie den späten Yayoi beim Eindringen von Korea her. Der irdischen Geschichtsforschung ist ihre judenähnliche Rolle in Japan nicht bekannt, weil ein Brand in der Beamtenschule des Kaiserhofes Schriftzeugnisse aus der Zeit vor dem siebten Jahrhundert eurer Zeitrechnung vernichtete.“

Sie nahm einen großen Bissen, spülte ihn hinunter und fuhr fort: „Von Japan segelten Khenalai immer wieder nach Mittelamerika, sickerten bei den Maya ein, beeinflußten und förderten sie. Nachdem ihre Populationen in Südchina und Korea nach Japan vertrieben worden waren, kam es auch dort zu Volkserhebungen gegen sie, und die Herrscher mußten sie verbannen. Sie fuhren nach Mittelamerika und schlossen sich den dort lebenden Khenalai an. Der amerikanische Kontinent wurde zu ihrem neuen Hoffnungsgebiet, und sie unterstützten später die Tolteken gegen die Maya, und noch später die Azteken gegen deren Nachbarn. Alles, um sich eine Machtbasis zu schaffen und zu verhindern, daß die Herrschenden der Völker, bei denen sie wohnten, zu mächtig wurden.“

„Das kommt mir bekannt vor“, sagte ich. „Wie meinst du das mit Hoffnungsgebiet?“

„Bei den Shomhainar-Khenalai gab es neben ihrem Opfermythos lange auch einen Hoffnungsmythos, daß der auf der Erde verbliebene Teil ihres Volkes fern von der Galciv mächtig werden und eine Zivilisation unter ihrer Führung schaffen würde. Diese sollte dann der Galciv standhalten können und ihnen die Rückkehr zur Erde ermöglichen. Deshalb haben sie mit ihrem Einfluß dazu beigetragen, daß nur selten Expeditionen zur Erde flogen, weil die Galciv eventuelle Fortschritte der Erd-Khenalai übersehen sollte. Diese wollten anscheinend von Mittelamerika aus den ganzen Doppelkontinent unter ihre Kontrolle bringen und zu einer weltbeherrschenden Supermacht aufbauen.“

„Daran sind sie aber offenbar gescheitert. Als Cortez zu den Azteken kam, gab es dort keine Spur mehr von ihnen.“

„Ja, das ist seltsam“, stimmte sie zu. „Als im Jahr… 1562 eurer Zeitrechnung unsere letzte Expedition vor dem zwanzigsten Jahrhundert die Erde besuchte, war von ihnen nichts mehr übrig, auch anderswo auf der Erde nicht. Das hat die Shomhainar-Khenalai sehr niedergeschmettert, und danach ist erst herausgekommen, daß es diesen Hoffnungsmythos gab.“ Sie wandte sich wieder ihrem Teller zu.

Ich betrachtete sie fasziniert und mit wachsender Zuneigung. Einer plötzlichen Eingebung folgend sagte ich: „Julani, weißt du was mir gerade eingefallen ist? Ein Lied aus meiner Jugend, von dem ich nicht mehr weiß, wie es heißt und von wem es ist, und von dem ich mich nur an eine einzige Strophe erinnere.“ Sie schaute auf, und ich sang ihr vor:

„And then, in the beautiful garden
A spaceship came down from the stars
Inside was a beautiful goddess
She told me tales from the past…“

Sie lächelte entzückend und wurde rot, und ich fügte hinzu: „In unserem Fall war es zwar kein Garten, sondern ein Getreidefeld, aber sonst paßt es auf uns zwei, besonders auf dich.“

„Draco Flint?“ sagte in diesem Moment eine Männerstimme links neben mir. Ich wandte mich zur Seite und sah einen bärtigen Mann, der mit seiner Linken einen langen Dolch unter seinem Mantel hervorzog und damit ausholte. Dabei rempelte er eine Kellnerin an, die gerade von hinten an ihm vorbeiwollte, und stieß ihr das Tablett aus der Hand. Leere Flaschen zerschellten am Boden, und als der kurz abgelenkte Mann sich wieder mir zuwandte, traf ihn ein Strahl aus Fridos Kompaktblaster in den rechten Arm, gefolgt von zwei weiteren in die Brust und den Kopf hinter dem Kinn. Sterbend fiel er nach vorn, seltsam langsam in der Niedrigschwerkraft. Julani schrie auf, und ich sah gerade noch rechtzeitig, daß einer der drei Männer in Shomhuman-Aufmachung, die am Tisch schräg gegenüber von uns saßen, eine Pistole auf Frido richtete. Wegen der flüchtenden Kellnerin konnte er nicht gleich schießen, und das verschaffte mir die Zeit, zu ziehen und einen schnellen Schuß in seine Richtung abzugeben. Die Flasche vor ihm auf dem Tisch explodierte und schickte einen Regen aus Scherben und Flüssigkeit in alle Richtungen; ein Splitter traf mich flach an der Stirn. Der Mann schoß daneben, aber mein nächster Schuß ging in sein Helmvisier, das mit einem Knall aufsprang. Er sackte zusammen, sein Sitznachbar erhielt zwei Treffer von Frido in Rumpf und Kopf, und dem dritten Kerl, der mit dem Rücken zu mir gesessen hatte und gerade mit einer Pistole in der Hand aufspringen wollte, brannte ich ein Loch ins rechte Schulterblatt und dann noch eines knapp unter dem Helmrand in den Hinterkopf. Der Helm flog in einer Rauchwolke von seinem Kopf und kollerte über den Tisch zu Boden.

Erschrockenes Geschrei erhob sich jetzt überall im Lokal, und weiter hinten im Raum sprangen drei Männer in Erdkleidung von einem Tisch auf und zogen Waffen. Einer davon, ein hochgewachsener Glatzkopf in einem schwarzen Mantel, zielte auf mich, als ich selbst gerade aufstand, aber die vielen Leute, die jetzt zwischen uns aufgeschreckt herumliefen, hinderten ihn am Schießen. Julani sprang ebenfalls geduckt von ihrem Platz auf, und Frido rutschte die Sitzbank entlang aus der Nische heraus.

„Wir hauen am besten ab!“ rief ich ihnen zu. „Es ist zu unübersichtlich, wer hier noch alles zu denen gehört.“ Julani in die Mitte nehmend, drängten wir uns geduckt durch das Gewühl nach draußen und rannten auf den breiten, gelb erleuchteten Hauptkorridor am Ende dieser Nebengasse zu. Dabei hatten Frido und ich Schwierigkeiten mit der Bewegungskoordination beim Laufen, weil unsere Sprünge in dieser marsähnlichen Schwerkraft fast dreimal so weit waren wie auf der Erde und man in dieser längeren Zeit durch den Abstoß mit dem Bein bis zur Landung in stärkere Seitenlage geriet. Julani konnte sich erfahrungsbedingt besser darauf einstellen und lief geschickter; sie verschwand vor uns mit wehendem Haar nach rechts in den Hauptkorridor, und als wir dort ankamen, drehten wir uns um und spähten um die Ecke zurück.

Einer der Angreifer war schon im Nebenkorridor, und der Glatzkopf kam gerade aus dem Eingang des Chakarionnis, zog sich aber schnell wieder zurück, als wir seinen Vordermann niederstreckten, eher er für einen Schießhalt zum Stehen gekommen war. Dann eilten wir hinter Julani her, die sich kurz zu uns umgewandt hatte und nun wieder auf die breite, rechteckige Öffnung vor uns zurannte, die in den weiten, runden Lichtschacht hinausführte. Was machen wir jetzt? dachte ich und hielt Ausschau nach einem Stiegenabgang oder Aufzug. Mit zunehmender Annäherung konnten wir immer steiler hinuntersehen, und Julani wurde langsamer. Vor der Kante ging sie in die Hocke und sprang hinunter. „Scheiße!“ rief Frido, und wir bremsten und kamen gerade zurecht, um sie seltsam langsam unten aufsetzen und sich abrollen zu sehen. Natürlich war die Schwerkraft gering, aber wenn man aus gut vier Metern Höhe hinunterschaut, sieht das dennoch erschreckend aus. Wir schauten auf und sahen an der Fassade gegenüber einen Lichtblitz, dem ein Knall und eine Rauchwolke folgte. Sofort sprangen wir über die Kante.

Der Fall dauerte nur eineinhalb Sekunden, kam uns aber länger vor. Wir landeten zwischen den Schienen der Zubringerbahn, und schlechter als Julani. Ich schlug mir ein Knie an, rollte hart über die Schulter und wäre beinahe über den Rand die nächsten vier Meter hinuntergefallen. Schnell rappelte ich mich auf und lief an zwei Reparaturarbeitern vorbei Julani nach, die in der Ladengasse wartete, durch die wir eine Stunde zuvor gekommen waren. Frido humpelte hinter mir her. Aus der Gasse schauten wir zurück und sahen den Glatzkopf und einen zweiten Verfolger in der Öffnung erscheinen.

Dieser zweite Mann bremste ab, indem er einen Passanten über die Kante stieß, hockte sich dann hin und sprang, eine Hand auf die Betonschräge gestützt, wie wir es getan hatten. Der Glatzkopf hielt kurz im Lauf inne und sprang dann aus dem Stand. Dadurch kam er schlecht auf, stürzte beinahe über den Rand und schlug lang hin. Sein Komplize war gleich wieder auf den Beinen und schoß auf uns, und da wir wegen der vielen Leute hinter ihm nicht zurückschießen konnten, zogen wir uns in die Gasse zurück. Den beiden Angreifern war kein weiterer gefolgt, also hatten wir es nur noch mit zweien zu tun. Inzwischen war Unruhe in die Menschenmenge gekommen, aber die meisten wußten wohl noch nicht, was los war.

In unserer Gasse waren wir vorerst außer Sicht unserer Gegner, würden aber dasselbe Problem haben wie zuvor, sobald sie uns hierher folgten. Voraus waren gerade wenige Leute, auf die sie Rücksicht nehmen mußten, während draußen ein Menschenauflauf entstanden war, vor dem die beiden erscheinen würden. Ich schaute mich um. Vor der Ladenfront zu unserer Rechten stand ein niedriger Präsentationsstand mit exotischen Früchten, und gegenüber war eine Sitzbank. Mir kam eine Idee. Es würde knapp werden, aber die Kerle brauchten nur ein paar Sekunden verwirrt zu sein…

Rasch gab ich den anderen mit Handzeichen zu verstehen, was mir eingefallen war, und warf mich längs unter die Bank. Frido legte sich unter den Fruchtstand, und wir brachten unsere Pistolen liegend in Anschlag, während Julani sich hinter Frido in die Eingangsnische des Obstladens stellte.

Aus dieser Position hatten wir den unteren Bereich des nächsthöheren Geschosses als Hintergrund, wenn wir in auf Angreifer im Vordergrund zielten. Als die beiden Männer Sekunden später um die Ecke kamen, wußten sie im ersten Moment tatsächlich nicht, wo wir waren, und Frido konnte Kahlkopfs Komplizen mit drei Brustschüssen fällen. Der Mann in Schwarz sah mich jedoch wegen des ungünstigeren Blickwinkels gerade noch, bevor ich abdrückte, und warf sich zur Seite, sodaß ich ihn nur am rechten Schlüsselbein erwischte. Er fiel aufschreiend hin, aber da er ein Linksschütze war, behielt er dabei seinen Blaster in der Hand. Noch ehe ich erneut feuern konnte, schoß er im Liegen einhändig in meine Richtung, traf aber nur die Sitzfläche der Bank über mir. Es krachte, und Funken regneten auf mich herab. Ich versuchte mich so zurechtzurücken, daß ich im Hintergrund keine Leute in der Schußlinie hatte. Währenddessen schien er von etwas schräg hinter mir abgelenkt zu sein und wälzte sich herum, um seinen Waffenarm dorthin zu richten. Aus seiner Seite knallte eine kleine Stichflamme, er krümmte sich mit einem Schrei, und ich schickte ihm einen Laserblitz in die Schädeldecke.

Ein Blick zu Frido hinüber: er schien von dieser Wendung ebenfalls überrascht zu sein. Dann sah ich Julani auf der Gasse stehen, einen Taschenblaster in der Hand.

*     *     *

Bei der Untersuchung durch die Shomhainar-Bullen, denen die Zuständigkeit für den Fall zugesprochen worden war, gab Julani an, der Glatzkopf habe auf sie gezielt, als sie erschrocken über meine Notlage aus der Eingangsnische getreten sei, weshalb sie sich verteidigt hätte. Die kleine Laserpistole, die sie in einer Gürteltasche mitgeführt hatte, hätte sie vor dem Beginn der finalen Begegnung sicherheitshalber herausgeholt. Die Bullen – ein Mensch, einer jener graugrünen Schuppenkerle wie bei der Einreisekontrolle (ein Yarriuk, wie ich später erfuhr) und ein Insektoid – akzeptierten das gleichgültig und forschten nicht weiter nach. Wir gaben unsere Sachverhaltsdarstellungen ab, die durch die Videos der Überwachungskameras bestätigt wurden, und bekamen die Rechtmäßigkeit unseres Verhaltens anerkannt. Danach mußten wir noch die Verwertungsrechte für die Aufnahmen an Shom-Earth abtreten und hatten den Polizeikram endlich hinter uns. Ich vermutete, daß die Videos nicht nur an Shomhuman-Unterhaltungsmedien verkauft, sondern auch für das Sozialforschungsprogramm über das Gewaltverhalten von Erdenmenschen analysiert wurden, das Sirunn erwähnt hatte.

Das Eigentum der aus Amerika stammenden Bande, die sich Thotbusters genannt hatte, ging in unseren Besitz über; nur das GVE-Konto jenes Mannes, der den Passanten hinuntergestoßen hatte, wurde von der Eigentumsregistraturbehörde einbehalten. Damit sollten die Behandlung und das Schmerzensgeld für das Opfer sowie Sachschäden bezahlt werden, und wahrscheinlich wollten die Beamten sich auch etwas davon abzweigen. Das Chakarionnis verzichtete auf Entschädigungen, da die Affäre einen wertvollen Werbeeffekt haben würde: Besuchen sie den Schauplatz des Thotbuster-Shootouts! Mit originalem Laserbrandloch in der Sitznischentäfelung! Hier trugen Erdbarbaren ihren tödlichen Konflikt aus! Unsere street credentials in der Szene der Earthins würden durch diesen Kampf ebenfalls steigen, auch wenn wir ihn nur durch Anfängerglück überlebt hatten.

Zu den uns zugesprochenen Hinterlassenschaften der Thotbusters gehörte auch ihr Raumschiff, ein relativ kleiner, olivgrüner Tragrumpfgleiter ohne Warpantrieb, samt allem Inhalt. In seinem Laderaum befand sich ein als VW-Transporter getarnter Flugwagen. Wir drei waren uns sofort einig, die Mittel auf den Konten der Verbrecher sowie den Verkaufserlös für das Raumschiff und ihres sonstigen Eigentums durch drei zu teilen; ich würde nur den Wagen für den Bordfuhrpark von Nouris behalten.

Shom-Earth gab keine Information darüber heraus, ob die Thotbusters von irgendjemandem beauftragt worden waren, uns zu töten, und nannte als mögliches Motiv, daß sie Nouris als Verbesserung gegenüber ihrem kleinen, unterlichtschnellen Raumschiff in Besitz nehmen wollten. Wir waren nicht überzeugt, daß es nur das war, auch wenn wir es als Zusatzmotiv für plausibel hielten.

Mit den Zugangschips unserer toten Gegner durchsuchten wir ihre Taschencomputer und die Rechner im Schiff. Die Suchbegriffe Daleth Talewa, Elias Roki und Elirok ergaben nichts, aber Nouris und unsere Decknamen führten zu Dateien mit Informationen über uns und unsere vorangemeldete Wurmlochkettenpassage nach Babylon 6. Es ging daraus auch hervor, daß sie diese Angaben von jemand namens Walkeka erhalten hatten, und mit diesem Namen als Suchbegriff fanden wir eine Vereinbarung mit dieser Person, daß DF und LS gegen Übermittlung von hierfür zweckdienlichen Informationen sowie für ein Kopfgeld von viertausend GVE getötet werden sollten. Die Hälfte davon war vorab bezahlt worden, und je tausend pro Getötetem sollten sie nach Erledigung bekommen. Das Raumschiff N sollte im Erfolgsfall in den Besitz der Bande übergehen, nachdem die Auftraggeber es nach für sie interessanten Informationen untersucht hatten.

„Bingo!“ sagte ich, nachdem wir das gelesen hatten.

„Wieso bingo?“ fragte Julani. „Das beweist doch nur, daß sie wirklich von jemand anderem beauftragt wurden, euch zu töten, und daß die Hauptbezahlung dein Schiff sein sollte. Zwar sind Daleth Talewa und Elias Roki die einzigen, von denen wir wissen, daß sie ein Motiv haben, aber der Name Walkeka deutet nicht in diese Richtung…“

„Doch, das tut er“, widersprach ich. „Er ist das entscheidende Puzzleteil zu den anderen Namen. Die stammen alle aus der Science-Fiction-Geschichte Abfallprodukte von Walter M. Miller. Darin fliegt der Raumflottenoffizier Eli Roki mit dem Raumfrachter einer Daleth Corporation zur Erde. Von der Pilotin und Schiffseignerin kennt er zunächst nicht den Namen, deshalb nennt er sie Daleth, bis er erfährt, daß sie Talewa Walkeka heißt. Sie ist dunkelhaarig, und unsere Daleth hat schwarzes Haar. Ich sage, das sind sie. Die waren nur vorsichtig und wollten diesen Kill-Kontrakt nicht unter ihren normalen Decknamen abschließen. Aber sie haben nicht damit gerechnet, daß wir den Anschlagsversuch überleben – und daß ich diese Geschichte kenne.“

„Vermutlich hast du recht“, stimmte Frido mir zu. „Wir sollten sie wegtun, und selbst falls sie es doch nicht waren, ist es um die nicht schade.“

„Genau.“ Ich überlegte kurz. „Wäre interessant zu wissen, ob sie jetzt hier sind. Das wäre naheliegend, weil sie sofort an Bord von Nouris nach für sie gefährlichen Informationen hätten suchen wollen, wenn die Thotbusters uns erledigt hätten.“

Julani holte ihren Dienstkommunikator heraus und sagte: „Das lasse ich jetzt gleich überprüfen. Ich kenne jemanden bei der Shomhainar-Polizei, der mir das vertraulich macht.“ Sie öffnete eine Verbindung und redete mit jemanden in einer fremden Sprache. Dann wartete sie eine Weile, bis ihre Kontaktperson sich wieder meldete, und nach einem weiteren kurzen Gespräch schaltete sie ab und steckte das Gerät weg.

„Bingo“, sagte sie und sah uns bedeutungsvoll an. „Die waren wirklich hier und sind vor kurzem nach Kyerak abgereist.“

Fortsetzung: Kapitel 3 – Puffy & Jack

Anhang des Verfassers:

Falls jemand von euch das Lied „And then, in the beautiful garden…“ kennt oder weiß, von wem es ist, wäre ich für Hinweise dankbar. Nachfolgend habe ich die Infolinks zum obigen Kapitel für Leser gesammelt, in der Reihenfolge des Vorkommens der Begriffe im Kapitel:

Der Woodward-Antrieb: Mit „seltsamem Schub“ in die Zukunft?, Gaußgewehr, Beta Hydri, Außerirdische Lavaröhren, Epsilon Indi, HD 102365 (66 G. Centauri), Zeta Tucanae, Gamma Pavonis, Eine Tour durch die Millennium Falcon offenbart schreckliches Innendesign, Spin-Orbit-Resonanz, Tocharische Sprache, Schönheit von Loulan, Lifting Body (Tragrumpfgleiter).

Die SF-Geschichte Abfallprodukte von Walter M. Miller, aus der Daleth Talewa und Eli Roki ihre Earthin-Decknamen entlehnt haben und die von mir nach der Originalfassung „Blood Bank“ für „Morgenwacht“ übersetzt wurde, ist in der deutschen Originalübersetzung von Birgit Reß-Bohusch im Taschenbuch Ullstein 2000 – Science Fiction Stories 12 (PDF) ab Seite 126 enthalten.

Hier sind drei Bilder aus dem Inneren von Lando Calrissians Millennium Falcon in „Solo: A Star Wars Story“, als erstes ein weiteres aus dem Aufenthaltsraum, aus dem Film selbst (die Wandklappe hinter dem sitzenden Mann wird später in Feuerfall noch eine Rolle spielen, und rechts im Ringtunnel sieht man noch etwas von der nach oben öffnenden grauen Schiebetür zum Rampenbereich, der in den Nachbauten von Aizharo & Sirunn auch als Luft- und Andockschleuse fungiert):

Als Eindruck von der Optik des Cockpits eines mit Lando Calrissian am Steuer:

…und hier eines aus Landos Quartier an Bord:

Siehe auch das Video „What’s inside the Millennium Falcon?“ (7:35 min.), eine computergraphische 3D-Präsentation von Jared Owen, der beruflich solche animierten 3D-Funktionsdarstellungen für mechanische Objekte, Raumfahrzeuge und berühmte Gebäude macht:

Und hier noch eine Tour mit Donald Glover, dem Darsteller von Lando Calrissian in Solo: A Star Wars Story, durch die Millennium Falcon in dem Zustand, als Lando sie vor Han Solo hatte:

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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