Feuerfall (10): Über das Meer

Ein Science-Fiction-Roman aus dem Galciv-Universum, von Deep Roots alias Lucifex. Dies ist Kapitel 10 von 17, und es gibt zur Begriffs- und Hintergrunderläuterung auch das Glossar zum „Galciv“-Kosmos. (Ergänzt am 17. Mai 2021: Bild von Aithiras Ghaseyon)

Zuvor erschienen: (1) Reiter auf dem Sturm, (2) Babylon 6, (3) Puffy & Jack, (4) Nesträuber, (5) Nach Thumbnail Gulch, (6) Zur Welt der hundert Meere, (7) Höllenkurtisane, (8) Ungestutzte Flügel und (9) Im Trident Sietch.

Kapitel 10:   Ü B E R   D A S   M E E R

Die Abenddämmerung sank über das Mündungsdelta des Yanhiflusses, und wie immer in diesem Längengradbereich von Nayotakin war es eine doppelte Abenddämmerung, da sie mit einer beginnenden Sonnenfinsternis zusammenfiel. Die bereits tief im Westen niedergehende Sonne begann hinter dem riesigen Rund von Karendru zu verschwinden, das sich hinter dem hohen Kyolandickicht zu meiner Linken über den Horizont wölbte, und ihr Licht ließ die obere Atmosphäre des Planeten als dünnen, rötlich glühenden Bogen erscheinen und wurde auf dem flachen Weg durch die Lufthülle seines Mondes ein zweites Mal gefiltert. In den nächsten zwei Stunden würde das Rot des Himmels immer tiefer und dunkler werden, bis die Sonne – unterhalb des Horizonts – auf der anderen Seite von Karendru wieder hervorkam und keinen roten Lichtring mehr um den Planeten erzeugte. Erst dann würde es bis zum Aufgang von Yuryul etwa eine Stunde nach Mitternacht richtig dunkel sein. Bis dahin würden wir jedoch nicht mehr hier sein.

Ich saß am Ufer der Warft, auf der die hiesige Shomhainar-Aufsichtsdienststelle errichtet worden war, badete meine bloßen Füße im kühlen Wasser und schaute über den stillen Mündungsarm zu den Bauten der Shuyaan hinüber, die wie spitze, gespaltene Eier auf der langgestreckten Insel jenseits davon standen. Mit der abendlichen Abkühlung des Landes war der Seewind eingeschlafen, und die Segel der Eingeborenenboote vor mir hingen schlaff an ihren schrägen Rahen. Ihre Insassen ließen sich von der schwachen Flußströmung und der Ebbe treiben und warteten auf den ablandigen Wind, mit dem sie beim nächtlichen Fischfang segeln würden, bis es Zeit war, mit der Mitternachtsflut wieder heimzukehren.

Hier auf Myorau, einem Kontinent im Süden der nachlaufenden Hemisphäre von Nayotakin, ist das Land- und Süßwasserleben fast gänzlich irdischen Ursprungs. Zu der Zeit, als vor sieben Jahrtausenden die ersten Menschen mit den Lwaong auf diese Welt gekommen waren, war gerade eine Eiszeit zu Ende gegangen, in der das von Yuryul stammende Leben auf Myorau durch die Gesamtvereisung des Kontinents zugrunde gegangen war. Nur die an Brackwasser angepaßten yuryulischen Kyolanpflanzen, die wie riesige Schwiegermutterzungen um mich herum aufragten und deren Keimlinge sich mit Meeresströmungen treibend verbreiten können, hatten die Küstensümpfe und Flußmündungen schon wieder besiedelt. Sie waren von den Menschen geduldet worden, weil sie wie Mangroven die Küsten schützen und der sich zwischen ihnen ablagernde Sand und Schlick neues Land bildet. Überall sonst, auch in Binnengewässern, hatte man irdische Lebensformen angesiedelt, und nach dem Untergang der Lwaong-Zivilisation waren die Menschen wieder in primitivere Kulturstufen zurückgefallen und zu neuen Völkern geworden. Erst nachdem die Galaktische Zivilisation sich ab der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wieder für die Erde zu interessieren begonnen hatte, waren auf Nayotakin vereinzelte Ansiedlungen von Galciv-Spezies entstanden, so wie die kleine Proto-Kolonie der Shuyaan hier am Yanhi. Und das hatte wiederum die Präsenz von Shomhainar nach sich gezogen, die Bauten wie jene hinter mir errichtet hatten: einen Touristenstützpunkt mit Hotels, eine Forschungsbasis, eine Stelle für die Rekrutierung von Eingeborenen in ihren Dienst und die spitze Pyramide der Aufsichtsbehörde, vor der die Jeannie gerade parkte.

In den vergangenen zwei Tagen hatten Julani und ich Myorau bereist, wo Julani bei ihrem Urlaubsaufenthalt im September nicht gewesen war. An diesem Nachmittag hatte sie bei der hiesigen Shom-Earth-Dienststelle ihr Attest für meine ausreichende Qualifikation als Raumschiffeigner abgegeben, und ich war vor der Ausstellung meiner Lizenz mittels einer Art Lügendetektor befragt worden, ob wir auch keine sexuellen Beziehungen miteinander gehabt hatten, die Julanis Objektivität hätten beeinträchtigen können. Erst da verstand ich einen weiteren Grund für ihre bisherige Zurückhaltung mir gegenüber.

Beim selben Behördentermin hatte Julani auch ihre Beurteilung der bisherigen Fortschritte von Frido abgegeben und arrangiert, daß ihre Halbschwester Lilandri ihm für den Rest seiner begleiteten Phase als Beraterin zugewiesen wurde, wie sie es am Morgen vor dem Abschied auf Majerdun vorgeschlagen hatte. Nun wartete ich darauf, daß Julani aus dem Pyramidenbau kam, wo sie ihre Kündigung als Shom-Earth-Agentin, wirksam mit Ende ihrer Beratungszuweisung für mich in sieben Tagen, einreichte. Danach würde sie mich nur noch als Privatperson begleiten und in den ersten sechs Tagen davon noch Urlaubsgehalt beziehen.

Schließlich hörte ich ihre Schritte leise auf dem Sand hinter mir knirschen. Sie setzte sich rechts neben mich auf die Unterlagsmatte, die bloßen Beine angezogen, und schaute aufs Meer hinaus. „Alles erledigt“, sagte sie. „Wenn du hier keine Wurzeln aus deinem Hintern in den Sand wachsen lassen willst, können wir jederzeit losfliegen.“

Ich betrachtete sie von der Seite, in ihrem ärmellosen roten Leibchen, dessen Dekolleté von ihren Zöpfen eingerahmt wurde. „Sicher“, sagte ich, „jetzt hätten wir noch eine schöne Lichtstimmung, wenn wir über das Meer hinausfliegen.“ Rasch standen wir auf, und während ich die Sitzmatte zusammenrollte, ging Julani schon zur Jeannie und öffnete die Einstiegsrampe.

Nachdem ich mir dort den Sand von den Füßen gewischt hatte, schloß ich die Rampe und ging ins Außencockpit, wo Julani gerade die Antriebsanlage hochfuhr. Als die Bereitschaft erreicht war, hoben wir ab und beschleunigten flach steigend nach Westen über das rot überglänzte inselreiche Meer. Unser weiterer Kurs war schon eingegeben: in den Orbit und dann am Außenrand von Karendrus Ringen vorbei nach Tusafird, durch dessen Wurmlochportal wir eine Reise über ein anderes Meer beginnen würden: über das Meer der Sterne zu Julanis rund achtzig Lichtjahre entfernter Heimatwelt.

*     *     *

Zehn Tage später kamen wir nach mehreren interessanten Zwischenaufenthalten durch das Portal auf Chakarionns innerstem Mond Skuld, landeten bei einem Andocktunnel und begaben uns in die Ankunftshalle hinunter, wo wir Julanis Schwester treffen wollten.

Lilandri Ghaseyon wartete schon an einem der großen Aussichtsfenster auf uns. Sie trug einen Raumanzug, weil sie gerade von einer Außenübung im Rahmen ihrer Ausbildung hereingekommen war, nachdem unsere Nachricht sie erreicht hatte. Ihre rotbraunen Locken bildeten in der geringen Schwerkraft des kleinen Mondes eine noch üppigere Wuschelmähne als auf den Aufnahmen, die Julani mir gezeigt hatte, und sie tanzten um ihren Kopf, als sie uns bemerkte und sich uns zuwandte. „Lani!“ rief sie strahlend.

„Lilly!“ antwortete Julani und eilte mit weiten Sprüngen auf sie zu, die an die Apollo-Astronauten erinnerten. Fast hätte sie ein wenig zu spät abgebremst, sodaß die beiden Frauen ins Taumeln gerieten, als sie einander umarmten. Ich ließ mir mit dem Hingehen Zeit, damit sie ihre Begrüßung vollenden konnten. Dann stand ich vor Lilandri, die sich verbeugte, während ich ihr die Hand hinhielt, die sie erst mit Verzögerung bemerkte, als ich meinerseits gerade ihre Verbeugung erwidern wollte, sodaß wir fast mit den Köpfen zusammengestoßen wären. Wir lachten beide verlegen, und mir wurde wieder bewußt, daß die weißen Shomhumans nicht einfach technisch weit fortgeschrittene Europäer sind, sondern eine in vielem andere Kultur haben als wir.

„Freut mich, dich kennenzulernen, Lilandri“, sagte ich, wie von Julani vorab vorgeschlagen gleich zum Du übergehend. „Du und Julani seid euch offenbar sehr nahe.“

„Das waren wir immer schon“, antwortete sie. „Zwischen uns hat es nie schwesterliche Eifersucht gegeben, und Julani ist schon von Anfang an sehr fürsorglich zu mir gewesen.“ Sie sprach mit sehr angenehmer, weicher Stimme und mit einem deutlicheren Akzent als Julani. Ihre Augen waren grün wie die ihrer Schwester, eine Gemeinsamkeit der beiden mit ihrer Mutter und mit den beiden irdischen Zweitmüttern, wie ich von Julani wußte, die nun ihr Mitbringsel aus einer Brusttasche ihres blauen Overalls holte.

„Schau, Lilly“, sagte sie, „ich habe dir etwas von der Erde mitgebracht, ein echtes Stück Kunsthandwerk.“

Lilandri nahm das silberne Kreuz entgegen, das Julani mit beiden Händen an seiner Silberkette hochhielt, betrachtete es bewundernd und fragte: „Was ist das?“

„Ein Brighidkreuz, das Symbol einer Göttin aus einer vorchristlichen europäischen Religion, die unter anderem die Göttin der Heilkunst und die Schutzherrin gebärender Frauen war. Trage es als Symbol meines Wunsches nach Fruchtbarkeit und Gesundheit für dich und deine zukünftigen Kinder.“

„Das ist sehr schön, vielen Dank.“ Sie streifte sich die Kette über den Kopf und steckte das Kreuz unter ihr rotes Funktionsleibchen. „Das kann ich sogar unter dem Raumanzug auf der Haut tragen. Und jetzt würde ich euch gern einen… Begrüßungstrunk ausgeben – sagt man so richtig?“

„Ja“, bestätigte ich.

Lilandri nahm ihren Helm und ließ ihre Pistole an ihrer Hüfthalterung einschnappen, und dann gingen wir ein Stück nach links zum Restaurantbereich vor dem nächsten Panoramafenster und nahmen an einem Tisch Platz. Dabei setzten wir uns so hin, daß Julani und ich auf Chakarionn hinausschauen konnten, über dessen spätherbstliche Nordhalbkugel Skuld gerade auf ihrem stark geneigten elliptischen Orbit hinwegzog. Die Frauen bestellten Alhauri, aber ich wählte Seontu.

„Ihr zwei seid inzwischen offenbar doch endlich ein Paar geworden, wie ich sehe“, sagte Lilandri, nachdem der Robokellner weggerollt war. „Das freut mich sehr für euch.“

Julani lächelte. „Deine Beobachtungsgabe für so etwas ist also in der Zwischenzeit nicht weniger geworden.“

„Es ist auf der Reise hierher irgendwie über uns gekommen“, sagte ich, „es war… wie wenn man nach einem nächtlichen Frühlingsregen auf einmal bemerkt, daß das Gras inzwischen grün geworden ist und die ersten Blumen blühen.“

„Ja hey“, warf Julani ein und knuffte mich gegen den Oberarm, „du wirst ja auf deine alten Tage glatt noch zum Poeten!“

„Bin ich doch immer schon gewesen“, erwiderte ich. In diesem Moment kam der Robokellner zurück und stellte das Tablett mit unseren Getränken auf den Tisch. Lilandri ließ ihn die Rechnung von ihrem Konto abbuchen, wobei mir nicht ersichtlich war, wie der Roboter ihre Identität verifizierte. „Wie lange wird deine Ausbildung als Shom-Earth-Agentin noch dauern?“, fragte ich sie dann.

„Etwa vierzig Tage nach eurer Zeitrechnung. Ich habe angeregt durch Julanis Beispiel damit angefangen und wäre jetzt schon fertig, aber nach dem, was sie mir während ihres Urlaubs erzählt hat, bin ich ausgestiegen. Jetzt mache ich doch weiter, um deinen Freund fertig beraten zu können. Kann er so lange warten?“

„Ja“, versicherte ich ihr und rührte Kserakhonig in meinen Seontu. „Er wird erst übermorgen von seinem jetzigen Flug heimkehren und dann vor Neujahr keine Reise mit seinem neuen Schiff unternehmen. Falls er dann mit seiner Freundin irgendwohin fliegen will, hat Julani für ihn eine Übergangsgenehmigung ausstellen lassen.“

Julani setzte ihr Glas ab und nickte. „Ich habe eine Beurteilung seiner bisherigen Kenntnisse abgegeben und erklärt, daß ich ihn parallel mitberaten habe und daß nicht mehr viel bis zu seiner Lizenzreife fehlt.“

„Und danach“, fügte ich an Lilandri gerichtet hinzu, „könntest du doch diese Tätigkeit fortsetzen, um weitere nichtkriminelle Earthins wie uns bei ihrer Qualifikation als Raumschiffeigner zu begleiten, falls wir Kandidaten finden.“

Lilandri lächelte. „Damit sich meine Ausbildung lohnt, meinst du? Unter diesen Umständen könnte es mich reizen. Für die Erde habe ich mich schon immer interessiert, seit unsere Mutter uns von ihrer Zeit als Shom-Earth-Agentin erzählt hat.“

Ich sah Julani überrascht an. „Davon hast du mir noch gar nichts erzählt?“ sagte ich. „Eigentlich wäre Auster ein genauso passender Spitzname für dich wie Sternenfee.“

„Auster?“ wiederholte sie die ihr unbekannte Anspielung.

„Oh Lani“, sagte Lilandri, „du und Mutter. Du mußt wissen“, wandte sie sich an mich, „daß die beiden ein etwas gespanntes Verhältnis haben. Mutter hat auf der Erde aber keine Earthins beraten, sondern war dort eine Art… Kundschafterin, hat Kontakte hergestellt und Leute rekrutiert. Dabei hat sie wahrscheinlich auch unsere Zweitmütter kennengelernt…“ Sie brach ab und sah an mir vorbei. „Oh – wir bekommen Besuch.“

Julani folgte ihrem Blick, und ihr Gesichtsausdruck wurde zu einer Mischung aus Überraschung, Verlegenheit und unterdrückter schmerzlicher Freude. „Yoi, Pyetar“, sagte sie und hob grüßend die Hand.

„Yoi, Julani ain Lilandri“, antwortete eine tiefe Männerstimme und fuhr in stark akzentgefärbtem Deutsch fort: „Seien Sie gegrüßt, Draco Flint.“

Ich drehte mich nun auch um und sah einen hochgewachsenen schwarzhaarigen Mann in einem grauen Anzug mit schwarzen Paspeln an uns herantreten. Er hielt mir die Hand hin, und ich stand auf, um sie ihm zu schütteln. Dabei stellte ich überrascht fest, wieviel größer er als ich war. Ich bin selbst nicht gerade ein Kleiner, daher ist es für mich ungewohnt, einem Mann gegenüberzustehen, der fast über mich hinwegschauen kann. Er mußte knapp zwei Meter groß sein. „Seien Sie gegrüßt, Pyetar Foryash“, antwortete ich, seinen Nachnamen aus meinem Gedächtnis kramend.

„Ich störe nur ungern Ihr Beisammensein“, sagte er. „Man hat mich jedoch beauftragt, Sie, Herr Flint, zu einem persönlichen Treffen mit einem höheren Vorgesetzten meines Dienstes zu bitten, der Ihnen ein vertrauliches Anliegen vortragen möchte. Wir könnten das nächste Zeitfenster zwischen seinen anderen Terminen nutzen, wenn wir sofort losfliegen. Es wird nicht lange dauern. Sind Sie interessiert?“

Ich sah ihm ins Gesicht, um ihn einzuschätzen. Trotz einer gewissen unterschwelligen Eifersucht hatte ich einen positiven Eindruck von ihm, und das mochte ein gutes Zeichen sein. Auch hatte Julani nie etwas Negatives über seinen Charakter gesagt, und wenn sie ihn geliebt hatte und anscheinend immer noch etwas für ihn empfand… „Und dieses Anliegen ist unverbindlich?“ fragte ich.

„Ja. Es wird keine nachteiligen Folgen für Sie haben, wenn Sie nicht zusagen.“

„Wo würde das Treffen stattfinden?“

„In Lalpoch, auf einer Insel südlich des Äquators“

„Eine Khenalai-Stadt“, erklärte Julani. „Weit westlich von Walaskos.“

„Das macht nichts“, sagte ich. „Ihr zwei könnt mit der Jeannie nach Hause fliegen, und ich lande mit Herrn Foryash im Beiboot in Lalpoch und komme dann nach.“

„Hoffentlich bald“, antwortete sie und erhob sich ebenfalls. „Wir warten in Asriyai.“

*     *     *

Wenig später saßen wir im Außencockpit des Schiffes, Pyetar vorne neben mir, die Schwestern hinter uns. Als wir von Skuld abhoben, war der kleine Mond, der bis vor ein paar Millionen Jahren ein Asteroid gewesen war, auf seiner schrägen Bahn schon merklich nach Süden gekommen. Weiter außen sahen wir den regulären Mond Verdandi, während Urd, der äußerste Mond, irgendwo hinter uns unterging. Diese Namen waren für mich verwunderlich gewesen, aber Julani hatte mir erklärt, daß sie bei Beginn der Besiedlung vor acht Jahrhunderten vergeben worden waren: während für Chakarionns K5-Sonne die Lwaong-Bezeichnung Ikaong beibehalten wurde, hatte der Planet einen arrinyischen Namen bekommen, und die Monde waren von den menschlichen Kolonisationsleitern nach den Nornen der damaligen skandinavischen Mythologie benannt worden. Für Ikaongs fernen, größeren Partnerstern HD 109749 A hatte man den arrinyischen Namen Tiharonn verwendet, und die Kontinente, Inseln, Meere, Flüsse und Berge Chakarionns trugen eine Mischung aus menschlichen und arrinyischen Namen.

Während des ereignislosen Fluges auf der Übergangsbahn unterhielten die Frauen sich in ihrer Muttersprache über ihre Erlebnisse, nachdem ich Julani versichert hatte, daß ich das nicht als unhöflich empfinden würde. Pyetar und ich wechselten gelegentlich einige Worte, und dabei gewann ich von ihm den Eindruck eines Mannes, den ich mögen würde, wenn die Umstände andere wären. Wahrscheinlich taxierte er mich ebenso, und ich fragte mich, wie er mich wohl fand – und warum man gerade ihn geschickt hatte.

Kurz vor dem Trennungspunkt übergab ich Julani das Schiff und ging mit meinem Begleiter in das Beiboot. Als wir drinnen waren, rollte Julani die Jeannie um neunzig Grad nach links, sodaß die Beibootbucht senkrecht zum Planeten zeigte. Wir schossen hinaus und ließen das Boot auf die Abstiegsbahn nach Lalpoch einschwenken. Währenddessen drehte unser Mutterschiff sich wieder um vierzig Grad zurück und sank tiefer; es würde von der Atmosphäre abprallen und in eine Suborbitalbahn zum Kontinent Walaskos umgelenkt werden, wo die Ghaseyon-Schwestern zu Hause waren.

Voraus zeigte die Ortung des Beibootes schon die Satellitenketten an, auf die Pyetar mich zuvor aufmerksam gemacht hatte und die im Rahmen einer großen Militärübung um Chakarionns Äquatorzone ausgebracht worden waren. Der uns zugewiesene Korridor durch diese Satellitenkonstellation war bereits in unsere Flugbahn integriert, und nach wenigen Minuten schaltete sich die militärische Verkehrskontrolle auf unsere Steuerung auf und lotste uns an ein vorausfliegendes Zivilschiff heran, das sich ebenfalls dem Planeten näherte. Schließlich konnten wir es mit freiem Auge sehen, ebenso wie eine Formation arrinyischer Systemverteidigungsschiffe, die knapp oberhalb der Satelliten im Orbit trieben.

Von Pyetar erfuhr ich, daß diese seltsam geformten goldfarbenen Kampfschiffe Sublichtwarpantrieb haben und durch das trotz der starken Bewaffnung günstigere Leistungsgewicht Sternenschiffen in der Beschleunigung überlegen sind. Ihre in beide Richtungen wirkenden Teilchenstrahler und Gaußkanonen ermöglichen ihnen Rundumfeuer in acht Richtungen gleichzeitig, und in Vernetzung mit taktischen Leitzentralen, Ortungsanlagen und Waffenstationen auf den Monden sind sie ein beachtliches planetares Verteidigungspotential. Ich vermutete, daß dieses Manöver mit dem angespannten Verhältnis zu den Xhankh zusammenhing, aber ich fragte Pyetar nicht danach, um nicht erkennen zu lassen, daß ich davon wußte.

Dicht hinter dem anderen Schiff, das schon die Schräglage für die anschließende atmosphärische Umlenkung auf einen weiter nach Süden führenden Kurs eingenommen hatte, schlüpften wir durch die Satellitenketten, und sobald wir unter ihnen hindurchgetaucht waren, gab die Verkehrskontrolle unsere Steuerung wieder frei. Das Beiboot ging auf unsere finale Anflugbahn, stellte sich senkrecht zur Flugrichtung und bremste mit seinen Influx-Antrieben, sodaß die Reibungshitze beim Atmosphäreneintritt unter dem lag, was die durchsichtige Bugkuppel aushalten konnte.

Als wir wieder in normaler Fluglage waren und am Horizont bereits die Insel Lalyorn sahen, auf der Lalpoch liegt, wandte ich mich an Pyetar, der sich immer noch über unseren Gastgeber ausschwieg: „Was ist das eigentlich für ein Mann, den wir besuchen?“

Er sah mich an und sagte dann: „Sie können ihn Nirdol nennen. Er ist ein Khenalo, und er leitet nicht nur einen bestimmten Zweig unseres Dienstes hier auf Chakarionn, sondern hat auch eine wichtige Funktion in einer ähnlichen Organisation der Khenalai. Ah, ich sehe, dieses Volk ist Ihnen ein Begriff. Sie waren es doch, für den Julani nach Informationen über die irdischen Khenalai suchte, richtig?“

„Ja.“

„Lassen Sie ihn auf keinen Fall Ihr Interesse erkennen. Am besten stellen Sie sich auch sonst harmlos und unwissend. Die Khenalai sind ein paranoides und arrogantes Volk, und auf Nirdol trifft das besonders zu. Das alles habe ich Ihnen natürlich nicht gesagt.“

„Niemals.“ Mir kam der Gedanke, daß Pyetar deshalb mit mir flog, statt mich mit einem Raumfahrzeug seines Dienstes abzuholen, weil er vor Abhörung sicher sein wollte.

Eine Viertelstunde später landeten wir in einem Palmengarten vor Nirdols Privathaus und wurden von drei Anviur empfangen, die uns anwiesen, mitgebrachte Waffen und Geräte und unsere gesamte Kleidung im Beiboot zu lassen. Nachdem wir hauseigene Unterhosen, Socken und kimonoähnliche Gewänder angezogen hatten, gingen wir mit den Dienern ins Haus und wurden zwei Stockwerke höher in das Arbeitszimmer von Nirdol geleitet. Dieser verabschiedete sich gerade von einem Mann, mit dem er über einen der teuren Holo-Sichtgloben gesprochen hatte, die unter den reichen Shomhumans in Mode waren. Auf den ersten Blick erinnerte er mich an eine Mischung aus einem Indio und Mister Spock. Er trug einen Pseudokimono von derselben Art wie wir, aber mit einem Logo auf der Brust, das seltsamerweise aus einem gekrümmten Pfeil vor einer 8 unserer Schrift bestand.

Als sein Gesprächspartner verschwunden war, wandte Nirdol sich an uns: „Ah, Foryash, gut, daß Sie unseren Gast so schnell herbringen konnten. Und danke, Herr Flint, daß Sie sich Zeit für mich genommen haben.“ Er deutete auf die Sitzecke rechts des Eingangs und fuhr fort: „Bitte nehmen Sie Platz; ich bin gleich bei Ihnen.“

Wir setzten uns, und Pyetar ließ sich von dem Anviu, der uns hereingeführt hatte, Seontu bringen. Da ich auf Skuld schon welchen gehabt hatte, bestellte ich ein Glas Kserakisaft. Nirdol beendete ein offenes Computerprogramm auf einem seltsam retro aussehenden Terminal und kam dann um das Ende seines mehrteiligen Arbeitstisches herum zu uns. „Möchten Sie etwas essen?“ fragte er. „Ich muß mein Mittagsmahl vorziehen, weil ich bald zu einem unvorhergesehenen Termin muß. Deshalb werde ich unser Gespräch kurz halten und gleich zum Punkt kommen.“

Nach einem Blick zu Pyetar, der mir mit einer Handbewegung den verbalen Vortritt ließ, sagte ich: „Nein danke, meine Partnerin und ich haben erst kurz vor der Ankunft auf Skuld im Schiff gefrühstückt.“

„Ah ja, Julani Ghaseyon. Eine bemerkenswerte junge Frau. Und Sie, Foryash?“

„Ich nehme auch nichts“, fügte Pyetar mit merklicher Reserviertheit hinzu.

„Wie Sie wollen.“ Nirdol redete ein paar Worte in einer fremden Sprache, und als eine Frauenstimme über die Haussprechanlage antwortete, gab er Anweisungen durch, wahrscheinlich seine Essensbestellung. Kurz darauf kam der Anviu mit Pyetars Seontu und zwei bauchigen Trinkgläsern mit Kserakisaft zurück. Nirdol bedeutete mir, eines davon zu wählen, nahm dann das andere und lehnte sich nach einem Zug daraus zurück.

„Nun zu meinem Anliegen“, begann er. „Sie sind mit Maxim Kaunda und Merton Wiener bekannt.“

„Nur flüchtig. Woher wissen Sie davon?“

„Sie haben sie vor neunzehn Tagen in meinem Haus auf Hektalassa getroffen. Und Ihr Immobiliengeschäft mit den beiden haben Sie in der Earthin-Öffentlichkeit bekanntgegeben.“

Ich trank einen Schluck aus meinem Glas, um meine Überraschung zu verbergen und ein paar Sekunden Zeit für Überlegungen zu gewinnen. „Und was wollen Sie von mir im Zusammenhang mit den beiden?“ fragte ich dann.

Er lehnte sich vor. „Nicht viel. Und mir geht es nur um Merton Wiener. Die Gründe müssen Sie nicht kennen. Er mißtraut mir und sagt in meinem Haus nichts von den Dingen, die mich interessieren würden.“ Der Schatten einer diskusförmigen Flugmaschine fiel durch das Glasdach und bewirkte eine vorübergehende dramatische Verfinsterung seiner Gestalt.

„Wie komme ich denn da ins Spiel?“

„Sie unterschätzt er. Er hält Sie für einen harmlosen, naiven Idealisten. Ihnen gegenüber wird er vielleicht offener sein, wenn er nicht weiß, daß Sie mit mir Kontakt hatten.“

„Ich habe aber nicht vor, jemals wieder mit ihm zusammenzutreffen.“

Nirdol lächelte dünn. „Pläne können sich ändern. Falls Ihre Sie irgendwann wieder nach Nayotakin oder Hektalassa führen – wer weiß, was sich da ergibt? Kaundas Tochter ist an Ihnen interessiert.“

Ich verschluckte mich fast an meinem Kserakisaft. „Ndoni? Wie kommen Sie darauf?“

„Ich war bei ihrer Geburtstagsfeier auf Majerdun. Sie hält…“ er brach ab, als der Anviu hereinkam und eine Art Suppe in einer Glasschüssel vor ihn stellte. Er rührte sie mit einem Löffel um, während der Diener sich entfernte, und sprach dann weiter: „Sie sind vielleicht zu jung, um die Fernsehserie zu kennen, die ich sah, als ich Ende der Siebziger eine Weile in Amerika lebte… sie handelte von einem Polizeiermittler, den die Mörder immer unterschätzten, weil sie ihn für harmlos und inkompetent hielten…“

„Columbo.“

„Genau. Falls Sie doch wieder mit Wiener zu tun haben, nützen Sie wie Columbo seine herablassende Geringschätzung und horchen Sie ihn aus.“

„Worauf soll ich achten?“

„Auf alles Ungewöhnliche, auch Sachen, die Ihnen nicht bedeutend erscheinen mögen, menschliche und nichtmenschliche Kontakte, Reisen, Absichten, Geschäfte…“

„Wie zum Beispiel, daß er Fritzcat Jerry Raffles mit Khrek Hrokhar bekanntgemacht und ihm den Erwerb eines alten Xhankh-Kampfschiffes vermittelt hat, das vermutlich illegale Nuklearwaffen an Bord hatte?“

Nirdol sah mich einen Moment stumm an und ließ nicht erkennen, ob ihm diese Information bekannt gewesen war oder nicht. „Zum Beispiel so etwas“, sagte er dann. „Foryash wird Ihr Kontaktmann sein, falls Sie etwas an mich zu übermitteln haben. Er weiß alles Weitere, nicht wahr, Foryash?“

„Ja.“

„Schön.“ Nirdol beugte sich über seine Suppe und begann sie zu löffeln, als wollte er uns zu verstehen geben, daß wir entlassen waren.

„Ist das alles?“ fragte ich, trank mein Glas aus und stand auf.

„Ja. Sie brauchen keine Zusage zu machen. Ich wünsche Ihnen einen guten Weiterflug. Die Kleidung können Sie Foryash geben, wenn Sie ihn bei seiner Dienststelle in Tandirun absetzen.“

Ich ging mit Pyetar in Richtung der Tür, hielt dann aber inne und drehte mich zu Nirdol um, die rechte Hand in der typischen Columbo-Geste an die Stirn gehoben: „Ach, nur noch eine Frage: was hätte eigentlich ich davon, wenn ich Ihnen Informationen über Wiener gebe? Es läßt sich ja schwer festlegen, welchen Wert jede davon für Sie hat.“

Er wiederholte sein dünnes Lächeln und nickte anerkennend. „Sie kennen die Serie tatsächlich. Was Sie davon haben? Nun, nicht viel. Es kostet Sie ja auch nichts. Aber vielleicht brauchen Sie einmal etwas von uns, und wir wären dann eher geneigt, es Ihnen zu geben.“ Damit widmete er sich wieder seiner Suppe, und wir verließen den Raum.

*     *     *

Während des Steigflugs durch die Troposphäre zogen Pyetar und ich uns abwechselnd im hinteren Teil des Beibootes um, und als wir danach beide vorne angeschnallt waren, legten wir eine vierminütige Drei-g-Beschleunigungsphase ein, die uns auf die ballistische Flugbahn nach Tandirun auf dem Kontinent Walaskos brachte, ein Viertel des Planetenumfangs östlich von Lalyorn und fünfzehn Breitengrade weiter südlich. Anschließend flogen wir antriebs- und schwerelos über den Ozean, über dem die Bewölkung nach Osten hin immer dichter wurde, eine Folge des langen Tages von Chakarionn, der eine starke Nachmittagserwärmung mit sich bringt.

Nach einigen schweigsamen Minuten fragte ich: „Wie alt ist Nirdol eigentlich? Er sieht älter aus, als man es bei einem hochrangigen Shomhuman wie ihm erwarten würde. Er wird doch sicherlich keine Schwierigkeiten haben, Bioregenerationen bewilligt zu bekommen.“

„Die hat er tatsächlich nicht“, antwortete Pyetar. „Nirdol hat auch großen Einfluß auf solche Bewilligungen in unserem Dienst. Er ist noch viel älter, als er aussieht – mehr als drei Jahrhunderte Ihrer Zeitrechnung. Alt genug, daß seine Eltern ihm noch von der bitteren Enttäuschung erzählen konnten, die sie in ihrer Jugend mit den anderen Khenalai erlebten, als die Erdexpedition im sechzehnten Jahrhundert herausfand, daß der irdische Zweig ihres Volkes nicht mehr existierte. Er zieht es nur vor, sein Gesicht nicht so jung zu erhalten, wie es möglich wäre, weil er älter, strenger und autoritärer wirken möchte. Außerdem wirkt sein Lebenswandel sich auf sein Aussehen aus.“

„Sie mögen ihn wohl nicht besonders?“

Pyetar verzog das Gesicht. „War das nach dieser kurzen Zeit schon so offensichtlich für Sie? Nun ja, er weiß es, und er mag mich auch nicht.“

„Diesen Eindruck hatte ich auch. Mir war er ebenfalls sofort unsympathisch. Da Sie seinen Namen in Anwesenheit von Julani und Lilandri nicht erwähnt haben, soll ich ihnen wohl auch nichts von ihm sagen?“

„Nein. Berufen Sie sich auf eine Geheimhaltungsverpflichtung.“

„A propos Julani: es hat mich ein bißchen überrascht, daß sie Nirdol ein Begriff ist. Was meinen Sie: hat er sich nur im Zusammenhang mit mir für sie interessiert?“

Seine Miene verdüsterte sich. „Darüber möchte ich nicht reden“, antwortete er. „Was denken Sie über seine Gründe für das, was er von Ihnen will?“

„Ich vermute, daß er Wiener beobachtet, weil der ein Jude ist und viele Kontakte zu anderen Earthins und nichtmenschlichen Galciv-Spezies pflegt. Wenn die Erde einmal in die Galciv aufgenommen würde, dann wären die Juden und die Khenalai Konkurrenten um dieselbe soziopolitische Nische, und Nirdol will vielleicht herausfinden, ob Wieners Netzwerkerei der Förderung jüdischer Interessen gegen die Khenalai dient.“

Er nickte. „Das ist auch meine Einschätzung. Es heißt, die Khenalai ergreifen Gegenmaßnahmen gegen die Maßnahmen ihrer Feinde, noch ehe diese ihre Maßnahmen ergreifen.“

„Das sagt man bei uns auch über die Juden.“

„Werden Sie Nirdol Informationen geben, falls Sie welche bekommen?“

„Ich habe nicht die Absicht, mich wieder mit diesem Milieu abzugeben. Aber falls es doch dazu käme – ich mag keine der beiden Seiten, aber Wiener ist ein Verbrecher, und falls er in der Galciv jüdisch motivierte Pläne verfolgt, so sind die wahrscheinlich nicht im Interesse der restlichen Erdenmenschheit, und sicher nicht im Interesse meiner Rasse.“ Ich überlegte, ob ich Pyetar von Raffles‘ Notizen erzählen sollte, entschied mich aber dagegen. „Ob die Absichten der Khenalai gut oder schlecht für uns sind, weiß ich nicht. Wahrscheinlich würde ich es Nirdol weitergeben, wenn ich von Wiener etwas erfahre.“

„Und warum wollen Sie keinen Kontakt mehr zu Wiener und Kaunda? Sie könnten doch weiter Earthin-Verbrecher jagen und erbeutete Güter an die beiden verkaufen, wie Sie es bisher getan haben.“

„Meine Freunde und ich sind zu der Einsicht gekommen, daß das zu gefährlich für uns ist und wenig zur Eindämmung der Earthin-Kriminalität beiträgt. Das ist die Gefährdung der Zukunft nicht wert, die ich jetzt in Aussicht habe.“

„Mit Julani?“

„Ja.“

„Sie lieben sie also ganz ernsthaft?“

„Ja. Ich liebte einst ihre irdische Eizellmutter, die ihr sehr ähnlich sieht, und jetzt liebe ich Julani, die zur Hälfte so ist wie sie.“

Pyetar sah mich überrascht an. „Sie kennen sie?“

„Eigentlich bin ich wegen meiner Bekanntschaft mit ihr überhaupt erst in die Earthin-Szene hineingeraten.“

Er holte ein Gerät aus seiner Jackentasche, das eine Entsprechung zu irdischen Tablets mit Komm-Funktion war, ließ dessen wie ein Buch zusammengebogenen Bildschirm auseinanderschnellen und klappte das dazwischengefaltete Bedienfeld heraus. Nachdem er sich kurz damit beschäftigt hatte, reichte er mir das Ding und zeigte mir, wie ich zwischen den Bildern der herausgesuchten Zusammenstellung wechseln konnte. Die Galerie zeigte eine rothaarige Schönheit mit grünen Augen, die sowohl Julani als auch Julia ähnelte.

10de1 Aithiras

Diese Ähnlichkeit war auf den Bildern deutlicher, auf denen sie offenbar jünger war, und nahm zu den späteren hin ab, auf denen ihr Gesicht nicht nur etwas breiter war und älter aussah, sondern auch müde und manchmal ein wenig traurig wirkte.

„Das ist Aithiras Ghaseyon“, sagte Pyetar, als ich ihn nach der Durchsicht fragend ansah. „Julanis leibliche Mutter. Eine interessante Frau. Vielleicht werden Sie ihr schon heute begegnen.“

Ich gab ihm das Gerät zurück. „Was macht sie beruflich?“

„Sie berät Shom-Earth und reist dafür auch zu den Earthin-Städten, zu primitiven Menschenkolonien und zur Erde.“

„Lilandri erwähnte, daß sie früher als Shom-Earth-Agentin auf der Erde war… und sie deutete auch an, daß es Spannungen zwischen Julani und ihr gibt. Julani hat sich über das lose Liebesleben ihrer Mutter beklagt und wirft ihr vor, daß sie und Lilandri deshalb ohne Vater aufwachsen mußten.“

Auf Pyetars Gesicht erschien ein Anflug von Schmerz. „Julani weiß vieles nicht“, sagte er, „und ich habe es ihr nicht gesagt, weil es Aithiras nicht recht wäre, auch wenn sie sich danach sehnt, von ihrer Tochter verstanden zu werden. Deshalb sage ich auch Ihnen nur so viel: Aithiras Ghaseyon ist eine tapfere und gute Frau, die viel für ihre Töchter auf sich nimmt und dafür viel mehr Anerkennung verdient, als sie im Rahmen ihrer… Umstände bekommen kann. Bitte vergessen Sie das nie.“

„Ich werde daran denken. Noch eine Frage: hat Nirdol etwas mit den Erdeinsätzen von Shom-Earth-Agenten zu tun – oder genauer, mit jenen von Julani oder ihrer Mutter? Hängt die Abneigung zwischen Ihnen und ihm damit zusammen?“

Pyetars Blick ließ erkennen, daß ich damit etwas berührt hatte. „Sie üben sich ja schon in der Columbo-Rolle“, sagte er. „Nirdol ist an der Leitung von Einsätzen zur Infiltration bestimmter korrumpierbarer Kreise auf der Erde beteiligt. Vor allem solcher, die von Juden dominiert werden. Mehr werde ich dazu nicht sagen.“

In der restlichen Zeit bis nach dem Atmosphäreneintritt verfielen wir in Schweigen. Der Kontinent Walaskos kam in Sicht, kaum erkennbar unter der dichter werdenden Bewölkung. Weiter im Norden, über seinem äquatornahen Teil, drängten sich Gewitterwolken, zwischen denen es schon wetterleuchtete. Nachdem wir durch die Wolkendecke gefallen waren, sahen wir vor uns Tandirun, die Metropole des von Weißen bewohnten Teils von Walaskos. Wie über Sassthok und Venayon erschien eine Anzeige auf einem Kontrollbildschirm, daß die örtliche Flugverkehrsleitung Kontakt mit unserer Steuerung aufgenommen hatte, um bei Kollisionsgefahr eingreifen zu können. Von Westen anfliegend näherten wir uns der Stadt, deren Bauten zwischen den erleuchteten Fenstern das flach einfallende Abendlicht reflektierten. Kurz bevor wir das Stadtzentrum jenseits des Yasseouflusses erreichten, übergab ich Pyetar die Steuerung, und er ließ das Boot in einer Wendekurve hinter eine Gruppe hoher Türme sinken, zwischen denen wir die Sonne über der Heimatregion Pyetars und der Familie Ghaseyon untergehen sahen. An einem zweisitzigen Flugwagen vorbei glitten wir auf einen Turm links voraus zu und schwebten durch eine breite Öffnung in ein Landedeck, das sich oberhalb seiner Mitte befand.

Nach dem Aufsetzen gab Pyetar mir einen Speicherchip und sagte: „Hier sind meine Kontaktdaten und Informationen über Wiener und Kaunda. Nehmen Sie sich vor den beiden in Acht – und auch vor Nirdol. Einen schönen Aufenthalt auf Chakarionn.“ Damit stand er auf, nahm die Leihkleidungsbündel und stieg aus. Als er ein paar Schritte entfernt war, hob ich ab, flog wieder aus dem Landedeck und um den Turm herum nach Westen. Die Koordinaten von Asriyai waren schon eingegeben, und nachdem ich sie als nächstes Ziel angewählt und der Bord-KI die Steuerung übertragen hatte, beschleunigte das Beiboot über den Flußhafen hinweg auf die Abendsonne zu und begann zu steigen.

Es war ein seltsamer Gedanke, daß die Menschen in der Stadt unter mir gerade erst ihren Tag begannen und zum Teil noch beim Frühstück saßen, während andere schon an ihren Arbeitsplätzen waren. Chakarionn hat wegen der Gezeitenwirkung seiner nahen, leuchtschwachen Sonne eine Rotationsperiode von knapp neunundvierzig Stunden, die von den hier lebenden Menschen in zwei etwas längere Tageszyklen als auf der Erde unterteilt werden, wobei sie wie die Arrinyi den heißen, gewitterträchtigen Nachmittag und die kalte zweite Nachthälfte in klimatisierten Räumen verschlafen. Dagegen fassen die Arrinyi je zwei Chakarionn-Tage zu einem etwas längeren Tageszyklus als auf ihrer Ursprungswelt zusammen. Die Menschen stehen zum ersten Mal etwa zwei Stunden vor der mittleren Sonnenaufgangszeit auf, gehen zwei Stunden nach Mittag schlafen und beginnen dann ab etwa zwei Stunden vor Sonnenuntergang ihre zweite Wachperiode, die bis zwei Stunden nach Mitternacht dauert.

Auf dem Flug über die dunkler werdende, vom vorherigen Regen dampfende Landschaft sah ich im diesigen Norden Flächenblitze aufleuchten, und vor mir trieb ein abziehendes Nachmittagsgewitter, unter dem es ebenfalls ständig blitzte. Kurz vor dem Ziel tauchte meine Maschine unter diese Wolkenmassen und sank in zunehmendem Regen tiefer. Unter mir erschien der aufgelockerte Stadtrand von Asriyai, und gleich darauf sah ich die Wohnanlage, von der Julanis Mutter ein Modul besaß. Auf dem Landeplatz davor stand die Jeannie, aber wegen des Regens dockte ich nicht in ihr ein, sondern flog weiter zum Gebäudekomplex, der wie eine Gruppierung metallisch glatter Baumschwämme um mehrere spitzovale Türme und Arboretumkuppeln aussah. Dort landete ich im Schutz eines der Wohn-UFOs neben mehreren geparkten Flugwagen und ging zum zentralen Zugangsturm. Die Sonne war verschwunden.

*     *     *

Knapp sieben Stunden nach ihrem nächsten Aufgang genoß ich ihr mildes Licht vor dem Tor der Wohnanlage, das von zwei mit Schwertern bewaffneten Frauenskulpturen und hohen blühenden Bäumen flankiert war. Für mich war es schon früher Nachmittag, aber die Sonne würde erst in fünf Stunden ihre Mittagsposition erreichen, und die Farbe ihres Lichts glich wegen ihres Spektraltyps immer noch dem Morgenlicht auf der Erde.

Am Vorabend hatte ich das erste Viertel der Nacht im Gespräch mit den Ghaseyon-Schwestern verbracht, während das stark gedämpfte Prasseln des Regens auf der Außenhülle zu uns hereindrang. Dabei waren unsere inneren Uhren durch die helle, kaltweiße Beleuchtung und die Tageslichtszenerien auf den Bildschirmgewölben der Räume auf Tag eingestimmt worden. Nach dem „Mittagessen“ hatte Lilandri sich in ihren Lernstoff vertieft, und Julani und ich waren bei klarem Wetter zu einer Nachtwanderung durch den angrenzenden Wald aufgebrochen. Zu dieser Jahreszeit hatte die Nachbarsonne Tiharonn mit ihrem Licht durch die Bäume geschienen, das mehr als dreimal so hell ist wie der Vollmondschein auf der Erde. Dieser strahlend helle Stern während eines Teils des Jahres als Ersatz für den von Arrin gewohnten Beta Centauri war ein Grund für die Arrinyi gewesen, diese Welt heimelig zu finden, auch wenn sie etwas wie die Supererde Lhorrass am Himmel entbehren müssen. Nur die hellsten der anderen Sterne konnten sich gegen Tiharonns Glanz behaupten, aber selbst in völlig dunkler Nacht wäre die Sonne der Erde mit freiem Auge aus dieser Entfernung nicht mehr zu sehen gewesen. Bis wir nach dem „Abendessen“ um Mitternacht in einem Restaurant am Seehafen der Stadt wieder ins Freie traten, um uns von einem Roboflugtaxi zurückbringen zu lassen, war auch der Außenmond Urd aufgegangen, und es war schon spürbar gewesen, wie kalt die zweite Nachthälfte werden würde.

Nach dieser ersten Nacht auf Chakarionn waren die Schwestern zu einer Prüfung von Lilandri nach Tandirun geflogen, und ich hatte währenddessen in frischer Morgenluft eine Wanderung zu einem Restaurant auf einem Hügel nördlich von Asriyai unternommen und dort zu Mittag gegessen. Auf einer anderen Route war ich zurückmarschiert und hatte an Bord der Jeannie geduscht, und nun stand ich in meiner schwarzen Denimkombi zwischen dem Schiff und dem Wohnparktor, sah den Diskusschiffen zu, die über mich hinwegflogen, und wartete auf Aithiras Ghaseyon, die ihre Heimkehr von einer Dienstreise angekündigt hatte und sich schon im Anflug aus dem Orbit befand.

Nach kaum zehn Minuten kam ihr Raumschiff von Westen her in Sicht, ein kompakter blauer Kegelstumpf mit bauchiger Unterseite, ähnlich einer aufs Zweieinhalbfache vergrößerten Apollo-Kommandokapsel, mit zwei großen Sichtfenstern an der Vorderseite. Seine drei Landebeine und die als Luftbremse und vierte Stütze dienende Ausstiegsrampe hatte es schon ausgefahren, und die Abdeckklappen der drei Konverterdüsen in der Mitte des Hitzeschildes schlossen sich gerade. Es wendete hinter dem Landeplatz in einer Steilkurve und setzte neben dem Außencockpit der Jeannie auf, die Frontfenster der Wohnanlage zugewandt. Als die Pilotin ausstieg, betrachtete ich sie in dem Bewußtsein, daß hier möglicherweise meine zukünftige Schwiegermutter auf mich zukam.

Sie trug ein figurbetonendes, in Blautönen marmoriertes Oberteil, an das bauschige Ärmel aus dünnem weißem Stoff angesetzt waren, und diese Ärmel endeten in breiten metallischen Manschetten oder Armspangen, die die Hälfte der Unterarme umschlossen. Ihre Hüften umspannte eine kurze schwarze Hose in der Art von Discoshorts, und ihre in schwarzen Stiefeln steckenden Beine waren von einer blaugrünen Strumpfhose umhüllt. Ich wußte nicht, wie extravagant diese Aufmachung in ihrer Kultur für eine Frau ihres Alters – nur vier Jahre jünger als ich – war, und ich fragte mich, ob sie sie aus einem bestimmten Grund für dieses Treffen gewählt hatte. Im Näherkommen erkannte ich die Unterschiede ihrer Gestalt zu Julani – etwas kleiner und üppiger, ähnlich wie Lilandri.

Als Aithiras mich erreicht hatte, sah sie mich ähnlich forschend an wie Julani bei unserer ersten Begegnung. Ich erwiderte ihren Blick und ließ mich nur kurz von dem türkisfarbenen Stein ablenken, der an einer Silberkette in ihrem weiten Dekolleté hing. Ihr von offen fallendem rotem Haar umrahmtes Gesicht sah wieder frischer aus als auf manchen von Pyetars Bildern und zeigte keine Spur von Alter außer der Reife, die es ausstrahlte.

„Ich grüße Sie, Freund meiner Tochter“, sagte sie, der hiesigen Etikette gemäß als erste sprechend, und verbeugte sich. Ihr Akzent klang einerseits amerikanisch und doch wieder anders.

„Ich grüße Sie, Mutter meiner Freundin“, antwortete ich ebenso förmlich und erwiderte die Verbeugung. „Hatten Sie einen angenehmen Flug?“

„Oh ja, danke. Und ich hoffe, Sie haben Ihren bisherigen Aufenthalt genossen.“

„Ja. Schön wohnen Sie hier. Letzte Nacht und heute konnte ich schon durch die Wälder wandern, die jetzt im Spätfrühling besonders schön und frisch sind.“

„Das sind sie, aber mir gefallen sie im Herbst am besten, bevor der kurze Winter kommt.“

„Die kurzen Jahre werden für mich seltsam sein“, sagte ich, „so wie mir der Tagesrhythmus noch ungewohnt ist, und natürlich habe ich noch einiges zu lernen. Auf der Reise hierher hat Julani mir schon ein bißchen Takharin beigebracht, aber für eine Konversation reicht es noch nicht. Und dann sind da noch die Verfahrensweisen, Gebräuche und kulturellen Gepflogenheiten – wie zum Beispiel die Begrüßungsformel vorhin.“

Sie lachte. „Die habe ich gerade erst erfunden, um Ihre Reaktion zu testen. Sie haben gut improvisiert.“

Die Schwiegermutter ist schon am Werk, dachte ich und deutete auf die Rampe der Jeannie. „Darf ich Sie auf einen Astrocino oder ein anderes Getränk Ihrer Wahl in mein Schiff einladen, bis Ihre Töchter kommen?“

„Ja, gerne, von diesem Astrocino hat Julani mir schon erzählt.“

Wir gingen an Bord, und Aithiras ließ sich von mir die Herstellung des Milchschaums und die anderen Besonderheiten gegenüber dem herkömmlichen Seontu zeigen. Dabei fiel mir an ihrem Gesicht die Gemeinsamkeit mit Julani und Julia auf, daß es bei geneigtem Kopf im Halbprofil von einer besonderen ernsten Schönheit war.

„Sie sind Julanis Zweitmutter Julia Rossmann sehr ähnlich“, sagte ich. „Ein seltsamer Zufall, daß Sie beide einander begegnet sind.“

„Ah ja, Julani hat mir geschrieben, daß Sie sie kennen und herausgefunden haben, daß sie ihre Zweitmutter ist. Wie standen sie zu ihr?“

„Es war eine Bürofreundschaft, aus der vielleicht mehr hätte werden können, wenn ich damals weniger naiv hinsichtlich der weiblichen Psyche gewesen wäre. Andererseits wäre es wahrscheinlich doch nichts für die Dauer gewesen, weil sie ein sehr auf ihre Unabhängigkeit bedachter Freigeist war. Erst seit einigen Jahren ist sie mit ihrem Sohn und einem Mann zur Ruhe gekommen.“

Aithiras lächelte. „Julani ist ähnlich, und ich weiß nicht, ob sie das von mir hat oder von Julia. Unsere Begegnung war kein reiner Zufall. Ich war Mitte der Neunziger Jahre dienstlich auf der Erde und nutzte das, um dort nach einer Eizellenspenderin für meine erste Tochter zu suchen. Da ich wollte, daß diese mir sehr gleicht, suchte ich nach einer Frau, die mir möglichst ähnlich sieht. Zu der Zeit war das Internet noch recht neu, aber es gab schon Kontaktbörsen, und da fand ich neben anderen Kandidatinnen Julia, die mit zwei Bildern inseriert hatte. Sie suchte nach Paaren, die eine Partnerin für einen Dreier wollten, und ich kontaktierte sie und überzeugte sie von einer Alternative: ein Frauenpaar zu bilden, das sich Männer für kurze Abenteuer ins Bett holt.“

Ich ließ den Seontu in die erste Tasse sprudeln und hob eine Augenbraue in der Art von Mister Spock. „Das klingt ganz nach der aufgeschlossenen, experimentierfreudigen Julia, die ich kannte.“

Aithiras reichte mir die andere Tasse und fuhr fort: „Sie müssen wissen, daß erotische Kontakte zwischen Frauen in unserer Kultur statthaft sind; die polygamen Partnerinnen eines Mannes verhindern so Spannungen zwischen sich. Für Julia waren solche Dreier ungewohnt, aber sie hat sie dann genossen.“

„Das kann ich mir vorstellen. Einmal hat sie unserer Sekretärin, mit der sie eng befreundet war, im Büro die Hände mit Klebeband gefesselt, und als die Sekretärin das nachsichtig lächelnd über sich ergehen ließ, hat sie ihr auch noch mit ihrem Halstuch die Augen verbunden.“ Ich goß den Milchschaum auf die gefüllten Tassen und streute die Zimt-Kakao-Mischung darauf.

Aithiras hob sie zur Seontu-Kanne auf das Tablett und sagte: „Das war die üppige Große, oder? Julia hat sie bewundert.“

„Ja, das war Christa“, bestätigte ich und folgte ihr mit dem Milchschaumkännchen, als sie das Tablett zum Tisch trug. „Später, als Julia schon aus unserem Büro ausgeschieden war, hat sie bei einem Lokalbesuch mit mir und einem Bürokollegen von der Attraktivität unserer Chefin geschwärmt, und als der Kollege sie verwundert ansah, hat sie rechtfertigend gesagt: Ich schau‘ mir auch gern Frauen an.“

„Oh ja, Gudrun; die mochte sie ähnlich gern wie Christa.“ Sie stellte das Tablett ab und setzte sich. „Wir führten diese Beziehung ein knappes Jahr lang, bis ich mich für Julia als Zweitmutter meiner Tochter entschieden hatte. Ich betäubte sie mehrmals im Schlaf und entnahm ihr mit einem nanobiotechnischen Spezialgerät schonend Eizellen. Eine davon wurde in der Klinik in Babylon 6 mit einem Spermium befruchtet, das aus einer rückprogrammierten Stammzelle von mir gezüchtet worden war. Deshalb hat Julani Julias Mitochondrien-DNA, die in unsere Population eingeführt werden sollte. Danach haben wir uns freundschaftlich getrennt.“

„Und Julia wußte nie, woher Sie wirklich stammen?“ Ich nahm einen ersten Schluck vom Astrocino.

„Nein; ich habe mich als Amerikanerin ausgegeben, die in Europa nach den Wurzeln ihrer Vorfahren sucht. In der Zeit unserer Beziehung habe ich sie auch mit einem jungen Schwarzen bekanntgemacht, den ich damals für eine Rekrutierung als erdstämmigen Shom-Earth-Agenten in Betracht gezogen hatte.“

„War das Erwin Kaunda?“

Sie setzte überrascht ihre Tasse ab. „Ja – woher kennen Sie ihn?“

„Ich habe ihm Sachen verkauft, die meine Freunde und ich bei Kämpfen mit Earthin-Verbrechern gewonnen haben, und dabei habe ich auch seine Tochter kennengelernt – Julias Tochter. Wie sind Sie mit ihm zusammengekommen?“

„Auch über das Internet, in der Science-Fiction-Fandom-Szene, die ich nach Kandidaten durchsucht hatte. Er ist als Dreiviertel-Afrikaner in Deutschland aufgewachsen und hatte keine Freunde. Durch den ersten Homanx-Roman von Alan Dean Foster, der als Zufallslektüre in seine Hände geraten war, hatte er sich für SF zu interessieren begonnen. Darin kam ein reicher schwarzer Raumschiffeigner namens Maxim Malaika vor, mit dem er sich identifizierte und dessen Vornamen er für sich übernahm, weil er seinen eigenen hasste. Er hatte eine Geschichte um diese Romanfigur begonnen, aber nie fertiggestellt, weil er schlechte Kritiken für das Fragment bekommen hatte, das er auf einer Fanseite veröffentlichte. Dadurch bin aber ich auf ihn aufmerksam geworden.“

„Das sind ja ganz überraschende Seiten von ihm“, warf ich ein. „Haben Sie ihn dann rekrutiert?“

„Ja, und am Anfang machte er sich nicht schlecht. Später hat er Julia ohne mich wieder getroffen, und bald danach hat es Krach zwischen den beiden gegeben, worauf er nach Amerika ging. Dort war er einige Jahre unser Agent, bis es Schwierigkeiten mit ihm gab. Ich weiß nicht, welche, weil ich damals keinen Kontakt mehr zu ihm hatte. Er wurde aus dem Dienst entlassen, aber weil er in die Shom-Earth-Aktivitäten eingeweiht war, mußte man ihn als kriminellen Earthin weitermachen lassen, wofür er sich besser eignete. Ich bin aber froh, daß ich mit dieser Seite der Erdinfiltration nichts zu tun habe.“

„Sind Sie für die Zeugung von Lilandri ähnlich vorgegangen wie für Julani?“

„Nein, denn es gibt auch die Möglichkeit der Entnahme von Stammzellen durch korruptes Spitalspersonal. Diese werden in pluripotente Stammzellen zurückverwandelt und dann in Spermien, mit denen die Eizellen der leiblichen Mütter befruchtet werden.“ Sie rührte nachdenklich ihren Astrocino um. „Die Begegnung mit Lilandris Zweitmutter war eine eher flüchtige, an die sie sich wahrscheinlich nicht mehr erinnert. Auf mich hatte sie aber einen recht angenehmen Eindruck gemacht, gutaussehend, intelligent, grünäugig wie ich, mit braunen Haaren und einem Gesicht, mit dem sie sowohl römische als auch keltische oder germanische Vorfahren haben konnte. Sie faszinierte mich, und ich beobachtete sie, bis ich ihr Stammzellen entnehmen lassen konnte. Diesmal wurde eine Eizelle von mir verwendet, wodurch Lilandri meine Mitochondrien-DNA hat.“

„Wer ist diese Frau?“

„Das behalte ich für mich; nur soviel: sie wohnte damals in Südwestdeutschland. In den Jahren danach habe ich die Spur zu ihr verloren.“

„Julanis Name ist offensichtlich eine Zusammenziehung von Julia Antonia; Lilandri ist vermutlich auch kein traditioneller Shomhuman-Name?“

„Richtig. Ich wollte meinen Töchtern einzigartige Namen geben, die keine zweite Frau trägt, und bei Lilandri habe ich Teile aus drei Namen ihrer anderen Mutter verwendet. Sie ist sehr fantasievoll und schriftstellerisch begabt, und vielleicht macht sie etwas daraus, wenn sie einmal einen gewissen Erfahrungshintergrund hat. Äußerlich ist sie eine überraschende Neukombination meiner Gene und jener anderen, wo sich nicht genau sagen läßt, was sie von welcher Seite hat.“ Sie trank ihren Astrocino aus und fuhr fort: „Julani kommt im Gesicht mehr nach Julia und in der Figur mehr nach mir, und in der Größe liegt sie zwischen uns beiden. Und sie ist ernster als ihre Schwester.“

Ich hob die Seontu-Kanne. „Noch einen Astrocino?“, und als sie bejahte, schenkte ich uns beiden ein, goß Milchschaum dazu und dachte über meine nächste Frage nach. „Frau Ghaseyon…“ begann ich dann.

„Bitte nennen Sie mich Aithiras.“

„Gerne… Aithiras. Du sagtest, daß du ähnlich auf Freiheit und Unabhängigkeit bedacht bist wie Julia, und daß Julani von euch beiden etwas davon geerbt hat. Ich hoffe, das ist nicht zu persönlich… aber heißt das, daß dein ungebundenes Leben nicht nur an schlechten Erfahrungen mit Männern liegt, wie Julani meint…? Entschuldigung, das hätte ich nicht fragen sollen.“

Sie seufzte. „Schon gut, dich interessiert wahrscheinlich, was du von Julani erwarten kannst. Nun, vor Pyetar hatte sie immer nur kurze Fernbeziehungen, aber mit ihm sah es aus, als hätte es etwas Dauerhaftes werden können. Er ist deutlich älter als sie, wenn auch jünger als du. Vielleicht sieht sie in euch beiden auch eine Art verspäteten Vaterersatz. In meinem Fall war es etwas, das der Dienst mit sich brachte, und das mit den schlechten Erfahrungen stimmt zwar in diesem Zusammenhang, war aber auch eine Ausrede gegenüber meinen Töchtern.“

„Pyetar deutete an, daß Julani mehr Verständnis für dich hätte, wenn sie mehr über die Hintergründe wüßte…“

„Hat er dich auf Lalpoch zu Nirdol gebracht? Aha, er hat, wie ich an deinem Gesichtsausdruck sehe.“

Ich sah ihr in die Augen und sagte: „Falls du wirklich einmal meine Schwiegermutter wirst, werde ich mir ein besseres Pokerface zulegen müssen.“

Sie lachte leise, legte eine Hand auf meinen Arm und antwortete: „Wenn es dazu kommt, werde ich dir vielleicht mehr über Nirdol und meine anderen persönlichen… Dämonen erzählen. Ich hätte gern jemanden, mit dem ich darüber reden kann.“

„Oh, wir können uns gern eine Friendzone dafür einrichten.“

In diesem Moment hörte ich die innere Schleusentür aufgehen, und Julani kam in den Ringtunnel, gefolgt von Lilandri. Aithiras zog schnell ihre Hand zurück, aber vielleicht zu spät, denn Julani wirkte verstimmt, als sie in den Gemeinschaftsraum kam.

„Schön, daß ihr schon da seid“, begrüßte ich sie. „Möchtet ihr auch einen Astrocino? Es ist noch etwas in den Kannen.“

„Nein danke“, antwortete Julani knapp. „Ich würde lieber gleich zu unserem Flug starten, damit wir länger Zeit haben.“

„Okay. Lilandri, magst du mit deiner Mutter den Rest austrinken?“ Ich stand auf.

„Sehr gerne.“

„Ihr könnt euch ruhig Zeit lassen. Jeannie, verschließ dich, wenn die beiden Damen draußen sind.“

„Befehl bestätigt“, antwortete das Schiff. Ich nahm die vorbereitete Tasche mit den Picknick- und Badesachen und ging mit Julani hinaus.

Draußen stiegen wir in Julanis Flugwagen, den sie hinter dem Schiff ihrer Mutter gelandet hatte. Es war ein metallicgrünes Geschoß wie eine abgeflachte Kleinhubschrauberkabine, dessen gewölbte Frontscheibe bis zum vorderen Rand des Kabinenbodens herunterreichte und zum Einsteigen hochklappte. Zwischen den beiden Vordersitzen gab es einen schmalen Durchstieg zum mittig angeordneten hinteren Sitz, auf dem ich die Tasche festschnallte. Nachdem ich rechts neben Julani Platz genommen und meine Gurte geschlossen hatte, ließ Julani die Frontscheibe zuklappen. Gleich darauf hob sie ab und ließ den Gleiter rechts an der Wohnanlage vorbei nach Westen davonschießen. Ich spürte einen leichten Stoß unter dem Hintern, als die Vorderräder in die Radkästen unter den Sitzen einfuhren.

Unser Flug führte auf die Taltan-Halbinsel hinaus, die sich gut neunhundert Kilometer weit nach Westen in den Torratenn-Ozean erstreckt und an deren Ansatz Asriyai liegt. In den acht Jahrhunderten seit Beginn der Kolonisierung war Chakarionns Gesamtbevölkerung einschließlich der in höheren Breiten wohnenden Arrinyi erst auf etwa drei Milliarden gewachsen, weniger als die Erdbevölkerung in meiner Jugendzeit, und daher ist Taltan wie manche anderen Teile des Planeten immer noch unbesiedelte Wildnis. Nach einer knappen Viertelstunde sahen wir unter uns keine Gebäude, Verkehrswege und Felder mehr, sondern nur noch Wald aus irdischen Bäumen.

Chakarionn ist vierhundertsiebzig Millionen Jahre jünger als die Erde, und daher hatte die einheimische Vegetation zu der Zeit, als erstmals Menschen im Dienst des Lwaong-Imperiums hierhergekommen waren, erst die Küstengebiete und Flußniederungen erobert und fast nur niedrig wachsende Formen entwickelt. Zur Vorbereitung für eine Kolonisierung hatten die Menschen die vegetationslosen restlichen Flächen mit geeigneten genmanipulierten Erdenpflanzen begrünt, die sich in den fünf Jahrtausenden, in denen der Planet seit dem Lwaong-Krieg sich selbst überlassen gewesen war, ausgebreitet hatten. Der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre war auf das heutige erdähnliche Niveau gestiegen, das Kohlendioxid auf einen Wert gefallen, der nur ein Drittel über dem irdischen lag, und das Klima hatte sich abgekühlt. All das hatte die einheimische Vegetation beeinträchtigt, die dafür besser als die irdische Konkurrenz an das Licht, die langen Tage und die kurzen Jahre angepaßt war. Dennoch ist sie heute nur noch an den Küsten und manchen Flüssen zu finden, wo sie unter Naturschutz steht.

Unter uns konnten wir inzwischen beide Vegetationsarten nebeneinander sehen, denn wir hatten Taltans Nordküste erreicht und flogen an ihr entlang nach Westen. Links, zum höher liegenden Land hin, herrschten die Grüntöne und vertrauteren Formen der Erdenbäume vor, die zum Meer hin von den fremdartigen blaugrünen Chakarionn-Gewächsen abgelöst wurden. Niedrige baumähnliche Formen mit verworrenen Ästen wuchsen die Küstenhänge hinab, gingen in Gestrüpp und farnähnliche Büschel über, und auf den Sanddünen über dem Strand wuchs ein dichter blaugrüner Teppich, der aus der Luft wie hohes Gras aussah.

Julani steuerte über der Brandungslinie dahin; sie flog sehr tief und schnell. Mir kam zu Bewußtsein, daß sie seit dem Abflug wie verdrossen geschwiegen hatte. Ich sah sie von der Seite an, betrachtete ihren Kopf mit dem hinten hochgesteckten Haar vor dem Hintergrund des vorbeirasenden blaugrünen Küstenwaldes. Sie wirkte angespannt.

„Belastet dich etwas?“ fragte ich sie.

Sie schaute zu mir und dann wieder nach vorn. „Ach, es ist wegen Mutter“, sagte sie. „Immer wenn ich einen neuen Freund habe, versucht sie ihn mir wegzunehmen, und wenn es ihr gelingt, dann will sie ihn nicht mehr. Jetzt auch wieder: sie hat sich geradezu nach Hause beeilt, um dir noch vor mir in diesem… Fummel entgegenzutreten!“

Ich legte ihr die Hand auf die Schulter und streichelte sie. „Ich vermute, sie testet potentielle Schwiegersöhne und vergrault sie, wenn sie dir nicht treu bleiben. In anderer Hinsicht hat sie mich auch schon zu testen begonnen.“

Julani sah mich skeptisch an. „Ich glaube, du siehst ihre Absichten zu positiv.“

„Ha, und da hat deine Eizellmutter mich einmal gefragt, ob ich der Mister Negativ bin und ein Schild mit der Aufschrift NEGATIV um den Hals hängen habe! Denk‘ nach: wie war das denn mit Pyetar?“

„Bei ihm hat sie es auch versucht, aber ohne Erfolg.“

„Und wie ging es dann weiter?“

„Sie hat es aufgegeben und sich danach trotzdem gut mit ihm verstanden und… hmm, du könntest vielleicht recht haben.“

„Natürlich habe ich recht. Kennst du es etwa anders?“

„Ach du.“ Sie boxte mir gegen den Oberarm und versuchte dabei vergeblich, ein Lächeln zu unterdrücken, ehe sie wieder nach vorn schaute.

„Ich finde deine Mutter zwar wirklich sehr attraktiv“, erklärte ich, „und genieße ihre Gesellschaft. Wie könnte es anders sein, wo ihr euch so ähnlich seid? Aber meine Partnerin bist du, und verlaß dich drauf, ich werde Aithiras genauso enttäuschen wie Pyetar, das heißt, zufriedenstellen. So, wie wär’s, wenn du bis zu unserem Ziel etwas Musik spielst, die dir guttut?“

Sie wählte ein Musikprogramm, und ein takharisches Liebeslied begann, das wir auf der Reise nach Chakarionn oft angehört und dessen Text sie mir übersetzt hatte. Ich mochte es ebenfalls; es klang irgendwie folksy mit exotischen Elementen. Es folgten weitere Lieder dieser Art, bis voraus ein Hügelrücken in Sicht kam, der die Küstenlinie ein Stück in Richtung des Meeres ausbeulte und das landeinwärts angrenzende Terrain überragte. Niedrige hellere Vegetation bedeckte ihn vom Strand bis hinauf bis zu dem Felsgrat, der aus seiner Kuppe ragte, und ging landseitig in dunklere Büsche und Bäume über.

Wir überflogen eine Flußmündung, die von etwas höheren Bäumen mit schirmartigen Kronen gesäumt wurde, und kurz darauf zog Julani die Maschine in einer steilen Rechtskurve hoch und steuerte sie in einer Spirale zur Kuppe des Hügels hinunter. Dieser war von oben als hohe Küstendüne erkennbar, die um einen Felskamm herum entstanden war und von der Vegetation stabilisiert wurde. Als wir auf einem Sandfleck gleich westlich des Felsgrates zum Ozean ausgerichtet aufsetzten, erkannte ich den Ort.

„Das ist der Platz, den das Bildschirmgewölbe in deinem Quartier zeigte, als wir nach unserer ersten Begegnung dort waren“, sagte ich zu Julani, als sie die Frontscheibe hochschwenken ließ.

„Ja“, bestätigte sie lächelnd und erhob sich. Wir stiegen aus, begleitet von dem Lied, das die Musikanlage während der Landung begonnen hatte, und draußen umarmte und küßte sie mich und sagte: „Willkommen an meinem Lieblingsplatz auf diesem Planeten.“

„Schön ist es hier.“ Ich löste mich halb von ihr, um mich zum meerseitigen Nordabhang hinzuwenden, auf dem im Wind wogende blaugrüne Halme mit kleinen Blätterkränzen bis zum Strand hinunter wuchsen, und streichelte mit der Linken ihre Taille. „Aber warum ist es gerade diese Stelle?“

„Dafür gibt es mehrere Gründe.“ Sie schloß die Augen, atmete mit zurückgelegtem Kopf tief ein und sah mich dann wieder an. „Die weite Aussicht von erhöhter Stelle über den Ozean und das Land, die exotische Wildnis, der Seewind. Der nahe Strand mit der Möglichkeit zu baden und Meerestiere zu beobachten; der Wald mit seinen heimischen Kleintieren. Aber vor allem, weil ich diesen Hügel mit meinen Träumen und Fantasien zu verbinden begonnen habe, die ich über die Jahre hier hatte… wenn ich herkam, um dazusitzen und über das Meer zu schauen, oder nachts in diesem Sand auf dem Rücken zu liegen und die Sterne zu betrachten. Fantasien von den Dingen, die ich tun und erleben wollte. Davon, ein Haus auf einem Hügel wie diesem zu haben. Und von einem Mann, der eines Tages aus der Ferne zu mir kommen würde, um mein Gefährte zu sein.“

Das Lied aus der Musikanlage des Gleiters näherte sich seinem Ende, und mir kam eine Idee. „Interessant, daß du das sagst“, sagte ich. „Da gibt es ein irdisches Lied, das so eine Fantasie beschreibt… kannst du von hier aus Verbindung zur Jeannie aufnehmen?“

„Natürlich.“ Sie löste den Controller ihres Gleiters von der Gürtelhalterung und rief Funktionen auf. Dann hielt sie mir das Gerät hin, und auf dem Display verschwanden die takharischen Zeichen und wurden durch ein Kommunikationsmenü meines Raumschiffs ersetzt. Ich klickte mich zu meinem Musikdateiordner im Bordcomputer durch und wählte das Lied Over the Sea von Jack’s Angels, und Julani erstellte die Weiterleitung zur Musikanlage ihrer Maschine. Dann setzten wir uns in den Sand, Julani vor mir zwischen meinen Beinen, und nach den ersten Instrumentaltakten klang Claudia Pohls Stimme aus dem immer noch offenen Gleiter hinter uns:

My house sits on a hill
Looking way out
Over the sea
Cargo boats from afar
Come to the shore
From over the sea
One day soon they will bring
Someone to me
Maybe someday he’ll come
And he will keep me company

Still I sit on my hill
Looking way out
Over the sea
Tossing pebbles up high
Watching them fall
Into the sea
Grasses grow tall on this hill
And in the breeze waving
Just I sing this: Are you
Sailing this way?

Happy day
I would be happy if you
Came to me now
From over the sea
If you come, please bring me
Candy and things
From over the sea
I’ll take you by the hand
Climb up this hill
And we’ll look at the sea
And watch the birds
Flying free
Over the sea
Over the sea
Over the sea
Over the sea…

„Mmm… schön“, seufzte Julani, an mich gelehnt. „Das trifft’s genau. Nur Vögel gibt es hier keine, weil es im Meer keine Tiere gibt, von denen sie leben könnten. Und es ist ein sehr weites Meer, über das du zu mir gekommen bist.“

„Gekommen, um vielleicht zu bleiben.“ Bei diesen Worten kam mir fast wie ein kleiner Schock der Gedanke, was ich sein würde, wenn ich mich tatsächlich mit Julani hier niederließ. Ein Migrant.

„Ein Unterschied zu dem Lied“, fuhr ich fort, „ist auch, daß du nicht entsprechend dieser passiven Erwartungsfantasie auf deinem Hügel sitzen geblieben bist und darauf gewartet hast, daß vielleicht einmal jemand zu dir kommen wird, sondern aktiv ausgezogen bist und Gelegenheiten geschaffen hast, jemanden zu finden.“

„Das ist wahr. Obwohl ich eigentlich nicht deswegen ausgezogen bin.“ Sie legte ihren Kopf zurück, sodaß ihre Haare an meinem linken Ohr kitzelten. Dann richtete sie sich wieder auf und sagte: „Bevor wir zum Strand hinuntergehen, möchte ich dir noch einen Grund dafür zeigen, daß dies mein Lieblingsplatz ist. Willst du ihn sehen?“

„Ja sicher, Sternenfee.“

„Komm.“ Sie stand auf und klopfte sich den Hosenboden ab, während ich mich ebenfalls aufrappelte. Dann gingen wir um das Westende der aus dem Sand ragenden Felsformation zu deren Landseite, an die sich der fremdartige Wald herandrängte. Dessen Bäume waren nach dem einfachen Prinzip aufgebaut, daß ihr kurzer, dicker Stamm sich in zwei Äste gabelte, die sich wiederum in immer feineren Gabelungen teilten und dabei in wirren Krümmungen eine schirmförmige Krone bildeten. Die Äste und Zweige waren von überlappenden gelbbraunen Schuppen bedeckt, die in sich wegkrümmenden blaugrünen Blättern ausliefen. Dabei wuchsen sie so niedrig, daß ich gebückt unter ihnen hindurchgehen mußte, während Julani meistens nur ihren Kopf einzuziehen brauchte.

Über moosähnlichen Bodenbewuchs gingen wir an der Basis des Felsens entlang, bis wir zu schmalen, stark verwitterten Stufen kamen, die hinter einem Busch begannen und schräg an seiner Südflanke hochführten. Julani begann sie hinaufzusteigen, und ich folgte ihr. Der in den Felsen gehauene Steig führte abwechselnd in Form von Stufen und als ansteigender, sehr schmaler Pfad im Gegenuhrzeigersinn über Spitzkehren zum Gipfel des Grates hinauf und war dabei so angelegt, daß er vom Boden aus nicht zu erkennen gewesen war. Zudem war er durch verkümmerte Sträucher und andere Pflanzen getarnt, die sich mit ihren Wurzeln in Felsspalten krallten und irdischen Ursprungs waren. Das war naheliegend, denn für diese anspruchsvollen Standorte geeignete Arten hatte die heimische Vegetation noch nicht entwickelt.

Nach einer letzten Linkskehre erreichten wir den Gipfel, wo meerseitig eine zwei Meter breite thronähnliche Sitzbank aus dem Stein herausgearbeitet war. Stark verwitterte Zeichen und Ornamente bedeckten die Rückenlehne und den Bereich unter der Sitzfläche, auf der herabgefallenes Laub von den überhängenden Zwergbüschen dahinter lag. Julani wischte es weg und setzte sich.

„So, das ist mein Traumthron“, sagte sie.

Ich setzte mich zu ihr und legte einen Arm um sie. „Faszinierend. Wie bist du auf diese Stelle gekommen?“

„Ich habe sie während meiner Studienzeit gefunden, als ich einmal allein die Küste entlangflog. Ich bin mit dem Flugwagen ganz nahe an den Gipfel herangeschwebt, weil er nach einem Platz aussah, wo ich mich hinsetzen und träumen konnte. Mutter hätte mich nicht sehen dürfen, wie ich hier aus der schwebenden Maschine gestiegen bin. Dann habe ich entdeckt, daß sich unter der Erde und den welken Blättern diese Bank befand, und sie ein bißchen ausgegraben. Als ich die ersten Schriftzeichen sah, wußte ich, daß sie sehr alt ist, und bin mit meinem Lehrer für chakarionnische Geschichte hierher zurückgekehrt, um die Bank freizulegen und ihr Alter zu bestimmen.“

Ich konnte mir denken, welches Verhältnis sie zu diesem Professor gehabt hatte. Podiumseffekt, Vaterersatz und so. „Sie sieht sehr alt aus“, sagte ich. „Stammt sie aus der Anfangszeit eurer Kolonisation hier?“

„Sie ist viel älter. Es sind alttakharische Zeichen und Ornamente, und die Datierung hat ungefähr sechstausend Erdenjahre ergeben. Dieser Thron stammt noch aus der Zeit des Lwaong-Imperiums, als die Atmosphäre nur bedingt für Menschen atembar war. Hier müssen unsere fernen Vorfahren gesessen sein und von einer Zukunft geträumt haben, in der das uneingeschränkt eine Heimat für Menschen ist. Auch deshalb bedeutet mir dieser Ort so viel.“

„Hast du – oder dein Lehrer – diesen Fund bekanntgegeben?“

„Nein. Ich bin noch mehrmals mit ihm hierhergekommen, und auch mit Lilandri und später mit Pyetar, und gemeinsam haben wir den Zugangsweg von oben her freigelegt. Außer mir und diesen Personen kennst jetzt nur du meinen Traumthron.“

„Deine Mutter nicht?“

„Nein.“

„Ich glaube, es würde ihr viel bedeuten, wenn du dieses Geheimnis mit ihr teilst.“

„Du fängst schon an wie Pyetar. Warum wollt ihr mich alle zum Aithiras-Ghaseyon-Fanclub bekehren?“

„Ach, lassen wir das jetzt.“ Ich rutschte ans rechte Ende der Bank. „Komm, leg‘ dich hier längs drauf, mit dem Kopf in meinem Schoß, und wir reden von anderen Dingen.“

Sie tat es, und als sie mit angezogenen Beinen auf der Bank lag, den Kopf auf meinen Oberschenkel gebettet und meine Hand auf ihrem Bauch, sagte sie: „So habe ich mich auch immer hingelegt, wenn ich von hier aus nachts zu den Sternen aufgeschaut habe. Nur daß ich da eine Decke als Unterlage dabeihatte.“

„So lange werden wir hier nicht mehr bleiben; wir wollen ja auch noch baden.“ Ich schob meine Hand unter ihr weißes Leibchen und streichelte ihren Bauch, während ich auf den Ozean hinausschaute. Hoch über uns stand Ikaong, etwas größer und weniger grell als Sol, und noch immer dreieinhalb Stunden von der Mittagsposition entfernt.

Julani rückte sich ein wenig zurecht und fragte dann: „Willst du wirklich hier mit mir leben… und eine Familie gründen?“

„Ja, meine Sternenfee, wenn wir auf Dauer zusammenpassen und ich mich hier einleben kann, dann gern… und wenn die Erde wirklich bald in die Galciv aufgenommen wird, dann könnten wir dort einen zweiten Wohnsitz haben und zwischen diesem und hier wechseln.“

„So schnell wird das nicht gehen. Selbst wenn die Galciv demnächst fix beschließen sollte, die Erde zu integrieren, würde es Jahre oder vielleicht Jahrzehnte dauern, bis die Vorbereitungen und Hintergrund-Arrangements so weit erledigt sind, daß man offiziell damit beginnen könnte. Bis dahin wären unsere Kinder vielleicht schon erwachsen.“

Ich strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Na, dann findet unser Familienleben bis dahin eben hier statt, und wir besuchen die Erde nur inoffiziell.“

„Und wovon werden wir leben?“

„Das wird sich finden. Wir haben beide gut gefüllte GVE-Konten aus unseren Aktionen der letzten Zeit. Du kannst als Historikerin arbeiten, wovon du vieles von zu Hause aus machen könntest. Ich habe meine Schiffe, die ich für Passagierflüge einsetzen kann. Ich würde auch gern Geschichten schreiben. Wir würden viel Zeit füreinander und für unsere Kinder haben.“

„Vielleicht finden wir einen Ort ähnlich diesem hier, wo wir ein Haus bauen können.“

„Das wäre schön. Und bevor wir das tun, können wir mit Nouris noch die eine oder andere Reise unternehmen, tiefer in die Galciv, oder vielleicht auch in die äußere Randzone des einstigen Lwaong-Imperiums, zu entlegenen Welten jenseits von Sol.“

„Genau davon habe ich immer geträumt.“ Sie setzte sich auf. „Aber jetzt gleich möchte ich eine viel kürzere Reise machen – hinunter zum Strand.“

„Ich auch. Aber sei vorsichtig beim Runterklettern – ich mag gar nicht daran denken, wie du hier nachts mit einer Decke heraufgestiegen bist.“

„Wenn man ein Hochgefühl haben will, muß man ein Risiko eingehen. Aber das war nicht so schlimm. Paß besser du auf – wer von uns war denn schon viel öfter hier?“

„Okay, dann gehe ich schwerer Tolpatsch voraus, damit ich dich nicht mitreiße, falls ich stolpere.“

In wenigen Minuten waren wir wieder beim Gleiter, holten die Tasche und gingen durch die blaugrünen Pseudoschachtelhalme zum Strand hinunter. In den folgenden fünf wunderbaren Stunden wanderten wir die Küste entlang nach Osten, legten immer wieder Badeaufenthalte ein, liebten uns, aßen unser Picknick, wanderten weiter, bis wir die Flußmündung erreichten, die wir aus der Luft gesehen hatten. Dort wateten wir im Süßwasser, das träge der ablaufenden Flut hinterherströmte, an umspülten Baumwurzeln mit dazwischen versteckten Hokkiar vorbei zu einer breiten Sandbank. Mit einem abschließenden Bad wuschen wir uns das Meersalz von den Körpern und lagen dann noch eine Weile unter den fremdartigen Baumkronen beisammen, bis Julani ihren Gleiter kommen ließ, um zu einem späten Abendessen im Raumhafenrestaurant von Asriyai zu fliegen. Als wir danach wieder in Julanis Bett lagen, waren wir zu müde für alles außer Schlafen.

Fortsetzung: Kapitel 11 – Glasscherben am Strand

Anhang des Verfassers:

Nachfolgend habe ich wieder Links und Videos und ein Infobild zum obigen Kapitel gesammelt, zuerst die Links in der Reihenfolge, wie die Begriffe darin vorkommen:

Brighid’s Cross, HD 109749 A + B (in Galciv-Terminologie das Doppelsternpaar Tiharonn und Ikaong, hier der viel kürzere deutsche Wiki-Artikel dazu), Nornen, Columbo (TV-Serie)

Buchauszüge mit Maxim Malaika sind in NWO-Propaganda in SF-Romanen: Alan Dean Fosters „Homanx“-Reihe (1) – „Das Tar-Aiym Krang“ enthalten.

Und hier die Videos – zunächst eine 39 Sekunden lange Zusammenstellung von Ausschnitten mit Columbos „Nur noch eine Sache“-Szenen:

…und eine längere (9:31 min.) mit ausführlicheren und großteils anderen Szenen:

„Over the Sea“ von Jack’s Angels, einer kurzlebigen österreichischen Folkgruppe (1966 – 1968), die damals sehr populär war:

Davon gibt es auf der B-Seite der Single „Jack’s Angels“ auch die deutsche Fassung „Weit übers Meer“, hier leider in schlechter Tonqualität:

Im Zusammenhang mit dem Schlußteil des obigen Feuerfall-Kapitels paßt dazu auch „My Fantasy’s Kingdom“, ebenfalls von Jack’s Angels (Jack Grunsky, Claudia Pohl, Herbert Wegscheider und Christopher Oberhuber):

Interessant ist der Vergleich zwischen diesem Nahausschnitt von „Lilandri Ghaseyon“ links unten und „Aithiras Ghaseyon“ (rechts), wo sie noch sehr jung war:

Die Kleidung von Aithiras Ghaseyon bei der ersten Begegnung wurde von Peter Andrew Jones‘ Bild „Beyond the Barrier“ inspiriert (Aithiras‘ Oberteil ist jedoch im Brustbereich geschlossen und hat dafür ein weiteres Dekolleté):

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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Eine Antwort zu Feuerfall (10): Über das Meer

  1. Cernunnos schreibt:

    Mira Furlan, die Darstellerin von Delenn in Babylon 5, ist vor drei Tagen am Westnilvirus gestorben:

    https://orf.at/#/stories/3198566/

    Ja, ich weiß, sie hatte von ihrer Mutter her einen jüdischen Abstammungsanteil, aber sie hat auf mich immer einen recht angenehmen Eindruck gemacht. Auf dem Bild zu der ORF-Meldung…

    …sieht sie für mich wieder einmal wie eine Miniversion einer von mir sehr geschätzten früheren Arbeitskollegin aus (die oben im Kapitel 10 erwähnte Sekretärin „Christa“ meiner Ex-Chefin Gudrun), die jedoch ein gutes Jahrzehnt jünger und 180 cm groß ist und einen Körperbau hat, durch den sie selbst mit hundert Kilo noch gut aussieht.

    Christa hat aber keine (((solche))) Abstammung; unter anderem hat sie schon damals zu mir gesagt, sie könne „keine Arme-Juden-Filme mehr sehen“.

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