Die Waffen der Revolverhelden des Wilden Westens

Colt Model 1847 Walker

Colt Model 1847 Walker

Von C. F. Eckhardt, aus Heft 6-1985 der „Schweizer Waffenmagazins“. (Zuvor erschienen: Die Revolverhelden des Wilden Westens) (Die Bilder stammen nicht aus dem Originalartikel)

Für einen alten Texaner wie mich ist einfach jede Faustfeuerwaffe („Gun“) ein Colt. Ich war schon etwa siebzehn, als ich draufkam, dass es außer Colt noch andere Firmen gab, die Faustfeuerwaffen in einem größeren Kaliber als .22 herstellten. Kein Wunder: Wenn man bei uns in Texas ein Handschuhfach irgendeines Ranch-Fahrzeugs öffnete, fiel unweigerlich ein Colt heraus; meist ein „Daumentöter“ oder Single Action Army oder dann ein New Service (Ordonnanzmodell), es konnte aber auch ein Army Special oder ein Police Positive sein. Wenn ein alter Texaner „Gun“ sagte, meinte er „Colt“.

Colt und die Texaner

Colt Paterson 1836, 5. Modell, im Kaliber .36.

Colt Paterson 1836, 5. Modell, im Kaliber .36.

Samuel Colt, Inhaber der Patent Repeating Firearms Company in Paterson, New Jersey, stellte die ersten mehrschüssigen Faustfeuerwaffen her, die man bequem auf sich tragen konnte. Die Grundlage zu seinem späteren Erfolg legte er 1859, als er nach Texas kam, um Schusswaffen zu verkaufen. Die Republik Texas bestellte bei ihm 250 „Gürtel-Repetierpistolen“ (also Revolver) und 100 sechsschüssige Stutzen, und Colt erklärte sich bereit, texanische Dollars zum Kurs von 4 zu 1 US-Dollar anzunehmen. Das war ein verhängnisvoller Fehler, obwohl er schließlich dank diesem Handel sein Glück machte.

Insgesamt erhielt Texas von Colt etwa 100 der bestellten Revolver, doch der texanische Dollar sank und sank, bis er einen Tiefpunkt von rund 50:1 US-Dollar erreichte. 1841 machte Colt Pleite, hauptsächlich infolge dieses Handels mit Texas. Doch Colts Revolver landeten bei den Texas Rangers, der freiwilligen texanischen Miliz, die gegen die Indianer kämpfte. Hauptsächlich unter der Führung des jungen John Coffee Hays aus Tennessee (auch „Devil Jack“ genannt) entwickelten die Texas Ranger Taktiken für die mit Faustfeuerwaffen ausgerüstete leichte Kavallerie, die beibehalten wurden, bis die letzten kampffähigen Kavalleristen in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts als Panzerbesatzungen in Tanks gesteckt wurden.

1846 ließen sich die Rangers bis fast auf den letzten Mann als Erstes (freiwilliges) berittenes Scout-Regiment in General Zachary Taylors Mexikanische Kriegsarmee anwerben, und natürlich nahmen sie ihre Revolver mit. Der alte Haudegen Taylor nahm ihre Waffen und Taktiken in Augenschein und fand sofort, er könne noch mehr solche Schießeisen brauchen – sehr viel mehr sogar. Es stellte sich heraus, dass Sam Colt mittlerweile bei der Firma Ely Whitney als Maschinenschlosser beschäftigt war und Pflugscheiden und Eggenzinken herstellte. Die texanische Regierung bot ihm einen Vertrag für 1000 neue Revolver, die nach Anregungen des Ranger-Leutnants Samuel Walker zu verbessern waren. Walker zeigte Sam Colt, wo die Schwachstellen des Paterson-Revolvers lagen, und gemeinsam brachten der Erfinder und der Offizier eine 2,065 kg schwere Holster-Kanone zustande, die heute als „Walker Colt“ oder „Whitneyville Dragoon“ bekannt ist. Von dem Tage an war für einen Texaner jeder Sechsschüsser ein Colt.

Jesse James bevorzugte Smith & Wesson

Smith & Wesson Model No. 3 Schofield Single-Action-Revolver, frühes 2. Modell

Smith & Wesson Model No. 3 Schofield Single-Action-Revolver, frühes 2. Modell

Doch auch Smith & Wesson-, Remington-, Merwin & Hulbert- und sogar Webley-Revolver wurden vereinzelt im Grenzgebiet verwendet. Jesse James bevorzugte Smith & Wesson, und mit seinem eigenen Revolver, einem S&W Nr. 4, soll Bob Ford ihn erschossen haben – oder doch jemanden, den Bob Ford für Jesse James hielt, aber das ist eine Geschichte für sich.

Wyatt Earps Buntline Colt

Colt SAA „Buntline Special“ in .45 Long Colt mit 12“ langem Lauf.

Colt SAA „Buntline Special“ in .45 Long Colt mit 12“ langem Lauf.

Wyatt Earp besaß mehrere Faustfeuerwaffen, darunter auch den berühmten Buntline Special Colt, aber seine Lieblingswaffe, die er auch beim O.K.-Corral-Kampf auf sich trug, war ein Smith & Wesson American Kaliber .44 mit einem 8-Zoll-Lauf.

In einer anderen berühmten Schießerei, die 1879 in Dodge City im Staate Kansas ausgetragen wurde, wurde Levi Richardson von „Cockeyed“ Frank Loving mit einem Remington Kaliber .44 erschossen.

Remington 1875 in .45 Long Colt.

Remington 1875 in .45 Long Colt.

Und als Charles E. Bolton, der als „Black Bart“ die Poststation von Wells Fargo ausraubte und in den leeren Expressfächern beleidigende Knittelverse hinterließ („I’ve laboured long and hard for bread, for honor and for riches, but on my corns too long you’ve tread, you fine-haired sons of bitches“), von Pinkertons Agenten in einem Hotelzimmer in San Francisco verhaftet wurde, fanden diese in einer Schublade seinen Merwin & Hulbert, Kaliber .44.

Sowohl Oberstleutnant George A. Custer als auch sein Bruder Hauptmann Tom Custer waren in der Schlacht am Little Big Horn mit Royal Irish Constabulary-Webleys im Kaliber .450 Eley bewaffnet. Einer von Tom Custers Webleys befindet sich heute noch im Familienbesitz, doch von Georges versilberten, gravierten RIC-Webleys mit Elfenbeinschäften ist keiner je wieder aufgetaucht. Bekanntlich haben die Sioux-Indianer bei der Einweihung des Wounded-Knee-Denkmals eine Anzahl versiegelter Bündel darin verschlossen, und es geht das Gerücht, dass eins dieser Bündel Custers Revolver enthalte. Wenn dem so ist, dann sind sie mindestens bis 1994 unerreichbar; das ist der Zeitpunkt, zu dem das Denkmal geöffnet werden soll.

Der Colt 1873 Army-Revolver

colt model 1873 single action army cavalry revolver 44

Die „Gunfighter Gun“, der Colt 1873 Army, war, was den Wilden Westen betrifft, ein Spätankömmling, doch als er kam, wurde er von Ordnungskräften wie Kriminellen gleichermaßen mit Begeisterung aufgenommen. Als 1874 die Texas Rangers zur offiziellen Polizei- und Miliztruppe des Staates Texas ernannt wurden, wurde an die neu rekrutierten Rangers ein ’73er Colt Kaliber .45 mit 7 ½“-Lauf sowie ein Sharps-Militärkarabiner Kaliber .50 abgegeben, wobei letzterer soeben bei der amerikanischen Kavallerie abgeschafft worden war. Die Rangers liebten ihre Colts, doch die meisten von ihnen hassten die schweren und schwerfälligen Sharps, die sich rasch erhitzten und unpräzise waren. Natürlich handelte es sich hier nicht um die berühmten „Big Fifty“-Büffelgewehre des selben Herstellers.

Der neurekrutierte Ranger bezog einen Sold von 40 Dollar monatlich, und der großzügige texanische Staat zog ihm den Preis seines neuen Sechsschüssers und des Karabiners vom ersten Monatssold ab. Zudem gab der Staat Texas an jeden Ranger im „normalen Dienst“ – der also nicht der Spezialeinheit oder dem Grenzbataillon angehörte – 100 Schuss Revolvermunition und 100 Schuss Karabinermunition im Jahr ab. Schoss ein Ranger mit der einen oder anderen seiner Waffen innert eines Kalenderjahres mehr als hundertmal, so tat er dies auf eigene Kosten. Eine der ersten Anschaffungen jedes frischgebackenen Rangers war deshalb ein „Ideal“-Wiederladegerät, und dieses benützte er, bis die Hülsen völlig durchgewetzt waren. Ein schlechter Schütze war nämlich „auf Patrouille“ völlig unbrauchbar. Und die meisten Rangers waren ursprünglich Cowboys gewesen, die ja bekanntlich meist „nicht einmal einen Stier mit einer Baßgeige trafen“.

Es haperte mit der Treffsicherheit

Doch selbst bei aller Schießpraxis waren die „deadly Texas Rangers“ nicht immer gar so tödlich. In seiner Autobiographie „Six Years with the Texas Rangers“ beschreibt James E. Gillette einen Vorfall, der sich in einem Ranger-Lager bei Mason, in den zentraltexanischen Bergen, ereignete. Ein Indianer versuchte sich nachts anzuschleichen und die Pferde der Rangers zu stehlen, die militärisch in Reih und Glied angepflockt waren. Entdeckt wurde er aber nicht etwa von den Helden des Grenzbataillons, sondern vom Maultier des Lagers, das losschrie. Die Rangers rollten sich aus den Wolldecken, Sechsschüsser in der Hand, entdeckten den Indianer und eröffneten das Feuer. „Wir müssen gut hundert Schuss auf ihn abgegeben haben“, berichtet Gillette, „doch er entkam unverletzt. Immerhin hatten wir das Gefühl, er würde nicht so bald wieder in ein solches Wespennest greifen.“

Die .44-40-Colt Revolver

Winchester 1873 im Kaliber .44-40

Winchester 1873 im Kaliber .44-40

1878 kaufte der texanische Staat zwei Kisten Winchester 1873-Repetierer, eine mit Karabinern und eine mit Langgewehren, und räumte den Rangers dafür zum Selbstkostenpreis das Vorkaufsrecht ein. Alle waren im Kaliber .44 Winchester Zentralfeuer, ein Kaliber, das später als .44-40 bekannt wurde. Für die Rangers waren die leichten, handlichen und verhältnismäßig präzisen Repetierbüchsen genau das Richtige, und Colt bemerkte das. 1880 brachte er den ‚73er-Revolver in drei Winchester-Kalibern heraus, dem .44-40, dem .38-40 und dem .32-20. Darauf versuchte seine Firma den Rangers seinen .44-40-Revolver, „Frontier“ genannt, zu verkaufen.

Nun lieferte der texanische Staat seinen Rangers zwar immer noch alljährlich Munition für die alten Sharps-Karabiner, doch er lieferte niemals die Patronen für die .44-40-Winchester-Gewehre, und nach zwei Jahren andauernden Wiederladens hatten die Rangers schon ziemlich devastierte .44-40er-Hülsen. Der erste .44-40-Colt-Revolver wurde denn auch mit einer solchen wiedergeladenen Patrone getestet, und infolge eines vorragenden Zündhütchens wurde die Trommel blockiert. Von jenem Tag an wollte kein Texas Ranger mehr etwas von einem .44-40-Revolver wissen, und damit auch kein anderer Texaner.

Colt New Service Double Action, hier im Kaliber .41 Colt.

Colt New Service Double Action, hier im Kaliber .41 Colt.

Als ich achtzig Jahre später als junger Deputy Sheriff in den Polizeidienst trat, wurde mir privat ein fast neuer Colt New Service Double Action-Revolver zum Kauf angeboten; fabrikvernickelt, mit 4-Zoll-Lauf und Elfenbeingriffschalen, deren rechte Seite mit einem Stierkopf in Hochrelief mit eingelegten Rubinaugen verziert war. In den Griffschalen war außerdem ein Colt-Medaillon eingelegt. Das Kaliber war .44-40, und der Preis, schon für damalige Verhältnisse günstig, betrug 125 Dollar. Doch mein Chef, der Bezirkssheriff, sagte mir: „Hände weg von diesem Vierungvierzig-Vierziger, mein Junge. Wenn du den mal brauchst, klemmt er garantiert. Kauf dir lieber einen Fünfundvierziger!“ Das tat ich denn auch – und hätte mich seit zwanzig Jahren dafür ohrfeigen können! Die Griffschalen allein haben heute einen Sammlerwert von weit über 1000 Dollar, ganz zu schweigen von dem fabrikvernickelten New Service Colt, der an sich eine Rarität ist.

Mieder- und Strumpfbandkanonen

Remington-Doppelderringer im Kaliber .41 Rimfire, hergestellt ca. 1868.

Remington-Doppelderringer im Kaliber .41 Rimfire, hergestellt ca. 1868.

Abgesehen von den sechsschüssigen Revolvern und den Winchester-Gewehren trugen die Leute im Wilden Westen – Revolverhelden, Ordnungshüter und gewöhnliche Bürger – sogenannte „Stingy Guns“ – also Klein-Faustfeuerwaffen. Es gab da die verschiedensten Typen, von den Westentaschenmodellen im Kaliber .22 und den Strumpfbandkanonen im Kaliber .32 oder den Miederkanonen, die von den Halbweltdamen bevorzugt wurden, bis zu den kurzläufigen Taschenschießeisen im Kaliber .45. Bei weitem am beliebtesten und auch jeute noch am bekanntesten war die doppelläufige Remington-Pistole, genannt „Derringer“. Im Laufe der Jahre wurde sie in den verschiedensten Kalibern hergestellt, und ich habe sogar ein Monstrum mit 6-Zoll-Läufen im Kaliber .45 Colt gesehen, doch das beliebteste Kaliber war das .41 Rimfire.

„Derringer“ ist ein Begriff; man versuchte damit vom Ruhm des Namens Henry Deringer zu profitieren. Deringer war ein Büchsenmacher aus Philadelphia, Pennsylvania. (Er war elsässischer Abstammung und hieß ursprünglich „De Ringer“.) In den 1850er und 1860er Jahren stellte er hochwertige, sehr teure Büchsen und „Herrenpistolen“ her.

Wie der Deringer Geschichte machte

Einschüssige Deringer-Vorderladerpistole

Einschüssige Deringer-Vorderladerpistole

Außerdem fertigte er für seine reichen Kunden ein paar kleine Vorderlader-Perkussions-Taschenpistolen. Zu diesen Kunden zählte auch John Wilkes Booth, Sohn des berühmten Shakespeare-Darstellers Junius Booth und Bruder des ebenso berühmten Schauspielers Edwin Booth.

John Wilkes Booth war bei weitem der bestaussehende und der unbegabteste der Familie. Als Schauspieler wurde er von den Theaterbesucherinnen seiner Schönheit wegen angehimmelt, doch von den Theaterkritikern konstant verrissen, weil er bei weitem nicht das Niveau seines Vaters oder Bruders erreichte. Doch im April 1865 sorgte John Wilkes Booth in Ford’s Theater in Washington dafür, daß sein Name diejenigen seines Vaters und Bruders überdauerte. Während der Aufführung der englischen Komödie „Our American Cousin“ erschoss er den amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln mit seiner Deringer-Taschenpistole.

Dadurch wurde der Name Deringer gleichbedeutend mit einer kleinen Taschenpistole. Sogleich begannen verschiedene Schusswaffenproduzenten Taschenpistolen verschiedener Art herzustellen, und insbesondere Remington bot seine Patronen-Taschenpistole unter dem Namen „Derringer“ an.

Henry Deringer verklagte Remington und andere deswegen; das Verfahren zog sich über fast zehn Jahre dahin, bis es Deringer endlich gewann, doch kurz darauf starb er. Die Gerichte entschieden, dass seine Erben keinen Anspruch auf die ihm zugesprochenen Entschädigungen hätten.

Die Patrone .41 Rim Fire

Patronen des Kalibers .41 Rim Fire im heutigen Zustand, mit oxidierten Bleigeschossen.

Patronen des Kalibers .41 Rim Fire im heutigen Zustand, mit oxidierten Bleigeschossen.

Die .41-Randfeuerpatrone, die populärste Munition der verdeckt getragenen Taschenpistolen, war kaum länger als das letzte Glied eines Männerdaumens und schwächer als eine normale -22-Patrone. Ein Test ergab, dass eine .41-Randfeuer, aus etwa 1,5 m Distanz mit einer Remington-Derringer verschossen, ein 2,6 cm dickes Tannenholzbrett nicht durchschlägt. Es gibt da eine – vielleicht sogar wahre – Geschichte von einem Cowboy aus Arizona, der über den Kartenspieltisch hinweg mit einer Remington .41 in die Stirn geschossen wurde. Die Kugel traf ihn genau oberhalb des Nasenrückens, sauste zwischen Haut und Schädelknochen durch und kam über dem rechten Ohr wieder heraus. Die Folgen waren zwei böse Narben und fürchterliche Kopfschmerzen, mehr nicht. Doch diese Waffe konnte auch tödlich sein. Mir persönlich ist ein Fall bekannt, wo in Lampases, Texas, im Jahr 1956 ein Remington-Derringer mit dem Hammer nach unten auf einen Steinboden fiel. Ein Schuss löste sich, traf einen Danebenstehenden in die obere Leistengegend, prallte am Beckenknochen ab und raste nach oben durch die Eingeweide, die an sieben Stellen durchbohrt wurden. Der Mann brauchte zum Sterben eine ganze Woche.

Der Derringer war eine berüchtigte Waffe – nicht etwa wegen seiner Mannstoppwirkung, die ja praktisch nicht vorhanden war, und auch nicht wegen des – meist ohnehin geringen – Schadens, den sie selbst anrichtete, sondern wegen der Wirkung, die sie hatte, wenn man die Patrone manipulierte. Aber machen Sie sich nun bloß keine falschen Vorstellungen: „Dum-dum“-Geschosse im Kaliber .41 Randfeuer hat es nie gegeben! Doch wenn einer ein ausgekochter Schweinehund war, dann nahm der die Patrone, kratzte das Fett aus den freiliegenden Rillen im Geschoss und füllte diese mit frischem Mist. Schoss man jemanden mit einer so behandelten Patrone an, so mochte die Verletzung an sich zwar nicht tödlich sein, aber die damit verbundene Tetanus-Infektion war es garantiert.

Auch James Butler Hickok, der wegen seiner großen Nase den Übernamen „Duckbill“ (Schnabeltier) trug, bis ihn Ned Buntline (Edward Zane Carrol Judson) für seine Groschenromane in „Wild Bill Hickok“ umtaufte, pflegte diesen schmutzigen Trick anzuwenden. Vermutlich war auch die Derringer-Patrone, mit der er Phillip Coe in den Rücken schoß, so behandelt, doch sie durchbohrte Coe außerdem die Milz, so dass er innerlich verblutete, ehe der Tetanus einsetzte.

Ein Original-SAA wird getestet

Die damaligen Kombinationen von Faustfeuerwaffen und Munition waren übrigens nicht sehr präzise. Jedenfalls haben Tests aus jüngerer Zeit gezeigt, dass ein Original-Colt Single Action Army, geladen mit Munition der Jahrhundertwende, selbst in einer Einschießmaschine nicht sehr genau schießt.

Colt Single Action Army mit 7 ½“ langem Lauf, Kaliber .45 Long Colt

Colt Single Action Army mit 7 ½“ langem Lauf, Kaliber .45 Long Colt

1974 war ich nämlich in Garland, Texas, an einem Test mit einem Colt .45 Single Action Army aus dem Jahr 1899 und Munition der Union Metallic Cartridge Company von 1905 mitbeteiligt. Die Patronen wurden zuvor restauriert, indem man die Geschosse herauszog und neu fettete, weil das Originalfett verhärtet war und die ursprüngliche Präzision vermindert hätte. Die Original-Schwarzpulverladungen in den Patronen wurden ersetzt und die neugefetteten Geschosse wieder in der ursprünglichen Tiefe eingesetzt. Der Revolver wurde in eine Einschießmaschine eingespannt, und es wurden 25 Schuss auf ca. 20 Yards Distanz auf eine Papierzielscheibe abgegeben. Das Schussbild wies 5-Schuss-Streukreise von durchschnittlich 12,2 cm auf.

Bescheidene Präzision

Der Revolver befand sich in tadellosem Zustand, der Fehler konnte also nicht hier liegen, und die Munition war vermutlich eher noch genauer als im Originalzustand. Anschließend wurde mit dem selben Revolver moderne Munition verschossen, worauf der Streukreis auf weniger als 5 cm zusammenschrumpfte. Schließlich wurden die verbleibenden 25 Schuss Munition von 1905 aus einer modernen Faustfeuerwaffe verschossen, und auch hier war der Streukreis merklich enger.

Daraus ergibt sich folgendes: Ein Revolverheld oder Sheriff, der quer durch einen Saloon oder über eine staubige Straße hinweg auf einen Mann schießt, wird sich über die Streuung wie die oben erwähnte kaum Gedanken machen. Wenn aber einer eine Flasche entkorken will, indem er auf den Flaschenhals schießt, oder jemandem die Zigarette aus dem Mund schießen will, wird ihm das bestimmt etwas ausmachen.

Die Büchsen waren im allgemeinen etwas präziser, aber wenn man bedenkt, dass das übliche Ziel ein Mensch oder noch Größeres war, spielte ein bißchen Streuung wohl kaum eine große Rolle.

Die Waffen der Kunstschützen

Die Trickschützen des 19. Jahrhunderts – darunter Annie Oakley und Frank Butler – benützten meist Waffen mit glatten Läufen und Luftgewehrmunition, oder für Präzisionsarbeit Sportgewehre im Kaliber .22 mit Matchmunition. Mit einem Gewehr im Kaliber .22 schoss Annie Oakley auch dem künftigen Kaiser Wilhelm eine Zigarette aus dem Mund, doch das tat sie nur widerstrebend und auf sein Drängen hin, weil sie wußte, dass die kleinste Unregelmäßigkeit in der Munition sie zu der Frau machen konnte, die dem deutschen Kronprinzen die Nase abgeschossen hatte.

„Jemandem die Zigarette aus dem Mund schießen“ war eigentlich ein Variété-Trick. Die „Zigarette“ war ein hohles Röhrchen mit ganz wenig Tabak am einen Ende. Das „Opfer“ war ein Mitglied der Truppe, das unters Publikum geschmuggelt wurde. Er trug die vorbereitete Zigarette stets bei sich. Vor dem Publikum drehte er sich ostentativ eine Zigarette, ließ sie verschwinden und ersetzte sie durch die Trickzigarette. Dann bezog er Position und zündete sich die „Zigarette“ an, wobei er darauf achtete, nicht mehr als einen Zug zu nehmen, damit der Tabak nicht ganz verbrannte. Nun schoss der Schütze eine Platzpatrone ab, und zwar so, dass weder der Pfropfen noch das Mündungsfeuer den Raucher berühren konnte. Gleichzeitig blies der Mann ins Röhrchen, so dass Asche und Tabak vorne herausgepustet wurden, nahm dann das Röhrchen blitzschnell aus dem Mund und zertrat es. Das Ergebnis war spektakulär – Asche und Tabak über die ganze Bühne verstreut! – und war sehr viel weniger riskant als die echte Kunstschützenleistung.

* * *

Eine kurze Biographie von Charles Frederick Eckhardt ist hier auf Frontier Tales zu finden.

Nächster Teil: Die Holster der Revolverhelden des Wilden Westens

Weitere Artikel:

Test: American Derringer von Max Meinrad Krieg
Büchsen-Licht (2): Unterhebelrepetiergewehre von Deep Roots

Über Cernunnos

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