Verteidigungsschießen: Mannstoppwirkung in der Praxis

Die vom Geschoss abgegebene Energie ist die wesentliche Einflussgröße im Ziel, wie dieser Beschussvergleich zeigt.

Die vom Geschoss abgegebene Energie ist die wesentliche Einflussgröße im Ziel, wie dieser Beschussvergleich zeigt.

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 11-2000.

Moderne Auffassungen über die Mannstopp-Wirkung basieren auf der vom Geschoss an das Ziel abgegebenen Energie. Aber auch diese neueren Theorien lassen keine exakte Prognose über die Wirksamkeit eines bestimmten Geschosses in einem konkreten Einzelfall zu. Im Verteidigungsschießen muss man sich daher darauf einstellen, dass die Wirkung der eigenen Geschosse im Ernstfall sehr unterschiedlich ausfallen kann. Dies muss sich in der Wahl von Waffe und Munition sowie in der Ausbildung widerspiegeln.

Diskussionen über die Mannstopp-Wirkung von Geschossen gehören zu den Dauerbrennern in vielen Gesprächen und Veröffentlichungen über das kampfmäßige Schießen. Häufig steht dabei ausschließlich der physikalische Aspekt im Vordergrund. Oft reduziert sich eine solche Diskussion auch auf die Frage, ob die 9 mm Luger oder die .45 ACP das passendere Kaliber für eine Verteidigungswaffe ist oder ob vielleicht eines der neuen Kaliber, wie die .40 S&W oder die .357 SIG, die Vorteile der beiden altbewährten Kaliber vereinigt und damit die lang ersehnte Ideallösung für eine Verteidigungspatrone darstellt. Meist wird dabei die sehr umfangreiche und komplexe Problemstellung der Wirksamkeit von Geschossen im Feuergefecht auf unzulässige Weise verkürzt und auf einige wenige Aspekte wie die Diskussion um die Hohlspitzgeschosse oder andere Wunderprojektile reduziert.

Eine umfassende Betrachtung der komplexen Thematik der Mannstopp-Wirkung muss aus der Sicht des Gebrauchswaffenträgers aber mehr umfassen als die Frage nach der stärksten Patrone oder dem wirksamsten Geschoss. Neben der reinen Physik der Endballistik muss eine solche Betrachtung vor allem auch Folgerungen für die Schießausbildung, Taktik und das rechtlich korrekte Verhalten in einer Notwehrsituation beinhalten. Voraussetzung dafür ist aber zumindest grobe Vorstellung davon, worauf die Wirkung von Geschossen basiert und welche Wirksamkeit die verschiedenen Munitionssorten besitzen.

Schon der Begriff Mannstopp-Wirkung macht dabei deutlich, worum es hier geht. Im Gegensatz zu anderen ballistischen Leistungsdaten handelt es sich hierbei um keine einfache ballistische Eigenschaft des Projektils wie Gewicht oder V0 und auch um keinen leicht zu messenden Wirkungswert wie Eindringtiefe in Holz oder Durchschlagsleistung gegenüber Stahlplatten, sondern um einen Wert, der die Wirkung eines Geschosses beim Treffen eines Gegners beschreiben soll. Ganz konkret sollen Werte der Mannstopp-Wirkung Prognosen darüber zulassen, wie lange ein Gegner nach einem Treffer mit einer bestimmten Munitionssorte noch weiter kämpfen kann oder, anders ausgedrückt, wie lange er noch handlungsfähig ist. Wie sich im weiteren zeigen wird, ist eine solche Prognose ausgesprochen schwierig und wird vermutlich auch in Zukunft immer sehr ungenau bleiben.

Dass eine solche Prognose für die Wahl der effektivsten Munitionssorte außerordentlich wertvoll wäre, liegt auf der Hand. Schließlich ist es in den meisten Szenarien des Verteidigungsschießens für den Ausgang des Feuergefechtes von existenzieller Bedeutung, wie lang ein Gegner nach einem oder mehreren Treffern noch zurückschießt und wann von ihm keine Gefahr mehr ausgeht. Da eine Kennzahl, die zweifelsfrei Aussagen darüber zulässt, wie schnell ein bestimmtes Geschoss die Handlungsunfähigkeit des Gegners herbeiführt, eine schwerwiegende Bedeutung für den Gebrauchswaffenträger hat, fehlte es in der Vergangenheit auch nicht an Versuchen, solche Kennzahlen zu definieren und experimentell zu untersuchen.

Die ersten Versuche in dieser Richtung erfolgten in den 1920er- und 1930er-Jahren und basierten meist auf dem Impulssatz. Ihnen lag die Annahme zu Grunde, dass der Impuls, also das Produkt aus Geschossmasse und Geschwindigkeit, die wesentliche Einflussgröße ist, welche die Mannstopp-Wirkung eines Projektils bestimmt. Daneben flossen in diese Formeln noch der Geschossquerschnitt und ein Faktor für die Geschossform bzw. dessen konstruktiven Aufbau ein. Obwohl es keine theoretische Grundlage dafür gab, dass der Impuls eines Geschosses der wesentliche Bestimmungsfaktor für dessen Mannstopp-Wirkung ist, fanden diese Kennzahlen große Verbreitung und viele Anhänger bis in jüngste Zeit. Vermutlich war die banale Tatsache, dass schnelle und schwere Projektile eher als langsame und leichte geeignet sind, eine bestimmte Handlungsunfähigkeit beim Gegner herbeizuführen, so einleuchtend, dass die entsprechenden Formeln lange nicht hinterfragt wurden. Im Übrigen deckten sich die Ergebnisse ja in einem gewissen Umfang auch mit den praktischen Erfahrungen. Eine .45er hat einfach eine höhere Wirkung im Ziel als eine Waffe im Kaliber 7,65 mm Browning oder 9 mm kurz. Pbersehen wurde dabei aber, dass sich die genannten Kaliber nicht nur bezüglich ihres Geschossimpulses, sondern auch ganz erheblich in der kinetischen Energie unterscheiden, die sie ins Ziel bringen.

Impulsübertragung

Kinetische Energie im Ziel ist maßgebend

Offensichtlich wurde diese Problematik, als die Patrone 9 mm Luger immer mehr Verbreitung fand und der klassischen .45er-Pistolenpatrone vor allem im Bereich der Dienstwaffen ernsthafte Konkurrenz machte, da die Geschosse der beiden Patronen ungefähr die gleiche Mündungsenergie besitzen. Um diese beiden Patronensorten entbrannte schnell ein Streit, der meist wenig rational geführt wurde, sondern viel mehr von persönlichen Vorlieben und von Legenden dominiert war.

Nach den alten impulsorientierten Formeln schnitt dabei die .45er mit ihren langsamen und schweren Geschossen immer besser ab als die 9-mm-Patrone mit ihren schnellen und leichten Projektilen. Dem schien auch die Praxis Recht zu geben, da die schlechten Erfahrungen mit der 9 mm Luger in Bezug auf ihre Mannstoppwirkung schon fast legendär waren. Vergessen wurde dabei, dass aus Pistolen fast immer die Vollmantel-Ogival-Projektile verschossen wurden und bei dieser Geschossform die dicke und langsamere .45er natürlich mehr Energie an ein menschliches Ziel abgibt als die 9 mm Luger, die nach einem Durchschuss noch sehr viel ihrer ursprünglichen Energie besitzt.

Versachlicht wurde diese ganze Diskussion, als erkannt wurde, dass das wesentliche physikalische Wirkungskriterium eines Geschosses die Menge an kinetischer Energie ist, die es an das Ziel abgibt. Man geht dabei davon aus, dass die abgegebene Energie ein Maß dafür ist, welches Gewebevolumen ein Geschoss zerstören oder temporär beeinflussen kann. Da diese Annahme im Einklang mit der Physik steht, wird sie gegenwärtig als Grundlage der meisten modernen Theorien über die Mannstopp-Wirkung von Geschossen gesehen.

Da man sehr genau messen kann, wie groß die kinetische Energie eines Projektils ist, wäre es demnach kein Problem mehr, einen exakten Wert für die Mannstopp-Wirkung anzugeben. Für Geschosse, die den Gegner nicht durchschlagen, also ihre gesamte Energie abgeben, müsste sich ein solcher Wert einfach aus der kinetischen Energie des Geschosses ergeben.

Solche Kennzahlen auf der Basis der Geschossenergie wurden auch in verschiedenen Varianten gebildet und in Tabellen abgedruckt. Das Grundproblem des Gebrauchswaffenträgers, eine Prognose für den Einzelfall darüber abzugeben, wie lange ein potentieller Gegner noch zurückschießen kann, können sie aber nicht lösen.

Im Grunde lassen auch diese Kennzahlen nur Aussagen darüber zu, wie groß die Gewebezerstörung ist, die eine bestimmte Patrone verursachen kann. Da mit zunehmender Gewebezerstörung auch die Wahrscheinlichkeit zunimmt, dass der Gegner schnell handlungsunfähig wird, können diese Kennzahlen als Erwartungswerte für die Mannstopp-Wirkung gesehen werden. Erwartungswerte lassen aber nie Vorhersagen über einen einzelnen konkreten Fall zu.

Dies zeigt auch die Praxis. Es gibt genug Fälle, in denen Geschosse mit niedrigen Energiewerten, wie z. B. die 9 mm Luger mit Vollmantelgeschoss, zur sofortigen Handlungsunfähigkeit führten und Geschosse mit hohen Energiewerten, wie z. B. die .357 Magnum mit Hohlspitzgeschoss, zunächst keine Wirkung zeigten. Dies ist zwar theoretisch unwahrscheinlicher als die umgekehrte Wirkungsverteilung, aber es kommt eben vor. Im Übrigen kennen wir solche Effekte auch aus anderen Lebensbereichen. Dem Autofahrer, der auf der Autobahn liegen bleibt, nützt es in diesem Moment wenig, dass gerade das Modell, das er fährt, in der Pannenstatistik des letzten Jahres ganz unten platziert und somit für ihn die Wahrscheinlichkeit einer Panne sehr gering war.

Ein mittlerer Erwartungswert sagt über den Einzelfall eben nur dann etwas aus, wenn die Streuung um den Mittelwert nicht allzu groß ist. Bei der Wirkung von Munition kann man davon aber nicht ausgehen. Bei ein und der gleichen Munitionssorte gibt es sowohl gut dokumentierte Fälle, bei denen die Handlungsunfähigkeit sofort nach einem Treffer eingetreten ist, aber auch Fälle, wo lange gar keine zu beobachten war.

Ein wesentlicher Faktor dafür ist der Trefferort. Nicht jede Stelle des menschlichen Körpers ist gleich empfindlich und reagiert auf die durch 500 oder 700 Joule verursachte Gewebezerstörung in gleicher Weise. Man kann dabei auch noch zwischen einem makroskopischen und mikroskopischen Einfluss des Trefferortes unterscheiden.

Trefferort ist nicht gleich Trefferort

Unter dem makroskopischen Trefferort versteht man die Region des Körpers, also Rumpf, Arm oder Kopf, die getroffen wird. Beim mikroskopischen Trefferort kommt es darauf an, ob z. B. in einer bestimmten Körperregion ein wichtiges Organ, ein großes Blutgefäß oder ein Knochen getroffen wird.

Eine solche differenzierte Betrachtung des Trefferortes erscheint vor allem deswegen zweckmäßig, weil der makroskopische Trefferort durch den Schützen in bestimmten Grenzen frei gewählt werden kann, der mikroskopische Trefferort aber sich rein zufällig oder mit statistischer Wahrscheinlichkeit ergibt. Ob z. B. ein Hohlspitzgeschoss bei einem Rumpftreffer nur weiches Gewebe durchschlägt, überhaupt nicht aufpilzt und so auch nur einen Teil seiner Energie abgibt oder ob es sich beim Kontakt mit einer Rippe verformt, kann auch vom besten Schützen nicht vorherbestimmt werden.

Dazu kommen noch andere Einflussgrößen, die ebenfalls stark schwanken können und die auch durch den Beschuss des realistischsten Vergleichsmediums nicht abgebildet werden können. Dies sind vor allem der physiologische und psychologische Zustand des Getroffenen. Hier hat sich vor allem gezeigt, dass ein hoher Spiegel von Stresshormonen, aber auch manche Drogen und Alkohol dazu führen, dass der Getroffene in den ersten Sekunden nur sehr gering auf den Treffer reagiert oder ihn unter Umständen gar nicht wahrnimmt. All dies ist zum Teil noch sehr wenig erforscht und lässt sich vermutlich auch nicht in irgendeiner Kennzahl ausdrücken. Noch schwieriger fassbar als die rein physiologischen Einflussgrößen, die man zumindest theoretisch noch messen könnte, sind die psychologischen Faktoren, die sich auf das Eintreten der Handlungsunfähigkeit nach einer Schussverletzung auswirken. Von der Jagd ist der Effekt bekannt, dass das getroffene Wild umso stärker zeichnet*, je mehr es vom Treffer überrascht wird. [* Anm. v. Cernunnos: mit „zeichnen“ ist hier wohl die sichtbare Reaktion des Tieres auf den Treffer gemeint.]

Dies dürfte im Verteidigungsschießen, außer bei heimtückischen Anschlägen, keine große Rolle spielen, da jeder, der sich in einem Feuergefecht befindet, bereits einen hohen Grad der mentalen Alarmierung erreicht hat. Ein Effekt, der aber sicher eine Rolle spielt, ist die individuelle psychische Wahrnehmung der Tatsache, dass man getroffen wurde. Allein die Erkenntnis, getroffen worden zu sein, kann in einem Fall zu einem schockartigen Zustand der Handlungsunfähigkeit führen und im anderen Fall keinerlei Einfluss auf die Handlungsfähigkeit haben. Häufig wird in diesem Zusammenhang auch erwähnt, dass gerade Menschen, die sich in einem Zustand starker emotionaler Erregung befinden, besonders lange nach einem Treffer noch handlungsfähig bleiben und oft selbst kaum registrieren, dass sie getroffen worden sind. Aber auch daraus lassen sich keine exakten Werte für die Wirkung von Munition im konkreten Einzelfall ableiten.

Handhabbare Waffen-Munitions-Kombination

Insgesamt sind die Faktoren, die sich auf die Zeit der Handlungsfähigkeit nach einem Treffer auswirken, so vielschichtig und zufällig, dass man eben keine präzisen Prognosen für den Einzelfall anstellen kann. Alle Kennzahlen zur Mannstopp-Wirkung können dabei immer nur Wahrscheinlichkeiten und Erwartungswerte angeben, die relativ weit um diesen Mittelwert streuen können.

Will man im Verteidigungsschießen diesem Spiel mit Wahrscheinlichkeiten entrinnen, müsste man Patronen verwenden, deren Geschosse eine kinetische Energie besitzen, die weit über den Größenordnungen üblicher Kurzwaffenmunition liegt. Nur dann könnte man mit Sicherheit davon ausgehen, dass ein Treffer immer sofort zur Handlungsunfähigkeit führt. Da solche Kaliber und Patronen aber aus unterschiedlichen Gründen für reale Verteidigungswaffen ausscheiden, bleibt einem nichts übrig, als damit zu leben, dass die gängigen Kurzwaffenpatronen zwar im Einzelfall schon bei einem Treffer zur sofortigen Handlungsunfähigkeit führen können, dass dies aber nicht die Regel ist und viel eher davon ausgegangen werden muss, dass ein Gegner selbst nach mehreren Treffern noch sekunden-, wenn nicht sogar minutenlang handlungsfähig bleibt.

Für die Praxis reicht es natürlich nicht aus, nur zur Kenntnis zu nehmen, dass dies so ist. Hier müssen vielmehr die Folgerungen im Vordergrund stehen, die man daraus für das Verteidigungsschießen ziehen kann.

An erster Stelle ist dabei die Waffen-Munitions-Kombination zu betrachten. Geht man davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit der schnellen Handlungsunfähigkeit des Gegners mit der Energiemenge, die ein Geschoss an den Körper abgibt, zunimmt, scheint die Folgerung daraus einfach. Eine möglichst starke Patrone mit einem Geschoss, das schon nach wenigen Zentimetern Eindringtiefe seine gesamte Energie abgibt, müsste die Lösung sein, wenn man nur diese einfache Überlegung bei der Wahl von Waffe und Munition berücksichtigt.

Bei realen Verteidigungswaffen, die man eventuell auch noch verdeckt führen will, hat die kinetische Energie der Geschosse aber Grenzen. Mit der Energie der Geschosse wachsen auch der Rückstoß und die Größe der Waffe. Die Superkaliber mit 1800 oder 2000 Joule Mündungsenergie wären zwar aus dem Betrachtungswinkel der Mannstopp-Wirkung wünschenswert, aber sie sind als Verteidigungswaffen kaum mehr handhabbar. Die Energie, die man pro Schuss ins Ziel bringt, wird sich daher zumindest in nächster Zukunft in den Größen bewegen, in denen die heute üblichen Verteidigungskaliber liegen. Im Wesentlichen ist dies der Bereich von 500 bis 800 Joule. Dabei ist 500 Joule keine magische Grenze, die keinesfalls unterschritten werden darf, aber diese Kaliber lassen sich auch bei schnellen Schussfolgen noch gut beherrschen, und die entsprechenden Waffen dafür bewegen sich in Größen, die ein ständiges Führen zulassen. Kleinere Waffen haben nur Vorteile beim verdeckten Führen unter extremen Bedingungen, wie z. B. Sommerkleidung, sind aber von ihrer Ergonomie für normale Hände meist ungünstiger in der Handhabung und beim Schuss.

Und auch bei der Geschosskonstruktion wäre eine alleinige Optimierung im Hinblick auf eine schnelle Energieabgabe eine zu enge Betrachtungsweise. Will man sicherstellen, dass sich ein Geschoss so schnell zerlegt und seine Energie abgibt, dass es auch bei einem Extremitätentreffer zu keinem Ausschuss kommt, müsste man auch damit leben, dass ein solches Projektil kaum mehr in der Lage ist, schwache Deckungen wie Autotüren oder Holzwände zu durchschlagen.

Unterschiedliche Geschossaufbauten führen zu unterschiedlichen Verformungen im Ziel und damit zu unterschiedlicher Energieabgabe.

Unterschiedliche Geschossaufbauten führen zu unterschiedlichen Verformungen im Ziel und damit zu unterschiedlicher Energieabgabe.

In die Schießfertigkeit investieren

In der Praxis muss man daher nach einem Kompromiss suchen. Dieser kann in der Verwendung z. B. von Teilmantel- oder Vollmantelflachkopfgeschossen liegen, die mehr Energie abgeben als Vollmantelgeschosse in der militärischen Ogivalform. Er kann aber auch in der Verwendung von Mischladungen liegen. Dabei lädt man in eine Trommel oder ein Magazin die einzelnen Patronen so, dass zunächst die weicheren Geschosse, die Energie abgeben, zugeführt werden und darauf Patronen folgen, die über eine höhere Durchschlagskraft verfügen. Das entspricht zumindest dem typischen Verlauf vieler Feuergefechte, die zunächst aus der offenen Stellung und dann unter Nutzung von Deckungen geführt werden.

Munitions- und Waffenwahl und die daraus resultierenden Betrachtungen über Mündungsenergie und Geschossaufbau berücksichtigen aber nur einen Aspekt der Wirkung eines Treffers. Genauer gesagt, geben sie sogar nur die potentielle Wirksamkeit dieser Munitionssorte im Vergleich zu anderen Munitionssorten an.

Für die Wahl einer Verteidigungswaffe oder eines Verteidigungskalibers sind aber auch unter dem Gesichtspunkt der Mannstopp-Wirkung andere Aspekte ausschlaggebend als die bloße Energieabgabe im Ziel. Mit einer rückstoßärmeren Patrone lassen sich viel schnellere Serien schießen und somit eher Mehrfachtreffer erzielen als mit einer starken Laborierung. Zwei Treffer mit je 500 Joule abgegebener Energie sind immer noch wirksamer als ein Treffer mit 800 Joule. Darüber hinaus erhöht sich bei Mehrfachtreffern auch die Wahrscheinlichkeit, zumindest mit einem der Geschosse einen entscheidenden Punkt zu treffen. Patronen geringeren Durchmessers bieten eher die Möglichkeit einer großen Magazinkapazität in einer Waffe als sehr großvolumige Munitionssorten. Auch dies begünstigt das schnelle Schießen mit dem Ziel, mehrere Treffer anzubringen.

Ein Aspekt, der in diesem Zusammenhang selten genannt wird, ist der Preis der verschiedenen Munitionssorten. Berücksichtigt man, dass für die Wirkung im konkreten Fall der Trefferort eine ausschlaggebende Bedeutung hat, ist die Schießfertigkeit, die ein Schütze besitzt, für die Mannstopp-Wirkung, die er erzielen kann, mindestens genauso wichtig, wie der Energieinhalt der Geschosse. Da man Schießfertigkeit aber nur durch intensives Üben erlangen kann, muss man bei der Ausbildung von Gebrauchswaffenträgern auch von einem entsprechenden Munitionsansatz ausgehen. Gerade bei privaten Waffenträgern zeigt sich, dass die Neigung, intensive Programme zu schießen, deutlich mit der Zunahme des Munitionspreises abnimmt. Man sollte sich daher gründlich überlegen, ob man sich für ein exotisches Kaliber entscheidet, das zwar 150 oder 200 Joule mehr ins Ziel bringt, aber bei dem jede Patrone das Doppelte oder Dreifache kostet als die Munitionssorten der Standardkaliber.

Im Zweifelsfall sollte man immer eher in die Schießfertigkeit als in ein paar Joule mehr Mündungsenergie investieren. Der Schlüssel, um auf den Trefferort den entscheidenden Einfluss zu nehmen, liegt in einer guten Schießausbildung.

Zunächst wird man dabei darauf Wert legen, mehrere Treffer schnell im Zentrum der Mannscheibe zu platzieren. Vor dem Hintergrund des oben Gesagten wird deutlich, warum man im Verteidigungsschießen normalerweise nicht Einzelschüsse abgibt, sondern mindestens Doubletten. In einer guten Ausbildung sollten auch reaktive Ziele, wie hinter der Mannscheibe angebrachte Tontauben oder Dachziegel, zum Einsatz kommen, die den Schützen zwingen, während des Schießens die Wirkung seiner Treffer zu beobachten und darauf zu reagieren. Routinen, wie z. B. nach jeder Doublette die Waffe aus dem Anschlag zu nehmen, ohne auf die Wirkung der eigenen Schüsse zu reagieren, bilden sich leicht im Schießstandbetrieb aus und können im Ernstfall gefährlich sein.

Besser ist es, Routinen zu erlernen, die auf den Ernstfall abgestimmt sind. Dazu wurde z. B. gelehrt, dass man zunächst so schnell wie möglich zwei Schuss auf den Rumpf der Mannscheibe und dann einen gezielten Schuss auf den Kopf abgibt. Diese Methode (Mosambik Drill) wurde dann in Frage gestellt, da verschiedentlich Fälle vorgekommen sind, in denen der Gegner verdeckt eine Schutzweste trug, die Körpertreffer somit wirkungslos blieben und der einzelne Schuss auf den Kopf leicht sein Ziel verfehlt. Als Reaktion darauf wurde dann gelehrt, nur einen Schuss auf den Rumpf und danach zwei auf den Kopf abzugeben.

Aber auch eine solche Übung löst das grundsätzliche Problem nicht. Zweckmäßiger ist es, zunächst eine Doublette auf den Rumpf abzugeben und danach so lange auf den Kopf weiterzuschießen, bis eine Wirkung eintritt. Die Wirkungsdarstellung kann man wieder mit einer Tontaube realisieren, die hinter der Mannscheibe im Kopfbereich angebracht ist. Die Doublette zu Beginn des Feuerkampfes hat ihre Begründung darin, dass bei einer guten Schießtechnik weniger als 0,2 Sekunden zwischen beiden Schüssen mit gleichem Haltepunkt liegen und dies ein Zeitverlust ist, der gegenüber der hohen Trefferchance im Rumpfbereich und der geringen Wahrscheinlichkeit, auf einen Gegner mit Schutzweste zu treffen, hinzunehmen ist. Das Schießen auf den Kopf entspricht dann dem Versuch, die Körperregion, die einerseits am empfindlichsten ist, aber auch andererseits am schwersten zu bekämpfen ist, zu treffen. Grundsätzlich muss aus dem Aspekt der Mannstopp-Wirkung heraus die Forderung aufgestellt werden, in jedem Feuergefecht so lange weiter zu schießen, bis die Handlungsunfähigkeit des Gegners sicher eingetreten ist.

Man muss in diesem Zusammenhang aber auch erwähnen, dass jeder Schusswaffengebrauch gegen Menschen ein gerichtliches Nachspiel hat. Dabei können Mehrfachtreffer als Notwehrüberschreitung ausgelegt werden. Auch heute wird in Gerichtsverhandlungen immer wieder die Frage gestellt, ob ein Schuss auf Arme oder Beine den gegenwärtigen Angriff nicht auch beendet hätte. Dass selbst für überdurchschnittliche Schützen diese Körperteile in der Bewegung kaum zu treffen sind und die einzige Chance, einen sicheren Treffer anzubringen, beim Schießen mit Haltepunkt Körpermitte besteht, wird dabei oft nicht berücksichtigt. Nicht alles, was taktisch oder schießtechnisch zweckmäßig wäre, um in einem Feuergefecht zu überleben, ist eben vor dem Hintergrund einer folgenden Gerichtsverhandlung völlig unproblematisch.

Taktische und rechtmäßige Routinen aneignen

Darüber, dass man dadurch das Risiko in einem Feuergefecht einseitig dem Angegriffenen auflädt, lässt sich lange diskutieren. Es ändert aber nichts daran, dass man gut beraten ist, sich im Ernstfall so zu verhalten, dass der rechtmäßige Schusswaffeneinsatz auch vor Gericht Bestand hat.

Da man im Ernstfall nicht mehr viel überlegen kann, muss die Ausbildung Routinen enthalten, die sowohl taktisch als auch rechtmäßig zweckmäßig sind. Ein gezieltes Schießen auf den Kopf sollte dabei in der Ausbildung auch nur bei Angriffen vorkommen, die so schwerwiegend sind, dass sie ein solches Vorgehen rechtfertigen.

Dennoch sollte vor allem bei Fortgeschrittenen die Fähigkeit, den Kopf des Gegners zu treffen, in der Schießausbildung erreicht werden. Im Extremfall ist dies der einzige Trefferort, um schnell die Handlungsunfähigkeit herbeizuführen. Daneben wird gerade in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit der Deckungsnutzung als taktische Grundregel deutlich. Gerade wenn man berücksichtigt, dass auch nach einem Treffer nicht mit einer sofortigen Handlungsunfähigkeit des Gegners zu rechnen ist, ist es sinnvoll, eine Deckung auch noch nach der ersten Schussabgabe aufzusuchen.

Über Cernunnos

Mein Blog: "Cernunnos' Insel" https://cernunninsel.wordpress.com/
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