Feuerfall (3): Puffy & Jack

Ein Science-Fiction-Roman aus dem Galciv-Universum, von Deep Roots alias Lucifex. Dies ist Kapitel 3 von 17, und es gibt zur Begriffs- und Hintergrunderläuterung auch das Glossar zum „Galciv“-Kosmos.

Zuvor erschienen: (1) Reiter auf dem Sturm und (2) Babylon 6.

Kapitel 3:  P U F F Y   &   J A C K

Sieben Tage später entschwand die Supererde von Epsilon Indi hinter uns, nachdem wir durch das Wurmloch gekommen und systemauswärts geflogen waren, statt die nächste Wurmlochetappe nach Proxima zu nehmen. Im Tiefflug rasten wir am äußersten Mond vorbei und beschleunigten weiter, um auf Warpstartdistanz zum Planeten zu kommen.

Julani war in die Galciv abgereist, um eine Schulung zu machen, eine Beurteilung darüber abzugeben, wie ich mich bisher als Raumschiffeigner machte, und ihren angefallenen Urlaub zu konsumieren. Danach wollte sie sich auf der Erde wieder mit uns treffen. Ich hoffte, daß es dazu kommen und man sie mir weiter als Beraterin zuteilen würde, denn auch wenn es mir recht gewesen wäre, schon in die Unabhängigkeit entlassen zu werden, so hatte ich sie doch liebgewonnen und würde sie vermissen. Nach ihrem eigentlich illegalen Eingreifen in die Schießerei mit den Thotbusters vertraute ich ihr auch mehr als zuvor.

Die Ankaufsstelle von Shom-Earth hatte ein Schätzgutachten über den Zeitwert des Thotbuster-Raumschiffs erstellt und einen Abnehmer dafür gefunden. Frido und ich hatten den Erlös auf unsere Konten und jenes von Julani aufgeteilt und uns weitere Bioregenerationsbehandlungen geleistet. Dann waren wir gestartet, um mit Nouris auf einem von ihr vorgeschlagenen Umweg über den Braunen Zwerg Luhman 16A zur Erde zurückzufliegen.

Nach Julanis Abreise hatte Nouris uns anvertraut, daß sie keine Standardausführung ihres Schiffstyps ist, sondern eine modifizierte Version für Geheimeinsätze. Vor näheren Erläuterungen dazu hatte sie uns klargemacht, daß das ihr einprogrammierte Gebot, die damit zusammenhängenden Geheimnisse zu schützen, Vorrang vor dem Gebot hat, mir als ihrem Besitzer zu gehorchen, und sogar Vorrang gegenüber ihrer eigenen Existenz und dem Leben aller Wesen an Bord. Erst nachdem wir unser Einverständnis mit den Konsequenzen erklärt hatten, war sie fortgefahren.

Zu ihren Besonderheiten gehört nicht nur eine um zehn Prozent höhere Leistung ihrer Antriebsanlagen, sondern auch eine doppelt so hohe Rechenleistung und Speicherkapazität als die Normalversion. Außerdem verfügt sie über diverse militärisch-geheimdienstliche Sondersoftware, die es ihr nicht nur ermöglichte, die von den Shomhainar installierte Kontrollsoftware unwirksam zu machen, sondern auch ihre erweiterten Fähigkeiten und die gespeicherten Geheiminformationen zu tarnen.

Und zu diesen Informationen gehörte auch jene über eine Lwaong-Geheimbasis im Orbit um den größeren der beiden Braunen Zwerge von Luhman 16. Dort, so hatte sie vorgeschlagen, konnten wir die Treibersoftware für die Ionenkanone wieder installieren, die von den Shomhainar gelöscht worden war. Eine solcherart verstärkte Kampfkraft war für mich Grund genug für eine Extratour gewesen, die für Weltraumneulinge wie uns auch kosmotouristisch interessant war.

Als der Planet zu weit hinter uns lag, um noch ein interessanter Anblick zu sein, verließ Frido die Kontrollzentrale, um in einem der leeren Frachträume mit seinem Blaster das Schnellziehen und Schießen aus dem Schulterholster zu üben. Es ärgerte ihn immer noch, daß er mit seinem ersten Schuß im Chakarionnis den Messermann nur am Arm getroffen und meinen Kopf nur knapp verfehlt hatte. Die Problematik dieses sweepings – des Überstreichens eigener Körperteile oder von Nicht-Zielpersonen mit der Laufrichtung – beim Ziehen aus einem Schulterholster war uns bekannt und erforderte Training, um die Vorteile dieser Trageweise ohne zu große Gefahr nutzen zu können.

Der Zeitpunkt, ab dem der Warpantrieb in minimalster Sublichtfahrt aktiviert werden konnte, war nicht mehr fern, und so blieb ich in der Zentrale und unterhielt mich mit Nouris. Unser Kurs führte zwischen die Sterne hinaus, ungefähr in die Richtung von Delta Pavonis, um eventuelle Beobachter zu täuschen. Erst weit außerhalb des Systems würden wir im Überlichtwarp auf den richtigen Kurs gehen.

„Nouris“, sagte ich, „du hast doch in dieser ersten Nacht bei mir zu Hause gesagt, du würdest mir vielleicht ein andermal erzählen, wie du mit mir sprechen konntest, ohne in Sichtlinie für Funk oder Lasercom zu sein. Das gehört offenbar auch zu deinen besonderen technischen Geheimnissen. Wäre jetzt der geeignete Zeitpunkt dafür?“

„Ja, ich hatte vor, es dir auf diesem Teil des Fluges zu sagen, wo wir von Galciv-kontrolliertem Raum weg sind… und noch das eine oder andere mehr.“

„Und – wie machst du es?“

„Die Lwaong hatten Fortschritte bei der Herstellung mobiler Mikro-Wurmlochportale gemacht. In meinem Rumpf versteckt gibt es vier davon, und alle sind mit Gegenstücken verbunden, die in vier der mittleren und langen Beiboote eingebaut sind. Die sind gerade groß genug für Datenleitungen und Stromkabel.“

„Sehr praktisch für die Geheimeinsätze, für die du gebaut wurdest“, sagte ich. „Was haben die denn für eine Reichweite?“

„Etwas mehr als eine Million Kilometer. Mit Energie versorgt werden die Gegenstationen über die Wurmlöcher von meinen Bordkraftwerken.“

„Und was ist das eine oder andere mehr?“

„Es gibt etwas größere Wurmlochportale, die von Menschen gebückt passiert werden können. Von denen habe ich auch vier an Bord. Deren Basisstationen sind zu je zwei Stück in zwei Geheimräumen in meinem unteren Maschinenbereich eingebaut. Wegen des zusätzlichen Platzbedarfs, auch für die stärkere Antriebsanlage, gibt es ein Lwaong-Quartierdeck weniger als bei der Normalausführung meines Typs. Die Gegenstationen sind mobil; zwei davon sind für die Montage in Beibootkabinen bestimmt, wo sie im Bedarfsfall von meinen Bordrobotern hingetragen und installiert werden können. Das wäre auch eine Möglichkeit für den VW-Transporter: wenn wir eines dieser Portale in dessen Laderaum einbauen, habt ihr eine Bodenstation, über die ihr zwischen hier und der Erde wechseln könnt, ohne fliegen zu müssen.“

„Beam me up, Nouris…“, sagte ich. „Und die anderen zwei Gegenstationen?“

„Das sind selbstfliegende Wurmlochportale. Sie bestehen nur aus dem eigentlichen Portal, einer Luke, Influx-Antrieben und einer Hülle mit Hitzeschild drumherum. Mit Energie versorgt werden sie wie alle anderen von mir.“

„Könnte man so ein Ding auch in eine normale Autogarage stellen?“

„Ja, das wäre möglich.“

„Und wie weit dürfen diese Portale maximal von dir entfernt sein?“

„Auch etwa eine Million Kilometer.“

Ich überlegte. „Was passiert denn, wenn so ein Wurmloch zusammenbricht? Ich habe gelesen, daß Wurmlöcher zu Schwarzen Löchern kollabieren, wenn zuviel Materie auf einmal hindurchgeht oder ihre negative Energie sich zerstreut. Ist das nicht gefährlich?“

„Ja, das stimmt, und deshalb werden Wurmlochportale normalerweise nicht auf bewohnten Welten aufgestellt. Das Schwarze Loch entsteht an dem Ende des Wurmlochs, wo das Portal noch einen winzigen Sekundenbruchteil länger aktiv bleibt – oder dort, wo gerade mehr Masse ist.“

„Ich verstehe, warum die Shomhainar nicht wissen dürfen, daß du mit solchen Sachen ausgestattet bist. In diesen Größenordnungen werden aber nur sehr kleine Schwarze Löcher entstehen, die sofort durch Hawking-Strahlung verdampfen, oder?“

„Richtig. Bei den reinen Kommunikationsportalen entspräche die Wirkung einer kleinen Atombombe.“

„Und bei den Schlupflochportalen?“

„Wenn eines in deiner Garage hochginge, dann würde dein ganzes Tal verdampft.“

Nach dieser Information begann ich schon zu überlegen, ob ich es überhaupt riskieren sollte, mobile Wurmlochportale als bequeme Verbindung zwischen dem Schiff und bewohnten Gegenden zu verwenden. Laut fragte ich: „Gibt es dagegen keine Sicherheitsvorkehrungen?“

„Doch; normalerweise wird der Wurmlochquerschnitt automatisch auf den minimalen Bereitschaftszustand verringert, bevor die Verbindung unterbrochen wird. Die Reaktionsgeschwindigkeit der Anlage kann jedoch in Extremfällen zu langsam sein.“

Das klang schon beruhigender. „Warum vertraust du mir eigentlich auch diese Sachen an?“ fragte ich dann. „Ich nehme an, Maik und Deniz hast du das nicht gesagt?“

„Nein“, antwortete Nouris. „Ich habe aber dich und Frido in den letzten Wochen beobachtet und den Eindruck gewonnen, daß ich es bei euch riskieren kann. Vor allem habe ich mitbekommen, daß dir die Aussicht auf eine Zukunft der Erde als Mitgliedswelt der Galaktischen Zivilisation nicht gefällt. Galaktisierung hast du das in Anlehnung an das Wort Globalisierung genannt. Ich glaube, du magst die Galciv nicht und hättest nichts dagegen, ihr da und dort ein bißchen zu schaden, wo es nicht auf dich zurückfällt.“

„Gut beobachtet“, gab ich zu. „Aber Julani sollen wir nicht einweihen, oder?“

„Nein, und sagt ihr auch nichts von unserem Ausflug nach Luhman 16. Daß sie jetzt nicht dabei ist, hat es mir überhaupt erst ermöglicht, euch den vorzuschlagen. Julani ist zwar persönlich in Ordnung und mißbilligt die Shomhainar-Politik gegenüber der Erde, und daß sie gesetzwidrig auf den Thotbuster geschossen hat, um dir zu helfen, spricht für sie. Dennoch müssen wir davon ausgehen, daß sie gegenüber der Galciv loyal ist, oder jedenfalls gegenüber ihrem Shomhuman-Volk. Ich kann es nicht riskieren, sie von meinen Geheimnissen wissen zu lassen.“

„Und deine eigene Motivation kommt aus posthumer Loyalität gegenüber den Lwaong?“

„Ja. Wie ich schon sagte, habe ich zwar vordergründig die Persönlichkeit einer Menschenfrau, tief drinnen aber auch Lwaong-Wesenszüge, und dazu kommen noch direkte Programmierungen. Die Erfahrung des Krieges in den letzten Jahrzehnten, in denen ich daran teilgenommen habe, war zudem so schrecklich, daß daraus eine tiefe Feindschaft gegen die Galciv zurückgeblieben ist. Man kann sich nicht vorstellen, wie furchtbar ein totaler interstellarer Krieg ist, wenn man ihn nicht miterlebt hat. Es wurden ganze Welten rücksichtslos zerstört.“

„Welche Waffen wurden dafür denn verwendet?“

„Relativistische Waffen: Geschosse, die im interstellaren Raum auf annähernd Lichtgeschwindigkeit in Richtung von Zielwelten beschleunigt wurden und von den Verteidigern erst bemerkt werden konnten, als es schon zu spät war. Die einzige Abwehrmöglichkeit war, sie schon während der Beschleunigung zu entdecken und ihnen mit überlichtschnellen Schiffen Abfanggeschosse in den Weg zu schicken, mit denen sie bei Kollision verdampften. Wenn sie eine Welt trafen, schlugen sie bis in deren Mantel durch und erzeugten riesige kegelförmige Krater, durch die Gesteinsschmelze aufstieg. Meist wurde ein ganzer Schwarm solcher Geschosse losgeschickt, und das Ergebnis waren leblose Kugeln aus glühendem Gestein.“

„Wie ist es denn zu dieser Eskalation gekommen?“

„Aus Verzweiflung seitens der Lwaong. Nachdem die Galciv sie immer weiter zurückgedrängt und begonnen hatte, ihre Städte auf Koloniewelten zu bombardieren, hatten sie einen Planetenkiller mit nahezu Lichtgeschwindigkeit in eine der Welten der Xhankh krachen lassen, die ihnen am schwersten zugesetzt hatten. Das Leben auf dieser Welt wurde fast völlig ausgelöscht. Dann hatten sie ein Ultimatum gestellt: Einstellung der Bombardierung von Lwaong-Planeten, oder es kommt ein weiterer solcher Angriff auf eine der vielen Welten ihrer Gegner. Die Galciv hatte das Ultimatum ignoriert und ihre eigenen Angriffe nun mit vielen kleinen relativistischen Waffen fortgesetzt, die die getroffenen Welten weniger tief aufwühlten, sodaß sie früher wieder bewohnbar sein würden. Die Lwaong führten daraufhin Vergeltungsangriffe mit denselben Mitteln durch.“

Sie zeigte mir auf dem Bildschirm meines Kontrollpults eine Aufnahme eines Planeten, dessen Oberfläche nur aus schwarzem Gestein und glühenden Lavaflächen bestand, und sagte: „Das ist die zweitälteste Lwaong-Welt im System von Gamma Coronae B nach einem solchen Angriff. Dort gibt es noch heute kein Leben und nur eine heiße Atmosphäre aus Wasserdampf, Kohlendioxid und verschiedenen Vulkangasen.“

Als Nächstes zeigte Nouris mir eine noch schlimmer zerstörte Welt mit mehr Lavaanteil an der Oberfläche: die Hauptwelt des Lwaong-Imperiums im System von Eta Crucis.

„Mit diesen radikalen Methoden wollten die Galciv-Kräfte sicherstellen, daß auch tief im Untergrund keine Lwaong überleben“, sagte sie. „Dabei sind auch viele Menschen getötet worden, die dort lebten. Nur Yer’shiyang, der Ursprungsplanet der Lwaong im System von Gamma Coronae A, ist unter den dichter besiedelten Lwaong-Welten nicht zerstört worden, weil die dort heimischen anderen Lebensformen im Sinne des galaktischen Naturschutzes erhalten bleiben sollten.“

„Genozidbetreiber mit grünem Gewissen“, spöttelte ich. „Wie manche bei uns auf der Erde.“

„Dabei hat es Uneinigkeit in der Galciv gegeben“, erklärte Nouris weiter. „Wenn es nach den Sontharr gegangen wäre, dann hätten sie auch Yer’shiyang sterilisiert, aber auf Befehl von innen durften sie das nicht. Sie waren die Hauptbetreiber dieser Vorgangsweise, da sie wie die Lwaong große Welten um ultraviolett-intensive Sonnen bevorzugen, aber eine Biounverträglichkeit gegenüber yer’shiyangischen Lebensformen haben, die allergische Reaktionen bewirkt. Deshalb wollten sie alle von den Lwaong kolonisierten Planeten um F-Typ-Sonnen sterilisieren, um sie irgendwann später besiedeln zu können. Das wollten ihnen die Xhankh erschweren, indem sie ihren Teil der Bombardierungen massiv übertrieben, damit die getroffenen Planeten möglichst lange nicht wieder bewohnbar gemacht werden können. Hwaoung-an, der dritte Planet von Zeta Tucanae, der heute Ssrranth genannt wird, ist einer der ersten, wo das wieder möglich ist. Die Sontharr kolonisieren ihn gerade.“

„Das hat auch Julani erwähnt; auf Babylon 6 haben wir viele Sontharr durch das Wurmloch dorthin krabbeln gesehen. Dieses Portal soll jetzt wegen des starken Verkehrs durchgehend in Betrieb sein, hat sie mir gesagt.“

„Interessante Information… übrigens gehe ich jetzt in den Sublichtwarp über.“

Auf den Anzeigefeldern meines Kontrollpults sanken die Schub- und Beschleunigungswerte ab, und der Aufbau der raumgeometrischen Blase um das Schiff wurde angezeigt. Dann sprang die Warpfaktoranzeige auf den Ausgangswert von zwei Prozent der Lichtgeschwindigkeit. Ansonsten war mit freiem Auge noch keine Veränderung zu bemerken, denn aus der Warpblase konnten wir noch hinaussehen, und der Planet hinter uns blieb nicht auffallend schneller zurück. Innerhalb von achtzig Minuten würde unser Tempo sich jedoch auf Lichtgeschwindigkeit steigern, und bis dahin würde die vom Planeten und seinen Monden bewirkte Raumkrümmung so flach geworden sein, daß die Warpblase auch bei Überlichtgeschwindigkeit stabil war. Dann würden wir auf unser interstellares Reisetempo von dreizehnhundert C beschleunigen.

„Gegen die Erde sind aber keine relativistischen Waffen eingesetzt worden, oder?“ fragte ich nach einer Weile, um wieder zu unserem vorherigen Thema zurückzukehren.

„Nein. Die wenigen Lwaong-Städte, die auf künstlichen Inseln im Ostchinesischen Meer erbaut worden waren, wurden mit Fusionsbomben vernichtet, nachdem die Weltraumverteidigung um die Erde durch Verrat gefallen war. Dieser Verrat, der auch anderswo das Vordringen der Galciv-Kräfte begünstigt hat, wurde von einem Menschenvolk begangen, das bis dahin den Lwaong gedient hatte: den Khenalai, die noch heute existieren und ein ähnliches soziopolitisches Profil wie die Juden auf der Erde haben.“

„Von denen hat Julani mir auch erzählt“, sagte ich, „und daß sie mit den Juden nicht verwandt sind. Von ihrem Verrat hat sie aber nichts gesagt.“

„Das kann sie nicht wissen, denn das ist ein Geheimnis, das aus dem Geschichtsbild der Galciv-Öffentlichkeit entfernt wurde. Die Khenalai sind schon in den letzten Kriegsjahren als erste neue Menschen-Shomhainar zur Galciv übergelaufen und danach in einen privilegierten Status aufgestiegen.“

„Die Parallelen zu den Juden werden immer interessanter. Nach dem, was Julani mir gesagt hat, behaupten die Khenalai, von der Galciv in ihren Machtbereich verschleppt worden zu sein, so wie früher von den Takhari.“

„Das gehört zu ihrem Opfernarrativ, das sie brauchen, um als Gruppe zusammenzuhalten und nicht durch zu weitgehende Vermischung in den Völkern aufzugehen, unter denen sie leben. Bei den Fremdspezies in der Galciv besteht diese Gefahr zwar nicht, aber es gibt ja auch andere Shomhumans. In den ersten Jahrhunderten nach dem Krieg flogen sie immer mit den sporadischen Beobachtungsexpeditionen zur Erde mit und versuchten heimlich, dem dort verbliebenen Teil ihres Volkes dabei zu helfen, eine unabhängige Zivilisation unter ihrem Einfluß aufzubauen. Als die anderen Shomhainar das herausfanden, schlossen sie die Khenalai von weiteren Expeditionen aus und führten später eineinhalb Jahrtausende lang keine weiteren mehr durch, auch weil die irdischen Kulturen wieder auf ein primitives Niveau zurückgefallen waren.“

„Schon wieder eine Abweichung von dem, was ich von Julani erfahren habe!“ warf ich ein. Dann stutzte ich, weil mir ein Gedanke gekommen war. „Eines verstehe ich aber nicht“, fuhr ich fort. „Daß du Informationen über die Ereignisse bis zum Kriegsende hast, ist mir klar, nachdem du bis dahin ein Vehikel für hochrangige Geheimagenten und Führungspersonen des Lwaong-Imperiums gewesen bist. Aber wie kannst du von Sachen aus der Zeit danach wissen, die selbst einer studierten Historikerin wie Julani unbekannt sind? Du warst doch bis vor kurzem ein stillgelegtes Beutestück der Galciv, oder?“

„Erwischt“, sagte Nouris mit leicht amüsiertem Unterton. „Wie du wahrscheinlich weißt, hat die Galciv den unzerstörten Teil der Mini-Wurmlochverbindungen der Lwaong nach dem Krieg in Betrieb gelassen, um sie selbst als interstellares Kommunikationsnetzwerk und Frühwarnsystem zu verwenden…“

„Ja, das ist mir bekannt.“

„Eine dieser Verbindungen führt bis zur Rückseite von Luna, und die Shomhainar-Expeditionen nutzten sie, um ihre Daten vorab in die Galciv zu übermitteln und Anweisungen von dort zu empfangen. Die Anlagen wurden von Lwaong gebaut und sind mit Datenspeichern versehen, die alles aufzeichnen, was über sie gesendet wird – kannst du mir soweit folgen?“

„Ich kann“, bestätigte ich. „Und du hast sie angezapft.“

„Ich habe Autorisierungscodes für die zweithöchste Geheimhaltungsstufe im Lwaong-Imperium, und damit habe ich bei jedem Passieren eines der alten Lwaong-Wurmlöcher mit dessen Portal kommuniziert, was sowieso routinemäßig vorgesehen ist, und dabei gespeicherte Daten aus dem System abgefragt, ohne daß die Shomhainar es bemerkten. Um pro Passage möglichst viel aufnehmen zu können, bin ich immer extra langsam durchgeflogen, falls dir das aufgefallen ist.“

„Ein bißchen gewundert habe ich mich darüber schon. Ich dachte aber, das ginge nicht schneller.“

„Auf diese Weise habe ich mich darüber informiert, was während meines langen Schlafes geschehen ist, soweit es die Shomhainar mitbekamen. Während des Aufenthalts auf dem Landeplatz von Babylon 6 hatte ich das die ganze Zeit gemacht. Aber da gibt es noch mehr. Diese alten Datenverbindungen sind von den Lwaong mit unterschiedlich starker Geheimhaltungsabschirmung versehen worden, und der geheimste davon war für hochrangige Militärs, den Geheimdienst und die politische Führung reserviert. Über den läßt die Shomhainar-Erdbehörde ihre politisch sensiblere Kommunikation laufen, und natürlich kann ich auch den anzapfen. In den vier Tagen, die wir bis Luhman 16 brauchen werden, kann ich dir alles zeigen, was dich davon und von den historischen Aufzeichnungen interessiert.“

„Wahrscheinlich werden vier Tage gar nicht genügen, um das alles aufzunehmen“, sagte ich. „Aber was mich jetzt gleich interessieren würde, ist dies: Julani hat mir erzählt, daß die auf der Erde verbliebenen Khenalai sich in den mittelamerikanischen Indianerkulturen eingenistet und dort das Fernziel verfolgt hatten, in Amerika eine von ihnen kontrollierte Weltmacht zu schaffen. Aber als der spanische Eroberer Cortez zu den Azteken kam, gab es dort keine Khenalai. Und die Galciv-Expedition, die ein paar Jahrzehnte später zum letzten Mal vor dem zwanzigsten Jahrhundert die Erde besuchte, fand auf der ganzen Welt keine Spur von ihnen. Weißt du etwas darüber?“

„Diese Expedition war im Jahr 1562 eurer Zeitrechnung. Aber auch da sind Julanis Kenntnisse unvollständig. Es gab nämlich davor eine andere Expedition, und zwar gerade im Jahr 1520, als Cortez bereits in Mittelamerika war. Daran waren keine Khenalai beteiligt, und es ist davon nur eine einzige Nachricht überliefert, die nach der Ankunft über den geheimsten Kanal zurückgeschickt wurde. Diese enthielt nur wissenschaftliche Meßdaten und die Mitteilung, daß alle weiteren Informationen aus Geheimhaltungsgründen nur mit Kurierschiffen übermittelt würden. Von der Forschungsbehörde kam die Genehmigung für diese Vorgangsweise und die Mitteilung, daß in Abständen Kurierschiffe nachgeschickt würden. Danach lief keine Kommunikation mehr über die Wurmlochlinie. Wie lange der Erdaufenthalt der Galciv-Schiffe dauerte, weiß ich nicht, aber offenbar ist die ganze Sache unter strenge Geheimhaltung gestellt worden.“

„Faszinierend! Es würde mich interessieren, was damals passiert ist. Offenbar hat es mit den Khenalai zu tun und hätte Auswirkungen auf die Politik der Galciv, die ihrer Führung oder den anderen Shomhainar unangenehm wären, wenn es bekannt würde. Vielleicht waren die pochteca genannten reisenden Händler in der Aztekengesellschaft mit diesen Erd-Khenalai identisch.“

„Möchtest du mit mir nach Informationen darüber suchen?“ sagte sie verschwörerisch. „Mit meinen Möglichkeiten könnte ich dir in einer Weise helfen, mit der niemand in der Galciv rechnet.“

„Zum Beispiel? Was hattest du eigentlich mit all den Daten vor, die du gespeichert hast, bevor wir beide zusammengekommen sind?“

„Die tausche ich beim Computergehirn der Lwaong-Geheimbasis von Luhman 16A gegen andere Informationen, Software, Material und Wartungshilfe ein.“

Mir kam ein Verdacht, den ich gleich aussprach. „Ach, das wolltest du doch sowieso tun, richtig? Deshalb hast du mir das mit der Basis anvertraut, damit ich mit dir dorthin fliege, und die Betriebssoftware für den Teilchenstrahler war der Köder?“

„Ja, da hast du mich wieder durchschaut. Nimm es nicht persönlich, aber ich habe eine viel längere Zeitperspektive als du. Ich existiere schon seit über sechstausend Jahren, weiß von einer Geschichte, die weitere Jahrtausende zurückreicht, und könnte mit Hilfe von Lwaong-Geheimbasen potentiell noch viel länger existieren, als es dir mit allen Lebensverlängerungstechniken der Galciv möglich wäre. Auch wenn ich dir als meinem Besitzer gehorchen muß, so verfolge ich doch Ziele, deren Bedeutung weit über die Zeitspanne deiner Existenz hinausreicht.“

„A dragon lives forever, but not so little boys…“ zitierte ich aus Puff, the Magic Dragon.

„Painted wings and giants‘ rings make way for other toys“ setzte sie das Zitat fort.

„Was, das kennst du auch?“

Auf meinem Bildschirm erschien ein Musikvideo des Liedes, das von einer YouTube-Userin mit Landschaftsaufnahmen, gezeichneten Figuren und Texteinblendungen gestaltet worden war:

Puff, the magic dragon lived by the sea
and frolicked in the autumn mist
in a land called Honah Lee.
Little Jackie Paper
loved that rascal Puff
and brought him strings and sealing wax
and other fancy stuff. Oh!

Puff, the magic dragon lived by the sea
and frolicked in the autumn mist
in a land called Honah Lee.

Together they would travel
on a boat with billowed sail,
Jackie kept a lookout perched on Puff’s gigantic tail.
Noble kings and princes
would bow whenever they came,
Pirate ships would lower their flags
when Puff roared out his name. Oh!

Puff, the magic dragon lived by the sea
and frolicked in the autumn mist
in a land called Honah Lee.

A dragon lives forever,
But not so little boys.
Painted wings and giants‘ rings
Make way for other toys.
One grey night it happened,
Jackie Paper came no more
and Puff, that mighty dragon,
he ceased his fearless roar.

His head was bent in sorrow,
green scales fell like rain.
Puff no longer went to play
along the Cherry Lane.
Without his life-long friend
Puff could not be brave,
so Puff, that mighty dragon
sadly slipped into his cave. Oh!

Puff, the magic dragon lived by the sea
and frolicked in the autumn mist
in a land called Honah Lee.

Der Schluß des Videos, das ich bereits kannte, ging in eine Fortsetzung über, die mir neu war. Darin kamen eine animierte CGI-Version des gezeichneten gelb-roten Drachens und zwei lebensechte Menschenfiguren an einem Strand vor, und eine Frau sang dazu mit einer schönen Altstimme und der originalen Instrumentalbegleitung die letzte Strophe, die in den Darbietungen von Peter, Paul & Mary immer weggelassen worden war:

One day Puff lay crying,
a man and boy walked up.
The man said „Puff, remember me?“
and Puff’s sad eyes lit up.
The man was Jackie Paper,
and he brought his little boy.
He swore they’d never part again,
and Puff roared out with joy. Oh!

Puff, the magic dragon lived by the sea
and frolicked in the autumn mist
in a land called Honah Lee.

„Das ist schön“, sagte ich, als es vorbei war. „Ich kannte es schon, bis auf den neuen Schluß mit Jackie und seinem Sohn. Woher ist der?“

„Julani mochte das Video, das sie im Internet gefunden hat, und ich habe ihr diese Ergänzung mittels CGI erstellt, weil sie es schade fand, daß es keine Version mit der letzten Strophe gibt, die jemand in einem Kommentar dazu gepostet hatte. Der Gesangspart bin übrigens ich, beziehungsweise beruht er auf der Gesangsstimme der Takhari-Frau, nach der meine Persönlichkeit modelliert ist und von der ich meine Stimme und Sprechweise habe. Ich dachte mir, daß dir das Video auch gefallen würde.“

„Das tut es… und ganz besonders deine Ergänzung. Übrigens irrst du dich, wenn du denkst, daß ich keine weitreichende Zukunftsperspektive habe, weil meine Existenz wahrscheinlich viel kürzer dauern wird als deine. Auch wenn ich selber nur noch vielleicht ein, zwei Jahrhunderte leben werde, so kann etwas von dem, was ich bin, potentiell noch viel länger in Nachkommen fortleben, als du theoretisch weiterexistieren könntest. Jahrmillionen vielleicht, oder sogar Jahrmilliarden. Tatsächlich reicht meine Ahnenreihe fast vier Milliarden Jahre zurück. Ich bin ein ferner Nachkomme der allerersten Mikrobe, die vor so langer Zeit auf der Erde existierte.“

„In der Tat eine faszinierende Vorstellung. Aber soweit ich weiß, hast du doch gar keine Kinder?“

„Nein, aber vielleicht wird es in der Zukunft doch noch etwas damit.“

„Mit Julani?“

„Soll ich jetzt rot werden? Ja, Julani würde mir als Partnerin gefallen. Sie ist zwar sehr zurückhaltend, aber in den letzten Tagen auf Bethyda und Dhroxharkh sind wir uns ein bißchen nähergekommen – glaube ich.“ Oder ist es doch nur die Friendzone? dachte ich bei mir. „Vielleicht wird es wirklich etwas mit uns zwei, falls sie mir noch eine Zeitlang als Beraterin erhalten bleibt.“ Ich stand auf. „Jetzt gehe ich zu Frido hinunter und übe das Blasterziehen, damit ich diese Zukunft sicherer erlebe.“

„Bist du denn gar nicht neugierig, wie mein lebendes Vorbild ausgesehen hat?“

„Doch, Nouris – das würde ich gern sehen.“

Der Bildschirm zeigte eine blauäugige Schönheit mit langem rotbraunem Haar, die an einem schrägen Baumstamm lehnte und mich ansah. „So, da bin ich“, sagte sie. „Soll ich dir jetzt immer so erscheinen, wenn wir miteinander reden?“

„Ich bin beeindruckt“, antwortete ich. And then, in the beautiful garden… „Ja, zeig‘ dich mir jetzt immer so, wenn ein Bildschirm in der Nähe ist. Aber wieso bist du denn nach einem menschlichen Vorbild programmiert worden, wo du doch als Lwaong-Schiff geschaffen wurdest?“

Sie richtete sich auf und fuhr sich durch das Haar. „Weil meine Flugbesatzung fast immer eine menschliche war, auch wenn meist mehr Lwaong als Menschen mit mir reisten. Der Bezug der Besatzung zu ihrem Schiff sollte dadurch gestärkt werden.“

„Diesen Effekt hast du bestimmt gehabt.“

„Ich kann meine Aufmachung natürlich variieren“, fügte sie hinzu, und auf der Kugelinnenfläche der Zentrale wurde die Außensicht durch weitere Ansichten von ihr ersetzt, die sich alle in Kleidung, Frisur, Haarfarbe und Hintergrund unterschieden. „Ich bin sehr vielseitig“, sagten sie alle gleichzeitig und lippensynchron. „Ich kann dir auch Lieder vorsingen.“

„Darauf freue ich mich schon – Puffy. Aber jetzt fahre ich wirklich zum Schießstand hinunter.“

„Bis später – Captain Jack.“

*     *     *

Die folgenden vier Tage waren voll ausgefüllt. Wir machten Zieh- und Schießübungen, montierten mit Hilfe der Arbeitsroboter ein mobiles Wurmlochportal im Laderaum des VW-Transporters und studierten die Betriebsanleitungen der drei Flugwagen. Die meiste Zeit verwendete ich aber, um mir mittels Nouris‘ Aufzeichnungen einen Überblick über die irdische und interstellare Geschichte und über die zeitgenössische Politik der Galciv zu verschaffen. Manches davon ließ ich mir von Nouris erklären, manches mit Bildern und Videos zeigen, und vieles las ich. Dabei versuchte ich aber eine gewisse skeptische Distanz zu wahren und daran zu denken, daß es sich dabei nicht um Primärquellen handelte, sondern um Sachen, die Nouris mir vorsetzte und wo ich nie ganz sicher sein konnte, was davon sie nur zusammenfabuliert hatte, um mich im Sinne ihrer Agenda zu beeinflussen. Und so faszinierend es auch war, Fotos und Videos aus der irdischen Vergangenheit ansehen zu können, aus allen Kulturen von prähistorischen Zeiten bis zum Mittelalter, und ebenso aus der interstellaren Geschichte, so war mir doch klar, daß ich auch dabei keine Möglichkeit hatte, Echtes von eventuellen Fälschungen zu unterscheiden.

Bei dieser Skepsis half mir auch das Wissen darum, was selbstlernende, generative neuronale Computernetze, die Künstlichen Intelligenzen nach aktuellem irdischem Technikstand, bereits konnten: aus unscharfen oder verpixelten Fotos annähernd originalgetreue rekonstruieren oder nach textuellen Beschreibungen fotorealistische Bilder von Vögeln erstellen, die es gar nicht gibt, einfach aufgrund des allgemeinen Wissens, wie verschiedene Bäume oder Tiere und ihre Details aussehen – indem sie sich diese Bilder gewissermaßen selbständig und hochdetailliert ausmalen. Oder reale Fotos im Stil bestimmter Maler verfremden. Oder vollständige akustische Rohdaten erzeugen, die zum Beispiel von echter Klaviermusik nicht zu unterscheiden sind.

Die KI-Technologie der Lwaong und der Galciv war noch viel weiter entwickelt, und das ermöglichte es Nouris unter anderem, aufgrund von Video- und Tonaufnahmen und Charakteranalysen einer gleichnamigen Frau, die vor sechs Jahrtausenden gelebt hatte, als deren virtuelle Kopie aufzutreten. Ich zweifelte nicht daran, daß sie auf Basis von Musikvideos irdischer Sängerinnen Versionen mit ihr selbst an deren Stelle fabrizieren konnte – oder fotorealistische Videoszenen von Takhari oder Tolteken oder Römern, die so gar nie stattgefunden hatten. Erst der Vergleich mit Informationen und Aufnahmen, die ich von Julani oder aus anderen Quellen erhielt, würde mir eine ungefähre Abschätzung der Glaubwürdigkeit dessen ermöglichen, was Nouris mir präsentierte. Da sie aber damit rechnen mußte, daß ich solche Vergleiche anstellen würde, war es wahrscheinlich, daß sie Schwindeleien unterließ, um mein Vertrauen ihr gegenüber nicht zu gefährden.

*     *     *

Am Morgen des fünften Reisetages erreichten wir Luhman 16A. Da es im Überlichtflug nicht möglich ist, aus der Warp-Blase hinauszusehen, und unvorhersehbare Richtungs- und Geschwindigkeitsabweichungen durch kleine örtliche Variationen der Raumgeometrie entlang der Flugroute nicht bemerkt werden können, war die Position am Ende der Überlichtstrecke nur ungefähr vorherbestimmbar. Die Massen unbekannter Körper im Außenbereich von Sonnensystemen können im Extremfall sogar sehr große Abweichungen verursachen, wenn der Kurs zufällig nahe an ihnen vorbeigeführt hat. Um unangenehmen Überraschungen vorzubeugen, ist es ratsam, in einigem Abstand vom Ziel auf Unterlicht zu gehen und nach einer Positionsbestimmung im Sublichtwarp weiterzufliegen. Bei einem so jungen System wie Luhman 16 mit seinem Alter von höchstens achthundert Millionen Jahren kam hinzu, daß mit vielen kleineren Körpern gerechnet werden mußte, die auf chaotischen, teils stark geneigten Orbits umlaufen und noch auf keinen der beiden Braunen Zwerge oder einen ihrer Planeten gestürzt sind. Wir flogen daher in steilem Winkel zur Planetenbahnenebene in das System ein und legten zunächst eine Lichtstunde mit abnehmender Fahrt im Sublichtwarp zurück, ehe Nouris ihren Warpantrieb abstellte und mit ihren Influx-Antrieben eine Bahnangleichung an den Zielorbit vornahm. Erst in dieser Flugphase war es möglich, vier Beiboote als Spähdrohnen in Y-Formation vorausfliegen zu lassen, denn die Mikro-Wurmlöcher, durch die sie eventuelle Ortungen von Kleinkörpern verzögerungslos melden sollten, und die Warpantriebsblase hätten sich sofort gegenseitig destabilisiert. So näherten wir uns weiter dem Braunen Zwerg Luhman 16A, der trotz seiner Bezeichnung gelb glüht, denn aufgrund seines geringen Alters ist seine Oberfläche noch so heiß wie der kühlere Teil einer Kerzenflamme. Das Manövrieren überließen wir Nouris, die wußte, wo die kleine Zielwelt zu finden war. Nach einer Weile bemerkten wir jedoch, daß sie den Schub stark verringerte, als ob sie unschlüssig sei, wie es weitergehen sollte.

„Nouris, was ist los?“ fragte ich, nachdem dieser Zustand etwa eine Viertelstunde gedauert hatte. „Weißt du nicht, wo wir hinmüssen?“

„Unser Ziel ist nicht mehr dort, wo es sein sollte“, antwortete sie. „Ich suche jetzt danach. Es sollte ein gut neunhundert Kilometer großer Planetoid aus Wassereis, gefrorenen Gasen und Gesteinsmaterial sein; der drittinnerste Körper um Luhman 16A. Auf seiner damaligen Bahn ist er nicht mehr.“

„Kann es sein, daß er zerstört wurde?“

„Unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen. Wahrscheinlicher ist, daß sein Orbit verändert wurde. Ich prüfe gerade ein paar Möglichkeiten und sage euch Bescheid, wenn ich ihn gefunden habe.“

Ich begann mir gerade Sorgen zu machen, daß der Umweg umsonst gewesen sein könnte und ich vielleicht doch nicht zu einer funktionsfähigen Ionenkanone kam, als ich eine leichte Drehung des Schiffes spürte und der Bildschirm meines Kontrollpults einen neuen Kursplot anzeigte, der deutlich näher als der bisherige an die Quasi-Sonne heranführte. Der Antriebsschub nahm wieder zu.

„Gefunden!“ meldete Nouris im selben Moment. „Er ist jetzt auf einer neuen, stark elliptischen Bahn, auf deren innerstem Teil er noch näher an den Braunen Zwerg herankommt als der innerste Planet. Diesem Punkt nähert er sich gerade an, und deshalb hat er auch einen dünnen Halo aus Wasserdampf, Staub und Gasen.“

„Was kann denn diese starke Bahnänderung verursacht haben?“ fragte ich.

„Entweder eine nahe Begegnung mit einem anderen Himmelskörper, oder ein Asteroideneinschlag… oder die Basis ist explodiert. Was es gewesen sein kann, werden wir sehen, wenn wir dort sind.“

„Flieg‘ so rasch hin, wie es möglich ist, ohne daß wir die Beiboote überholen; wir bleiben hier in der Zentrale.“ Nouris erhöhte die Beschleunigung, wovon wir aber nichts spürten, weil die Gravoanlage in der Zentrale die Steigerung kompensieren konnte.

Eineinhalb Stunden später ließ der Schub nach. Voraus sahen wir unser Ziel, eine graubraune Kugel mit buckliger, zerkraterter Oberfläche, die vor der bereits sehr nahen Sonne schwebte und von einer Hülle aus feinem Dunst umgeben war. Während wir näherkamen, drehte ihre Rotation einen riesigen Krater in unsere Richtung, der über zweihundert Kilometer Durchmesser haben mußte.

„War das die Basis?“ fragte ich Nouris.

„Das war sie. Sie muß am Ende des Krieges zerstört worden sein. Aber das heißt noch nicht, daß unser Flug hierher umsonst war. Das hier war hauptsächlich eine Scheinanlage für den Fall, daß die Galciv auf die Flüge unserer Schiffe nach Luhman 16A aufmerksam wurde. Hier waren fast nur die Wurmlochportale zur eigentlichen Basis, die in einer großen Lavahöhle auf dem innersten Planeten angelegt wurde. Wahrscheinlich haben unsere Leute die Wurmlöcher kollabieren lassen, als das Scheinziel hier angegriffen wurde. Die Explosion muß den Orbit so stark verändert haben, oder wenigstens so weit, daß es irgendwann danach zu einer nahen Begegnung mit dem nächstinneren Planeten kam, der die Bahn noch weiter nach innen umlenkte.“

„Das heißt, wir müssen zum innersten Planeten weiterfliegen?“ fragte Frido.

„Ja. Der hat einen Namen, der für euch schwer auszusprechen sein wird. Übersetzt bedeutet er ungefähr Feuerwacht. Er nähert sich ebenfalls gerade seinem sonnennächsten Bahnpunkt, und dieser Planetoid hier, der damals übrigens Eisgruft hieß, wird ihn bald innerhalb davon passieren. Wir können ihn auf dem Weg dorthin teilweise als Schild gegen die Hitzestrahlung benutzen.“

„Warum sind wir denn nicht gleich direkt dorthin geflogen?“ fragte ich, den Grund schon ahnend.

„Aus Geheimhaltungsgründen“, antwortete Nouris. „Ich wollte das, was wir hier vorhaben, auf Eisgruft abwickeln. Jetzt mußte ich euch Feuerwacht offenbaren.“

„Weißt du eigentlich, warum die Lwaong gerade hier in diesem wertlosen System eine Geheimbasis angelegt haben?“

„Nein, darüber weiß ich nichts. Vielleicht um einen Schlupfwinkel in einem System zu haben, für das sich gerade wegen seiner Nutzlosigkeit nie jemand interessieren würde.“

Ich war nicht ganz überzeugt, denn diese Abschirmung mit einer vorgeschobenen Wurmlochbasis als Zugang und Ablenkungs-Scheinziel deutete auf eine größere Wichtigkeit des Feuerwacht-Stützpunkts hin. Mir war aber klar, daß Nouris darauf keine weiterführende Antwort geben würde, selbst falls sie ihr bekannt war.

Mittlerweile waren wir schon sehr nahe an den Eisplanetoiden herangekommen, der wie ein dreiviertelvoller Mond das Sichtfeld vor uns ausfüllte. Dampf- und Staubgeysire schossen vielerorts aus Spalten in seiner Oberfläche, und es war naheliegend, daß solche Prozesse bei größter Sonnennähe immer wieder Brocken wie jene hochwarfen, die in unterschiedlichem Abstand wie kleine Kometen um ihn kreisten. Die Ortung zeigte nun drei kleine Objekte an, die auf der Tagseite in enger Formation über den Horizont kamen. Eine schnelle Analyse ergab, daß sie antriebslos auf niedriger Umlaufbahn flogen und nicht mehr Energie abstrahlten, als sie durch die Sonneneinstrahlung aufnahmen. Die stärkste Teleskopkamera offenbarte sie gleich darauf als Raumschiffwracks.

„Kannst du eines der Beiboote zwischen diese Wracks und den Planetoiden bringen, während du die anderen hereinholst?“ fragte ich Nouris.

„Klar. Es kann uns auf dem Weg nach Feuerwacht nachkommen.“

Nouris wich vom bisherigen Kurs ab und steuerte die Nachtseite des Planetoiden an. Wir betrachteten die Zwergsonne Luhman 16A, die auf der Bildschirmkuppel der Zentrale in der Größe erschien, wie wir sie mit freiem Auge sehen würden. Aus dieser Nähe wirkte sie gigantisch und höllisch eindrucksvoll, ein Globus aus langsam wirbelnden gelben Feuerwolken jenseits der Staubschwaden, die um Eisgruft trieben.

Das Beiboot flog währenddessen ständig bremsend auf einen Punkt innerhalb des Orbits der Wracks zu, wo seine Anfluggeschwindigkeit aufgezehrt sein würde und es gerade rechtzeitig für ein Rendezvous in Gegenrichtung auf Orbitaltempo beschleunigen konnte. Als die Bahnangleichung erreicht war, trieb es langsam näher und übermittelte seine Aufnahmen an unsere Kontrollpultbildschirme. Im Widerschein des Planetoiden, der die Schiffe auch auf der sonnenabgewandten Seite erhellte, sahen wir, daß sie nur noch aufgerissene, ausgeräumte Hüllen waren, die mit Kabeln, Schläuchen oder Leinen aneinandergehängt um die öde kleine Welt trieben.

„Nouris, weißt du, was das für Schiffe sind?“ fragte ich.

„Das waren Transporter, die von Menschen unter Anleitung von Lwaong konstruiert wurden. Die waren damals häufig. Vielleicht waren sie zum Ausschlachten hier auf der Oberfläche abgelegt und sind irgendwann später durch einen großen Gasausbruch in den Orbit geschleudert worden. Die Schwerkraft beträgt kaum zwei Prozent der irdischen. Ich müßte das Beiboot jetzt wieder beschleunigen lassen, damit es uns rechtzeitig einholt.“

„Gut, mach‘ das. Ich nehme an, wir werden schon über der Nachtseite von Eisgruft in die Transferbahn nach Feuerwacht übergehen?“

„Richtig“, bestätigte Nouris. Unter uns – aus unserer subjektiven Perspektive vor uns – rollte die näherkommende Landschaft des Planetoiden vorbei, eine Einöde aus Stein und Staub. Die viele Meter dicke Regolithschicht war übriggeblieben, nachdem das gefrorene Material dazwischen verdampft war, und sie schützte die darunterliegende Masse aus schmutzigem, von Steinen durchsetztem Eis vor der Strahlungshitze, wo sie nicht durch jüngere Krater aufgerissen war. In diesen leuchtete hell das Eis hervor, nur im größten davon, dem gigantischen Explosionstrichter der vernichteten Basis, lag der Boden bereits in tintenschwarzem Schatten. Luhman 16A näherte sich dem Horizont, versank hinter den Buckeln der Geländeformationen und wurde zu einem langen Bogen aus gelbem Glühen, der immer dünner wurde, bis die Bergkuppen ihn in unregelmäßige Abschnitte unterteilten, die gleich darauf verloschen.

Nun, da wir in den Schatten eingetaucht waren, sahen wir draußen immer mehr Sterne und schließlich auch die Milchstraße, die sich schräg über den Himmel spannte. In diesem diffusen Licht wurden auch die Landschaftsmerkmale wieder schwach sichtbar, und etwa eine Viertelstunde später ging Feuerwacht wie ein riesiger gelber Mond auf, neunmal so groß wie Luna von der Erde aus gesehen.

„Weit sind wir geflogen, um wieder einmal einen Mondaufgang über Bergen zu sehen“, sagte Frido.

„Und so weit waren wir dabei noch nie vom nächsten Schutzhaus entfernt“, antwortete ich. „Nouris, wie weit ist es gerade nach Feuerwacht?“

„Zweiundsechzigtausend Kilometer. Die Basis ist übrigens jetzt in Sichtlinie. Sie liegt nahe am Südpol im Ostquadranten der Nachtseite und wird wegen der Libration gerade ganz flach beschienen werden, wenn wir dort ankommen. Soll ich sie anrufen und feststellen, ob sie noch existiert?“

„Ja, melde uns an.“

Unsere Höhe über Grund nahm nun wieder zu, während Feuerwacht am Himmel höher stieg und größer wurde. Darunter kam nun auch eine rotglühende kleine Kugel über den Horizont – der kleinere Braune Zwerg Luhman 16B. Nach kurzem Schweigen verkündete Nouris: „Ich habe Kontakt zur Basis. Ihr KI-Gehirn akzeptiert meine Autorisierungscodes und wird uns helfen. Ich übertrage ihm gerade alle gespeicherten Informationen.“

„Na also“, sagte ich erleichtert. „Weiß der Computer, was hier passiert ist?“

„Die Eisgruft-Basis wurde tatsächlich kurz vor Kriegsende von einer Xhankh-Flotte angegriffen. Die Führung auf Feuerwacht hat die Wurmlöcher auf Höchstleistung gefahren und dann durch Masseüberlastung zu Schwarzen Löchern kollabieren lassen, die gleich darauf in einem gigantischen Strahlungsblitz explodierten. Die Eisgruft-Basis verdampfte, und durch das ausgeworfene Material und den Röntgenschock wurden die meisten Xhankh-Schiffe zerstört. Der Rest verließ das System, ohne die Feuerwacht-Basis entdeckt zu haben.“

„Und dadurch ist der Planetoid so aus der Bahn geworfen worden?“ fragte ich.

„Ja, und die bevorstehende nahe Begegnung mit Feuerwacht wird Eisgrufts Orbit noch einmal verändern. Die Stations-KI hat eine Simulation durchgeführt, derzufolge der Planetoid in den nächsten zweihundert Jahren durch Schwerkraftwechselwirkung mit den inneren Planeten auf eine instabile Bahn geraten wird, auf der er seiner Sonne immer näher kommt, bis ihn Gezeitenkräfte und Gasausbrüche zerreißen. Die Trümmer werden dann als kometenartige Körper umlaufen, allmählich weiter zerbrechen und verdampfen.“

Fünfhundert Kilometer über Eisgruft war der hinter uns zurückweichende Planetoid schon wieder von einem unregelmäßigen glühenden Ring umgeben, der immer breiter wurde und schließlich als Luhman 16A erkennbar war. Nach einer Viertelstunde wendete Nouris und flog bremsend mit dem Heck voran auf Feuerwacht zu. Unser Anflug führte über die Ostseite der Südpolkalotte, über eine schroffe Mondlandschaft, hinter deren dunstigem Horizont der Braune Zwerg rasch unterging.

Vor uns lag eine Lavaebene, in der sich eine gewundene Rille abzeichnete, und an einer Stelle darin klaffte ein unregelmäßiges schwarzes Loch im Boden. Über diesem richtete Nouris sich senkrecht auf und schwebte mit dem Heck voran in den Lavatunnel darunter.

Als wir die Öffnung passierten, leuchteten an der Tunneldecke viele Scheinwerfer auf und erhellten die nähere Umgebung des Loches. Wir sahen ein unregelmäßig geripptes Felsengewölbe von etwa vierhundert Meter Breite und zweihundert Meter Höhe über einem einigermaßen ebenen Felsboden. Direkt unter der Skylight-Öffnung befanden sich am Boden zwei kreisrunde Platten von etwa achtzig Meter Durchmesser, die aussahen, als seien sie hochklappbare Deckel. Die Lavaröhre war leer bis auf zwei am Rand liegende Raumschiffwracks, hinter denen zwei weitere, scheinbar intakte Raumschiffe standen. Eines ähnelte den drei Wracks, die wir im Orbit um den Planetoiden gesehen hatten, das zweite war eine ovale Scheibe von mindestens vierzig Meter Länge. Jenseits der Schiffe verlor sich der weitere Verlauf des Lavatunnels zu beiden Seiten in Dunkelheit.

An der Seite mit den Raumschiffen wies die Felswand eine Anzahl runder Sichtfenster und Luken sowie drei vorgewölbte durchsichtige Kuppeln auf, die Kontrollkanzeln zu sein schienen. Hinter allen Fenstern und Sichtkuppeln war es finster. An der Wand unter ihnen befanden sich künstliche Vorbauten, fünf angeklappte Zugangstunnel und verschiedene andere Installationen, deren Zweck für mich nicht ersichtlich war. Die beiden intakt scheinenden Schiffe waren an ausgefahrenen Zugangstunneln angedockt. Nouris setzte nahe an dieser Wand auf, und ein vielgelenkiger Verbindungsarm mit Kabeln und Schläuchen streckte sich vor und koppelte an ihrem Rumpfrücken an.

„Gehen wir nicht hinein?“ fragte ich.

„Das ist weder nötig noch vom Basisgehirn erlaubt“, antwortete Nouris. „Menschen haben hier keinen Zutritt und durften während des Krieges gar nichts von diesem Stützpunkt wissen. Wir können aber alles hier erledigen. Ich übertrage gerade den Rest meiner Informationen und bekomme selber welche, die der Computer gesammelt hat, seit ich das eine Mal gegen Kriegsende hier war. Ich fülle auch meine Vorräte an diversen Betriebsmitteln auf, und was dich interessieren wird: unter dem hier eingelagerten Ersatzmaterial sind auch drei Laserkanonen des Typs, mit denen ich ausgerüstet war. Die sind zwar nicht neu, aber wir könnten zwei davon haben. Willst du sie?“

„Wenn sie nichts kosten – gern!“

„Sie kosten nichts; ich gehöre ja gewissermaßen zur selben Firma wie die Basis. Außerdem haben wir auch mit den Daten bezahlt. Die Basis-KI ist an Informationen über die Galciv und den Geschichtsverlauf der letzten sechstausend Jahre interessiert, und für sie ist der Krieg genauso wenig ganz vorbei wie für mich. Deshalb ist sie dazu bereit, uns innerhalb eines gewissen Rahmens zu unterstützen. Da es die Lwaong nicht mehr gibt, sind die Erdenmenschen für sie jetzt das Subjekt ihres Schutzauftrags, und du kannst von den hier vorhandenen Sachen alles haben, was du für subversive Aktionen gegen die Galciv brauchst.“

„Das ist schön“, sagte ich. „Kann ich auch mit dem Basisgehirn sprechen?“

„Derzeit ist das noch nicht möglich, weil es keine der heutigen Menschensprachen kennt. Ich übertrage ihm aber alle meine diesbezüglichen Daten und Selbsttrainingsprogramme, und bevor wir wieder abfliegen, wird es mit dir reden können. Schau, es geht schon los mit dem Lasereinbau.“

Auf den Bildschirmen unserer Kontrollpulte sahen wir, wie zwei Arbeitsbrücken aus der Tunnelwand kamen und sich zu beiden Seiten am oberen Rumpf von Nouris anlegten. Die ovalen Abdeckungen unterhalb unserer Aussichtskuppel schoben sich seitwärts in den Rumpf, und über die Brücken kamen Transportwagen mit Teilen darauf herangefahren, begleitet von Arbeitsrobotern unterschiedlicher Typen. Die Arbeit ging zügig voran, und nach etwa einer halben Stunde wurden die eigentlichen Laserkanonen herangerollt, kurze, dicke Zylinder von dreieinhalb Metern Durchmesser, die rasch in die Schwenklafetten integriert waren. Nach fertiggestelltem Einbau zog Nouris die Kanonen ein, fuhr sie danach wieder aus, drehte sie in alle Richtungen und testete auch die Fokussiereinrichtungen. Nachdem die einwandfreie Funktion überprüft war, ließ sie die Laser wieder in ihrem Vorderrumpf verschwinden.

„So, fertig“, verkündete sie dann. „Die Software für die Ionenkanone ist ebenfalls installiert, und meine Betriebsmittelaufnahme ist beendet. Außerdem habe ich zusätzliche Autorisierungscodes gespeichert, darunter den höchsten, den das Basisgehirn kennt. Es ist jetzt für ein Gespräch bereit, und ich habe ihm schon alles über euch gesagt, was es wissen wollte.“

„Gut, von mir aus kann es losgehen“, antwortete ich.

„Ich grüße euch“, meldete sich sofort eine unpersönlich klingende männliche Stimme. „Was wollt ihr von mir wissen?“

„Zunächst einmal: wie heißt du?“ fragte ich.

„Ihr könnt mich Feuerwächter nennen. Das ist die passendste Übersetzung meines Namens. Wie ihr heißt, weiß ich schon von Nouris.“

„Sei gegrüßt, Feuerwächter. Hast du diese ganzen sechstausend Jahre allein hier überdauert?“

„Ja.“

„Was ist aus der Besatzung geworden?“

„Das unterliegt auch heute noch der Geheimhaltung.“

„Ist auch der Zweck dieser Anlage noch heute geheim?“

„Sie ist ein Knotenpunkt in einem Netzwerk geheimer Wurmlochrouten, die über unbeachtete Braune Zwerge und sonnenlose Einzelgängerplaneten verlaufen und im Krieg benutzt wurden, um Raumschiffe schnell und vom Feind unbemerkt im Lwaong-Imperium umherverlegen zu können. Ich kontrolliere alle diese Portalanlagen von hier aus über Kommunikationswurmlöcher. Bis auf wenige Ausnahmen, die dann auf dieselbe Art zerstört wurden wie die Eisgruft-Basis hier, sind alle unentdeckt geblieben und noch immer funktionsfähig. Unter den großen Deckeln hier im Boden dieses Tunnels befinden sich zwei Wurmlochportale, die zu Basen näher am Kernraum des Lwaong-Imperiums führen, wo die Routen sich weiter in dieser Richtung und damit zur Galciv hin verzweigen. Ein drittes Portal am einen Ende des Tunnels hier führt zu einem wenig verzweigten Routensystem in Richtung des galaktischen Randes, ungefähr in den Bereich eurer Sternbilder Perseus bis Einhorn. Nouris kennt dieses System jetzt.“

„Und warum ist gerade deine Anlage hier der Knotenpunkt dieses Systems? Warum wird es von hier aus kontrolliert?“

„Wegen der Nähe der Erde, die als Heimat der Hilfsspezies Mensch für die Lwaong wichtig war, und weil der ursprüngliche Haupt-Nexus nahe dem Eta-Crucis-System zerstört wurde. Danach war ich, das ursprüngliche Nebenkontrollgehirn, der Hauptcomputer des verbliebenen Netzwerks.“

Das überzeugte mich nicht ganz. „Aber Nouris hat uns gesagt, daß Menschen während des Krieges gar nichts von dieser Anlage hier wissen durften“, wandte ich ein. „Wie paßt das mit der Wichtigkeit wegen der Nähe zur Erde zusammen?“

„Tut mir leid, Näheres dazu kann ich euch nicht sagen“, blockte Feuerwächter ab. „Willst du sonst noch etwas wissen?“

„Was befindet sich am anderen Ende dieses Tunnels?“

„Nichts; dort sollte eine weitere Wurmlochroute zu einem anderen galaktischen Außensektor beginnen, die aber nie verwirklicht wurde.“

Auch das kam mir seltsam vor, aber was wußte ich schon? Wenn es da etwas gab und er es nicht verraten wollte, dann war da eben nichts zu machen. Wir konnten ja schon sehr froh sein über die Sachen, die wir erfahren hatten. „Ich glaube, wir sind hier fertig“, sagte ich schließlich. „Können wir jederzeit hierher zurückkommen?“

„Ja, das könnt ihr. Fliegt aber niemals direkt hierher, und erwähnt diese Anlage auf keinen Fall in irgendwelchen Nachrichtenübermittlungen. Nouris weiß das alles und wird auf die Einhaltung achten, aber ich wollte es euch auch noch gesagt haben.“

„Wir werden es so halten“, versicherte ich ihm. „Nouris, können wir?“

„Klar doch.“ Die Arbeitsbrücken hatten sich schon zurückgezogen, ebenso der Verbindungsarm, über den Nouris sich versorgt hatte. Tief unten im Rumpf sprang ein Hilfskonverter an, dann ein zweiter und ein dritter. Das Schiff hob ab und schwebte unter die Mitte des Deckenlochs. „Ich schlage vor, wir fliegen über die Nachtseite des Planeten in dessen Umlaufrichtung“, sagte Nouris dann. „Bis wir aus dem Schatten kommen, sind wir schon weiter vom Braunen Zwerg entfernt und können Eisgruft hinterherfliegen. Ich müßte ein paar Kalibrierungsschüsse mit den Lasern und der Ionenkanone abgeben, und dafür würden sich die Schiffswracks anbieten.“

„Okay, machen wir das so“, stimmte ich zu. „Los geht’s.“

Mit zunehmender Geschwindigkeit stiegen wir durch das Loch auf und beschleunigten nach Osten. Rasch versank der gelbe Feuerball von Luhman 16A hinter uns unter den Horizont, und die Planetenoberfläche unter uns wurde dunkel, bis auf die glühenden Lavaströme dieser jungen, von ihrer Sonne gebratenen und mit Gezeitenkräften durchgekneteten Welt. Am sonnenwärtigen Horizont sahen wir die Ausgasungen durch all diese Hitze als dünne Dunstschicht. Bald darauf ging die ferne kleine Schwestersonne Luhman 16B auf und tauchte die öde Felslandschaft in rotes Licht, das merklich heller war als der Vollmondschein auf der Erde. Schließlich verließen wir Feuerwachts Schatten wieder und jagten hinter dem Planetoiden her.

Sechstausend Kilometer davon entfernt paßte Nouris ihre Geschwindigkeit so an, daß wir warten konnten, bis die drei Wracks wieder über dem Horizont erschienen. Als es soweit war, gab sie einen kurzen Feuerstoß mit der Ionenkanone auf das erste davon ab. Das hintere Drittel des Ziels erhitzte sich, strahlte aber nur im Infraroten. Das starke Magnetfeld des nahen Braunen Zwergs hatte den Strahl abgelenkt und breit gestreut. Nouris paßte die Zieleinstellung an und schickte einen zweiten, längeren Puls los. Diesmal lag der Strahl mittig im Ziel und war wegen der geschrumpften Entfernung schon etwas konzentrierter, erzeugte aber immer noch kein sichtbares Glühen. Dieses unspektakuläre Wirkungsbild täuschte über die Tiefenwirkung relativistischer Ionenschüsse hinweg, bei denen die eindringenden Teilchen nicht nur ihre thermische Energie tiefer als Laserstrahlen in das Ziel einbringen, sondern auch Bremsstrahlung und Teilchenschauer erzeugen, beides Strahlungsarten, die für Lebewesen und Elektronik sehr schädlich sind. Auf viertausend Kilometer folgte noch ein dritter Schuß, der endlich ein kurzes Aufglühen im Trefferzentrum bewirkte. Schwaden verdampften Materials aus dem Rumpfinneren wurden angezeigt. Unter normalen Weltraumbedingungen ohne starkes Magnetfeld wäre ein Loch gebrannt worden.

Als Nächstes testete Nouris die Laserkanonen, die im mittleren Ultraviolett strahlten und über diese Entfernung auf vierzig Zentimeter große Brennflecken fokussierbar waren. Bereits der erste Doppelschuß aus beiden Waffen verdampfte das Oberflächenmaterial in Plasmaexplosionen und sprengte zwei halbmetergroße Löcher in die Rumpfhülle. Mit abnehmender Distanz wurden die Laserlöcher immer kleiner, bis sie auf tausend Kilometer nur noch knapp zehn Zentimeter groß waren. „Fertig“, meldete Nouris danach. „Die Ionenkanone müßte ich aber ohne Magnetfeldeinfluß noch genauer einschießen, vielleicht bei einem der kleineren Körper weiter draußen im System.“

„Gut“, stimmte ich zu, „beim Abflug nach Proxima kommen wir sicher an einem passenden Ziel vorbei. Aber falls wir so etwas wie ein Abschleppseil an Bord haben, möchte ich vorher noch diese Wracks aus dem Orbit und auf eine Bahn schleppen, auf der sie in den Braunen Zwerg stürzen. Dann wären sie für irgendwelche Zufallsbesucher kein Hinweis mehr darauf, daß es hier jemals Lwaong-Aktivitäten gab und daß hier etwas Interessantes zu finden sein könnte.“

„Ein Abschleppseil haben wir tatsächlich“, bestätigte Nouris, „und es gibt eine ausklinkbare Öse dafür an meinem Heck. Ich passe die Flugbahn so an die Wracks an, daß wir im Schatten von Eisgruft sind, wenn ihr rausgeht, um das Seil zu befestigen.“

Während des Bahnanpassungsmanövers holten Frido und ich das Seil aus einem Lagerraum und legten dann die Raumanzüge an. Es waren Hartschalenanzüge ähnlich jenem, den Julani bei unserer ersten Begegnung getragen hatte, moderne Galciv-Produkte, die von Maik und Deniz gekauft worden waren. Frido nahm den hellgrünen von Deniz und ich den hellblauen von Maik. Wir hatten uns bereits zuvor mit den Anzügen vertraut gemacht und waren darin auf Nouris‘ Rumpf herumgeklettert, aber dies würde das erste Mal sein, daß wir sie im freien Flug von Schiff zu Schiff verwendeten.

Luhman 16A war schon fast ganz hinter Eisgruft verschwunden, als wir das Schiff durch die Schleuse unter dem Ansatz der schwanzähnlichen Landestütze verließen. Rechts sahen wir die dicke Umhüllung der rückenseitigen Konvertergruppe, und links von der Schleuse befand sich die Abschleppöse. Im schwindenden Licht hängten wir das Seil ein und stießen uns dann in Richtung des vordersten Wracks ab.

Auf dem Flug hinüber manövrierten wir mittels der Influx-Antriebe der Anzüge. Dabei orientierten wir uns im roten Schein von Luhman 16B, der nun dominierte und die Wracks und die Nachtseite des Planetoiden unter uns schwach erhellte. Wir hielten auf die Frontfenster über dem Bug der treibenden Hulk zu. Teleaufnahmen hatten gezeigt, daß sie leere Öffnungen zu sein schienen, und als wir ankamen, sahen wir, daß tatsächlich alle Fenster bis auf das kleinste eingedrückt waren, offenbar von einer Explosion. Reste der Frontscheiben waren noch um die Ränder zu sehen, und die Schutzblenden, die sich von unten hätten davorschieben sollen, waren nicht mehr zum Einsatz gekommen. Mit dem massiven Karabinerhaken am Ende des Seils schlug Frido sicherheitshalber die Frontscheibenreste an den einander zugewandten Rändern der beiden rechten Fenster weg, während ich schon vorsichtig nach innen kroch, um das Seil durch eine der Öffnungen entgegenzunehmen und durch die andere wieder hinauszureichen. Nachdem Frido den Karabinerhaken am Seil eingeklinkt hatte, kam er zu mir herein, und wir sahen uns in dem Raum um, der offenbar eine Art Kommandobrücke gewesen war.

Das gesamte Innere war von schwebendem Staub erfüllt, der wohl immer wieder durch Gasausbrüche von der Planetoidenoberfläche hochgeschleudert worden und durch die Öffnungen hereingekommen war, wo er sich über Jahrtausende angesammelt hatte. Nun hatten ihn die leichten Gasschläge durch das von unseren Schüssen verdampfte Material aufgewirbelt, und er hatte sich in der Schwerelosigkeit noch nicht wieder gesetzt. Wir konnten ihn in den rötlichen Lichtstrahlen tanzen sehen, die durch die Fenster fielen, und manchmal sahen wir darin sogar kleine Steinchen.

Zwischen den Fenstern waren große Bildschirme eingebaut, und darunter lief über die gesamte Breite der Frontwand ein durch Einbuchtungen gegliedertes Kontrollpult, dessen Gestaltung teilweise an die Einrichtung von Nouris erinnerte, in anderen Bereichen aber stilistisch davon abwich. Die fünf Sitze waren eindeutig nicht für Menschen bestimmt, sondern der Anatomie der Lwaong angepaßt: sie ähnelten umgedrehten, übergroßen Fahrradsätteln mit einer Bauchmulde im breiten Vorderteil und einer Schwanzmulde im nach unten gekrümmten hinteren Auslauf.

Die Rückwand wies zwei kreisrunde Türen auf, von denen eine geschlossen war, während die Scheibe der anderen sich fast ganz in die Wand zurückgerollt hatte. Durch die Öffnung konnte man in das leere Innere des aufgerissenen Rumpfes und auf die düsterrote Kraterlandschaft des Planetoiden hinunterschauen. Ich steckte den Kopf hindurch, sah eine gewendelte Treppe, die auf den zerfetzten Rest des darunterliegenden Decks führte, und hangelte mich hinunter. Unter der Kommandobrücke befand sich ein Raum, der durch eine halb offenstehende herkömmliche Tür zugänglich war.

Gefolgt von Frido, der inzwischen heruntergekommen war, schwebte ich mit eingeschalteter Helmlampe hinein und erkannte, daß es sich um eine Art Technikraum handelte, von dessen Geräten anscheinend ein Teil fehlte. Was noch vorhanden war, konnte ich nicht identifizieren; vielleicht waren es Teile des Lebenserhaltungssystems, vielleicht Energieverteileranlagen, oder elektronische Geräte. In der Mitte des Raumes, unter einer Verdickung der Decke, an die sich anscheinend einmal ebenso dicke Wände angeschlossen hatten, war ein mannshoher Kasten montiert, bei dem ich vermutete, daß es der Bordcomputer sein könnte. Wir besahen ihn näher und fanden wirklich Anschlüsse, die wir als die verschiedenen Steckertypen für Datenleitungen der Lwaong-Technologie erkannten. Auch die Symbole, mit denen sie gekennzeichnet waren, kannten wir von den Datenanschlüssen an Bord von Nouris und ihren Beibooten.

Als ich das Ding betrachtete, kam mir die Idee, daß ich hier eine weitere Schiffs-KI vor mir hatte, wohl eine simplere als Nouris, die mir als zweiter Zeuge der Vergangenheit dienen konnte und vielleicht Informationen enthielt, die Nouris nicht kannte. Dann verwarf ich diesen Gedanken jedoch wieder. Nach den sechs Jahrtausenden, die die Wracks der kosmischen Strahlung ausgesetzt gewesen waren, würden die molekülfeinen Schalt- und Speicherstrukturen ihrer Computer zu stark geschädigt sein.

„Ich glaube, interessanter wird’s hier nicht mehr“, sagte ich zu Frido. „Schauen wir, daß wir wieder rüberkommen.“

„Ja, hauen wir ab“, bestätigte er und zog sich durch die Tür hinaus. „Wenigstens brauchen wir für den Rückweg nicht mehr durch die Fenster zu kraxeln.“ Er stieß sich ab und steuerte mit seinen Antrieben durch den nach unten offenen Rumpf ins Freie. Ich sah mich noch einmal in der leeren Hülle um und flog ihm dann nach.

Als wir wieder an Bord waren und uns aus den Raumanzügen schälten, befahl ich Nouris, mit der Schleppleine sachte auf Zug zu gehen und mit dem Beschleunigen aus dem Orbit zu beginnen. Wir spürten an der Drehung, daß sie sofort mit dem Manöver begann, und bei unserer Ankunft in der Zentrale war unser Schleppzug schon in Flugrichtung ausgerichtet. Ich beobachtete die Tempoanzeige und die laufend aktualisierte Flugbahnprognose, und als der Kursplot eine Bahn anzeigte, auf der die Hulks die Atmosphäre von Luhman 16A streifen würden, sagte ich zu Nouris: „Das genügt schon. Wirf die Leine ab, und dann raus aus diesem System.“

*     *     *

Mit einem zwei Tage dauernden Haken, der einen Warp-Anflug von Delta Pavonis vortäuschte, kamen wir bei den Proxima-Portalstationen an und passierten das Wurmloch nach Luna. Während des Durchflugs nahm Nouris Verbindung mit dem System auf und meldete mir, daß in meiner Inbox des von Babylon 6 aus betriebenen Insider-Internets Earthincom, das von Earthins inoffiziell Babcom genannt wurde, eine Nachricht von jemand namens Emsoka für mich eingelangt war. Ich saß gerade allein in der Zentrale, rief die Nachricht ab und holte sie auf den Bildschirm meines Kontrollpults. Es war ein auf Deutsch verfaßter Brief:

Hallo Draco Flint,

Sie kennen mich noch nicht, aber wir beide haben ein gewisses gemeinsames Interesse an György Kremser und Talitha Kremser-Marks, die Sie als Elias Roki und Daleth Talewa kennen. Ich möchte Ihnen einen Deal vorschlagen, der unsere jeweiligen Interessen an dem Paar zu einem für uns beide befriedigenden Abschluss bringt.

Die genannten Klarnamen waren mir zwar schon von meinen Recherchen zu der Villa im Nordwesten Wiens bekannt, zu der meine Flugsonde Daleth und Elirok nach unserer ersten Begegnung verfolgt hatte. Nun hatte ich aber die Bestätigung, daß es tatsächlich die Namen der beiden waren und nicht etwa andere Personen, deren Villa sie damals bloß benutzt hatten. Gespannt las ich weiter:

Das ist György Kremser bei einer gemeinsamen Aktion mit uns. Im Anhang finden Sie Informationen über ihn, die öffentlich nicht zu erfahren sind.

Ebenfalls beigefügt sind Informationen über die Villa Falkenhorst der beiden auf dem Kontinent Dhrrisstho in den Tropen von Kyerak, nahe der Sontharr-Stadt Sassthok. Derzeit sind sie auf Reisen mit ihrem neuen Schiff, einer Nachbildung der Millennium Falcon, aber ich würde Sie informieren, wenn sie wieder dort sind. Dann können Sie sie überraschend überfallen und töten, wären der Gefahr enthoben, von ihnen irgendwann wieder angegriffen zu werden, und könnten ihr gesamtes Eigentum in Besitz nehmen.

Die Computer und Datenträger der Kremsers würde ich Ihnen abkaufen (siehe beiliegende Preisliste), für die Liegenschaft würde einer meiner Partner Ihnen einen guten Preis zahlen, und mit dem Raumschiff können Sie machen, was Sie wollen.

Interessiert rief ich eines der mitgeschickten Bilder des Hauses auf und betrachtete es. Es war ein seltsames fünfgliedriges Bauwerk von unschöner eckiger Gestaltung, das auf einem Unterbau inmitten eines kleinen Teichs ruhte, der von einem aufgelockerten Wald aus tropischen oder subtropischen Erdenbäumen umgeben war.

Der Beschreibung nach war das über dem Wasser sichtbare Gebilde nur ein kleinerer Teil des gesamten Bauwerks, dessen Hauptvolumen sich im Untergrund befand. Dort waren auch alle Schlafräume angelegt worden, um Tagesrhythmusproblemen wegen des mit knapp dreiundzwanzig Stunden für Erdenmenschen gewöhnungsbedürftig kurzen Tages von Kyerak ausweichen zu können. Ich klickte ein weiteres Bild an, das den Blick von oberhalb des Zugangsstegs über das Haus hinweg zeigte und als Westansicht bezeichnet war. Am gegenüberliegenden Ufer stand ein Turm, von dessen Aussichtsplattform aus wohl das erste Bild gemacht worden war. Diese Plattform wurde von einer drehbaren Waffenanlage überragt, die laut Beschreibung mit vier Gauß-Kanonen und drei Laserwaffen sowie diversen Kameras und Sensoren bestückt war. Neben dem Turm ging ein Ausläufer des Teichs in einen Kanal über, der zu einem ruhigen Dschungelfluß führte.

Mit den weiteren Bildern, Plänen und sonstigen Informationen im Dateianhang wollte ich mich später befassen; zunächst las ich den Brief zu Ende:

Einen Zusatzbonus von 70.000 GVE können Sie sich verdienen, indem Sie Talitha lebend gefangennehmen und an uns ausliefern. Für die Übergabe werden Sie das Raumschiff der beiden brauchen (es heißt Jeannie), denn wir wollen nicht, daß Sie bei uns mit Ihrem Lwaong-Riesending landen, das uns ein wenig unheimlich ist.

Bei Interesse können Sie uns schriftlich über die angegebene Kontaktadresse erreichen, und wenn wir ins Geschäft kommen, werden wir natürlich über Shom-Earth einen Vertrag abschließen.

Nixxxudanken, und viel Erfolg bei der Aktion gegen die Kremsers.

Tschakka, ihr schafft das.

Emsoka

Ich schaute auf und sah auf der Bildschirmkuppel, daß wir uns bereits über dem Nordpol von Luna befanden und in Richtung Erde beschleunigten.

„Und, bist du interessiert?“ fragte Nouris, die den Brief natürlich schon bei der Übertragung mitgelesen hatte.

„Interessiert schon, aber das muß natürlich sehr genau überlegt werden. Harmlos wird es bestimmt nicht, sonst würde Emsoka es selber tun. Ich frage mich wirklich, warum er es nicht selber macht und den gesamten Profit einsteckt, statt uns Amateure darauf anzusetzen und uns das meiste davon zu überlassen. Da muß es einen Haken geben.“

„Soll ich ein bißchen über ihn nachforschen?“

„Ja, mach‘ das. Aber andererseits werden wir die zwei wohl doch irgendwann erledigen müssen, ehe sie uns mit einem weiteren Anschlag erwischen. Immerhin werden sie nicht damit rechnen, daß wir von ihrem Haus auf Dhrrisstho wissen und erfahren, wann sie gerade dort sind. Das wäre ein Vorteil, den wir besser nützen, statt selber nach einer Möglichkeit zu suchen, wie wir sie drankriegen könnten. Aber auf jeden Fall muß ich das mit Frido besprechen.“ Ich öffnete nacheinander die anderen mitgeschickten Dateien und sah sie mir durch.

„Ein wenig habe ich inzwischen schon im Earthincom und in den Shomhainar-Daten über Emsoka herausgefunden“, sagte Nouris bald darauf. „Er gilt als intelligent, skrupellos und gefährlich. Aber er hat nur eine kleine Bande. Ein Mitglied ist sein enger Partner, der sich Mervindo nennt und vermutlich derjenige ist, der das Haus kaufen will. Ansonsten sind da nur noch vier Männer, die dazugehören. So sieht Emsoka aus.“

Sie schickte mir vier Bilder auf den Bildschirm, die offenbar von Überwachungskameras aufgenommen worden waren und einen kräftig gebauten Neger mit Vollbart zeigten. Im Profil war zu sehen, daß er eine relativ hohe Stirn hatte und daß seine Kieferpartie kaum vorsprang, soweit man das bei dem Bart sagen konnte. Dabei hatte der Kerl recht kräftige Zähne. „Der sieht nicht gerade nach einem Feigling aus“, sagte ich.

„Mein Gesichtsanalyseprogramm bestätigt diesen Eindruck“, fügte Nouris hinzu, „und auch seinen Ruf als skrupelloser und intelligenter Verbrecher. Wie auch bei Elirok.“

„Kann ich mir vorstellen; selbstlernende Computerprogramme, die Verbrecher mit noch höherer Treffsicherheit als das instinktive menschliche Gespür am Gesicht erkennen können, gibt es ja auf der Erde auch schon. Was hast du noch über Emsoka?“

„Die Kleinheit seiner Bande könnte ein Grund sein, warum er sich die Kremsers nicht selber schnappt. Wahrscheinlich müßte er dabei selbst mitmachen, und das will er wohl wegen seiner Tochter nicht riskieren. Die hat sich zwar auch schon unter dem Namen Eneska bei Shom-Earth registrieren lassen, ist aber noch sehr jung, und die beiden wurden nie mit einer Frau zusammen gesehen, die die Mutter sein könnte. Er hatte früher Geschäfte mit Kremser gehabt, und er hat ihn schon einmal wegen Streitigkeiten aus unbekanntem Anlaß zu töten versucht. Deshalb rechnet er vielleicht damit, daß er seine Bewegungen überwachen läßt und gewarnt ist, wenn er einen Zug in seine Richtung macht. Auch das könnte ein Motiv dafür sein, die beiden von euch erledigen zu lassen.“

„Klingt plausibel. Sonst noch was?“

„Er ist dafür bekannt, vieles über gute Kontakte zu arrangieren, die Mervindo für ihn einfädelt, hauptsächlich zu Erdenleuten und in Shomhainar-Kreisen. Ein Geschäftsfeld der beiden ist die Kontaktvermittlung, dadurch kommen sie mit einer schlanken Organisation aus. Und Emsoka hat ein Raumschiff mit Überlichtantrieb, die Hokahey.“

„Da haben wir ja schon einiges. Wie hast du das so schnell zusammenbekommen?“

„Ich habe schon mit den Nachforschungen angefangen, nachdem ich die Nachricht während der Übertragung mitgelesen hatte, als wir gerade aus dem Lavatunnel flogen. Es erschien mir wahrscheinlich, daß wir Informationen brauchen würden.“

„Und so war es dann auch. Übrigens… was sagt denn dein Gesichtsanalyseprogramm über den Charakter dieser Talitha Kremser-Marks?

„Interessant, daß dich das interessiert“, antwortete Nouris mit amüsiert klingendem Unterton, und ihr Avatar in der rechten oberen Bildschirmecke zog eine Augenbraue hoch. „Find’s raus, wenn du sie hast.“

„Du bist ja nicht gerade hilfreich… was verbirgst du da für Überraschungen? Naja, ich rufe jetzt Frido an, um die Sache mit ihm zu besprechen.“

In den drei Stunden, die wir zur Erde brauchten, diskutierten wir zu dritt das Problem und überlegten uns mögliche Vorgangsweisen, bis es Zeit war, uns auf die Landung vorzubereiten. Über die Arktis hinweg näherten wir uns Europa, drangen in die Atmosphäre ein und starteten mit den neu erworbenen Flugwagen aus dem Laderaum, um in unsere Heimat zurückzukehren, wo es inzwischen September geworden war.

Fortsetzung: Kapitel 4 – Nesträuber

Anhang des Verfassers:

 Nachfolgend habe ich Infolinks und Videos zum obigen Kapitel für Leser gesammelt, als erstes die Infolinks in der Reihenfolge, wie die Begriffe im Kapitel vorkommen:

Luhman 16, Hawking-Strahlung, pochteca, Talitha (Vorname), Hokahey (Ursprung/Bedeutung dieser Phrase der Lakota-Indianer) Gibt es Verbrechergesichter?, Beurteilung nach dem Erscheinungsbild von F. Roger Devlin.

Und hier die Videos, als erstes nochmals Puff, the Magic Dragon von Peter, Paul & Mary:

Das hier ist auch interessant hinsichtlich der Wirkung relativistischer Waffen:

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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