SWM-Serie „Sturmgewehre“ (1): Das deutsche Sturmgewehr 44

StG 44 1 MMK

Der Autor beim Probeschießen mit dem deutschen Sturmgewehr 44 im Kaliber 7,92 x 33.

Von Max Meinrad Krieg, aus der  des „Schweizer Waffen-Magazins“, Heft 4-1984.

Wenn auch Selbstladegewehre in anderen Armeen früher eingeführt wurden, so darf beim Sturmgewehr 44 mit Fug und Recht vom ersten Vertreter einer Waffengeneration geschrieben werden, die heute in allen Armeen der Welt zur Standardbewaffnung des Soldaten zählt.

In Bezug auf Handfeuerwaffen wurde der Erste Weltkrieg mit Repetiergewehren und Maschinengewehren ausgetragen, erst gegen dessen Ende tauchten die ersten Maschinenpistolen auf. Das Gewehr war ein manueller Repetierer mit somit beschränkter Feuergeschwindigkeit, wobei er die gleiche starke Patrone wie das Maschinengewehr verschoss; eine Patrone, die im Gewehr eigentlich gar nicht ausgenützt wurde. Mit der Maschinenpistole erhielt man eine Waffe mit hoher Feuergeschwindigkeit, die jedoch durch die schwache Pistolenpatrone nur eine geringe Einsatzweite hatte.

Bereits während des Ersten Weltkrieges tauchten Ideen für neue Patronen und automatische Gewehre auf, stießen jedoch bei den konservativen Militärs auf Ablehnung.

Als der Zweite Weltkrieg begann, war die Situation in Deutschland deshalb weitgehend dieselbe. Zwar hatte man das Gewehr etwas gekürzt (98k), ein vielseitigeres Maschinengewehr (MG 34) eingeführt und die Maschinenpistole modernisiert (MP 38); dem gewöhnlichen Soldaten verblieb jedoch weiterhin ein Repetiergewehr.

Die USA waren mit der Einführung des Selbstladegewehrs M-1 Garand einen großen Schritt weitergegangen!

Kurz vor Kriegsausbruch wurde die Entwicklung eines neuen, vielseitigen Infanteriegewehres mit der Bezeichnung „Maschinenkarabiner“ ausgeschrieben. Die anzustrebende Waffe hatte von einfacher und zuverlässiger Konstruktion zu sein, kürzer und keinesfalls schwerer als der 98k, im Dauerfeuer kontrollierbar und über eine Einsatzschussweite bis 800 m anwendbar.

Da zu diesem Zwecke offensichtlich eine neue Patrone geschaffen werden mußte, erhielt die Firma Polte in Magdeburg den Auftrag, aus der bestehenden Patrone (7,92 x 57 mm) heraus das Gewünschte zu entwickeln. Das Ergebnis war die Patrone 7,92 x 33 (Pistolenpatrone 43 oder Kurzpatrone 43), die erheblich kürzer ist, aber viele Maße (Kaliber, Hülsendurchmesser usw.) der alten Patrone aufweist. Somit konnten zum großen Teil die gleichen Maschinen und Werkzeuge weiterverwendet werden. Ein logistisches Meisterstück!

(Man spricht bei solcher Munition meist von Mittelpatronen, dies vor allem in Bezug auf ihre Leistungen, die zwischen derjenigen einer Pistolen- und der einer konventionellen Gewehrpatrone liegen, für die infanteristische Einsatzdistanz aber absolut genügen.)

Gleichzeitig erging an die Firma Haenel der Auftrag, bis zum Juli 1942 50 Prototypen eines solchen Maschinenkarabiners zu entwickeln und zu liefern. Entwicklungsleiter wurde Hugo Schmeisser, der Vater der MP 18 des Ersten Weltkrieges. Die Arbeit erfolgte unter Mitwirkung einer Spezialfirma zur rationellen Fertigung von Stanzteilen. Die ersten Prototypen waren Ende 1941 fertig, und die geforderte Stückzahl konnte termingemäß geliefert werden.

Um 1940 begann sich die Waffenfabrik Walther ebenfalls für dieses Projekt zu interessieren und entwickelte, basierend auf früheren Versuchen, eine eigene Waffe. 1941 erhielt auch Walther den offiziellen Auftrag, bis August 1942 200 Prototypen abzuliefern, was jedoch stückzahlenmäßig nicht ganz erfüllt werden konnte.

Um weitere Erfahrungen sammeln zu können, erging an beide Firmen der Auftrag, verbesserte Modelle in einer Vorserie zu fertigen. Ungefähr 10.000 MKb 42 (H) = Maschinenkarabiner 1942 von Haenel und maximal 4.000 (?) MKb 42 (W) von Walther wurden hergestellt.

Über eine definitive Einführung hatte Hitler zu entscheiden… und er befahl zweimal, das Projekt zu stoppen!

Da die Truppenversuche jedoch ein positives Echo erbracht hatten, beschloss man, trotzdem weiterzumachen, änderte aber zu Deckzwecken die Bezeichnung des nun definitiven Modells in MP 43 – obschon dies offensichtlich eine falsche Terminologie war. Die Waffe von Haenel hatt sich durchgesetzt, doch gewisse Elemente der Waltherentwicklung, wie beispielsweise das Abzugssystem, wurden in die MP 43 übernommen.

Erst als hohe Militärs auf Aufforderung von Hitler den Wunsch nach dieser Waffe vortrugen, änderte der Gröfaz (Größte Führer aller Zeiten) seine Meinung; ab August 1943 konnte die Produktion wieder voll laufen.

Anfangs 1944 wurde die Waffe in MP 44 umbenannt und erhielt Ende 1944 aus Propagandagründen die berühmte Bezeichnung „Sturmgewehr“ (StG) 44.

 StG 44 2 von rechts

Das Sturmgewehr 44 ist ein Gasdrucklader mit nach unten verriegelndem Kippverschluss, d. h. der Verschlusskopf stützt sich gegen einen Einsatz im Verschlussgehäuse ab. Beim Zurückgehen des Verschlussoberteiles, der mit dem Gasgestänge eine Einheit bildet, hebt dieser den Unterteil aus der Verriegelung. Der Großteil der Waffe besteht, auch klar äußerlich erkennbar, aus Blechstanzteilen, die zur Verstärkung viele Rippen aufweisen. Das Abzugssystem ist mit einem Bolzen abklappbar mit dem Gehäuse verbunden. Der teilweise Holzschaft, in welchen die kräftige Verschlussfeder hineinragt, wird von hinten aufgeschoben und mit einem Querbolzen gesichert. Der Lauf ist in einem eingeschweißten Stahlstück des Verschlussgehäuses eingeschraubt. Das Mantelrohr besteht aus einem einfachen Stanzteil. Das Magazin wird von unten eingesteckt.

StG 44 3 von links

Zur (einfachen) Zerlegung wird vorerst der Bolzen des Schaftes entfernt und dieser abgezogen, dann das Pistolengriffstück weggeschwenkt. Die Schließfeder und die Gasgestänge/Verschluß-Gruppe lassen sich hierauf leicht entnehmen.

StG 44 4 zerlegt

Wir haben mit dem StG 44 nur beschränkt schießen können, denn dessen Munition sind heute rare Sammlerstücke und dementsprechend schon recht teuer. Im Einzelfeuer läßt sich die Waffe angenehm schießen, wenn auch der Abzug der Testwaffe recht schwer ging. Der Hebel unmittelbar oberhalb des Pistolengriffes ist die Sicherung; der darüberliegende Querbolzen legt die Feuerwahl – Einzel- oder Dauerfeuer –  fest. Im Serienfeuer sind nur kurze Feuerstöße vernünftig, in reinem Dauerfeuer läßt sich die Waffe nur bei sehr festem Zupacken beherrschen. Betreffs der Präzision konnten wir feststellen, daß auf 300 m Ziele von 1 m Größe getroffen werden konnten.

Auch das Sturmgewehr durchlief, wie bereits oben erwähnt, verschiedene Entwicklungsstufen und erhielt verschiedene Bezeichnungen. Die wichtigsten seien hier kurz aufgeführt:

MKb 42 (H): Vorserienmodell von Haenel

MKb 42 (W): Vorserienmodell von Walther

MP 43: Serienwaffe

MP 43/I: Serienwaffe mit anderer Mündung

MP 44: andere Bezeichung für MP 43

StG 44: andere Bezeichnung für MP 43

Eine Anzahl Waffen wurde zudem mit einer Zielfernrohrschiene gefertigt.

Auch für das StG 44 wurde eine Vielzahl von Zubehör angeboten; hier die interessantesten:

● Granatwerfer (2 Typen)

● Zielfernrohr (ZF 4)

● Infrarotzielgerät (ZG 1229; Vampir)

● krummer Lauf (J und P) mit 30° / 90° Ablenkung!

An der Herstellung waren viele Firmen beteiligt, denn die Fertigung der Einzelteile erfolgte bei spezialisierten Unternehmen. Der Zusammenbau geschah dann vor allem bei Haenel, Erma und Mauser.

Das StG 44 beeinflusste die Nachkriegsentwicklung nachhaltig. Alle modernen Armeen der Welt haben seitdem Sturmgewehre eingeführt; man betrachte nur einmal den AK 47 Kalaschnikow, dessen äußere Verwandtschaft mit dem StG 44 offensichtlich ist.

Daten Sturmgewehr 44:

Kaliber: 7,92 x 33 mm
System: Gasdrucklader, Kippverriegelung
V0: 650 m/s
E0: 173 mkg / 1600 Joule
Kadenz: 500 Sch./min.
Lauflänge: 420 mm
Länge: 940 mm
Gewicht: 5,1 kg
Magazinkapazität: 30 Schuss

+   +   +

Zwei ergänzende Bemerkungen von Cernunnos: Die Patronen 7,92 x 33 m gibt es inzwischen auch wieder als Neufertigungen zu kaufen, und das Vorserienmodell MKb 42 (H) hatte noch eine zuschießende Funktionsweise, schoß also aus offener Verschlußstellung, während die MP 43 / MP 44 / StG 44 eine aufschießende Waffe war, bei der unmittelbar vor Schußauslösung der Verschluß geschlossen und eine Patrone im Lauf war.

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Zwei Buchempfehlungen:

„WAFFEN IM EINSATZ Band 4: Der MKb 42, MP 43, MP 44 und das Sturmgewehr 44“ von Guus de Vries und Bas J. Martens (VS-Books, ISBN 978-3-932077-26-5):

StG 44 5 Waffen im Einsatz BAnd 4

 „Deutsche Sturmgewehre bis 1945“ von Peter Senich (Motorbuch-Verlag, ISBN 3-613-01866-7):

 Deutsche Sturmgewehre bis 1945 P Senich


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2 Antworten zu SWM-Serie „Sturmgewehre“ (1): Das deutsche Sturmgewehr 44

  1. Richard schreibt:

    Inwiefern ist die Kalaschnikow eine Kopie des Sturmgewehrs 44?
    Die Ähnlichkeiten, nicht nur äußerlicher Art, sind ja schwer zu übersehen.

  2. Cernunnos schreibt:

    Vom Sturmgewehr 44 ist die Kalaschnikow in ihrer äußeren Gestaltung beeinflußt, der grundsätzlichen Anordnung von Elementen wie Magazin und Gaszylinder sowie im allgemeinen Konzept einer kompakten Waffe für eine Mittelpatrone, die ballistisch zwischen Pistolenpatronen und den damals gängigen Militärgewehrpatronen liegt.

    Bei der inneren Funktion gibt es Unterschiede: zwar werden beide Waffen durch einen über dem Lauf liegenden Gaskolben repetiert, aber während das Sturmgewehr 44 einen Kippblockverschluß hat (wie auch das belgische FN FAL und dessen Varianten, das deutsche G1, das österreichische Sturmgewehr 58 und das britische L1A1), weist das Kalaschnikow-System einen Drehkopfverschluß auf.
    Auch gibt es Unterschiede bei den Bedienungselementen: das Sturmgewehr 44 hat einen links am Griffstück liegenden kleinen Feuerwahlhebel und einen separaten Schaltbolzen zum Sichern (letzteres gibt es auch beim österreichischen AUG / Stg 77), hat die Kalaschnikow einen rechts liegenden kombinierten Sicherungs- und Feuerwahlhebel.
    Ebenso unterscheiden sich die beiden Waffen in der Art der Zerlegung. A propos Zerlegung: mir fällt ein, daß ich den Artikel über das Sturmgewehr 44 aus dem Buch „Live Firing German Automatic Weapons of WW II“ noch immer nicht übersetzt habe.

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